Religion für Atheisten

Alain de Botton formuliert in seinem neuen Buch eine gewagte Forderung: Statt Religionen zu verachten, sollten Atheisten sich ihrer bedienen.
[...]
Als Beispiele für religiöse Konzepte, die der säkularisierten Gesellschaft guttun würden, nennt de Botton unter anderen das Gemeinschaftsgefühl: Der moderne Mensch lebt in einer Individualgesellschaft und sieht seinen Nächsten primär als Konkurrenten.1

Gemeinschaftsgefühl ist kein religiöses Konzept, es ist ein animalisches Konzept. Lange bevor die ersten Menschen stolz über die Erde geschritten sind, haben Tiere in eng geknüpften Gemeinschaften gelebt. Familienbande sind alt, älter noch als die Säugetiere, und diese sind das Fundament für alle Formen der tierischen Gruppenbildung. Die Religionen dieser Welt haben nichts anderes getan, als an diesen antiken Gruppen und Clans anzuknüpfen und enge, familiäre Gemeinschaften zu schaffen, deren primäre Gemeinsamkeit der Glaube ist und nicht das Blut.

Diese Art des Zusammenlebens steht im Gegensatz zur eher moderneren, wenngleich auch in längst vergangenen Äonen verwurzelten, Netzwerken, deren Mitglieder ein weniger enges Geflecht bilden und die anonymer und in einem gewissen Sinne austauschbarer sind.

Was de Botton verkennt, ist jedoch, dass eine familiengleiche Dorfgemeinschaft nicht nur Vorteile in Form von Nähe, Nachbarschaftshilfe und Geborgenheit hat, sondern ebenjene Anonymität nicht hat, die dem heutigen Individuum die immense Handlungsfreiheit ermöglicht, die es geniesst. Denn diese alten, eng verflochtenen Dörfer hatten einen leicht panoptischen Charakter, der es dem Individuum nicht leicht machte, aus der Reihe zu tanzen und eben seine eigenen Ziele zu verfolgen und nicht diejenigen des Clans.

Von all dem abgesehen sind Gemeinschaftsgefühl und Konkurrenzdenken keine Gegenteile, sondern können durchaus gemeinsam auftreten, wie manch eine Familie bestätigen wird.

Von Religionen, vor allem der katholischen, lernen wir, dass gemeinsame Rituale die Menschen verbinden.1

Auch Rituale sind wohl älter als die Menschheit und keineswegs eine Erfindung der Religionen. Weil Religionen aber extensiv von ihnen Gebrauch gemacht haben, haben manche Atheisten und Skeptiker eine irrationale Aversion gegen Rituale entwickelt. Statt Rituale einfach abzulehnen, sollte man ganz einfach diejenigen geniessen und zelebrieren, die man mag und die anderen halt fallen lassen. Wenn man Rituale wirklich gerne hat, kann man auch nach Belieben neue kreieren. Und schlussendlich kann man auch als Atheist religiöse Rituale geniessen. Wer also gerne lateinische Messen hat, sollte sich diese nicht nehmen lassen, bloss weil manche Atheisten darüber spotten.

Aber man sollte nicht vergessen, dass nicht bloss theistische Religionen, sondern auch zahlreiche andere Ideologien Rituale haben. Der amerikanische und japanische Nationalismus etwa haben Fahnengruss und Nationalhymne schulweit institutionalisiert. Auch der 1. August ist ein derartiges, säkulares Ritual. Aber auch DDR und Drittes Reich haben Rituale eingesetzt, teilweise mit beängstigendem Erfolg.

Auch für die Bildung könne Religion Nachhilfe geben. Schulen und Universitäten sollten nicht nur Spezialistentum und abstraktes Denken fördern, sondern den Menschen auch für die Herausforderungen das Lebens rüsten: Wie gehen wir mit Krankheit um? Was ist unsere Beziehung zur Natur?1

Es gibt schon genügend Ideologie an den Schulen. Die Schüler müssen nicht auch noch angewiesen werden, wie sie ihr Leben zu führen haben. Oder will de Botton aus den Schulen etwa säkulare Kirchen machen?

Auch das Verhältnis zur Kunst («zu zeigen, was wirklich zählt») rechnet de Botton den Religionen hoch an. Weiter nennt er Architektur, Musik sowie die Fähigkeit, keinen Neid aufkommen zu lassen.1

Neid ist eine urmenschliche (tierische!) Eigenschaft und wenn mich nicht alles täuscht, ist die Kirchengeschichte randvoll mit neidischen, missgünstigen Personen.

Und ihm gefällt der christliche Pessimismus, von dem sich unsere Gesellschaft eine Scheibe abschneiden sollte. Denn in Anbetracht unseres technologischen Könnens würden wir uns heute als Herren des Schicksals sehen – doch die Menschheit sei letztlich Spielball des Zufalls. Es sei also, wie schon die Stoiker wussten, immer mit dem Schlimmsten zu rechnen.1

Die griechische Stoa ist älter als das Christentum und sie ist eher eine Philosophie als eine theistische Religion. Von daher könnte man sich direkt an sie wenden statt den Umweg über das Christentum zu gehen.

