Antiimperialismus ist nicht links

Judith Butler äussert sich zu den Vorwürfen:

Meine Bemerkungen zu Hamas und Hisbollah wurden aus dem Zusammenhang gerissen, um meine bekannten und weiterhin bestehenden Auffassungen aufs Übelste zu verzerren. Ich war immer für gewaltfreies politisches Handeln, ein Grundsatz, der meine Ansichten durchgängig charakterisiert.1

Doch was versteht Butler unter Gewalt und gewaltfreiem politischen Handeln? Ist Gewalt bloss, wenn der Staat Bürger foltert oder Städte mit Brandbomben zudeckt; oder ist es auch Gewalt, wenn der Staat den Unternehmen Frauenquoten vorschreibt, die Bürger besteuert oder den Konsum von Cannabis verbietet; oder wenn Bürger andere Bürger am Demonstrieren hindern oder Sit-ins / Sitzstreiks in fremden privaten Räumlichkeiten durchführen oder in fremden Kirchen obszöne Lieder singen; oder wenn der Staat Vergewaltiger inhaftiert und Diebe zu Entschädigungszahlungen zwingt?

Gewaltlosigkeit kann durchaus bewundernswert sein. Wie politisches Handeln jedoch gewaltfrei sein kann, wenn es sich nicht in der friedlich geäusserten Forderung erschöpft, der Gewaltmonopolist namens Staat sollte verschwinden, verstehe ich nicht. Pazifismus, jedenfalls wenn es sich nicht um eine halbgare Variante handelt, muss meines Erachtens stets anarchistisch und kann nie etatistisch sein.

Nicht dass Pazifismus zwingend das Beste wär’, aber wer Gewaltfreiheit fordert, sollte nicht, wie Judith Butler, gleichzeitig Zensur für nützlich und notwendig halten;2 Boycott, Divestment and Sanctions (BDS) unterstützen, also eine Kampagne, die internationale Sanktionen (auch Wirtschaftssanktionen) gegen Israel fordert;3 4 und sich sozialdemokratisch-etatistischem Populismus hingeben.5

Vor einigen Jahren wurde ich während eines akademischen Vortrags aus dem Publikum heraus gefragt, ob Hamas und Hisbollah meiner Ansicht nach Teil der “globalen Linken” seien, worauf ich mit zwei Anmerkungen antwortete. Mein erster Punkt war rein deskriptiv: Die genannten politischen Organisationen verstünden sich als antiimperialistisch, und Antiimperialismus sei ein Merkmal der globalen Linken, sodass man sie vor diesem Hintergrund als Teil der globalen Linken beschreiben könnte.1

Ich kann nicht beurteilen, ob Hamas und Hisbollah antiimperialistisch sind, dafür kenne ich sie zu wenig gut und ich habe ehrlich gesagt keine Lust, mir ihre Manifestos durchzulesen. Dass sie gegen das sind, was manche als israelischen (oder auch amerikanischen) Imperialismus bezeichnen würden, macht sie nicht zu prinzipiellen Gegnern des Imperialismus. Denn es ist auch möglich, dass sie einen israelischen Imperialismus ablehnen, weil sie einen arabischen oder palästinensischen Imperialismus pflegen.

Obwohl ich die Begriffe Links und Rechts in der Politik für kaum brauchbar halte und denke, dass sie eher zu Verwirrung und Ignoranz führen als zu Klarheit und Erleuchtung, so muss ich doch sagen: Der Antiimperialismus ist nicht etwas Linkes. Und zwar aus zweierlei Gründen nicht:

Erstens ist die globale Linke (so weit es so etwas überhaupt gibt) nicht streng antiimperialistisch. Sie ist wohl gegen den alten Imperialismus, in dem ein Staat andere Staaten zu seinen Untertanen und Knechten macht. Aber dafür ist sie für einen sozialistischen Globalismus, der die Länder nicht der Herrschaft eines einzelnen Staates unterstellt, sondern der Führung einer internationalen Bürokratie. Die Herrschaftsstruktur ist somit zwar eine andere, die politische und kulturelle Vereinigung und Vereinheitlichung jedoch dieselbe wie beim alten Imperialismus.

(Innerhalb der globalen Linken gibt es Strömungen, die diesem Hegemonismus entgegen laufen, wie etwa primitivistischer Lokalismus oder Kulturrelativismus oder Widerstand gegen die Globalisierung. Da die globale Linke aber selbstverständlich postmodern ist, muss man dies aber nicht unbedingt als Paradoxon ansehen. Zumal historisch gesehen die Linke schon lange aus Globalisten und Lokalisten bestanden hat.)

Zweitens gibt es auch rechte Antiimperialisten. Die gerne als isolationistisch bezeichnete SVP etwa. Oder die modernen Rechtslibertären, die sich um Ron Paul und Lew Rockwell versammelt haben. Nicht zu vergessen die amerikanische Alte Rechte. Ebenso die Paläokonservativen. Dazu kommen diverse rechte ethnisch-isolationistische Gruppierungen, die es auf der ganzen Welt gibt.

Dies bedeutet, dass man links sein kann, ohne antiimperialistisch zu sein und antiimperialistisch sein kann, ohne links zu sein.

Mein zweiter Punkt war kritischer Natur: Wie bei jeder linken Gruppierung müsse man sich entscheiden, ob man für oder gegen diese Gruppe sei, und man müsse ihre Positionen kritisch überprüfen. Ich akzeptiere oder befürworte nicht alle Gruppierungen der globalen Linken. Tatsächlich folgten diese Bemerkungen einem Vortrag, in dem ich die Bedeutung des öffentlichen Trauerns und der politischen Praktiken des gewaltfreien Handelns hervorgehoben hatte, ein Prinzip, das ich in drei meiner jüngsten Bücher verteidige: Gefährdetes Leben, Raster des Krieges sowie Parting Ways. Zu meinen Ansichten über Gewaltfreiheit wurde ich von Guernica und anderen Onlinemagazinen interviewt, und die entsprechenden Ausführungen sind leicht zu finden, wenn man wissen will, wie ich in diesen Fragen denke.1

Bloss die Positionen der linken Gruppierungen kritisch zu überprüfen, reicht jedoch nicht. Man muss dies bei allen anderen Gruppen auch tun, statt deren Positionen reflexartig abzulehnen. Noch wichtiger ist allerdings, deren zugrunde liegenden Ideologien kritisch zu begutachten. Denn da es unwahrscheinlich ist, dass eine Ideologie gänzlich richtig ist und auf alle oberflächlicheren und tieferen Wahrheiten gestossen ist, gilt es, sich mit einer grossen Breite von Weltanschauungen, Religionen und Philosophien vertraut zu machen und aus jeder die guten Stücke herauszunehmen, um sich daraus eine eigene bessere Ideologie zu schmieden.


  1. Judith Butler – “Diese Antisemitismus-Vorwürfe sind verleumderisch und haltlos” [] [] []
  2. Judith Butler – Excitable Speech: A Politics of the Performative (1997) []
  3. Judith Butler – Political activism []
  4. BDS –
    Sanctions []
  5. Composite Remarks by Judith Butler []

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