Septemberdichotomie

Im Zwielicht des anbrechenden Morgens löste ein prasselnder Schauer die letzten Hitzereste des Sommers auf. Regentropfen klatschten gegen die Stirn einer jungen Frau, durchnässten ihr blondes Haar.

Just in dem Moment, als sie in ihr Croissant biss, ertönten die Sirenen. Sekunden später riss ein eine zittrige Stimme sie aus der Lektüre von Menckens ‘In Defense of Women’: “Miss? Die Sirenen, was bedeuten sie?”
“Vermutlich bloss eine Übung.”
“Miss, ich habe Angst.”
Sie blickte hoch. Vor ihr stand eine zierliche Asiatin, ihre Arme um eine unförmige Tasche geschlungen. Der Rest des Cafés war so menschenleer wie es war, als sie es betreten hatte. Draussen huschten vereinzelte Schatten vorbei, auf der Flucht vor dem Regen.
“Seit Tooele und Aberdeen sind hier alle etwas nervös und der Bürgermeister findet Vergnügen daran, den Notstand zu proben. Deswegen haben wir alle diese Übungen.”
“Aber müsst ihr bei diesen Übungen denn nichts tun? In einen Bunker gehen oder so?”
“Ja.” Sie klaubte eine Zigarette aus einem zerbeulten Päckchen und zündete sie an. “Die Handlungsanweisungen werden über alle zur Verfügung stehenden Kanäle verbreitet.” Sie strich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. “Die meisten befolgen die Anweisungen auch, aber ich hatte nach den ersten zwei, drei Übungen keine Lust mehr drauf.”
“Wird man denn nicht bestraft, wenn man sich nicht beteiligt?”
“Oh doch.”
Entgeisterung weitete ihre Augen.
“Woher kommst du?”
“Toyama City.”
“Wie lange bist du schon hier?”
“Seit vorgestern.”
“Dann hast du nichts zu befürchten. Bei Touristen wird ausserordentliche Kulanz gewaltet.” Sie lächelte. “Davon abgesehen wird kaum kontrolliert, ob man teilnimmt. Es gäbe schlicht zu viel zu tun. Öffentliche Plätze werden natürlich patrouilliert. Aber solange man drinnen bleibt, hat man seine Ruhe. Nachdem die anfängliche Panik verflogen ist sogar mehr Ruhe als sonst. Hör!”
Die junge Frau blickte in den Regen hinaus. Lauschte.
“Das ist die Stille einer Stadt, in der der Alltag zum Erliegen gekommen ist. So ruhig ist es nicht einmal nachts um Vier.”
Sie nickte. “Und ihr macht diese Übungen einfach so mit?”
“Es ist ja nicht so, als ob wir eine Wahl hätten…”
“Euer Bürgermeister ist aber auch kein Diktator, ihr könntet ihn einfach abwählen.”
“Nicht wirklich, der Bürgermeister wird von der Presse gewählt und die hat Gefallen an ihm gefunden.”
“Aber die Leute können doch die Presse ignorieren und nach ihrem Gewissen wählen.”
“Das Gewissen der Presse ist das Gewissen der Leute.”
Sie verstummte.

Die Asiatin stand auf. Sie deutete eine Verbeugung an und trat dann aus dem Café. Doch noch bevor ihre Gestalt im Grau des Regens verschwinden konnte, zerschlug eine Kugel ihre Schläfe.

Die Frau im Café drückte ihre Zigarette aus und rieb ihre fröstelnden Arme.

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