Und wenn man lieber etwas moderneres hat, dann gibt es genügend nihilstische Philosophen, die dem Menschen nicht nur die Krone vom Kopf schlagen, sondern ihm alle Anmassungen, ihm komme irgendeine Sonderstellung zu, entreissen.

Man kann den Spiess sogar umdrehen: Das Christentum sagte einst, der Mensch solle sich die Erde untertan machen. Es waren säkulare Wissenschaftler, die den Menschen vom Irrglauben befreiten, er sei die Krone der Schöpfung, sondern deutlich machten, dass er bloss irgendein Seitenzweig der Evolution ist, dem aus Sicht der Natur keine grössere Bedeutung zukommt als den Foraminiferen. Dank der Wissenschaft konnten wir auch unseren Planeten aus dem Weltall betrachten und herausfinden, dass er bloss einer von hunderten Milliarden Planeten in der Milchstrasse ist, die wiederum in einem Universum ist, das hunderten Milliarden Galaxien beherbergt.

Kurz, de Botton fordert eine Art säkulare Religion, in der es Rituale und sogar atheistische Tempel geben würde (in welchen zum Beispiel – analog dem mittelalterlichen katholischen Narrenfest – in Orgien unser Bedürfnis nach Ausschweifung gestillt würde).1

Es gibt schon viele säkulare und atheistische Religionen: Man nennt sie Ideologien. Wer bspw. dem Kommunismus betritt, kann an vielen lustigen Ritualen teilnehmen. Aber vielleicht gibt es für de Botton im Kommunismus zu wenig Orgien, dann müsste er wohl eine eigene Religion, den Bottonismus, gründen. Dieser hätte aber nur insofern etwas mit dem Atheismus zu tun, als dass die Bottonisten oder Botton-Jünger Atheisten wären. Er wäre aber genauso wenig repräsentativ für den Atheismus wie der Humanismus oder der Objektivismus oder der Evolutionäre Humanismus. Das kann er auch gar nicht sein, denn der Atheismus ist keine Ideologie, sondern bloss ein Baustein, der in die verschiedensten Ideologien eingefügt werden kann.

De Botton läuft mit seinem Buch Gefahr, den Atheismus für sich zu vereinnahmen und zwischen wahrem und falschen, neuem und alten Atheismus zu unterscheiden. Dabei gibt es nur einen Atheismus. Wer nicht an Gott (oder Götter) glaubt, ist ein Atheist. Punkt. Es gibt keine Zusatzkriterien. Wer in Afrika Brunnen bauen geht, ist kein besserer oder echterer oder wahrerer Atheist als jemand, der in Zürich pokert. Er ist höchstens ein Mensch, der sich ethischer verhält.

Hier hat der französische Philosoph André Comte-Sponville kürzlich bessere Arbeit geleistet. In seinem Buch «Woran glaubt ein Atheist?» legte er sehr persönlich und überzeugend dar, wie Mitgefühl, Liebe und Gemeinschaft religionsunabhängige Werte sind – über die sich Gläubige und Ungläubige treffen können.1

Natürlich sind sie das. Wie kommt jemand überhaupt darauf, dass Empathie und Liebe und Gemeingefühl religiöse und nicht menschliche oder animalische Werte sind?


  1. Philippe Zweifel – Orgien für Ungläubige [] [] [] [] [] [] []

8 thoughts on “Religion für Atheisten

  1. Ich stimme Ihnen – von der anderen Seite her, als Katholik – zu, wenn Sie die Unvereinbarkeit dieser atheistischen Pseudoreligion mit Religion herausarbeiten. Der Unterschied ist sogar noch fundamentaler : Religionen haben den Anspruch, objektive metaphysische Wahrheit zu lehren (zumindest die christlichen, aber auch Islam und Judentum) und das kollidiert mit dem Atheismus, der dasselbe beansprucht, allerdings mit einer entgegengesetzten Ausssage.

    Die religiösen Formen beziehen aus der Wahrheit, auf die sie verweisen, erst ihren Sinn und ihre Kraft, ohne diese wären sie Mummenschanz.

    Sie unterliegen allederdings dem klassischen kategorialen Irrtum vieler modernen Atheisten, wenn sie behaupten

    Es waren säkulare Wissenschaftler, die den Menschen vom Irrglauben befreiten, er sei die Krone der Schöpfung,

    Eine solche Befreiung geben die Naturwissenschaften als solche nicht her. Dieser ‘Irrglaube’ ist nämlich eine metaphysische Aussage, die von einer empirischen Aussage über die physische Welt nicht tangiert wird. Was auch der Grund ist, warum die Kirche die Naturwissenschaften immer gefördert hat.

