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Gleichartigkeit statt Gleichwertigkeit

Unterscheiden lassen sich die negative «Freiheit von etwas» (Zwang, Not, Staat) von der positiven «Freiheit zu etwas» (Meinungsäusserung, Niederlassung, Gewerbe).1

Ist die Unterscheidung zwischen negativen und positiven Freiheiten hilfreich, wenn sich jede der genannten konkreten Freiheiten auf beide Arten formulieren lässt? Die Freiheit von Not etwa als Freiheit zum Leben, oder die Freiheit zur Meinungsäusserung als Freiheit von Zensur?

Vielleicht könnte man negative Freiheiten als Freiheiten ansehen, bei denen die andern Leute etwas unterlassen (Vergewaltigung, Raub) müssen und positive Freiheiten als Freiheiten, bei denen die andern etwas leisten (Erste Hilfe, Steuerzahlungen) müssen?

Gleichheit wird von rechts mit der Warnung vor der Gleichmacherei bekämpft. Der Linken geht es aber nicht um Gleichartigkeit, sondern um Gleichwertigkeit, und sie versteht unter Gleichheit nicht nur die Chancengleichheit, sondern realen sozialen Ausgleich.1

Es ist etwas schwer zu glauben, dass es der Linken nicht um Gleichartigkeit geht, wenn sie versucht, mit einer 1:12-Initiative die Löhne der Menschen anzugleichen. Generell scheint sich die Linke mit der Ungleichartigkeit schwer zu tun. Sie fürchtet sich vor biologischer Ungleichartigkeit, bekämpft ungleichartige Geschlechterrollen und forciert einen Normlebensstil, dem man nur entgehen kann, wenn man bereit ist, viel zu zahlen, sei es in Form von Steuern, Bussen oder hohen Schwarzmarktpreisen. Ginge es der Linken wirklich nur um die Gleichwertigkeit, sollte sie nicht reflexiv in jeder Ungleichheit eine Ungerechtigkeit sehen.

Der Wirtschaftsliberalismus stellt die Freiheit über alles und negiert die ungleichen Voraussetzungen sowie Auswirkungen des Konkurrenzkampfs auf dem Markt.1

Nein. Ich bin wirtschaftsliberal, aber dem Konkurrenzkampf eher abgeneigt, ob der Konkurrenzkampf nun auf Märkten stattfindet oder in Staatsapparäten.

Die bürgerlichen Slogans «Freiheit statt Sozialismus» oder «Mehr Freiheit – weniger Staat» konstruieren einen Gegensatz zwischen Individuum und Gesellschaft.1

Nein, sie konstruieren einen Gegensatz zwischen menschlichen Beziehungen und Institutionen, hinter denen die aggressive Androhung von Gewalt (gegen Leib, Leben und Eigentum) steht und solchen, bei denen dies nicht der Fall ist.

Demgegenüber verläuft der Gegensatz aus linker Sicht zwischen dem jenseits der Gesellschaft imaginierten vereinzelten Wirtschaftssubjekt und dem gesellschaftlich eingebundenen Individuum. Dabei gilt für Linke die ebenso selbstverständliche wie schwierige Gleichung: ohne Freiheit keine Gleichheit, ohne Gleichheit keine Freiheit.1

Das Wirtschaftssubjekt ist nicht grundsätzlich vereinzelt. Wirtschaftsbeziehungen können Individuen einander näher bringen und sie gesellschaftlich einbetten. Wenn die Beziehungen, ob wirtschaftlich oder nicht, aber forciert werden, dann führt das eher zu Entfremdung. Doch das tut der Staat. Er bindet die Individuen mit Ketten in die Gesellschaft ein. Er lässt sie nicht selber wählen, mit welchen Menschen sie in Beziehungen treten, sondern zwingt sie dazu, miteinander zu verkehren. Ob in der Schule, im Militär oder im Geschäftsleben. Er lässt nicht zu, dass Menschen voneinander Abstand nehmen, wenn sie unterschiedliche Interessen, Werte oder Kulturen haben, sondern lässt sie um die Gunst des Staates buhlen, auf dass dieser nicht sie selber, sondern die andern unterjoche.


