Sozialisten schauen auf die Welt und sehen … freie Märkte?

Dass manche Menschen sich eine sozialistische Welt herbeiwünschen, kann man durchaus verstehen. Da es viele verschiedene Ethiken gibt und die Frage, welches ethische System das richtige ist, sehr schwierig zu beantworten ist (manche halten diese Frage sogar für nicht beantwortbar, resp. für sinnlos), ist es nicht überraschend, dass es Leute gibt, für die die Gleichheit der zentrale Wert ist. Zudem lassen sich hypothetische gesellschaftliche und politische Systeme nur schwer abschätzen und bewerten. Dass etliche Leute glauben, ihr herbeisinniertes, sozialistisch-kommunitaristisches System, das in der spezifischen Form nie realisiert wurde, sei heilbringend, ist deshalb ebenfalls nicht überraschend. Auch darüber, wo genau die Probleme des gegenwärtigen Systems liegen, resp. welche Teile des Systems genau für die Krisen und die Übel der Welt verantwortlich sind, lässt sich streiten und diskutieren. Eine Gesellschaft ist ja ein hochkomplexes Phänomen, das aus einer Mélange vieler verschiedener Institutionen, Ideologien und Sub-Systemen besteht und die Analyse eines solchen Systems ist weder einfach noch billig.

Es ist deshalb nicht vollkommen unvernünftig, Sozialist zu sein.

Aber es ist komplett irr und mir persönlich völlig unverständlich, wie man das derzeitige System (ob man nun das deutsche, das schweizerische, das französische oder das US-amerikanische meint, ist nebensächlich) als neoliberal oder marktfundamentalistisch einstufen kann.1


  1. Es mag sein, dass Sozialisten ein eigenständiges und esoterisches Vokabular haben, das sich bezüglich der Definitionen vieler politischer oder ökonomischer Begriffe von dem der meisten anderen Menschen (und von Wikipedia) stark unterscheidet.

    Vielleicht interpretiere ich sozialistische Meinungsäusserungen auch grundsätzlich falsch. Vielleicht geht es primär um Polemik und In-Group-Signaling und ich bin ein Depp, weil ich immer davon ausgegangen bin, dass sozialistische Texte ernst gemeint und mit Herzblut geschrieben sind.

    Diese Einwände überzeugen mich aber nicht wirklich. Ich halte meine sozialistischen Mitmenschen für aufrichtige und ehrliche Menschen, die wirklich glauben, was sie sagen und nicht in einer eigenen sprachlichen Welt leben, von der ich völlig abgeschnitten bin.

    Wenn man nicht zwischen Religionen, Ideologien und politischen Philosophien unterscheidet, könnte man die Sozialisten ganz einfach als tiefreligiöse Menschen betrachten, deren Wahrnehmung der Welt (und von Fakten wie der Staatsquote, der Steuerquote, der Regulationsmenge etc.) so stark verzerrt ist, dass es für sie eine Leichtigkeit ist, zu glauben, wir würden in einer freien Marktwirtschaft leben und sich gleichzeitig bewusst zu sein, dass die Staatsquote so um die 50% ist. []

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