Über Kündigungsschutz und Ethik (nebst dem Neusprech zweier Sozialisten)

Der Kanton bringt auf der Website seiner Standortförderung die Vorteile des Schweizer Büezers so auf den Punkt: «Die Kündigung eines Mitarbeiters, sei es wegen ungenügender Leistung oder wegen Kapazitätsabbau, ist ohne grosse Formalitäten möglich.»
[...]
«Das ist nur noch zynisch und dumm», sagt Paul Rechsteiner, SP-Nationalrat und Präsident des Gewerkschaftsbundes. «Die gut gebildeten Arbeitskräfte sind der wichtigste Rohstoff der Schweiz. Wenn der Kanton Obwalden nun die Hire-and-Fire-Mentalität unterstützt, gefährdet er wichtige Eigenschaften wie Zuverlässigkeit und Loyalität.» Wer jederzeit mit einer Kündigung rechnen müsse, setze sich nicht mehr voll für eine Firma ein.1

Ich weiss nicht, wo sich Rechsteiner mehr irrt, in seinem Urteil über die Natur des Menschen oder in seinem Lösungsvorschlag für ein erträumtes Problem.
Mir scheint, Loyalität entsteht kaum dadurch, dass der Arbeiter das Gefühl hat, nicht sofort entlassen zu werden. Leute werden auch kaum zuverlässiger, indem sie möglichst eine lebenslange Garantie für ihren Arbeitsplatz erhalten. Nein, Loyalität und Zuverlässigkeit entspringen der Identifizierung des Arbeiternehmers mit dem Unternehmen, der Wertschätzung, die das Unternehmen dem Arbeiter entgegen bringt und seiner generellen Zufriedenheit.
Dazu liegt es im Interesse jedes Unternehmens, die Arbeitnehmer gut zu behandeln und ihre Loyalität und Zuverlässigkeit zu fördern. Denn Arbeiter, die sich wohl fühlen, sind schlicht produktiver, als solche, die nur mit Müh’ und Not ihren Ärger unterdrücken können. Dazu stellen gute Arbeitsbedingungen eine Notwendigkeit dar, um die besten (die passendsten) Arbeitnehmer einstellen zu können. Ein Unternehmen, das sich nicht um die Arbeiter schert, das wird über kurz oder lang von seinen Konkurrenten überholt und wird entweder aufgekauft oder geht bankrott. (Vorausgesetzt natürlich, der Marktzutritt ist frei, was der Staat und Leute wie Rechtseiner jedoch mit allen Mitteln zu verhindern versuchen.)
Als Lösung dieses imaginären Problems sieht Rechtseiner (natürlich) einen starken Kündigungsschutz. Kündigungsschutz klingt gut, hat einen angenehm sozialen Ton und Verspricht Sicherheit in Zeiten der Unruhe. Doch es ist ein Euphemismus. Kündigungsschutz ist nichts anderes als ein Eingriff in die Eigentumsrechte der Unternehmen/Arbeitgeber und stellt somit ein Akt der Gewalt dar. Zwang und Gewalt aber führen immer nur zu (höchstens) win-lose- oder (meistens) lose-lose-Situationen, sind dem Wohlstand und der Wohlfahrt also in sehr direkter Art und Weise abträglich.

Laut dem Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann von der Universität St. Gallen verzichten diese Kantone aus gutem Grund: «In Europa ist es ungewöhnlich, dass ein Standort mit tiefen sozialen Standards für die Ansiedlung von Firmen wirbt.» Zu Ende gedacht, bedeutete die Obwaldner Botschaft nichts anderes als: Je weniger Rechte für die Arbeitnehmer, desto besser. «Eine solche Politik setzt soziale Errungenschaften aufs Spiel und untergräbt die Souveränität der Bürger», sagt Thielemann. «Wer so denkt, überlegt nicht mehr aus einem autonomen Standpunkt heraus, welches die beste Rechtsordnung ist, sondern unterwirft sich dem Renditeinteresse des globalen, vagabundierenden Kapitals.»1

Da ist er wieder, der gute alte Neusprech: Aus Zwang (Kündigungsschutz) wird plötzlich eine soziale Errungenschaft. Aus einem Eingriff in die Eigentumsrechte der Arbeitgeber werden Rechte für die Arbeitnehmer. Aus Gewalt wird die Souveränität der Bürger.
Aber sollte mich das Erstaunen? Sozialisten sind schliesslich bekannt für Doublethink und Newspeak und Thielemann ist allem Anschein nach einer. Wer anders sieht eine mysteriöse, dunkle Entität namens Kapital durch die Gassen huschen und von Land zu Land ziehen?

