Aus einem Interview zwischen Michèle Binswanger und Michael Schmidt-Salomon:
[Michael Schmidt-Salomon:] Die Religionen haben hier das Problem, dass sie überkommene Glaubenssätze nicht einfach aufgeben, sondern allenfalls exegetisch umdeuten können. In der Philosophie haben wir diese Hemmungen nicht. 1
Ich zweifle immer mehr daran, ob es sinnvoll ist, zwischen Religion, Philosophie und Ideologie zu unterscheiden. Schliesslich gibt es ja atheistische Sekten, wie der innere Zirkel der Objektivisten bewiesen hat. Es gibt auch säkulare Ideologien, deren Mitglieder ihren Glauben mit tödlicher Gewalt Andersdenkenden aufzwingen, im kommunistischen Nordkorea ist dies heute noch der Fall. Diverse Philosophen haben Gottesbeweise begründet. Die Sozialisten haben nach dem Fall der Sowjetunion ihren Glaubenssätze auch nicht einfach aufgegeben, sondern exegetisch umgedeutet. Und Menschen haben ganz allgemein das Problem, ihren Glauben nicht einfach verwerfen zu können, sondern an ihm unter Zuhilfenahme verschiedenster logischer Fehlschlüsse festzuhalten.
Die Philosophie hat grundsätzlich sehr viel grössere Schwierigkeiten, Wissen und Wahrheiten zu schaffen als die Naturwissenschaften. Es ist schon nur unklar, wie man philosophische Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen soll. Man kann sie wohl auf ihre Konsistenz überprüfen und man kann die Mathematik als Subspezies der Logik betrachten, aber die Mathematik ist in sich geschlossen, wohingegen sich Gebiete wie Biologie, Ethik, Chemie, Metaphysik, Physik, Epistemologie etc. sich auf die äussere, fassbare Realität beziehen und nicht nur auf sich selber.
Allerdings können die Naturwissenschaften sich nicht selber beweisen, sondern sind auf ein philosophisches Fundament angewiesen.
Doch es scheint mir, während ich diese Zeilen schreibe, dass die Philosophie es nicht einmal geschafft hat, zu definieren, was sie ist, geschweige denn, was ihre Beziehung zu den Wissenschaften und zur Realität ist. Und meine Behauptung, dass sich die Mathematik nicht auf die Aussenwelt beziehe, scheint mir mit jeder Sekunde, die vergeht, fragwürdiger zu werden.
Was kann ich also noch sagen? Dass manche philosophische Systeme dogmatischer sind als manche religiösen Systeme? Dass unklar ist, was die Philosophie der Menschheit konkret gebracht hat?
Vielleicht ist die Philosophie ganz einfach der Literatur näher als der Wissenschaft: Fähig zu brillanten Einsichten, aber oft nichts anderes als eine Phantasterei.
Meine Erfahrung ist: Viele aufgeklärte «christliche Theologen» sind in Wahrheit getarnte «säkulare Humanisten», die aus sozialen Konventionen heraus noch einen «religiösen Dialekt» sprechen, der einigermassen fromm klingt, es aber längst nicht mehr so meint.1
Das ist halb richtig. ‘Aufgeklärte’ Theologen sind in der Tat Humanisten, aber sie sind deswegen nicht weniger fromm. Denn der Humanismus ist nichts weiter als ein Abkömmling des Protestantismus, der zwar auf den Theismus und auch auf den Deismus verzichtet, aber ansonsten seinen stark religiösen Charakter behält.
Der Humanismus ist keine künstliches Geschöpf, das in den Laboren der Wissenschaftler und der streng rationalen Philosophen aus dem Nichts erdacht worden ist. Er ist eine Fortsetzung und Weiterentwicklung des Christentums. Als Schnittstelle zwischen Protestantismus und Humanismus könnte man die Unitarier und Universalisten ansehen, die zwar noch irgendwie an einen Gott glauben, aber grundsätzlich humanistische Dogmen verkünden. Auch die Levellers waren stark humanistisch, deren Sprösslinge, die Diggers, waren sogar echte Kommunisten. Auch die Quäker könnte man als Protohumanisten betrachten.