  1. Stefan Howald – Liberalismus: Eine kleine Geschichte der Freiheit [] [] [] [] []

Demut statt Meritokratie

[Yves Wegelin, Andreas Fagetti:] Die 1:12-Initiative greift in die Wirtschaftsordnung ein, an die Sie glauben. Friedrich Hayek, einer Ihrer Vordenker, schrieb 1944: «Wir haben nicht die Absicht, aus der Demokratie einen Fetisch zu machen.» Wie weit reicht Ihr Bekenntnis zur Demokratie?
[Gerhard Schwarz:] Wenn der Souverän sich für die 1:12-Initiative ausspricht, dann hat er so entschieden. Es bleibt einem in der Demokratie nichts anderes übrig, als ständig für seine Ideen zu kämpfen.1

Es erstaunt mich schon sehr, dass die WOZ hier nicht weiterfragt. Kommt es ihr nicht ein wenig verdächtig vor, dass Schwarz mit einer Tautologie und einer Binsenweisheit antwortet?

Es geht darum, wie der Reichtum innerhalb des gemeinsamen Staates verteilt werden soll.
Ich finde nicht, dass Sie darüber entscheiden sollten, was mir gehören soll.

Dann halten Sie die gesamte Steuerpolitik, in der es darum geht, wer wie viel beisteuert, für illegitim?
Natürlich ist die Steuerpolitik nicht unproblematisch. Hier muss man aber dem Schweizer Souverän ein Kränzchen winden, er ist in Steuersachen zurückhaltend. Die Demokratie hat Grenzen: Es gibt Grundrechte, die sie respektieren muss, darunter fällt auch das Eigentumsrecht. Wenn achtzig Prozent der Bevölkerung den übrigen zwanzig Prozent ihr Geld wegnehmen, ist das, Demokratie hin oder her, Konfiskation, Enteignung. Wenn hingegen hundert Prozent zusammenkommen und eine Mehrheit entscheidet, dass alle einen Teil für gemeinsame Aufgaben hergeben sollen, auch diese Mehrheit selbst, sehe ich kein Problem.1

Letzteres ist natürlich nur in freiwilligen Demokratien, d.h. in Organisationen, in denen die Demokratie ein Entscheidungsprinzip ist, der Fall. Wo die Demokratie eine Staatsform ist, kommen nicht hundert Prozent in Frieden und Freiwilligkeit zusammen, sondern da zwingt die eine Gruppe der andern ihre Herrschaft auf.

Zurück zu den bevorstehenden Initiativen: Für jede gibt es gute liberale Argumente, denen auch Sie zustimmen müssten …
Ach ja? Da bin ich jetzt gespannt!

Die 1:12- und die Mindestlohninitiative fordern, dass sich Leistung lohnen muss. Die Erbschaftssteuerinitiative will, dass jedes Individuum mit denselben Bedingungen ins Leben startet.1

Meritokratie und Egalitarismus sind nicht dasselbe wie Liberalismus. Oft stehen sie orthogonal zueinander und manchmal widersprechen sie einander sogar. Beispielsweise dort wo die Eigentumsfreiheit auf Mindestlohninitiativen und Erbschaftssteuerinitiativen trifft.

Sollten dann aber nicht alle die gleichen Chancen haben, Herzchirurgin oder -chirurg zu werden? Genau das ist der Gedanke hinter der Erbschaftssteuerinitiative.1

Was bedeutet Chancengleichheit? Menschen werden mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Talenten geboren. Und zwar von Eltern, die unterschiedlich kompetente Väter und Mütter sind und in Elternhäuser, die (nicht nur finanziell) unterschiedlich ausgestattet sind und in unterschiedliche Beziehungsnetze eingebettet sind. Dann kommen sie in Schulen mit unterschiedlich kompetenten Lehrern, die unterschiedliche Ressourcen zur Verfügung haben und unterschiedlich unterrichten. Schliesslich treffen sie im übrigen Umfeld auf unterschiedlich begabte und einflussreiche Menschen.

Wo soll die Chancengleichheit also nun ansetzen? Soll der Staat die Fortpflanzungsmedizin fördern und allen künftigen Eltern den Zugang zur pränatalen Diagnostik finanzieren? Soll die Vereinigungsfreiheit eingeschränkt werden? Doch kann der Staat Chancen am einen Ort fördern, ohne sie am andern Ort einzuschränken? Welche Chancen sollen ausgeglichen werden? Die Chance, in jedem Restaurant ein Bier trinken zu können oder die Chance, selber zu bestimmten, wenn man in sein Restaurant lässt?