Laut Thielemann können Botschaften wie jene Obwaldens eine gefährliche Dynamik auslösen: «Ein Staat, der damit wirbt, dass er den Arbeitnehmern wenig Rechte gewährt, setzt die anderen Staaten unter Zugzwang.» Ähnlich wie im Steuerwettbewerb könnte es zu einem «race to the bottom» kommen, bei dem sich die verschiedenen Länder immer wieder unterbieten müssen, um noch als attraktiv zu gelten. «Im schlimmsten Fall wären die Staaten gezwungen, ihren Kündigungsschutz und ihre Arbeitnehmerrechte allmählich abzuschaffen», warnt der Wirtschaftsethiker.1

M-hm, der gute alte Ethiker, der politische Empfehlungen gibt. Empfehlungen, die eine gute Portion Zwang und Gewalt beinhalten. Ist es nicht erschreckend, dass sich eine solche Person nicht nur selbst Ethiker nennen darf, sondern auch von einer der grössten Zeitungen der Schweiz Ethiker genannt wird?

  1. Tages-Anzeiger – Obwalden wirbt mit schlechtem Kündigungsschutz: Die Standortförderung des Innerschweizer Kantons lockt ausländische Firmen mit dem Argument, dass man die Angestellten jederzeit problemlos entlassen könne. [] [] []

Der Staat kann nicht dürfen, was dem Bürger untersagt ist

Ethik bedeutet Allgemeingültigkeit. Eine Handlung, die also der einen Person erlaubt ist, darf der anderen nicht untersagt sein. Ein Recht, das der eine Mensch hat, muss auch der andere haben.

Ist diese Allgemeingültigkeit nicht gegeben, dann kann man nicht von Ethik und nicht von Rechten sprechen, sondern nur von Willkür und Privilegien.

Der Staat also, indem die Regierung bestimmte Handlungen durchführen darf, die dem einfachen Bürger verboten sind, widerspricht jedoch dieser Allgemeingültigkeit. Die Ausnahmestellung der Staatsbeamten kann also ethisch nicht legitimiert werden. Und dies unabhängig vom ethischen System, anhand dessen man den Staat bewerten will.

Organhandel

…from a strictly ethical point of view, people should be able to dispose of their organs for whatever reason they please. Why? If we agree that people have property rights in themselves, i.e., own themselves, they have a right to dispose of themselves anyway they please so long as they do not violate the property rights of others.1

  1. Walter E. Williams – My Organs Are For Sale []

Sezession, Rezession und der reine Markt

Vergesst die Islamisten, wir haben hauseigene Probleme: Radikale Christen drohen mit Anschlägen

-

Diese momentane Rezession ist kein Marktversagen, es ist Zeichen dafür, dass der Markt funktioniert und sich mit einem kleinen Fieber von der Krankheit die ihn befallen hat (staatliche Manipulationen des US-Dollars, des Häusermarktes und ähnliche Gräueltaten.), kuriert. ~ Matthew Parris – O ye of little faith! This economic crisis is evidence that the market is working / via reason.com – The Free Market at Work?

-

Die FDP lässt die Finger endgültig von der Freiheit und macht nun (wie immer: falsche, da nicht haltbare und die risikobehaftete Natur des Seins ignorierende) Versprechungen von Sicherheit: “Sichere Sozialwerke. Sichere Arbeitsplätze. Sicher leben.” Wenn das nicht das Programm einer semi-sozialistischen, durch und durch etatistischen und der Freiheit und dem Markt misstrauenden Partei ist. ~ Varia & Eventualia – Sicher liberal.

-

Wie wäre es mit einer Sezession? Das Free State Project wünscht sich dies nicht zwingend für New Hampshire, möchte es allerdings auch nicht explizit ausschliessen. Auf jeden Fall möchte das Free State Project aus dem ohnehin schon freiheitlichen New Hampshire einen libertären Minimalstaat machen. Nicht direkt nach meinem Geschmack, aber wenn’s schon nicht Anarchokapitalismus sein soll, dann ist Minarchie auf jeden Fall besser als die anderen Optionen. ~ Marco Kanne – Sezession: Freiheit hier und jetzt?!

