Drakonische Strafen werden auf linker wie auf rechter Seite begrüsst. Sei es die Unverjährbarkeit pornografischer Straftaten an Kinder, die gefordert wird und über die wir Schweizer Ende November abstimmen dürfen, seien es Raser, deren Autos vor ihren Augen verschrottet werden sollen. Dahinter steckt nichts als Hass, Wut, Zorn, Rachsucht.
Gewiss, dies sind äusserst verständliche und urmenschliche Emotionen. Aber in der Gesetzgebung sollten rationale Überlegungen und wissenschaftliche Erkenntnisse zählen. Sich von derart starken Emotionen wie Wut leiten zu lassen, ist fatal.
1. Die Unverjährbarkeit pornografischer Straftaten an Kindern:
Wie gut ist die Beweislage, wenn zwischen Straftat und Prozess dreissig Jahre liegen? (Dabei gilt zu beachten, dass Indizien und Zeugenaussagen keinerlei Relevanz haben. Erstere beschreiben schlicht keine Realität, zweitere sind ausgesprochen unzuverlässig.) Wie gross die Enttäuschung, wenn der Verbrecher mangels Beweisen frei gesprochen wird? Wie massiv ist die Verächtung, die der unschuldige Angeklagte erleben muss? (Ja, teils werden völlig Unschuldige der Pädophilie verdächtigt. Ihr Leben wird dadurch höchst effektiv zerstört. – Hierbei sollte sich ein jeder überlegen, ob es besser ist, wenn Unschuldige angeklagt und verurteilt werden oder Schuldige nie auch nur verdächtigt werden.) Ist es verhältnismässig, dass selbst Tötungsdelikte nach dreissig Jahren verjähren, obenstehende Straftaten jedoch nie verjähren sollen?
2. Drakonische Strafen für Raser:
Wie viel lernt ein Raser daraus, wenn er mitansehen muss, wie sein Auto verschrottet wird? Was empfindet er dabei? Wäre den Opfer und seinen Angehörigen nicht mehr gedient, wenn man das Auto verkaufen würde und ihnen den Erlös zukommen lassen würde? So könnte man physischen und psychischen Schaden finanziell ersetzen, anstatt rachsüchtig Werte zu vernichten. Soll ein Kollektiv für die Taten Einzelner leiden, indem jeder Neulenker ein nur schwach motorisiertes Fahrzeug lenken darf? Ist es sinnvoll, einem Raser das Fahren für den Rest seines Lebens zu verbieten, während Mörder irgendwann wieder auf freien Fuss kommen? Sollte man nicht eher versuchen, Rasern anständiges Fahren beizubringen, als es ihnen ganz zu verbieten? Rast ein Raser ohne eigenes Auto und ohne Führerschein nicht mehr?
Gesetze, hinter denen Hass und Rachsucht steckt, haben einzig eine populistische Wirkung. Wenn ein Raserauto verschrottet wird, dann ist das sehr effektvoll und dann lassen sich damit viele Stimmen holen, aber Wut ist kein Argument für Repression. Es ist das Motiv.
Würden wir nicht besser Gladiatorenkämpfe legalisieren und uns daran ergötzen, statt mit Peitsche und Folterbank den Straftätern zu Leibe zu rücken? Zwar fühlen wir uns besser, wenn wir jemanden an den Pranger stellen und dann auspeitschen dürfen, aber die zu Grunde liegenden Probleme werden dadurch nur verschärft. Und Resozialisierung kann man ganz vergessen.