Das meiste wird er ohnehin geerbt haben. Resultat: In der Schweiz besitzt 1 Prozent 99 Prozent aller Vermögen. Das sind beinahe feudale Zustände.
Der Feudalismus hat nichts mit Vermögensverteilung zu tun, sondern mit Macht. Sie setzen fälschlicherweise Vermögen mit Macht gleich.1

Ich überlasse es dem Leser, über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede des Verhältnisses vom Bürger zum Staat in der heutigen semikapitalistischen Sozialdemokratie und des Verhältnisses von Bauern zum Grundeigentümer im historischen Feudalismus nachzudenken.

Sie haben mal gesagt: «Reichtum verpflichtet, Adel verpflichtet, Geldadel verpflichtet doppelt.» Offensichtlich glauben Sie selbst an eine Art Geldadel.
Ich wollte damit nur zum Ausdruck bringen, dass reiche Leute eine moralische Verpflichtung haben. Aber wir haben keine feudalen Verhältnisse.1

Damit kommen wir zu den Problemen mit der Meritokratie. Die Meritokratie steht und fällt mit der Definition der Leistung und des Verdienstes. Doch Leistung hat hunderte Facetten, Menschen werden ungleich geboren und die nepotische Natur des Menschen lässt sich nicht ausschalten. Die Einführung der Meritokratie bewirkt deshalb vor allem, dass die Leute, die mit Glück gesegnet worden sind, selbstzufrieden und selbstgerecht werden. Noblesse oblige bedingt jedoch, dass die Glücksgesegneten anerkennen, dass ihr Glück eben ihr Glück ist und nicht ihr Verdienst. Die Meritokratie impliziert jedoch, dass jeder das Schicksal hat, das er verdient. Folglich fördert die Meritokratie Hochmut, wo Demut und Dankbarkeit angemessener wären.


  1. «Ich finde nicht, dass Sie darüber entscheiden sollten, was mir gehört» [] [] [] [] [] []

Gleichstellung und Sexismus

Philippe Wampfler hat anlässlich des Frauentags eine Liste mit Geboten erstellt, die man seiner Überzeugung nach befolgen sollte, um die Gleichstellung von Mann und Frau zu fördern:

1. Sich ein Bewusstsein bilden: Kritisch sein. Nachrichten, Werbung, Medien kritisch hinterfragen. Geschlechterklischees und -rollen erkennen.1

Einverstanden.

2. Den Fernseher ausschalten, wenn GNTM läuft. Immer. Sich die Miss Schweiz Wahlen auch nicht ironisch anschauen. (Das klingt jetzt arg moralistisch – aber irgendwie schauen alle diese Sendungen mit der nötigen kritischen Distanz und essen am Tag drauf trotzdem nur Salat. Es bleibt etwas hängen.)1

Etliche Feministen lehnen Schönheitswettbewerbe ab. Ich habe nie verstanden wieso.

Dass dies Frauen angeblich auf ihr Äusseres reduziert und dass dies etwas Schlechtes sei, lehne ich (u.a. wegen meinem atheistisch-materialistischen Physikalismus) als Argument ab. Denn dann würden auch Sportler auf ihre Muskulatur und Schachwettkämpfer und Buchstabierwettbewerbler auf ihre Intelligenz reduziert. Man dürfte sich also auch Fussballspiele oder ‘Wer wird Millionär?’ nicht ansehen.

Man könnte argumentieren, dass Miss-Wahlen gefährliche oder schädliche Schönheitsideale vermitteln. Manche Personen lehnen Schönheitsideale sogar grundsätzlich ab. Das ist ein doppelter Irrtum. Ich halte es weder für möglich noch für wünschenswert, keine Schönheitsideale zu haben.