    Richtig ist, daß viele moderne Naturwissenschaftler Atheisten sind und die metaphysische Aussage machen, daß der Mensch eben nichts besonderes sei. Das können sie natürlich tun, es ist aber nicht korrekt, wenn sie ihre metaphysischen Ansichten mit ihrer Kompetenz in physischer Forschung absichern wollen.

  2. @nk:

    Atheismus, der dasselbe beansprucht, allerdings mit einer entgegengesetzten Ausssage.

    Hier liegt aus meiner Sicht schon ein Missverständnis. Atheismus ist zunächst einmal nur der fehlenden Glaube an Götter. Aber natürlich muss man nicht über Definitionen streiten, solange man sie klären kann. Wenn für Sie Atheismus die feste Überzeugung ist, dass keine Götter existieren, und wir alle das wissen, ist das natürlich auch eine brauchbare Diskussionsbasis.

    Dieser ‘Irrglaube’ ist nämlich eine metaphysische Aussage, die von einer empirischen Aussage über die physische Welt nicht tangiert wird.

    Und auch hier verallgemeinern Sie meines Erachtens Ihre eigene Perspektive. Der Glaube, die Krone der Schöpfung zu sein, kann sich durchaus auch auf physische Realität beziehen.
    Wenn er rein metaphysisch ist, ist er in der Tat naturwissenschaftlich gegenstandslos, oder vulgo: Unsinn.

    Was auch der Grund ist, warum die Kirche die Naturwissenschaften immer gefördert hat.

    Immer. Nee, ist klar. Whoa.

    • Der Glaube, die Krone der Schöpfung zu sein, kann sich durchaus auch auf physische Realität beziehen.
      Wenn er rein metaphysisch ist, ist er in der Tat naturwissenschaftlich gegenstandslos, oder vulgo: Unsinn.

      Nur wenn naturwissenschaftliches Denken die einzige Quelle der Wahrheit wäre. Naturwissenschafliches Denken setzt aber selber Metaphysik voraus. Es kann nur auf Basis von Annahmen betrieben werden, die es nicht selber erzeigen kann, die aslo metaphysisch im Wortsinn sind. Ergo kann es nicht die einzige Quelle der Wahrheit sein.

      Z.B.muß die Welt muß grundsätzlich geordnet sein, sonst kann man keine Naturgesetze erkennen und keine Hypothese prüfen , weil Reproduzierbarkeit von Ergebnissen nicht gefordert werden könnte.

      • Naturwissenschafliches Denken setzt aber selber Metaphysik voraus.

        You keep using that word.
        Mir scheint gerade, dass wir unter Metaphysik verschiedene Dinge verstehen. Und unter Naturwissenschaft offenbar auch.
        Magst du erklären, was du mit diesen Begriffen meinst?

        Z.B.muß die Welt muß grundsätzlich geordnet sein

        Hm? Also, wenn das für dich eine metaphysische Grundannahme der Naturwissenschaft ist, dann frage ich mich, ob eine Verständigung zwischen uns Aussicht auf Erfolg hat. Wir sprechen anscheinend ganz verschiedene Sprachen.
        Ich ziehe meine Frage weiter oben zurück und schlage vor, dass wir unsere Meinungsverschiedenheit auf sich beruhen lassen.
        Mach’s gut.

  3. Eine solche Befreiung geben die Naturwissenschaften als solche nicht her. Dieser ‘Irrglaube’ ist nämlich eine metaphysische Aussage, die von einer empirischen Aussage über die physische Welt nicht tangiert wird.

    Stimmt, da kann ich völlig zustimmen. Die Beobachtung, dass es wohl Trilliarden von Planeten gibt, bedeutet nicht, dass die Erde unbedeutend wäre.

    Richtig ist, daß viele moderne Naturwissenschaftler Atheisten sind und die metaphysische Aussage machen, daß der Mensch eben nichts besonderes sei. Das können sie natürlich tun, es ist aber nicht korrekt, wenn sie ihre metaphysischen Ansichten mit ihrer Kompetenz in physischer Forschung absichern wollen.

    Stimmt auch. Die Naturwissenschaft sollte nicht ideologisch vereinnahmt werden, auch von Atheisten nicht.

    Es ist aber ziemlich ironisch, dass gerade Atheisten diesen Fehlschluss begehen, wo sie diesen doch bei Theisten so oft kritisieren.

  4. Von welchem christliche Pessimismus redet dieser Mensch ?

    Als Christ sieht man die Welt als vom Bösen beherrscht an, aber das ist doch wohl eine realistische Betrachtung der Geschichte.

    Und die Erlösung durch Christus ist doch eine Botschaft, wie sie optimistioscher nicht sein kann.

  5. Pingback: Tempel für Atheisten | ars libertatis

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