Category Archives: Leseempfehlungen

Kathederphilosophen und Schulpäpste

Auf der anderen Seite trennen sich Priestertum und Gelehrsamkeit. Sie sind beide nicht auf das Tatsächliche, sondern auf das Wahre gerichtet, beide zur Tabuseite des Lebens und zum Raume gehörig. Die Furcht vor dem Tode ist nicht nur der Ursprung aller Religion sondern auch aller Philosophie und Naturwissenschaft. Aber der heiligen wird nun die profane Kausalität entgegengestellt. Profan ist der neue Gegenbegriff zum Religiösen, das die Gelehrsamkeit nur als Dienerin geduldet hatte. Profan ist die gesamte späte Kritik, ihr Geist, ihre Methode und ihr Ziel. Auch die späte Theologie macht davon keine Ausnahme; aber trotzdem bewegt sich die Gelehrsamkeit aller Kulturen durchaus in den Formen des voraufgegangenen Priestertums und beweist damit, daß sie nur aus dem Widerspruch erwachsen und von dem Urbild in allem und jedem abhängig ist und bleibt. Die antike Wissenschaft lebt deshalb in Kultgemeinden orphischen Stils wie die milesische Schule, der Pythagoräerbund, die Ärzteschulen von Kroton und Kos, die attischen Schulen der Akademie, des Peripatos und der Stoa, deren Schulhäupter insgesamt zum Typus des Opferpriesters und Sehers gehören, bis zu den römischen Rechtsschulen der Sabinianer und Proculianer. Arabisch ist auch in der Wissenschaft das heilige Buch, der Kanon wie der naturwissenschaftliche des Ptolemäos (Almagest), der medizinische des Ibn Sina, das philosophische Korpus des »Aristoteles« mit vielen unechten Stücken, und dazu wieder meist ungeschriebene Zitiergesetze und -methoden, [Vgl. Bd. II, S. 861.] der Kommentar als Form des Gedankenfortschritts, die Hochschulen als Klosteranlagen (Medressen), welche den Lehrern und Hörern eine Zelle, Kost und Kleidung gewährten, und die gelehrten Richtungen als Bruderschaften. Die Gelehrtenwelt des Abendlandes besitzt durchaus die Gestalt der katholischen Kirche, besonders in den protestantischen Gebieten. Den Übergang von den gelehrten Orden der gotischen Zeit zu den ordensartigen Schulen des 19. Jahrhunderts, wie die Hegel-, Kant- und historische Rechtsschule, aber auch manche englischen Colleges, bilden die Mauriner und Bollandisten Frankreichs, die seit 1650 die historischen Hilfswissenschaften beherrscht und zum Teil begründet haben. Es gibt in allen Fachwissenschaften, Medizin und Kathederphilosophie einbegriffen, eine ausgebildete Hierarchie mit Schulpäpsten, Graden, Würden – der Doktor als die Priesterweihe –, Sakramenten und Konzilen. Der Laienbegriff wird schroff aufrecht erhalten und das allgemeine Priestertum der Gläubigen in Gestalt der populären Wissenschaft wie der darwinistischen leidenschaftlich bekämpft. Die Gelehrtensprache war ursprünglich das Latein; heute haben sich überall Fachsprachen ausgebildet, die z. B. auf dem Gebiete der Radioaktivität oder im Obligationenrecht nur noch dem verständlich sind, der die höheren Weihen empfangen hat. Es gibt Sektenstifter wie manche Jünger Kants und Hegels, eine Mission unter Ungläubigen wie die der Monisten, Ketzer wie Schopenhauer und Nietzsche, den großen Bann und als Index eine Übereinkunft des Schweigens. Es gibt ewige Wahrheiten wie die Teilung der Rechtsobjekte in Personen und Sachen, und Dogmen wie das von Energie und Masse und die Vererbungstheorie, einen Ritus des Zitierens rechtgläubiger Schriften und eine Art von wissenschaftlicher Seligsprechung. [Nach dem Tode sind die Irrlehrer ausgeschlossen von der ewigen Seligkeit des Lehrbuchs und in das Fegefeuer der Anmerkungen verwiesen, von wannen sie auf die Fürbitte der Gläubigen geläutert aufsteigen in das Paradies der Paragraphen.]

