Es gibt viele verschiedene Gründe, wieso man für die Buchpreisbindung sein kann. Hier ein eher ungewöhnlicher:
Meiner Meinung nach gibt es keine guten Argumente für die Buchpreisbindung.
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Dennoch werde ich dafür stimmen, dass die Buchpreise gebunden werden.
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[E]ine Annahme des Gesetzes wäre ein Signal gegen den Glauben, der Markt vermöge die Bedürfnisse der Menschen effizient zu befriedigen.1
Symbolpolitik ist mir verhasst. Was mitunter ein Grund ist, wieso ich gegen das Minarettverbot und die Kopftuchverbote bin und der Hauptgrund, wieso ich gegen spezielle Verbote von Genitalverstümmelung und Zwangsehen bin (insofern diese bereits durch Gesetze gegen körperliche Gewalt und Nötigung u.ä. verboten sind).
Das Credo lautet, dass finanzielle Abwicklungen und mit ihnen Wettbewerb und Konkurrenz in der Lage sind, ohne Verschwendung die Transaktionen von Gütern optimal zu regeln.1
Es mag ein paar verwirrte Geister geben, die dies behaupten, aber selbst Anarchokapitalisten halten den freien Markt nicht für ein Schlaraffenland, in dem einem die Brathähnchen fixfertig in den Mund fliegen. Liberale glauben bloss, dass die Marktwirtschaft effizienter ist als die Staatswirtschaft und die Bedürfnisse der Menschen besser befriedigt, nicht, dass sie absolut effizient und optimal ist.
Gibt es ein Bedürfnis nach etwas, gibt es eine Nachfrage; und für jede Nachfrage gibt es auch ein Angebot – so die verkürzte Theorie.1
Nein, es gibt unzählige Bedürfnisse, die nicht befriedigt werden. Aber das liegt nicht am Kapitalismus oder am Etatismus, sondern schlicht an der Endlichkeit der Ressourcen und der Endlichkeit der Zeit und der überwältigenden Anzahl an Wünschen, die ein einzelner Mensch hat.
Heute verstehen wir weder den Wert von Geld, weil das einfach an einem Computer generiert wird1
Das Geld- und Finanzsystem ist jedoch nicht eine marktwirtschaftliche Institution, sondern ein staatliches Geschöpf. Den freien Markt für die finanzwirtschaftlichen Wirren verantwortlich zu machen, ist etwas unfair.
noch funktioniert die Befriedigung von Bedürfnissen. Der Markt verhindert, dass Menschen Nahrung und Wasser bekommen, und sorgt im Gegensatz dafür, dass andernorts Ressourcen verschwendet werden.1
Die Beobachtung ist, dass manche Menschen viel Essen wegwerfen, während andere Menschen anderswo verhungern. Die Schlussfolgerung ist, dass dies die Schuld des Marktes sei. Wäre die Welt eine einzige freie Marktwirtschaft, läge dieser Schluss tatsächlich nahe. Doch dies ist nicht der Fall, trotz gegenteiliger Behauptungen mancher Sozialisten, die an die Weltherrschaft des Kapitals und die neoliberale Weltverschwörung glauben. Vielmehr gibt es in praktisch jedem Land eine Mischung aus Kapitalismus und Sozialismus.
Es braucht folglich ein gutes Mass Theorie und Empirie, um Markt und Staat voneinander zu trennen und herauszufinden, wer für was verantwortlich ist.
Meines Erachtens ist die Unterentwicklung Afrikas ein Staatsversagen. Eines, für das die afrikanischen wie auch die westliche Staaten verantwortlich sind, deren Einmischung zwar wohlwollend sein mag, aber teils trotzdem desaströse Konsequenzen hat.
Zurück zu den Büchern: Ich nehme es den Marktapologeten nicht ab, dass ein nicht-regulierter Buchmarkt die Bücher zum besten Preis anbietet, welche die Menschen haben möchten.1
Natürlich tut er das nicht, denn dann müssten ja alle Bücher gratis zu haben sein. Doch bei physischen Büchern läge dieser Preis deutlich unter den Grenzkosten.
Es liegt nicht im Interesse der Marktteilnehmer, Preise zu senken. Ihr Interesse sind das Erzeugen von Kartellen, hohe Margen und hohe Absätze.1
Unternehmen sind nicht die besten Freunde des freien Marktes und gerade das Firmenestablishment lobbyiert stark für Markteintrittshürden, Subventionen und Importbeschränkungen. Deshalb wäre es ja so wichtig, den privaten vom öffentlichen Sektor zu trennen. Damit die Firmen nicht per Staat den Wettbewerb ausschalten können und sie einen Anreiz haben, die Preise tief zu halten, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
Nehmen wir zwei Beispiele, mit denen man zeigen kann, dass der Markt keine optimalen Ergebnisse liefert: Heute ist ein Buch nur ein Ausdruck einer digitalen Datei, die man automatisch in ein brauchbares Format verwandeln könnte. Diese digitale Datei könnte man im Internet verkaufen. Dafür gibt es eine Nachfrage. Tatsächlich kann man die wenigsten Bücher im Internet kaufen, und wenn, dann in unbrauchbaren, uneinheitlichen Formaten und zu völlig überrissenen Preisen, wenn man sie die Vertriebswege mit denen gedruckter Bücher vergleicht.1
Das ist die Nirvana Fallacy. Natürlich liefert der Markt keine optimalen Ergebnisse. Dies zu erwarten wäre lächerlich. Wenn man darüber diskutieren will, ob Markt oder Staat bessere Resultate erbringen, muss man realistische Alternativen vergleichen. Bloss weil der Markt schlechtere Ergebnisse liefert als ein paradiesisches Utopia, heisst dies nicht, dass der Staat dem Markt zu bevorzugen ist.
