Eigentlich wollte ich hier auf einen recht interessanten Artikel aufmerksam machen, den ich im heutigen Tagesanzeiger gefunden habe. Der Anfang des Artikels ist auch sehr viel versprechend. Es geht im Grunde darum, dass das Ich eine Illusion ist, die vom Hirn erzeugt wird. Gegen Ende kommt jedoch ein Abschnitt, der aufzeigt, wie tief Etatismus, d.h. Staatsgläubigkeit, geht:
Die Leistungsgesellschaft reagiert bis heute ablehnend auf den Einsatz bewusstseinsverändernder Substanzen – zugleich experimentiert die Pharmaindustrie aus einer Grauzone heraus mit ihnen, weil sich für sie damit ein neuer, milliardenschwerer Markt auftut. Diese Entwicklung werde verdrängt, lasse sich aber nicht aufhalten. Die moderne Neuroethik, so Metzinger, werde auch einen neuen Ansatz in der Drogenpolitik entwickeln müssen mit der Schlüsselfrage: «Welche Hirnzustände sollten legal sein?» Metzinger plädiert für eine neue Bewusstseinsethik, das heisst: für einen rationalen und würdevollen Umgang mit den eigenen Zuständen im Gehirn. Welche solle die Gesellschaft fördern, welche verbieten?1
Erstens: Die westliche Gesellschaft lehnt bewusstseinsveränderte Substanzen ab? Gewiss, manche Leute tun das und ein paar Ärzte und Wissenschaftler raten vom Konsum von Drogen ab, doch im Grossen und Ganzen sind Rauschmittel einerseits weit verbreitet und zweitens gesellschaftlich akzeptiert. (Der Konsum von Drogen ist teilweise gar jugendlicher Initiationsritus und Bedingung für die soziale Akzeptanz. (Was tut der Abstinenzler am Stammtisch?)) Oder wer kann von sich behaupten, dass er noch nie Koffein, Nikotin oder Alkohol konsumiert hat? Und wer reagiert ablehnend auf Leute, die morgens einen Kaffee (oder auch zwei, drei) und zum Sonntagsbraten ein paar Glas Wein trinkt?
(Ich weiss, dass viele Leute abstreiten, dass diese Substanzen Drogen sind, denn wer denkt von sich schon gerne als Konsument von Rauschmitteln. Aber sie sind es halt nun mal.)
Zweitens: Was, bitteschön, ist ein legaler Hirnzustand? Wer kommt auf die Idee, dass es Aufgabe des Staates sei, bestimmte Hirnzustände zu verbieten? Anders gefragt: Wie überzeugt muss man von der Allgüte des Staates sein, um Bürokraten und Politiker entscheiden lassen zu wollen, wer sein Hirn wie verändern darf und soll?
Ich halte es für eine sehr gefährliche Sache, wenn eine Drittperson über den Hirnzustand eines Menschen bestimmen kann. Bestimmte Hirnzustände zu verbieten, ist schon ein illegitimer Eingriff in die Selbstbestimmung eines Individuums. Wenn darüber hinaus aber bestimmte Zustände (zwangs)gefördert werden sollen, dann, denke ich, ist eine Diskussion über Mind Control angebracht. Vielleicht aber sollten ein paar Leute 1984 und Brave New World lesen.
- Jean-Martin Büttner – Warum wir meinen, dass es uns gibt: Der Mensch ist ein Flugsimulator: Der deutsche Philosoph Thomas Metzinger hat ein neues Modell des Bewusstseins formuliert. Es kommt ohne Seele und ohne Selbst aus – aber nicht ohne Ethik / siehe dazu auch Manfred Messmer – Was ist ein legaler Hirnzustand? [↩]

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