Das Kollektiv existiert nicht: Über öffentliche Bedürfnisse

Nein, das Kollektiv (wie auch die Gemeinschaft oder die Gesellschaft oder jede andere Gruppenbezeichnung) existiert nicht. Denn es ist bloss eine Anhäufung von Individuen. Singuläre Menschen mit ureigenen Wünschen, Bedürfnissen und Ideen. Wünsche, die sich auch nicht plötzlich auf metaphysisch-magische Art verbinden, wenn sich mehrere Individuen versammeln, und zu den Wünschen der Gesellschaft werden.

Deswegen gibt es keine öffentlichen Bedürfnisse. Denn der Begriff Kollektivbedürfnis allein impliziert schon, dass jedes Individuum des Kollektivs diesen Wunsch teilen würde. Jeder einzelne Mensch also dasselbe Bedürfnis habe wie der jeweils andere.

Wohl ist es wahr, dass viele Menschen ein Bedürfnis nach Nahrung oder Mobilität oder Sicherheit haben, aber daraus folgt einerseits nicht, dass die Individuen diese Bedürfnisse nicht selber befriedigen könnten. Andererseits folgt daraus nicht, dass man auch jene Menschen dazu zwingen könnte, an der Stillung jener Wünsche mitzuarbeiten, die diese Wünsche eben nicht teilen. Drittens folgt daraus nicht, dass sich diese Bedürfnisse in jedem Menschen gleich manifestierten. Der Wunsch nach Nahrung mag zwar bei nahezu allen Menschen ein primärer sein, das heisst aber noch lange nicht, dass alle ihren Hunger auf die gleiche Weise stillen möchten. Dasselbe gilt natürlich auch für die anderen oft genannten Kollektivgüter wie z.B. Strassen, Polizeischutz oder Schulen, welche beim guten Demokraten den sofortigen Wunsch (oder eher: antrainierten Reflex) nach staatlicher Intervention auslösen.

Doch man muss gar nicht in die ökonomischen Details der Frage nach privaten und öffentlichen Gütern gehen, um zu sehen, dass alle Argumente für die staatliche Bereitstellung von Kollektivgütern nichts als Schall und Rauch sind, da sie auf dem invaliden Prinzip des Kollektivs basieren.

Author: Benjamin B. | Date: Tuesday, June 30th, 2009 | Category: Hintergrund | Tags: , , , , , , , , , , , , , | |

4 Responses to Das Kollektiv existiert nicht: Über öffentliche Bedürfnisse

  1. dvizard says:

    Das Individuum existiert nicht. Es ist nur eine Anhäufung von Zellen, und die sind ja auch nicht magisch-metaphysisch verbunden.

  2. Benjamin B. says:

    Nein, aber sie bilden doch einen einigen Organismus, ein selbständig handelndes Einzelwesen. Dies ist beim Kollektiv, das nicht als Einheit handeln kann und auch nicht durch biologische und chemische Bindungen zusammen gehalten wird, nicht der Fall.

  3. dvizard says:

    Ich wollte eigentlich darauf hinaus, dass “Individuum” wie “Kollektiv” ein geschaffener Begriff ist, um ein existentes Phänomen zu beschreiben. Es gibt beispielsweise auch keine physikalische Entität namens “Krieg”. Krieg ist ein emergentes Phänomen von Gesellschaften, und niemandem käme es in den Sinn, zu sagen, es gäbe keinen Krieg, weil er kein Molekül oder einen Feststoff namen “Krieg” finden kann.
    Emergenz ist im Übrigen auch für den Begriff des “Individuums” prägend: ein Individuum wird durch seine emergenten Eigenschaften beschrieben, die seine Einzelteile (z.B. die Zellen) nicht haben. Die chemischen Bindungen in einem Individuum sind nicht besser oder schlechter als die in einem Stück Metall; und vor allem machen sie das Individuum nicht aus (das sage ich als Biochemie-Student). Die klassische Pro-Life-Argumentation zielt darauf ab, dass man keine physikalische Grenze festlegen kann, ab welcher ein Zellhaufen zum Individuum wird, und infolgedessen bereits eine befruchtete Eizelle diesen Status geniessen soll. Das ist für mich eigentlich schon eine reductio ad absurdum der Idee, Leben physikalisch zu definieren, und zeigt die Relevanz von emergenten Eigenschaften auf.
    Darum bin ich auch der Meinung, dass man, von aussen gesehen, ein “Kollektiv” beschreiben kann, welches emergente Eigenschaften besitzt. “Kollektiv” muss nicht Gleichförmigkeit oder Einigkeit heissen. Es kann eine kollektive Entrüstung über Jugendgewalt geben, auch ohne dass jeder Einzelne sich über Jugendgewalt empört – hier beschreibt “Kollektiv” das Phänomen, dass viele zur gleichen Zeit das Gleiche denken, was sich z.B. in den Medien als Grundstimmung manifestiert. (Hier haben wir dann auch wieder ein Huhn-Ei-Problem.)
    Die politische Dimension ist dann wieder etwas Anderes. Es ist nicht ganz redlich, zu argumentieren, das Kollektiv wolle dieses oder jenes, und daher müsse die Politik handeln – das vor allem darum, weil Politik im Wesentlichen innerhalb eines Kollektivs stattfindet und demokratisch-politische Entscheidungen (ob man sie jetzt mag oder nicht) selber schon Folgen von “kollektiven” Meinungen sind.
    Ich könnte mich noch seitenweise über das Thema ergehen, und es fallen mir noch verschiedenste Analogien zu biologischen Phänomenen ein (etwa Apoptose, oder der neuste Schrei in der Zellbiologie “population context”), aber dann wäre ich wohl morgen noch am Tippen, also belasse ich es vorläufig mal dabei :D

  4. Benjamin B. says:

    Ich stimme dir grösstenteils zu, meine aber, dass politisches Handeln deshalb nicht redlich ist, weil ein Kollektivwille vorausgesetzt wird, der so nicht existiert. Man kann eine Vielzahl von Personen durchaus als Gesellschaft oder als Kollektiv zusammenfassen. Aber auch wenn viele dieser Personen den gleichen Wunsch haben, so kann man nicht sagen, dieser Wunsch sei der Wunsch des Kollektivs, denn in diesem Kollektiv gibt es immer noch Individuen, die diesen Wunsch nicht teilen.

    Auch diese kollektive Empörung, die du erwähnst, ist im Grunde genommen nur Empörung von vielen Einzelpersonen. Emergenz sehe ich da keine, aber vielleicht verstehe ich den Begriff auch falsch.

    Der wesentliche Unterschied zwischen Kollektiv und Individuum sehe ich darin, dass das Individuum als Einzelwesen agieren kann, dass Kollektiv hingegen nicht. Ein Individuum hat Wünsche und Bedürfnisse, die die seiner Einzelteile übersteigen, das Kollektiv nicht.

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