Gewalt oder lediglich Wortäusserungen?

Die Gewalt gegen Beamte hat im Kanton Bern letztes Jahr massiv zugenommen. Polizeiverbandspräsident Markus Meyer nimmt dazu Stellung.

In 492 registrierten Fällen kam es 2011 zu Gewalt gegen Beamte – 24% mehr als 2010. Erschrecken Sie diese Zahlen?
Markus Meyer: Die Tendenz ist leider nicht überraschend. Der Respekt gegenüber Autoritäten geht immer mehr zurück.1

Ich sehe Respekt als etwas, das man sich erarbeiten muss und das nur einer ausgewählten Schar von Menschen zukommt. Anders verhält es sich mit der Höflichkeit, in deren Genuss grundsätzlich jeder kommen sollte. Aber auch diese kann bei Nicht-Erwidern fallen gelassen werden.

Letzteres ist hier gerade das Problem. Im Umgang von Polizisten mit Normalbürgern beruhen Disrespekt und Unhöflichkeiten auf Gegenseitigkeit.

Davon abgesehen bin ich so egalitaristisch, dass ich glaube, dass Autoritäten nicht qua Autoritäten mehr Respekt verdient hätten als andere Menschen. Au contraire: Gewisse Aversionen gegen die Herrschenden zu hegen, schadet selten.

Wie zeigt sich die Gewalt?
Sehr häufig sind wüste Beschimpfungen, Drohungen gegen die Person und deren Familie, Faustschläge oder geworfene Gegenstände. Letztes Jahr wurde sogar ein Polizist getötet.1

Ich glaube nicht, dass es Sinn macht, Beschimpfungen und Faustschläge gleich zu kategorisieren: Nämlich als Gewaltakte. Obgleich Wortäusserungen schmerzen können, so sind sie doch qualitativ anders als physische Gewalttaten.

Wie sollen Angestellte auf ­Gewalt reagieren?
Gewalt gehört nicht zum Beruf und die Vorfälle dürfen nicht einfach weggesteckt werden. Ich ermuntere deshalb alle, Anzeige zu erstatten. Den Tätern soll damit auch klargemacht werden, dass ihr Verhalten rechtliche Konsequenzen hat.1

Beschimpfungen zu verbieten, ist recht heikel. Erstens ist es völlig subjektiv, was eine Beleidigung ist. Manch einer hält Rushdies The Satanic Verses für eine Beleidigung sondergleichen. Andere hingegen lesen das Buch mit Genuss. Zweitens gehört es durchaus zur Meinungsfreiheit, ‘schmutzige’ Worte in den Mund zu nehmen, zu schimpfen und zu beleidigen. Die Beleidigung von Religionen zu verbieten würde beispielsweise die Religionskritik praktisch illegal machen. Drittens ist es stets die Meinungsfreiheit der Untertanen, der Minderheiten und der Abweichler, die geschützt werden muss. Da die Bürger schon der Staatsgewalt ausgeliefert sind, die die Polizisten ausüben, sollten sie wenigstens so frei sein, als Protest ihre Seele aus dem Leibe zu schreien.


  1. Bigna Silberschmidt – «Respekt vor Autorität schwindet» [] [] []

6 thoughts on “Gewalt oder lediglich Wortäusserungen?”

  1. Ich sehe Respekt als etwas, das man sich erarbeiten muss und das nur einer ausgewählten Schar von Menschen zukommt.

    Begriffe sollte man sauber halten. Zunächst einmal Toleranz von Aktzeptanz abgrenzen, Ersteres ein Dulden im Sinne von Leben lassen, Zweiteres ein Gutheißen. So ist gesichert, dass man sich nicht zerfleischt. Wenn man darüber hinaus noch Wert auf Nettigkeiten legt, kann man es mit der helvetischen Höflichkeit probieren. Man dankt also für das Telefon, versichert sich langatmig, dass man die richtige Wahl am Kiosk getroffen hat und stimmt in das ritualisierte Miteinander ein. Respekt, also Achtung, die Linke bar ihrer Existenz einfordern, auch für allerhand Lebewesen, wie Pferde oder künstliche Entitäten, wie die Natur, ist eigentlich etwas, was eine gesteigerte Form der Wertschätzung darstellt.

  2. Das Problem, werter ars libertatis, mit dem Verweigern von Respekt qua Institution ist, daß man sich auf eine slippery slope begibt. Über kurz oder lang wird man es nicht vermeiden können, bei den hier (http://www.spiegel.tv/filme/davidwache-special/) dargestellten Verhältnissen anzukommen.

    Wenn ich dem Staat ein Justiz- und Gewaltmonopol zugestehe, komme ich m.E. nicht umhin, dessen Bütteln auch als den Vertretern einen erhöhten Respekt entgegenzubringen. In der überwiegenden Zahl der Fälle wissen Polizisten, was sie tun.

    Das ist übrigens nicht zu verwechseln mit Duckmäusertum und dem Buckeln vor der Uniform.

    1. Hm, ich bin der Meinung, dass man sich durchaus an Gesetze halten und den Anweisungen der Polizisten Folge leisten kann, ohne dass man diese respektiert und auch ohne dass man diesen gegenüber besonders höflich ist. Ich sehe also nicht, wie das Verweigern von Respekt zwangsläufig zu Gewaltausbrüchen führt.

      1. Nur, damit wir über das gleiche reden: beziehst Du Dein „dass ich glaube, dass Autoritäten nicht qua Autoritäten mehr Respekt verdient hätten als andere Menschen“ auf die Person oder die Funktion des Polizisten?

      2. Nur, damit wir über das gleiche reden: beziehst Du Dein „dass ich glaube, dass Autoritäten nicht qua Autoritäten mehr Respekt verdient hätten als andere Menschen“ auf die Person oder die Funktion des Polizisten?

        Auf beide.

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