Menschen sind von Natur aus Idealisten. Sie haben gewisse Wunschvorstellungen, wie sich andere Menschen zu verhalten haben, wie Innenräume, Gärten, Kleider, Speisen etc. gestaltet sein sollte. Verhaltensideale sind eine zivilisatorische Grundlage. Ohne diese wäre es uns egal, ob das Gesetz Massenmord oder Frieden vorschreibt. Ohne Architekturideale würden wir uns in einer alten Hütte genauso wohl fühlen wie in einem 5-Sterne-Penthouse. Ohne Essensideale würden wir ebenso gern aus einem Schweinetrog wie aus Porzellantellern essen. Ohne Schönheitsideale würden gleich viel Leute ein Foto von faulem Obst als Bildschirmhintergrund wählen wie ein Foto von Jessica Alba. Wir sehen, dass Ideale zwar sehr unterschiedlich sein können, dass es aber niemanden gibt, der keine Ideale hat. Denn Ideale mögen Kulturprodukte sein, aber in ihrem Kern liegen jeweils evolutionär einprogrammierte Instinkte, die uns helfen, zwischen essbarer und giftiger Nahrung, zwischen sicheren und gefährlichen Schlafquartieren, zwischen fertilen und ungesunden Sexualpartnern zu unterscheiden.

Bleibt die Frage, ob die gegenwärtigen Schönheitsideale schädlich sind und ob es vielleicht besser wäre, wenn sich die Leute weniger um Schönheit kümmern würden. Letzteres glaube ich nicht. Mag sein, dass sich damit etwas ‘Bequemlichkeit’ gewinnen liesse, doch die Strassen sind schon heute voller uniformierter und stilloser und mangelhaft gepflegter Menschen. Man sollte die Leute folglich dazu motivieren, ein stärkeres und individuelleres Stilbewusstsein zu entwickeln und ihnen nicht erzählen, Schönheit sei unwichtig oder nur das Innere zähle.

Was ersteres und letzteres anbelangt, bin ich der Meinung, dass das Problem nicht ein spezifisches Schönheitsideal oder ein hoher gesellschaftlicher Wert der Schönheit ist, sondern ein neurotischer Umgang mit der Schönheit. Ein Mangel an Gelassenheit gibt es jedoch nicht nur bei den Schönheitsidealen, sondern bei nahezu allen Idealen und Aspekten des Menschseins. Das Verhältnis vieler Menschen zu Sex, Arbeit, Pornografie, Geld, Drogen, Kindern, etc. etc. könnte man durchaus als neurotisch bezeichnen.

3. Frauen wählen. (Aktuelle Quote im NR: 29%, SR: 19%).1

Ich versuche, hier eine Geschlechtsblindheit zu praktizieren und jeweils die liberalsten Kandidaten zu wählen. Dies führt jedoch dazu, dass ich nur wenige Frauen wähle. Einerseits weil weniger Frauen kandidieren, andererseits weil die weiblichen Kandidaten tendenziell weniger liberal sind, resp. unter den liberalsten Kandidaten nur unterdurchschnittlich vertreten sind.

Hat dies sexistische Gründe? Das einzige, was mir an Möglichkeiten einfällt, wäre, dass bei Männern Abweichlertum und Exzentrismus eher toleriert werden als bei Frauen. (Doch ist dies tatsächlich so? Ich habe Zweifel.) Da der Libertarismus eine minoritäre, unbeliebte, oft belächelte und bisweilen verhasste Philosophie ist, könnte dies der Grund sein, wieso er mehr Männer anzieht.

Ich würde mir durchaus wünschen, dass mehr Frauen zu Ultraliberalen werden und die Parteipolitik aufmischen oder bloggen. Aber ich weiss nicht, wie ich dazu beitragen kann, dass dies mehr Frauen tun.

4. Frauen und ihre Leistungen sichtbar machen: Bücher von Frauen lesen. Biographien von Frauen nachschlagen. Sport von Frauen ansehen.1

Auch hier gibt es Probleme mit der Umsetzung. Die Bücher, die ich lesen will, werden vorwiegend von Männer geschrieben. Ich weiss nicht, ob es generell weniger weibliche Autoren gibt, aber jene Genres, die ich bevorzuge, scheinen durchaus einen gewissen Männerüberschuss zu haben.

Wieso ist das so? Vielleicht wegen sexistischen Rollenbildern, die dazu führen, dass Frauen eher die Finger von Science Fiction und Philosophie lassen, während Männer eher dazu ermutigt werden?

Ich weiss es nicht, aber ich übe mich auch hier in der Geschlechtsblindheit und lese jene Bücher, die mir am meisten gefallen, unabhängig von Geschlecht und Nation des Autors.

5. Nicht automatisch Männer für besser qualifiziert halten, weil sie viel von ihren Qualifikationen erzählen.1

Das klingt etwas sexistisch, was paradox ist, da das zugrunde liegende Problem höchstens indirekt sexistisch ist.