Wenn man die protestantischen Wurzeln des Humanismus ignoriert, dann machen gewisse Aspekte des Humanismus kaum mehr Sinn: Der starke Fokus auf die Gleichheit etwa oder auch die Verehrung einer fixen, niedergeschriebenen Liste von Geboten, also der Menschenrechte. Ebenso die Mischung von Relativismus, Liberalität, Toleranz, Puritanismus, Regulierung und Paternalismus.
Schliesslich wissen wir doch, dass es gar nicht vernünftig wäre, immer vernünftig sein zu wollen. Wer hätte sich denn je verliebt, bloss weil dies vernünftig wäre?1
Ich glaube nicht, dass es Sinn macht, hier von vernünftig oder unvernünftig zu sprechen. Generell weiss ich nicht, ob man emotionale, spontane, unbewusste Reaktionen als vernünftig oder unvernünftig bewerten sollte. Kann man eine Handlung einer Person nicht nur dann als vernünftig oder unvernünftig bezeichnen, wenn man die Ziele ebendieses Menschen kennt? Oder kann man manche Taten in einem absoluten Sinne, d.h. unabhängig von den Umständen und Motivationen, als vernünftig oder unvernünftig bezeichnen?
Mein Eindruck ist, dass die meisten Freidenker dies längst erkannt haben und deshalb auch die Ratio keineswegs überbetonen. Gerade sie gehen doch davon aus, dass ein sinnerfülltes Leben nicht zuletzt auch ein sinnlich erfülltes Leben sein sollte.1
Nicht wirklich. Viele Freidenker pflegen immer noch einen Körper-Geist-Dualismus, auch wenn sie alle eigentlich Monisten sind. Gerade bei den feministischen und sozialistischen Skeptikern ist teilweise eine Genuss- und Konsum- und Körperfeindlichkeit zu beobachten, die jeden Puritaner zu Freudentränen rühren würde.
Und es macht nun einmal sehr viel mehr Spass, die Gemeinschaft mit anderen Menschen zu geniessen, statt immer nur einsam im stillen Kämmerlein zu hocken und Kant zu lesen…1
Nicht alle Menschen haben die gleichen Interessen, Präferenzen, Leidenschaften…
Freidenker kritisieren religiöse Dogmen, wenn sie im Widerspruch zu den Menschenrechten stehen oder mit unserem Wissen über die Welt nicht mehr in Einklang zu bringen sind.1
Und doch haben die Menschenrechte kein naturwissenschaftliches, sondern ein philosophisches Fundament. Zugespitzt könnte man sagen: Freidenker kritisieren fremde Dogmen, wenn diese ihren eigenen Dogmen widersprechen.
Ich verstehe den evolutionären Humanismus ganz sicher nicht als «Religion», sondern als «Weltanschauung unter Vorbehalt». Warum? Weil er nicht von unerschütterlichen Dogmen ausgeht, die für alle Zeiten gelten sollen, sondern von Hypothesen, die jederzeit überprüft und verändert werden können. 1
Wie sollen diese Hypothesen denn überprüft werden? Mit naturwissenschaftlichen Mitteln? Soll der Biologe überprüfen, ob es ethisch ist, Kühe zu essen? Dazu ist er aber nicht besser geeignet als ein katholischer Priester. Und Schmidt-Salomon will doch nicht einen naturalistischen Fehlschluss begehen, oder?
Ich bezweifle auch, dass die Hypothesen den Vorschlaghammer des Nihilismus und des Nonkognitivismus überleben würden. Aber wenn ich richtig gegoogelt habe, dann hat sich der Evolutionäre Humanismus dieser Herausforderung noch gar nicht gestellt. Das ist relativ schade, aber nicht unüblich für die ‘neuatheistischen’ Ethiker: Schliesslich hat auch einer der vier Reiter (der (Anti-)Apokalpyse), Sam Harris, ein ganzes Buch über säkulare, wissenschaftliche Ethik geschrieben, ohne diese beiden Begriffe je zu erwähnen.