-

Eine kurze Erklärung als Reaktion auf eine kurze Frage: Glauben Sozialisten eigentlich an das Soziale im Menschen?
Je sozialer und friedlicher die Leute sind, desto eher ist Anarchie möglich und desto unnötiger ist der Staat. (Dies sehen die meisten Leute ein.) Das umgekehrte ist jedoch auch der Fall: Je asozialer und gewaltbereiter die Leute sind, desto gefährlicher wird es, einen Staat zu etablieren (denn mit dem Staat gibt man einer bestimmte Personengruppe das Recht, Gewalt zu benützen. (Mittels monopolisierter Polizei und meist truppenstarkem Heer.) Je mehr gewaltbereite Leute eine Gesellschaft nun hat, desto mehr werden sich in den Regierungen und Polizeikorps wieder finden. Ja, sie werden aktiv in diese Positionen drängen, da sie dort ihre Neigungen frei ausleben dürfen.)
Somit spielt es keine Rolle, welches die vorherrschenden Charakterzüge in der menschlichen Population sind. Anarchokapitalismus ist das adäquate Gesellschaftssystem für uns, wenngleich ich betonen will, dass auch der Anarchokapitalismus kein Garten Eden bringen wird, sondern bloss mehr Freiheit und Wohlstand.

-

Dank dem Gewaltmonopol können Polizisten frank und frei in fremdes Eigentum eindringen und Hunde morden. ~ The Agitator – Puppycide

-

Nicht nur Hunde müssen sich fürchten, denn ab und an bekommen Familien, die nie irgendjemanden beheilligt haben, Besuch von einer paramilitärischen SWAT-Truppe. Grund: Der längst ausgezogene Sohn wurde zwei Mal wegen Hanfbesitz angezeigt. ~ The Agitator – Maryland State Police Raid Parents’ Home for Teen’s Misdemeanor Pot Charge

-

Schliesslich: Was wäre, wenn wir einen Neanderthaler klonen würden? Welche Rechte hätte dieser? Wie sollten wir mit ihm umgehen? Wo ziehen wir die Linie zwischen bewussten und unbewussten Lebensformen? Hat ein Mensch überhaupt ein Bewusstsein? Ein Neanderthaler? Ein Schimpanse? Eine Krähe? Wahrlich, die schwere moralische Frage, wie wie mit non-humanen Tieren umgehen sollen – so scheint es mir -, wartet immer noch auf ihre Antwort. ~ Radley Balko – Weekend Ethics Question / Ronald Bailey – Neanderthal Rights: The morality of resurrecting our closest evolutionary cousins

Die Ignoranz gegenüber mutwilliger Körperverletzung

Jeder Angriff der physischen Unversehrtheit einer Person stellt Köperverletzung dar. Körperverletzung ist nur dann gerechtfertigt und moralisch, wenn die verletzte Person zuvor ihr Einverständnis erklärt hat, oder, bei einem urteilsunfähigen Individuum, wenn unmittelbare medizinische Notwendigkeit bestanden hat, die Person also sonst gestorben oder irreversible Schäden genommen hätte.

Die Beschneidung der Vorhaut bei Kindern von Juden und Muslimen ist also im absoluten Grossteil aller Fälle als unmoralisch zu bewerten, auch wenn damit womöglich gewisse gesundheitliche Vorteile einher gehen. Es ist auch ein Beispiel von massloser Arroganz, wenn man meint, Messer an einen Kindskörper anlegen zu dürfen, ihn also ihn einem Zustand der äussersten Wehrlosigkeit seines Rechtes auf Selbstbestimmung zu berauben. Wie ruchlos muss man sein, um eine solche Schandtat zu begehen?

Wahre Moral…

A man’s ethical behavior should be based effectually on sympathy, education, and social ties; no religious basis is necessary. Man would indeed be in a poor way if he had to be restrained by fear of punishment and hope of reward after death.
~ Albert Einstein

Religion als Viagra…

I think religion for many people is some sort of moral viagra.
~ Daniel Dennett

Der asoziale Sozialstaat

Der angeblich „mehr Gerechtigkeit“ garantierende Wohlfahrtsstaat schürt den Neid indem er den Menschen die spontane soziale Verantwortung abnimmt, sie enthaftet, vereinzelt und vereinsamt und damit im schlechten Sinn egoistischer und individualistischer macht. Der real-existierende Sozialismus hat die mitmenschliche Sympathie und das intrinsisch Soziale reduziert und zerstört. Es gibt kaum etwas Asozialeres als den etatistischen Sozialismus.1

  1. Robert Nef – Wirtschaftsverachtung als feudalistisches Relikt []

Deine Feinde sind genauso gute Leute wie du

Es scheint zum guten politischen Ton zu gehören, seinem Gegner unlautere, niedere Motive zu unterstellen oder ihn gar als böse anzuschwärzen. Doch falscher könnte man nicht liegen. Es gibt sehr, sehr wenige Leute, die wirklich Böses tun wollen. Die also wissen, was das Gute wäre und dann das Gegenteil davon tun. Der normale Politiker hält das, was er tut, für gut und moralisch richtig. Auch wenn dies bedeutet, dass er in einen Krieg zieht. Selbst die Massenschlächter des letzten Jahrhunderts haben lediglich gemordet, weil sie dachten, damit eine gute Tat zu verüben. Böse sind lediglich eine Hand voll Psychopathen. Der gewöhnliche Verbrecher ist wohl genauso sehr überzeugt, moralisch richtig zu handeln, wie dein Lieblingspolitiker.