Ich würde die Forderung wie folgt formulieren: Nicht automatisch jene Personen für besser qualifiziert halten, die viel von ihren Qualifikationen erzählen.

Denn es gibt auch Frauen, die gerne und viel von ihren Qualifikationen reden. So wie es Männer gibt, die dies ungern und nur selten tun. Dies bedeutet, dass manche Frauen hier besser gestellt sind als manche Männer. Aber wenn Frauen ihre Leistungen tendenziell weniger anpreisen als Männer, dann sind sie als Kollektiv betrachtet natürlich stärker benachteiligt. Und wenn Frauen eher zur Bescheidenheit und Männer eher zur Selbstanpreisung erzogen werden, dann stecken hinter der Ungleichheit durchaus sexistische Ursachen.

6. Teilzeitarbeit möglich und populär machen – gerade für Männer.1

Wenn viele Leute teilzeit arbeiten möchten und das geringere Einkommen akzeptieren, wären mehr Teilzeitstellen durchaus wünschenswert. Teilzeitarbeit und Vollzeitarbeit sollten auch das gleiche Ansehen geniessen. Man kann nicht sagen, dass eine Form der Arbeit besser ist, genauso wie man nicht sagen kann, dass Hochschullehrer ein besserer Beruf sei als Bäcker. Für ein bestimmtes Individuum mag dies durchaus so sein, doch Kollektivurteile sind hier fehl am Platz. Von daher habe ich etwas Bedenken, was das ‘populär Machen’ der Teilzeitarbeit anbelangt.

Der Staat könnte viel dazu beitragen, die Teilzeitarbeit einfacher zu machen. Nicht indem er für die Unternehmen neue Regulierungen kreiert oder Werbekampagnen finanziert, sondern indem er die Menschen finanziell weniger stark belastet. Nicht nur direkt über tiefere Steuersätze, sondern auch indem er das Immobilienwesen und das Gesundheitssystem liberalisiert. Er sollte also aufhören, Geld in den Immobiliensektor zu pumpen und die Immobilienpreise aufzublähen und zugleich das Wohnungsangebot zu beschränken und er sollte einen viel freieren Markt im Gesundheitssektor zulassen, was dazu führen würde, dass der einzelne Bürger einen deutlich geringeren Teil seines Einkommens für Krankenkassen und dergleichen aufwenden müsste.

Die Leute hätten dann geringere Fixkosten (wegen tieferen Steuern, Wohnkosten, Gesundheitskosten) und könnten mit geringerem Arbeitsaufwand (d.h. geringerer Wochenstundenanzahl oder mehr Ferien) das gleiche effektive Einkommen erreichen wie heute.

7. Körper nur dort in den Blick nehmen, wo Körper relevant sind. Coiffeusen müssen Haare schneiden und smalltalken. Verkäuferinnen beraten und tippen.1

In einem gewissen Rahmen mag dies durchaus sinnvoll und empfehlenswert sein. Ob ein Vermögensverwalter einen Anzug oder einen Kimono trägt, sagt ja höchstens indirekt etwas über dessen Fähigkeiten als Vermögensverwalter aus. Und welche BH-Grösse eine Schriftstellerin hat, sagt kaum etwas über deren Bücher aus.

Andererseits ist die Forderung absurd. Wir Menschen sind körperliche Wesen genauso wie wir intellektuelle und emotionale Wesen sind. Wir können nicht einfach einen Teil dieses Ganzen ignorieren. Zu verlangen, den Körper der Coiffeuse zu ignorieren, ist ähnlich abstrus wie zu verlangen, man solle ihren Verstand ignorieren.

Im Unterton dieser Forderung schwimmt zudem eine deutliche Abwertung des Körperlichen mit und damit auch ein puritanistischer Körper-Geist-Dualismus. Dies wird deutlich, wenn man diese siebente Forderung umdreht: ‘Den Intellekt nur dort in den Blick nehmen, wo der Intellekt relevant ist. Models müssen gut aussehen und in Schuhen mit hohen Absätzen laufen können. Nachrichtensprecherinnen hübsch sitzen und wohlklingend sprechen können.’ Diese inverse Aussage würde von vielen als frauenfeindlich, sexistisch und machistisch kritisiert. Wieso ist dies bei der ursprünglichen Aussage nicht der Fall? Wieso kann man Frauen auf ihr Hirn ‘reduzieren’, aber nicht auf ihren Körper?

