[Philippe Zweifel:] Herr Kohler, Ihr deutscher Kollege Richard David Precht will Pensionierte für ein Sozialjahr verpflichten. Was halten Sie davon?
[Georg Kohler, emeritierter Professor für politische Philosophie an der Universität Zürich:] Die Idee ist grundsätzlich nicht falsch, auch wenn sie nicht besonders revolutionär ist. Zumindest nicht in der Schweiz, wo der Milizgedanke eine lange Tradition hat. Der Zürcher Sozialethiker Hans Ruh1 hat einen ähnlichen Vorschlag denn auch schon vor zehn Jahren präsentiert.2
Für welchen Zweck haben wir Staatsphilosophen? Damit sie uns sagen können, dass Zwangsarbeit nicht grundsätzlich falsch ist?
‘Unabhängig’ kann man Philosophen, die vom Staats ausgebildet, bezahlt und beschäftigt werden, jedenfalls nicht nennen. Ausser natürlich man bezeichnet auch die Theologen, die im Dienste des Papstes stehen, als unabhängig. Aber das würde wohl kaum jemand tun.
Da Philosophen ebenso sehr im Ideologie-Geschäft tätig sind wie Theologen, müsste man sogar sagen, dass die gleichen Gründe, die für die Trennung von Staat und Religion auch für die Trennung von Staat und Philosophie sprechen. Schliesslich verletzt die staatliche Subvention von Philosophen die Gebote der weltanschaulichen Neutralität des Staates und der Glaubensfreiheit, die viele Atheisten so lieben.
Doch selbst wenn man diese Gebote für unwichtig hält und es einem egal ist, wenn der Staat bestimmte Weltanschauungen und ideologische Gruppierungen subventioniert, muss man sich fragen, ob der utilitaristische Nutzen der Staatsphilosophen grösser ist als die Kosten, die sie verursachen.
In dieser Form ist die Frage aber unglaublich schwer zu beantworten ist. Deshalb habe ich sie etwas umformuliert: Würde die plötzliche Schliessung aller staatlich finanzierten Philosophiefakultäten zu einem3 Anstieg gesellschaftlicher Übel führen oder ginge mit ihnen etwas von einmaliger Kostbarkeit verloren, das man sonst praktisch nirgends finden kann?
Wäre die Idee umsetzbar?
Jedenfalls nicht ohne Mühe. In Deutschland waren die Reaktionen auf Prechts Vorschlag sehr negativ. Aber reden wir von der Schweiz. Hier haben wir eine starke Tradition von Freiwilligenarbeit, die übrigens vor allem von Frauen geleistet wird. Es ist nicht so, dass alle Pensionierten auf der faulen Haut liegen. Im Gegenteil: Prechts Idee ist zum Teil schon realisiert.2
Ich weiss nicht so recht, wie ich Kohlers Worte interpretieren soll. Die eine Interpretation wäre, dass er sich bloss wirr und vage ausgedrückt hat, wie es ja viele Philosophen zu tun pflegen. Dann wäre seine Vermischung von Zwangsarbeit und Freiwilligenarbeit bloss ein sprachlicher Ausrutscher, den man verzeihen kann. Meines Erachtens ist jedoch wahrscheinlicher4 , dass er kaum einen kategorialen Unterschied zwischen (demokratisch legitimierter5 ) Zwangsarbeit und Freiwilligenarbeit sieht.
Das ist zwar nichts aussergewöhnliches, schliesslich hört man von den Sozialisten derartiges ziemlich oft, aber für einen Philosophen ist es doch ziemlich enttäuschend. Schliesslich sollte ein Philosoph scharf diskriminieren können, um Tätigkeiten in verschiedene Kategorien einzuordnen. Und unabhängig, ob man für oder gegen eine allgemeine Dienstpflicht ist, sollte man einsehen, dass ein fundamentaler Unterschied darin besteht, ob man freiwillig jeden Sonntag in der Suppenküche steht oder unter Androhung von Freiheitsberaubung in ein Altersheim aushelfen gehen muss.
Aber es bleibt natürlich die Hoffnung, dass die meisten Staatsphilosophen besser sind als Kohler.
- Das ist der Mann, der Filme und Videospiele und Websites besteuern will, um damit das Grundeinkommen zu finanzieren. [↩]
- «‹Giacobbo/Müller› könnten auch mal einen Philosophen einladen» [↩] [↩]
- abrupten oder auch zeitlich versetzten [↩]
- da mit dem ersten zitierten Paragraphen konsistenter [↩]
- =legiferierter [↩]
Nur ein Hinweis: Ihre Skepsis gegenüber der an den Unis gelehrten Philosophie hat bereits Arthur Schopenhauer vorweggenommen. Lesen sie mal seinen Essay “Über die Universitätsphilosophie”.
Vielen Dank für den Hinweis. Ich werde mir das Essay in der nächsten Zeit durchlesen.
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