Bedeutet dies nun, dass jeder Recht hat und jeder Gutes tut?
Nein, es bedeutet nur, dass jeder glaubt, richtig zu handeln. Denn die Frage nach Gut und Böse lässt sich zu einem grossen Teil nur subjektiv beantworten (Am andern Part arbeiten momentan Evolutionsbiologen, -psychologen und Verhaltensforscher.). Der Suizidbomber, der dich mit sich zusammen in die Luft sprengen will, meint zwar, gut zu handeln, hat aber vermutlich ziemlich andere Wertvorstellungen als du. Der andere Fall sind jene Leute, mit denen man zwar die Wertvorstellungen teilt, die allerdings völlig andere Lösungsansätze haben als du. Die Sozialistin in deiner Nachbarschaft will zwar genau wie du eine offene, tolerante Gesellschaft, in der keiner unter Armut oder Diskriminierungen leiden muss. Aber statt wie du auf den Markt und freiheitliches, eigenverantwortliches Handeln zu setzen, plädiert sie für einen monströsen, diktatorisch-planwirtschaftlichen Staat.

Erstere Gegner musst du also von deinen Zielen überzeugen, letztere von deinen Mitteln. Was nun einfacher ist, bleibt eine offene Frage. Ein ebenso grosses Rätsel ist, ob man jemanden mit Argumenten dazu bringen kann, seine Position neu zu überdenken, der nicht mittels Vernunft und logischem Denken zu seiner Position gefunden hat.

Das Gute, das im Namen der Religionen getan wurde…

Gläubige jeglicher Religionen geben zu ihrer Verteidigung gerne an, wie viele Leute schon durch ihren Glauben dazu motiviert wurden, Gutes zu tun.

Doch würden all die Leute, die ihren Glauben als primäres Motiv für ihre Philanthropie ansehen, tatsächlich moralisch verfallen, würde ihr Glaube zerbrechen? Besteht bei vielen nicht eher ein inneres Bedürfnis, sich human und humanistisch zu verhalten, das existenzieller Teil ihres Charakters ist und somit wenig mit Göttern zu tun hat, viel mehr aber mit Empathie? Sind jene Leute überhaupt moralisch, die erst unter der Androhung von höllischen Torturen Gutes tun? Sind diese nicht eher Opportunisten? Besitzt man überhaupt eine Moral, wenn man einen himmlischen Diktator und von ihm in Stein gemeisselte Gesetze braucht, um moralisch richtig zu handeln? Sollte man nicht eher unter Zuhilfenahme der Ratio und des gesunden Menschenverstandes seine urpersönliche Ethik entwickeln? Sollte man nicht freiwillig ein guter Mensch sein? Sagen nicht all jene, die behaupten Atheisten seine zutiefst un- oder amoralisch, dass die Menschheit zu dumm ist, selber zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, und dass wir alle Peitsche und Zuckerbrot brauchen, um moralisch zu handeln? Ist dieses Menschenbild nicht ein wenig traurig, diktatorisch und misanthropisch?

Würde? Wer braucht schon Würde?

Jedermann hat Würde, auch Tiere, selbst Pflanzen haben Würde. Wie’s mit Pilzen und Bakterien steht, ist noch nicht geklärt.

Ich wäre eigentlich ganz glücklich ohne Würde. Solange ich Rechte habe. Und viel Freiheit. Um dem Menschen Rechte zuzugestehen, muss ich nicht vorher ein vages, schummriges Konzept namens Würde konstruieren und dies dem Menschen verleihen. Rationalität und Logik reicht dazu.

Das Recht nicht getötet zu werden, auch Mord ist verboten genannt. Äusserst sinnvoll. Einerseits aus ganz egoistischen Gründen: Ich würde sehr schnell Gefahr laufen, umgebracht zu werden. Auch wenn ich eine AK-47 besitzen würde. Selbst Diktatoren werden gestürzt. Die einzige Möglichkeit, nicht ermordet zu werden, besteht also darin, dieses Recht allen zuzugestehen und jede Verletzung des selbigen zu ahnden. Wer dazu noch eine Spur Empathie besitzt – ganz und gar kein religiöses Gefühl -, der kommt auch nicht auf die Idee, jemand anderen umzubringen.