~ Oswald Spengler – Der Untergang des Abendlandes – Zweiter Band – Welthistorische Perspektiven – Viertes Kapitel: Der Staat – I. Das Problem der Stände: Adel und Priestertum – 4

Das Schweizer Französisch und die progressiven Revolutionen

Zur These, dass sich der Progressivismus stark negativ auf die Sprachenvielfalt und die Dialektvielfalt ausgewirkt hat und immer noch auswirkt, vorläufig nur kurz dies:

In der Westschweiz werden neben dem heute vorherrschenden Standardfranzösischen auch die sogenannten Patois gesprochen. Dabei handelt es sich um zur galloromanischen Sprachgruppe gehörende Dialekte, die sich von der heutigen Standardsprache stark unterscheiden. Zu letzterem gehört das Frankoprovenzalische, die Langues d’oïl (zu dem auch das Standardfranzösisch gehört) und das Okzitanische. Patois wurde früher häufig gesprochen, gilt aber heutzutage als praktisch ausgestorben. Insbesondere die älteren Generationen pflegen diese (regional verschiedenen) Sprachen durch Lokalzeitungen wie dem Walliser «Le Nouvelliste» oder etwa Gottesdienste in dieser Sprache. Von den jüngeren Generationen wird Patois in der Regel aber weder gesprochen noch verstanden.
[...]
Die Kantone der Romandie sind, mit Ausnahme von Freiburg (1481), erst relativ spät (1803 bzw. 1815) als souveräne Einheiten in die Schweizerische Eidgenossenschaft aufgenommen worden. Zu diesem Zeitpunkt hatten verschiedene Einflüsse, darunter die Reformation, die Eroberungen durch Bern und die Französische Revolution zuerst in den Städten, später auch in den ländlichen Gebieten die Mundartdialekte (Patois) bereits fast vollständig zum Verschwinden gebracht (1990 sprachen nur noch 2 % der frankophonen Bevölkerung der Schweiz Patois). Das Walliserfranzösisch hat sich noch in einigen Gemeinden wie Evolène, Savièse oder Nendaz gehalten, während das Neuenburgerfranzösisch als ausgestorben gilt.1


  1. Wikipedia – Schweizer Französisch []

Ungesundes Essen gibt es nicht

[Blick am Abend:] Herr Stadler, ist weniger Salz und Zucker in Nahrungsmitteln gesünder?
[Beda Stadler:] Ungesundes Essen gibt es in der Schweiz nicht.

Weshalb wiegen dann viele Schweizer zu viel?
In uns allen läuft das Evolutionsprogramm “Friss so viel, so süss und so fettig, wie du kannst”. Für die meisten heisst das: Wir müssen nicht aufpassen, was wir essen, sondern nur, wie viel wir davon essen.

Jeder sollte alles essen, wonach ihm gerade ist?
Genau! Zucker ist gesund und wichtig für den Körper, genau wie Fett und Salz. Man hat ein völlig falsches Image von diesen Stoffen erschaffen. Selbst eine Schwarzwälderkirschtorte besteht nur aus gesunden Zutaten. Lediglich die Stücke sind zu gross.

Wie bewerten Sie die Pläne der Lebensmittelhersteller?
Ich habe nichts gegen sie. Ausserdem müssten die Produktpreise sinken, wenn die Hersteller weniger Salz oder Zucker verwenden. Schlussendlich ist aber noch nie jemand gesund gestorben.

Ancient Irish Law

One of the striking features of ancient Irish law is that it was privately enforced. If the judge rules that Shawn owes Ian the value of 15 cows as compensation for an injury but Shawn declines to pay, Ian’s response is not to ask some authority to enforce the verdict—there is no authority responsible for enforcing court verdicts. It isn’t even, as in the corresponding Icelandic situation, to go back to the court and have Shawn outlawed.

The Irish solution is distraint. The first step is for Ian to formally give notice to Shawn that he intends to seize fifteen of his cows. Shawn then has a period of from one to five days—the exact length depends on the details of the case—in which to pay up. If he doesn’t, Ian is entitled to enter Shawn’s land early the next morning, accompanied by a professional law agent, seize fifteen cattle, and drive them to a private pound, a field on his own property or, with permission, on someone else’s.