8. Gesunde Beziehungen leben: Hausarbeit und Betreuung teilen. Erwartungen aussprechen und diskutieren. Möglichkeiten sehen, Freiheiten ermöglichen.1

Gesunde und glückliche Beziehungen sind jedoch auch möglich, wenn die eine Person einer Erwerbsarbeit nachgeht und die andere sich um die Hausarbeit kümmert. Man kann und soll die beiden Formen des Zusammenlebens durchaus als gleichwertig ansehen und die Leute sollen jene Form wählen, die sie am glücklichsten macht.

Es wäre falsch, das Teilen der Hausarbeit, Betreuung und Erwerbsarbeit anzupreisen, indem man das andere Modell verunglimpft. Denn meines Erachtens sollte es um Wahlfreiheit gehen und um die Senkung des sozialen Drucks, nicht darum, die verschiedenen Arten, sein Leben zu gestalten, gegeneinander auszuspielen.

9. Lohntransparenz einfordern: In der Pause Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen fragen, wie viel sie verdienen. Erzählen, wie viel man selbst verdient.1

Durchaus ein sinnvoller Vorschlag, auch wenn viele Schweizer nicht gerne über den Lohn sprechen (was meines Erachtens eher eine Tugend ist als eine Sünde).

10. Mütter, werdende Mütter und Frauen im besten Mutteralter befördern, in die Arbeitswelt einbinden – und ihnen die Verbindung von Arbeit und Beruf ermöglichen.1

Auch hier muss gelten, dass die Wahlmöglichkeiten zunehmen sollen. Es wäre nicht gut, wenn der soziale Druck gleich bleiben würde und sich lediglich die Erwartungen an die Frauen ändern würden. Denn es ist nicht besser, Frauen dazu zu drängen, zu arbeiten und Kinder aufzuziehen als sie dazu zu drängen, daheim zu bleiben und Kinder aufzuziehen.

Zudem stellt sich die Frage nach dem Kindeswohl. Also ob es besser ist, wenn das Kind vorwiegend von einem Elternteil betreut wird als von beiden gleichermassen und ob ein hoher Anteil an Fremdbetreuung besser ist als ein tiefer.

11. Mit Frauen über Fussball, interessante Bücher und Politik sprechen – mit Männern über Feuchtigkeitscrèmene, Epiliermethoden und Mode.1

Absolut.

12. Menschen als Individuen anschauen und nicht als Frauen oder Männer. Kochen, Texte schreiben, Tennis oder Geige spielen kann man nicht deswegen, weil man bestimmte Chromosomen hat – sondern weil man es geübt hat und weil man die dazu nötigen Fähigkeiten hat.1

Ja, man sollte Menschen als Individuen ansehen und nicht als Teil eines Kollektivs.


  1. Philippe Wampfler – Was sich ändern muss [] [] [] [] [] [] [] [] [] [] [] []

Mit Sexismus in den Wahlkampf

Weil die Frauen nicht 50% der Nationalräte und Ständeräte ausmachen, rufen nun die Frauenverbände dazu auf, Frauen zu wählen:

«Frauen bauen Zukunft» ist eine Initiative der schweizerischen Frauendachverbände zu den Eidgenössischen Wahlen 2011. Wir engagieren uns, damit am 23. Oktober mehr Frauen ins Parlament gewählt werden.
[...]
Auch 40 Jahre nach der Einführung des Frauenstimm- und Wahlrechts ist die Machtverteilung in Politik und Wirtschaft in der Schweiz deutlich zu Ungunsten der Frauen. Der Frauenanteil in den Eidgenössischen Räten beträgt aktuell:

Ständerat 20,5% (9 von 44 Sitzen)
Nationalrat 29,5% (59 von 200 Sitzen)
[...]
Wir rufen Wählerinnen und Wähler, Parteien und Organisationen dazu auf, bei den kommenden Wahlen für eine deutliche Erhöhung des Frauenanteils im Parlament zu sorgen.1

Um dieses Ziel zu erreichen, dürfen auf frauenbauenzukunft.ch2 etliche Politikerinnen ein Statement dazu abgeben, wieso man mehr Frauen wählen sollte. Dies ist gut und recht und das Ziel ist durchaus nicht unsymapthisch, aber wenn man sich die Aussagen mancher dieser Politikerinnen ansieht, dann kommt man rasch ins Stutzen:

Es braucht mehr Frauen im Parlament, weil Frauen unabhängiger politisieren.
- Marianne Kleiner, Nationalrätin FDP

Auf den ersten Blick klingt dieses Statement sexistisch, auf den zweiten Blick entpuppt es sich jedoch als aussagelos. Denn so etwas wie eine generelle Unabhängigkeit gibt es nicht. Man kann immer nur in spezifischen, eng begrenzten Bereichen unabhängig sein. Man kann beispielsweise unabhängig von staatlichen Subventionen sein, vom Einkommen des Lebenspartners, von der Droge Alkohol, von einer Kirche, von einer Partei, von Atomstrom oder von Erdölimporten. Aber man kann nicht von allem gleichzeitig unabhängig sein.

Frauen haben andere Lebensgeschichten als Männer. Sie gehen Probleme anders an und sollten anteilsmässig in der Politik vertreten sein, um ihre Erfahrungen einbringen zu können.
- Anita Lachenmeier, Nationalrätin GP

Frauen mögen tendenziell andere Lebensgeschichten haben als Männer, weil sie im Schnitt eine etwas andere Berufswahl treffen. Doch die Lebensgeschichten von Frauen und Männern sind nicht grundlegend unterschiedlich. Im Gegenteil: Die intrageschlechtlichen Unterschiede sind wohl viel grösser als die durschnittlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Die Lebensgeschichten eines weiblichen und eines männlichen Managers sind sich ähnlicher als die Lebensgeschichten eines männlichen Managers und eines männlichen Strassenarbeiters.

Nach mehr als 21 Jahrhunderten ist die Zeit überreif, dass auch die weibliche Hälfte der Bevölkerung endlich mindestens zu 50% in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft vertreten ist.
- Maya Graf, Nationalrätin Grüne, 2. Vizepräsidentin des Nationalrates

Nach mehr als 21 Jahrhunderten von was? Nach mehr als 21 Jahrhunderten Christentum? Sonst gibt es ja meines Wissens nach nichts Nennenswertes, das ungefähr seit 21 Jahrhunderten existiert. Aber was haben 2000 Jahre Christentum genau mit der weiblichen Vertretung in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zu tun?

Es gibt keinen Landstreifen, der die letzten 21 Jahrhunderte unter christlicher Herrschaft gewesen wäre. Dafür gab es in Europa einige Königinnen. Und wo diese alle 3 Staatsgewalten in sich vereinigt haben, war die höchste Politik vollständig in weiblicher Hand.

Und wieso überhaupt zu mindestens 50%? Sollte das nicht ungefähr 50% heissen? Oder soll die Berufsgestaltung von Frau und Mann nicht angeglichen, sondern umgekehrt werden? Soll es in Zukunft mehrheitlich weibliche Manager und Chefärzte und mehrheitlich männliche Lehrer, Hausfrauen und Hebammen geben?

Frauen kennen die Realität in der Familie, im Beruf. Sie bringen diese Erfahrung in Diskussionen um politische Inhalte ein. Das Zusammentreffen dieser zum Teil unterschiedlichen Zielvorstellungen von Frau und Mann ermöglicht eine gesamtheitlichere Betrachtungsweise und eine qualitativ bessere Politik.
- Ursula Haller Vannini, Nationalrätin BDP

Männer kennen die Realität in der Familie, im Beruf auch. Manche besser, manche schlechter.

Es braucht mehr Frauen im Parlament, weil sie kompetent und mutig, mit Vernunft und Entschlossenheit politisieren.
- Marianne Streiff-Feller, Nationalrätin EVP

Dieses Statement impliziert, dass Männer inkompetent, mutlos und mit Unvernunft und Unentschlossenheit politisieren. Denn sonst könnte man als Argument, wieso es mehr Frauen im Parlament braucht, nicht anführen, dass Frauen kompetent und mutig politisieren.