Für den evolutionären Humanismus gibt es keine «ewigen Wahrheiten», keine «heiligen Schriften» und selbstverständlich auch keine unfehlbaren Propheten, Priester oder Philosophen. Und genau das macht meines Erachtens die Stärke des evolutionären Humanismus aus: Er ist die vielleicht erste Weltanschauung in der Menschheitsgeschichte, die den Anspruch hat, sich selbst aufzuheben, wenn sich ihre grundlegenden Prämissen als falsch erweisen sollten.1
Das ist eine so komische wie arrogante Aussage. Gibt es denn überhaupt Ideologien, die sich nicht selber aufheben würden, wenn sich ihre grundlegenden Prämissen als falsch erweisen sollten?
Ist nicht eher das Problem mit Ideologien, dass ihre Anhänger nicht einsehen wollen, dass ihre Prämissen falsch sind, als dass sie Ideologien weiterführen, von denen sie wissen, dass deren Fundament faul und löchrig ist?
Nein, [der evolutionäre Humanismus] ist sogar radikal anti-elitär, denn er nimmt die bequeme Trennung zwischen der vermeintlichen «Bildungselite» und der angeblich «dummen Masse» nicht hin. Fakt ist doch, dass Unmündigkeit weitgehend sozial erworben wird. Über Jahrhunderte hinweg wurden die Menschen darauf konditioniert, kollektiven Wahnideen zu folgen, statt sich des eigenen Verstandes zu bedienen. 1
Es ist aber auch bequem, zu behaupten, der Grossteil der Menschheit wäre für den Grossteil der Geschichte kollektiven Wahnideen erlegen und man selber sei nun erleuchtet und im Besitz der Wahrheit.
Oder leben wir tatsächlich im goldenen Zeitalter, in dem wir endlich die richtigen Gesetze haben, die richtigen Rechte garantieren, die richtige Moral predigen, die Zeitungen zuverlässig und faktentreu sind, die Schulen uns aufklären und nicht indoktrinieren?
Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass auch wir uns, wie jede Zivilisation vor uns, in manchen Bereichen systematisch irren? Dass also bspw. auch im Evolutionären Humanismus manch eine Wahnidee steckt und dass auch Schmidt-Salomon bisweilen unmündig ist und sich nicht des eigenen Verstandes bedient, was auch immer das bedeuten mag?
Wir neigen ja dazu, unseren eigenen Standpunkt in der Geschichte zu verabsolutieren. Deshalb übersehen wir gerne, dass unsere Spezies Homo sapiens, die vor etwa 200’000 Jahren entstand, 99 Prozent ihrer Artgeschichte ohne christliche Kirche auskam. Und es ist nun wirklich nicht zu erwarten, dass die Menschheit in 20’000 oder gar 200’000 Jahren ausgerechnet an den abrahamitischen Religionen festhalten wird.1
Dies gilt natürlich auch für den Evolutionären Humanismus und Michael Schmidt-Salomon.
Interessante Gedanken, ja, mir kommen in der letzen Zeit auch immer mehr Zweifel an bestimmten Philosophien, in der Art, bringt mir diese Überzeugung jetzt wirklich den größtmöglichsten nutzen, oder nicht ?
Wenn überhaupt ein Thema Philosophisch begründet wird, dann doch bitte mit den Methoden die auch in der Naturwissenschaft angewandt werden, sprich der Falsifikation. Die Philosophie muss sich der Wissenschaft Anpassen und darf ihr nicht im Wege stehen.
Ein erster und Wichtiger Schritt wäre vielleicht, dass man endlich klare Begriffs Definitionen findet, denn dank Soziologie, Politologie und Co. haben wir heute elementare Begriffe, aber keine einheitliche Definition für die selbigen.
Angefangen bei der Freiheit über die Vernunft, Liebe, Glück, Gerechtigkeit bis hin zur Wahrheit.
Es ist die Vielzahl der Philosophien, die schuld an der Vielzahl der Definitionen trägt.
Im Alltag hört man Forderungen der Menschen und Politiker nach Sozialer Gerechtigkeit, nach Wahrheit, nach Freiheit (eher selten), nach “Moral” usw., man wird aber selten zwei finden, die die selbe Definition für den gleichen Begriff haben. Diese “Unwissenheit” ist der Nährboden für Ignoranz und Bevormundung.
Die Philosophie muss einen Scheißdreck.