Was die Buchbranche angeht, könnte man bspw. die jetzige Lage ohne Buchpreisbindung mit einer Welt vergleichen, die deutlich etatistischer ist und in der es z.B. nur einen einzigen staatlichen Verlag gibt. (Analog etwa zur Einheitskrankenkasse.) Gäbe es dort mehr Bücher in digitaler Form oder weniger? Und wie wären die sonstigen Auswirkungen auf den Buchsektor?
Kommen wir zum real existierenden Buchmarkt zurück: Es gibt ein paar Befürworter der freien Marktwirtschaft, die Geistiges Eigentum als Staatsprivileg ablehnen. Für diese Leute wäre ein wirklich freier Markt ein Markt ohne Copyright und ohne Patente. Aus dieser Sicht ist die heutige Buchbranche zwar sehr unfrei, aber dank den Filesharern werden die staatlichen Privilegien erodiert und viele Bücher werden aus privater Initiative heraus, von Konsumenten und Liebhabern in ebooks konvertiert. Trotz den widrigen Bedingungen funktioniert der Markt also relativ gut.
Forschung wird in vielen Ländern durch staatliche Mittel gefördert. Die entstehenden Arbeiten könnten mühelos auf entsprechenden Internetplattformen publiziert werden. Sie wären einfach katalogisierbar und greifbar, Wege würden verkürzt und die Öffentlichkeit könnte die Forschungsergebnisse einsehen. Das passiert kaum. Die meisten wissenschaftlichen Arbeiten werden nur in Buchform verfügbar gemacht, in kleinen Auflagen, die in wenigen Bibliotheken stehen. Die Autorinnen und Autoren zahlen für die Publikationen mit staatlichen Mitteln, Drittmitteln oder eigenem Geld, die Forscherinnen und Forscher, welche sie lesen wollen, ebenfalls.1
Muss ich ernsthaft erklären, wieso dies nicht die Schuld des (freien) Marktes ist?
Es ist Zeit für Lösungen, die sich von einer veralteten Marktvorstellung verabschieden.1
In der Tat. Die sozialdemokratisch-etatistische Sicht des Marktes und der Welt hat sich nicht bewährt.
Der Markt fördert nicht die Innovation, sondern erhält unnötige Strukturen.1
Darüber mag man diskutieren. Aber den Staat als innovativer und weniger strukturkonservativ anzusehen, wäre ein Fehler. Schliesslich ist die kreative Zerstörung ein Marktprozess und es ist der Staat, der die Strukturen im Finanzsektor und im Agrarsektor und im Bildungssektor mit Milliardensubventionen erhält.
Gesetzgebung ist kein eleganter Weg, um Lösungen einzuführen – der Markt aber der gefährlichere.1
Leviathan ist auch nicht gerade ein Biest, neben dem es sich ungefährlich leben lässt. Besonders dann nicht, wenn es ein weltumspannender Hegemon ist.
Es gibt kaum Verbesserungen unserer Lebensqualität, welche durch die Kraft des Marktes entstanden sind:1
Dann sollte es sozialistischen Ländern nicht systematisch schlechter gehen als etatistisch-kapitalistischen. Und doch ist dies so. Welch kurioser Zufall!
Würde man die Kräfte des Marktes nicht bremsen, hätten wir weder Ferien noch eine Altersvorsorge. Frauen hätten keinen Mutterschaftsurlaub, Krankenkassen wären nicht obligatorisch. Inhaltsstoffe unserer Nahrungsmittel würden nicht deklariert, rauchen könnte man überall.1
Nein, in einer freien Marktwirtschaft würde niemand dazu gezwungen, sich gegen Krankheit versichern zu lassen. Insofern wären Krankenkassen nicht obligatorisch. Ob dies jedoch so schlecht ist, ist eine andere Frage. Auf jeden Fall ist es moralisch fragwürdig, unter Androhung von Gewalt andere Menschen zum Kauf eines bestimmten Gutes zu zwingen.
Wieso die geldgierigen Kapitalisten so doof sein sollten, ihren Angestellten keine Ferien zu gewähren und so einen Produktivitätsabfall in Kauf zu nehmen, ist mir schleierhaft. Vielleicht sind Kapitalisten einfach Sadisten.
Dann würden sie gut zu den masochistischen Konsumenten passen, die zu doof sind, Geld fürs Alter auf die Seite zu legen und nicht zwischen Raucherbeizen und rauchfreien Restaurants, zwischen Produkten mit Inhaltsstoffdeklarationen und solchen ohne unterscheiden.
Worauf ich hinaus will, ist folgendes: Die Inhaltsstoffe zu deklarieren, ist ein Wettbewerbsvorteil. Den Arbeitern Ferien zu geben, ist ein Wettbewerbsvorteil. Das Rauchen in den Räumlichkeiten zu verbieten, ist ein Wettbewerbsvorteil. Mutterschaftsurlaub ist ein Wettbewerbsvorteil. Etc. etc.
Die Frage, die beantwortet werden muss, ist also folgende: Wieso würden die profitorientierten Unternehmen auf einen Wettbewerbsvorteil und die Chance auf mehr Profit verzichten?
Selten so etwas Blödes gelesen, wie der Artikel auf den du verlinkst. Es spricht zwar nichts für die Buchpreisbindung, aber gegen sie zu stimmen wäre böser Markt. Der Schreiberling hat offenbar keine Ahnung wie Wohlstand entsteht. Viele seiner Annahmen sind empirisch nicht haltbar.