There is then another period of days during which Shawn can pay up and get his cattle back. Once that has expired, the final stage of the process begins. Each day, cattle to a specified value forfeit to Ian, until eventually all fifteen have forfeited and the debt has thus been paid.1


  1. David Friedman – Jewish and Irish Law []

The Myth of the Rule of Law

I refer to the myth of the rule of law because, to the extent this phrase suggests a society in which all are governed by neutral rules that are objectively applied by judges, there is no such thing. As a myth, however, the concept of the rule of law is both powerful and dangerous. Its power derives from its great emotive appeal. The rule of law suggests an absence of arbitrariness, an absence of the worst abuses of tyranny. The image presented by the slogan “America is a government of laws and not people” is one of fair and impartial rule rather than subjugation to human whim. This is an image that can command both the allegiance and affection of the citizenry. After all, who wouldn’t be in favor of the rule of law if the only alternative were arbitrary rule? But this image is also the source of the myth’s danger. For if citizens really believe that they are being governed by fair and impartial rules and that the only alternative is subjection to personal rule, they will be much more likely to support the state as it progressively curtails their freedom.
[...]
People who believe they live under “a government of laws and not people” tend to view their nation’s legal system as objective and impartial. They tend to see the rules under which they must live not as expressions of human will, but as embodiments of neutral principles of justice, i.e., as natural features of the social world. Once they believe that they are being commanded by an impersonal law rather than other human beings, they view their obedience to political authority as a public-spirited acceptance of the requirements of social life rather than mere acquiescence to superior power. In this way, the concept of the rule of law functions much like the use of the passive voice by the politician who describes a delict on his or her part with the assertion “mistakes were made.” It allows people to hide the agency of power behind a facade of words; to believe that it is the law which compels their compliance, not self-aggrandizing politicians, or highly capitalized special interests, or wealthy white Anglo-Saxon Protestant males, or _______________ (fill in your favorite culprit).
[...]
The reason why the myth of the rule of law has survived for 100 years despite the knowledge of its falsity is that it is too valuable a tool to relinquish. The myth of impersonal government is simply the most effective means of social control available to the state.
[...]
The current state-supplied legal system is adversarial in nature, pitting the plaintiff or prosecution against the defendant in a winner-take-all, loser-get-nothing contest. The reason for this arrangement has absolutely nothing to do with this procedure’s effectiveness in settling disputes and everything to do with the medieval English kings’ desire to centralize power. For historical reasons well beyond the scope of this Article, the Crown was able to extend its temporal power relative to the feudal lords as well as raise significant revenue by commanding or enticing the parties to local disputes to bring their case before the king or other royal official for decision. Our current system of adversarial presentation to a third-party decisionmaker is an outgrowth of these early “public choice” considerations, not its ability to successfully provide mutually satisfactory resolutions to interpersonal disputes.

In fact, this system is a terrible one for peacefully resolving disputes and would be extremely unlikely to have many adherents in a free market. Its adversarial nature causes each party to view the other as an enemy to be defeated, and its winner-take-all character motivates each to fight as hard as he or she can to the bitter end. Since the loser gets nothing, he or she has every reason to attempt to reopen the dispute, which gives rise to frequent appeals. The incentives of the system make it in each party’s interest to do whatever he or she can to wear down the opponent while being uniformly opposed to cooperation, compromise, and reconciliation.
[...]
The fact is that there is no such thing as a government of law and not people. The law is an amalgam of contradictory rules and counter-rules expressed in inherently vague language that can yield a legitimate legal argument for any desired conclusion. For this reason, as long as the law remains a state monopoly, it will always reflect the political ideology of those invested with decisionmaking power. Like it or not, we are faced with only two choices. We can continue the ideological power struggle for control of the law in which the group that gains dominance is empowered to impose its will on the rest of society, or we can end the monopoly.1


