hirnmoos

erinnerungen blühen in meinem kopf
datenfragmente aus sinneseindrücken
(kohärenz wird noch handgefertigt)

ich laufe vertrauten wegen entlang
(bekanntheit riecht nach sicherheit)
sie mäandern unter meinen sohlen

(heimat ist lediglich ein gefühl)
menschliche gedärme sind tumultös
spiegeln gedanken und nervenkleider

~

ich sehe mich nicht nationen zugeneigt
auch bei regionen, städten, quartieren
bleibt mein herz stumm in meiner brust

es sind winkel, plätze, zimmerecken
geräte, pflänzchen, bestimmte speisen
die mir ganz heimelig geworden sind

~

erinnerungen wuchern wie moos im hirn
manche so fremd wie exotische gewürze
doch daheim bin ich auch in ihnen nicht

xenon blue

the rain lashes around her slender body
her eyes hidden behind a haze of light
her tired voice resounds in the emptiness

above her the clouds glow plasma blue
thunder reechoes in her abdominal cavity
flurries pull at brown strands of hair

finally she comes to a stop under a canopy
keys clatter grimly like calving glaciers
a surge of warmth rushes out of the door

breathlessly she peels off her clothes
but her mind stays lithicly fixated
on mastodonts, deinotheres and murids

ice-cold fingers slide over touch-screens
prehistoric animals disappear with a flicker
the neptune probe takes off with brute force

sighingly she closes her tired, burning eyes
the small display screen slips from her grip
just now the probe has left the exosphere

xenonblau

regen peitscht um ihren schmalen körper
ihre augen hinter einem schleier aus licht
mit müder stimme spricht sie in die leere

über ihr leuchten plasmablau die wolken
der donner hallt in ihrer bauchhöhle wider
windstösse zerren an braunen haarsträhnen

schliesslich hält sie unter einem vordach
schlüssel klirren hart wie gletscherkälber
ein rauer wärmeschwall dringt aus der tür

geschwind entledigt sie sich ihrer kleider
doch ihr verstand bleibt steinern fixiert
auf mastodonten, deinotherien und muriden

bitterkalte finger gleiten über touchscreens
flackernd verschwinden prähistorische tiere
die neptunsonde startet mit brachialgewalt

seufzend schliesst sie müde brennende augen
der kleine bildschirm entgleitet ihrem griff
soeben hat die sonde die exosphäre verlassen

elektrisch blaue funken in ihren augen

mechanische träume grollen in ihrem schädel
dicke kabel bohren sich unter ihre kalte haut
ihre zarten hände verkrampfen sich alsbald

die abendsonne hüllt den raum in goldenes rot
surrende maschinen pumpen sterile luft hinein
voluminöse kabelstränge bedecken den boden

blut entweicht ihrem körper, ein atemstoss
verzweifelt und gepresst aus fahlen lippen
augenlider flattern fiebrig und wimpernlos

die letzten kirschblüten hängen an den ästen
eine amsel singt unermüdlich im nieselregen
im reinraum schweigen die maschinen endlich

nun pocht ein karbonherz in ihrer jungen brust
glieder durchdrungen von silbernen filamenten
lächelnd zieht sie die kabel aus ihrem körper

Space Probe ‘Merlin’ Launched

The Temple of Gaia launched a new space probe yesterday to explore the ley lines of the moon.

Yesterday evening an experimental Uranus III carrier rocket was launched from the private rocket launch site Omelek on the Marshall Islands to bring a new space probe named ‘Merlin’ to the moon. It is the first space probe that was launched by a religious group or community in the history of human space exploration. The Temple of Gaia that organized and paid for the launch listed the exploration of the lunar ley lines as their primary mission goal in their press release. It was not stated however what instruments the space probe has on board.
Astronomers and space flight experts stated their surprise and called the launch ‘a ridiculous and unscientific waste of money’, arguing that ‘ley lines are an esoteric concept that lacks any scientific credibility’ in an open letter to the Temple of Gaia that already had hundreds of signatories by midnight. Many more are expected to sign the letter.
The Temple of Gaia’s press secretary refused to comment on the letter, stating that ‘the results of the mission will speak for themselves’.

Bodensee-Teilung misslingt

Radikale Christen scheitern an der Teilung des Bodensees. 14 Tote.

Gestern Freitag versuchte eine grössere Gruppe radikaler Christen (die Polizei schätzt die Zahl der Teilnehmenden auf gegen 300) den Bodensee zu teilen und zu durchqueren. Die pfingstlerische Moses-Bewegung hatte den Versuch offenbar seit mehreren Monaten geplant, ohne dass die Behörden Notiz davon genommen hätten. Die überwiegend weiss gekleideten Menschen betraten den See in den frühen Abendstunden. Knöcheltief bis knietief im Wasser stehend hielten sie einen Gottesdienst. Nach einigen Stunden begannen sie unvermittelt, sich tiefer ins Wasser zu bewegen. Wie Beobachter uns mitteilen wurden die Seegänger allmählich nervöser und als sie bis zum Hals im Wasser standen und der See sich immer noch nicht geteilt hatte, brach Panik unter ihnen aus. Die Teilnehmer versuchten darauf, gleichzeitig und in grosser Eile den See zu verlassen. Unter noch nicht genau geklärten Umständen starben dabei 14 Personen, darunter drei Kinder und sechs Frauen. Die Behörden vermuten, dass sie ertranken. Ob dies geschah, weil sie nicht schwimmen konnten oder weil sie im Tumult von anderen Menschen unter Wasser gedrückt wurden, ist noch unklar und Gegenstand von weiteren Untersuchungen.
Auf Wunsch der Moses-Bewegung findet keine öffentliche Trauerfeier statt.