Weder ist Sprache zwanghaft logisch, noch Definitionen nicht beliebig. Es ist eine Hybris zu erwarten, dass subjektive Denkgebäude messbar und falsifizierbar wären.
Natürlich ist es schlecht, dass Ideologien versuchen, Begriffe für sich zu vereinnahmen. Aber das kann man nur durch Aufklärung verhindern, wie es bei dem Wort Diskriminierung geboten ist.
Aufklärung ? Was ist das ? Wer klärt denn wen, über was auf ?
Da fängt es doch schon an, ohne klare Sprache, keine klare Definition, ohne klare Definition, keine qualitative Verbesserung des Status quo.
Die Chef Ideologen dieser Inhaltslosen und Struktur Behinderten Aufklärung sitzen doch in den Unis, Parlamenten, NGO`s und Think Tank`s dieser Welt.
Du verstümmelst meinen Satz und fragst anschließend nach einer Definition. War das jetzt ein Treppenwitz? Das Erschließen eines Satzes aus dem Kontext heraus kann ich dir nicht ersparen.
Es geht gerade um die Definition von Begriffen, um sie vor der Vereinnahmung “destruktiver” Ideologien zu bewahren. Gerade deshalb, weil eben Sprache nicht zwanghaft logisch ist, sich durch Milieu, Zeit und Kontext unterscheiden kann. Die “Ein-Topf-für-alle Deckel-Lösung” gibt es nicht. Der Unterschied zwischen “diskriminieren = benachteiligen” und “diskriminieren = unterscheiden, trennen”
ist ideologischer und nicht qualitativer Natur.
Ja, aber gerade diese Abwesenheit von Logik in der Sprache ist in meinen Augen ein fundamentales Problem der Zivilisation.
Nehmen wir nur einmal die Sprache in Ländlichen oder Urbanen Unterschichten Milieus, könnte es nicht sein das die dortigen Sozialen Spannungen und Defizite zum Großteil ihre Ursache in der Sprachlichen Verstümmelung und Nachlässigkeit haben ? Ich denke schon.
Von daher finde ich deine Ansicht, Sprache habe keine Logik und solle auch keine haben, sehr Ignorant.
Mir würde schon eine “Für-jeden-Begriff-eine-Einheitliche-Definition” Lösung vollkommen ausreichen.
Ich Persönlich würde dein Ansicht, Sprache sei A-Logisch in die Kategorie “destruktive” Ideologie einordnen.
My oh my. Nichts dergleichen habe ich behauptet.
Derartige Unterstellungen sind mir aus dem linken Milieu bekannt. Sprache hat also etwas mit Identität und Identifikation gemein.
Sprache ist nicht “zwanghaft” logisch, sondern spiegelt allenfalls die Logik desjenigen wieder, der sie benutzt. Der Zitronenfalter faltet keine Zitronen und der Anrufbeantworter beantwortet keine Anrufe und trotzdem hat man sich darauf geeinigt oder diese Begriffe übernommen.
Eine einheitliche Definition wäre fast unmöglich, denn dies benötigte Akzeptanz, was wiederum bestimmte Faktoren wie Milieu, Herkunft verhinderten.
Logik ist außerdem kein universaler Masstab, sondern setzt voraus, dass man sich a priori auf gewisse Gesetzmäßigkeiten geeinigt hat. Niemand kann falsifizieren, dass 1+1=2 ist, es muss als gegeben vorausgesetzt sein.
Du müsstest schon ein Diktator sein, der anderen Leuten seine Begriffsdefinitionen aufzwänge, ein Big Brother. In milderer Form findet diese Okkupation gerade im progressivistischen Milieu statt. Bei dem besagten Wort Diskriminierung. Deshalb ist Aufklärung im Sinne von “sich erklären” nötig, um zu verhindern, dass Worte ihre Bedeutung und Menschen ihre Freiheit verlieren.
Tatsache, ich habe vollkommen an dir vorbei geantwortet. Ist mir jetzt auf gefallen, muss etwas neben der Spur gewesen sein.
Könntest du das etwas genauer Erklären ?
Willst du damit sagen das die Mathematik nicht Objektiv ist ?