  1. John Hasnas – The Myth of the Rule of Law []

Feminism & Authoritarian High Modernism

Twentieth-century Marxism was part of a larger intellectual current that has been called Authoritarian High Modernism: the conceit that planners could redesign society from the top down using “scientific” principles.
[...]
Social scientists, too, have sometimes gotten carried away with dreams of social engineering.
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Nothing in the concept of human nature is inconsistent with the ideals of feminism, or so I will argue in the chapter on gender. But some feminist theoreticians have embraced the Blank Slate and with it an authoritarian political philosophy that would give the government sweeping powers to implement their vision of gender-free minds. In a 1975 dialogue, Simone de Beauvoir said: “No woman should be authorized to stay at home to raise her children. Society should be totally different. Women should not have that choice, precisely because if there is such a choice, too many women will make that one.” Gloria Steinem was a bit more liberal; in a 1970 Time article she wrote: “The [feminist] revolution would not take away the option of being a housewife. A woman who prefers to be her husband’s housekeeper and/or hostess would receive a percentage of his pay determined by the domestic-relations courts.” Betty Friedan has spoken out in favor of “compulsory preschool” for two-year-olds. Catharine MacKinnon (who with Andrea Dworkin has pushed for laws against erotica) has said, “What you need is people who see through literature like Andrea Dworkin, who see through law like me, to see through art and create the uncompromised women’s visual vocabulary”—oblivious to the danger inherent in a few intellectuals’ arrogating the role of deciding which art and literature the rest of society will enjoy.
In an interview in the New York Times Magazine, Carol Gilligan explained the implications of her (preposterous) theory that behavior problems in boys, such as stuttering and hyperactivity, are caused by cultural norms that pressure them to separate from their mothers:
Q: You would argue that men’s biology is not so powerful that we can’t change the culture of men?
A: Right. We have to build a culture that doesn’t reward that separation from the person who raised them….
Q: Everything you’ve said suggests that unless men change in fundamental ways, we’re not going to have a sea change in the culture.
A: That seems right to me.
An incredulous reader, hearing an echo of the attempt to engineer a “new socialist man,” asked, “Does anyone, even in academia, still believe that this sort of thing turns out well?” He was right to be concerned. In many schools, teachers have been told, falsely, that there is an “opportunity zone” in which a child’s gender identification is malleable. They have used this zone to try to stamp out boyhood: banning same-sex play groups and birthday parties, forcing children to do gender-atypical activities, suspending boys who run during recess or play cops and robbers. In her book The War Against Boys, the philosopher Christina Hoff Sommers rightly calls this agenda “meddlesome, abusive, and quite beyond what educators in a free society are mandated to do.”1


  1. Steven Pinker – The Blank Slate – PART III Human Nature with a Human Face – Chapter 9 The Fear of Imperfectibility []

Max Stirner über die aufgedrungenen Gefühle

Wenn das Eigene dem Eingegebenen entgegengestellt wird, so will der Einwurf nichts verschlagen, dass Wir Isoliertes nicht haben können, sondern alles im Weltzusammenhange, also durch den Eindruck des um Uns Befindlichen empfangen, mithin als ein »Eingegebenes« haben; denn es ist ein grosser Abstand zwischen den Gefühlen und Gedanken, welche durch Anderes in mir angeregt, und denen, welche Mir gegeben werden. Gott, Unsterblichkeit, Freiheit, Menschlichkeit usw. werden Uns von Kindheit an als Gedanken und Gefühle eingeprägt, die kräftiger oder flauer Unser Inneres bewegen und entweder unbewusst Uns beherrschen oder in reicheren Naturen zu Systemen und Kunstwerken sich darlegen können, immer aber nicht angeregte, sondern eingegebene Gefühle sind, weil Wir an sie glauben und an ihnen hängen müssen. Dass ein Absolutes sei und dieses Absolute von Uns aufgenommen, gefühlt und gedacht werden müsse, stand als Glaube bei denen fest, die alle Kraft ihres Geistes darauf verwandten, es zu erkennen und darzustellen. Das Gefühl für das Absolute besteht da als ein eingegebenes und kommt fortan nur zu den mannigfaltigsten Offenbarungen seiner selbst. So war in Klopstock das religiöse Gefühl ein eingegebenes, das sich in der Messiade nur künstlerisch verkündete. Wäre hingegen die Religion, welche er vorfand, für ihn nur eine Anregung zu Gefühl und Gedanke gewesen, und hätte er sich ganz eigen dagegen zu stellen gewusst, so ergab sich statt religiöser Begeisterung eine Auflösung und Verzehrung des Objektes. Dafür setzte er im reifen Alter nur seine kindischen, in der Kindheit empfangenen Gefühle fort, und verprasste die Kräfte seiner Mannheit in dem Aufputz seiner Kindereien.