Es braucht mehr Frauen im Parlament, weil sie eine andere Sicht und andere Erfahrungen in die Politik einbringen.
Ohne Frauen ist kein Staat zu machen.
- Prisca Birrer-Heimo, Nationalrätin SP

Aber keine grundlegend andere Sicht und praktisch keine Erfahrungen, die nicht auch Männer machen können. So wie ich das sehe, sind die intrageschlechtlichen Unterschiede diesbezüglich sehr viel grösser als die intergeschlechtlichen. Will heissen: Die Sichtweise eines weiblichen und eines männlichen Nihilisten sind sich ähnlicher als die Sichtweisen einer Atheistin und einer Muslimin. Und die Erfahrungen einer Mutter und eines Vaters sind sich ähnlicher als die Erfahrungen eines zölibatären katholischen Mönches und eines libertinen Callboys.

Es braucht mehr Frauen im Parlament, weil sie ganzheitlich denken und kompetente Sachpolitik machen.
- Ida Glanzmann, Nationalrätin CVP

Man stelle sich einen Mann vor, der sagt: ‘Es braucht mehr Männer im Parlament, weil sie rational denken und sich nicht von kindischen Emotionen lenken lassen.’

Diese Aussage würde zu Recht als sexistisch aufgefasst und man läge wohl nicht falsch, wenn man ebendiesen Mann als Macho und Chauvinist bezeichnen würde.

Der Blick der Frauen ist oft ganzheitlicher, lebensnaher und geprägt von der Suche nach Nachhaltigkeit und der Sorge für die kommenden Generationen. Es braucht vermehrt Frauen in der Politik, die ethisch und generationenübergreifend denken, Frauen, die sich bewusst sind, dass ihre gesellschaftspolitische Analyse für die Zukunft unserer Gesellschaft ausschlaggebend ist.
- Lucrezia Meier-Schatz, Nationalrätin CVP

Ich frage mich, wie Meier-Schatz auf die Idee kommt, dass der Blick der Frauen oft lebensnaher und nachhaltiger ist als der der Männer. Eine Studie kann kaum der Grund dafür sein. Vielleicht ihre persönliche, voreingenommene, unrepräsentative Erfahrung?

Oder nicht einmal das?

Unsere gesellschaftliche Zukunft ist gekoppelt an die politische, ökonomische und soziale Einflussnahme der Frauen. Denn es sind vor allem die Frauen, die sich für die Umsetzung von Einkommensgerechtigkeit, die Gleichberechtigung bzw. Chancengleichheit in Beruf und Familie sowie für die sozioökonomische Partizipation einsetzen!
- Katharina Prelicz-Huber, Nationalrätin Grüne

Prelicz-Huber zeigt, dass Frauen ebenso gut darin sind, irgendwelche Behauptungen aufzustellen, um damit die Überlegenheit der eigenen Gruppe zu demonstrieren, wie Männer. Und auf eine Art ist dies ja auch ein Beitrag zur Gleichstellung.

Es braucht mehr Frauen im Parlament, weil sie ganzheitlich denken und handeln.
- Kathy Riklin, Nationalrätin CVP

Dear hell, das Wörtchen ‘ganzheitlich’ ist ziemlich beliebt bei diesen Politikerinnen. Dumm nur, dass es so vage ist, dass es so gut wie frei von jeglicher Bedeutung und Aussagekraft ist.

Es braucht mehr Frauen, weil sie eine andere Sicht in die Politik einbringen.
- Barbara Schmid-Federer, Nationalrätin CVP

“Es braucht mehr Nihilisten, weil sie eine andere Sicht in die Politik einbringen.”
“Es braucht mehr Islamisten, weil sie eine andere Sicht in die Politik einbringen.”
“Es braucht mehr Anarchisten, weil sie eine andere Sicht in die Politik einbringen.”
“Es braucht mehr Jainisten, weil sie eine andere Sicht in die Politik einbringen.”

Eine andere Sicht in die Politik zu bringen, ist nicht an und für sich etwas Gutes. Ausser man geht davon aus, dass wirklich jede einzelne Ideologie, die es gibt, in der Politik vertreten sein sollte. Aber ich glaube kaum, dass sich Schmid-Federer wünscht, dass auch ein Nazi im Parlament sitzt.

Fazit:
Der Website frauenbauenzukunft.ch würde es nicht schaden, wenn sie ein paar Aussagen löschen würde und die Politikerinnen bitten würde, ihre Statements mit harten, nicht sexistischen, ausführlichen Argumenten zu untermauern.


  1. frauenbauenzukunft.ch []
  2. via Michael Marti – Gender-Kitsch im Wahlkampf []