Der Unterschied ist also der, ob Mir Gefühle eingegeben oder nur angeregt sind. Die letzteren sind eigene, egoistische, weil sie Mir nicht als Gefühle eingeprägt, vorgesagt und aufgedrungen wurden; zu den ersteren aber spreize Ich Mich auf, hege sie in Mir wie ein Erbteil, kultiviere sie und bin von ihnen besessen. Wer hätte es niemals, bewusster oder unbewusster gemerkt, dass Unsere ganze Erziehung darauf ausgeht, Gefühle in Uns zu erzeugen, d.h. sie uns einzugeben, statt die Erzeugung derselben Uns zu überlassen, wie sie auch ausfallen mögen. Hören Wir den Namen Gottes, so sollen Wir Gottesfurcht empfinden, hören Wir den der fürstlichen Majestät, so soll er mit Ehrfurcht, Ehrerbietung, Untertänigkeit aufgenommen werden, hören Wir den der Moral, so sollen Wir etwas Unverletzliches zu hören meinen, hören Wir von dem und den Bösen, so sollen Wir schaudern usw. Auf diese Gefühle ist’s abgesehen, und wer z.B. die Taten der »Bösen« mit Wohlgefallen vernähme, der müsste durch die Zuchtrute »gezüchtigt und erzogen« werden. So mit eingegebenen Gefühlen vollgestopft, erscheinen Wir vor den Schranken der Mündigkeit und werden »mündig gesprochen«. Unsere Ausrüstung besteht aus »erhebenden Gefühlen, erhabenen Gedanken, begeisternden Grundsätzen, ewigen Prinzipien« usw. Mündig sind die Jungen dann, wenn sie zwitschern wie die Alten; man hetzt sie durch die Schule, damit sie die alte Leier lernen, und haben sie diese inne, so erklärt man sie für mündig.

Wir dürfen nicht bei jeder Sache und jedem Namen, der Uns vorkommt, fühlen, was Wir dabei fühlen möchten und könnten, dürfen z.B. bei dem Namen Gottes nichts Lächerliches denken, nichts Unehrerbietiges fühlen, sondern es ist Uns vorgeschrieben und eingegeben, was und wie Wir dabei fühlen und denken sollen.

Das ist der Sinn der Seelsorge, dass meine Seele oder mein Geist gestimmt sei, wie Andere es recht finden, nicht wie Ich selbst möchte. Wie viele Mühe kostet es einem nicht, wenigstens bei dem und jenem Namen endlich sich ein eigenes Gefühl zu sichern und Manchem ins Gesicht zu lachen, der von Uns bei seinen Reden ein heiliges Gesicht und eine unverzogene Miene erwartet. Das Eingegebene ist Uns fremd, ist Uns nicht eigen, und darum ist es »heilig«, und es hält schwer, die »heilige Scheu davor« abzulegen.

Heutigen Tages hört man auch wieder den »Ernst« anpreisen, den »Ernst bei hochwichtigen Gegenständen und Verhandlungen«, den »deutschen Ernst« usw. Diese Art der Ernsthaftigkeit spricht deutlich aus, wie alt und ernstlich schon die Narrheit und Besessenheit geworden ist. Denn es gibt nichts Ernsthafteres als den Narren, wenn er auf den Kernpunkt seiner Narrheit kommt: da versteht er vor grossem Eifer keinen Spass mehr. (Siehe Tollhäuser.)1


  1. Max Stirner – Der Einzige und sein Eigentum, Erste Abteilung: Der Mensch, II — Menschen der alten und neuen Zeit, 2 — Die Neuen, §. 2. Die Besessenen. []

What all museums should do

Many museums post their collections online, but the Rijksmuseum here has taken the unusual step of offering downloads of high-resolution images at no cost, encouraging the public to copy and transform its artworks into stationery, T-shirts, tattoos, plates or even toilet paper.

The museum, whose collection includes masterpieces by Rembrandt, Vermeer, Mondrian and van Gogh, has already made images of 125,000 of its works available through Rijksstudio, an interactive section of its Web site. The staff’s goal is to add 40,000 images a year until the entire collection of one million artworks spanning eight centuries is available, said Taco Dibbits, the director of collections at the Rijksmuseum.

“We’re a public institution, and so the art and objects we have are, in a way, everyone’s property,” Mr. Dibbits said in an interview.1


  1. Nina Siegal – Masterworks for One and All []

Rational Bayesian Statistical Discrimination

No matter what they say, everyone engages in statistical discrimination. (See also here). Judging everyone as an individual is expensive, and relying on statistical generalizations is a cheap and effective alternative. You don’t clutch your purse when you see a bunch of little old ladies approaching on a deserted street. You don’t offer a policeman a joint. You don’t hire a guy with a mohawk as a receptionist at a law firm – even if he promises to get a hair cut. Why not? Because on average, little old ladies don’t commit violent crimes, policemen arrest people for possession of marijuana, and guys with mohawks have trouble with authority.

Of course, the inevitable existence of some statistical discrimination doesn’t make the practice immune to criticism. You can grant that it’s OK to some degree, but – even if the law is silent – still limited by ethics and/or etiquette. But precisely what limitations do you think are justified, and why?1


  1. Bryan Caplan – The Ethics and Etiquette of Statistical Discrimination / via Vladimir []

Wrongful Life und das Recht, nicht (schwer behindert) geboren zu werden

Einer der interessantesten Rechtsfälle in letzter Zeit:

Eine Mutter und ihre schwerbehinderte Tochter verlangten Schmerzensgeld für die Tatsache, dass die Mutter nicht über eine mögliche Abtreibung im Falle einer Behinderung informiert wurde. Das Berner Obergericht hat die Klage abgewiesen. Es gebe keinen Anspruch des Kindes darauf, nicht geboren zu werden, heisst es in der Begründung.
[...]
Das Gericht hatte die Frage zu beantworten, ob ein schwerbehinderter Mensch Anrecht auf Schmerzensgeld hat, weil er geboren wurde statt abgetrieben.

Die damals zuständige Ärztin wusste gemäss Anklage, dass für das ungeborene Mädchen ein erhöhtes Risiko einer erblichen Stoffwechselkrankheit bestand. Trotzdem hat sie es unterlassen, die Mutter über weitere pränatale Diagnostiken aufzuklären und ihr damit eine Abtreibung auch nach Ablauf der 12-Wochen-Frist zu ermöglichen. Die Mutter konnte vor dem Gericht glaubhaft machen, dass sie abgetrieben hätte, wenn sie über diesen Sachverhalt in Kenntnis gesetzt worden wäre. Bereits in erster Instanz wurde der Mutter wegen der verletzten Sorgfaltspflicht der Ärztin eine Genugtuung von 30.000 Franken zugesprochen, nicht aber dem Kind.

Das Berner Obergericht schreibt dazu in seinem Urteil: “Fraglich ist mithin, ob das Persönlichkeitsrecht des ungeborenen Kindes das Recht umfasst, nicht mit schwersten Schädigungen geboren zu werden.” Ein Anspruch des Kindes darauf, “nicht geboren zu werden”, sei dem Gericht unbekannt. Die Entstehung des Lebens als solches könne nach der schweizerischen Rechtsordnung nie widerrechtlich sein.1

Nur zwei kurze Anmerkungen dazu: Einerseits sollte der Staat nicht in die Fortpflanzung und in die Fortpflanzungsentscheidungen eingreifen und Leute nicht bestrafen, wenn sie behinderte Kinder zur Welt bringen. Andererseits ist es keine moralisch unschuldige Tat, intelligente, empfindsame, sich ihrer selbst bewusste Wesen zu kreieren, die grosses Leid erfahren werden.


  1. kipa / apic – Behindert Geborene erhält keine Genugtuung []