So, das ging schon einmal ganz gut. Ganz würdelos.

Wohin also mit der Würde, die sich nicht fassen lässt, sich nicht definieren lässt und keine Entsprechung in der Realität, also ausserhalb unserer eigenen Einbildung, hat?

Die Eizelle mit Menschenwürde

Bezüglich der Diskussion um die Stammzellenforschung und Menschenwürde:

Der argumentative Bezug zur Menschenwürde entspringt der theologischen Ethik, und die hat in der Forschungspolitik nichts verloren. Ethik wägt nach vernunftbestimmten Kriterien ab, und einer befruchteten Eizelle die volle Menschenwürde zu zu billigen ist nicht vernünftig.

Der Verweis auf bisher fehlende Therapien gleicht dem Klammern der Forschungsgegner an den letzten Strohhalm. Auch den Gegnern ist allerdings klar, dass nicht erwartet werden kann, ein komplettes Forschungsgebiet sei in fünf Jahren entwickelt und liefere Therapien, wenn schon die Entwicklung eines Alltagsmedikaments 10 Jahre und länger dauert.
[...]
Niemand, der je in einem Labor mit Zelllinien gearbeitet hat, ob nun tierischen oder menschlichen Ursprungs (die sehen nämlich gleich aus, wenn sie vom gleichen Zelltyp sind) wird behaupten, dass diesen Zelllinien eine Würde innewohnt, die es verbiete, daran zu forschen.
[...]
Auf dass die Debatte weniger emotional und von religiösen Werten geprägt geführt wird, sondern logisch, rational, überprüfbar – und basierend auf produzierten Daten und erreichten Meilensteinen. So funktioniert nämlich Wissenschaft. Und: Wissenschaft konnte noch nie durch Denk- und Forschungsverbote aufgehalten werden.1

Ins Extreme gezogen, könnte man gar sagen, ein Verbot der Stammzellenforschung sei menschenfeindlich, da man so das extreme Potential nie erforscht und somit womöglich etliche Leben drastisch verkürzt.

  1. WeiterGen! – Stammzellen: Forschungsfreiheit oder Ethiklobby? []

Die Würde der Petersilie

In der Schweiz halten wir es so, die Würde der Kreatur in der Verfassung zu verankern. Nicht nur herzige Lämmchen und knuddelige Eisbärchen haben Würde, sondern jegliches Getier, und Pflanzen. Yep, die Petersilie, die du vorhin in dein Essen gestreut hast, hat eine Würde. Genau wie Orchideen, Grashalme, Pusteblumen und Unkraut. Zu diesem Schluss kommt unsere Eidgenössische Ethikkommission für die Biotechnologie im Aussenhumanbereich (EKAH). Es besteht somit, so die Ethiker, ein Schutz der Biodiversität, ein Schutz der Art und ein Schutz der Würde der Pflanzen.

Bevor jetzt die militanten Distelschützer Treibhäuser (KZ für Tomaten) in die Luft jagen, die Forderung der Ethikkomission etwas genauer:

Der Bericht der Kommission diskutiert, welche ethischen Positionen eine moralische Berücksichtigung von Pflanzen um ihrer selbst Willen zulassen und was diese für einen ethisch gerechtfertigten Umgang bedeuten. Damit Pflanzen um ihrer selbst Willen geschützt werden können, müssten sie einen Eigenwert und eigene Interessen haben.

Die Würde der Kreatur gelte auch für Pflanzen, argumentiert das Gremium, daher sei eine willkürliche Schädigung von Pflanzen moralisch nicht zulässig. Eine Mehrheit fand auch, eine vollständige Instrumentalisierung von Pflanzen sei rechtfertigungspflichtig.1

Was ist das für eine groteske Scheisse? In was haben uns da Neohippies, Baumfreunde und Christenleute bloss hineingeritten?

Nun, an solchen Beschlüssen merkt man, das manche Leute einfach mal aufgehört haben zu denken.

1. Wir Menschen sind Tiere. Wir sind nichts Besonderes, bloss irgendein Produkt einer unzielgerichteten Evolution. Zufall, sozusagen. Wir sind irgendein Ästchen am Baum der Evolution, genau wie die Küchenschabe, die Nacktschnecke und der Löwenzahn. Der einzige Unterschied besteht aus ein paar Genen, die das Lebewesen anders formen und andere Funktionen und Fähigkeiten herausbilden.

2. Wir sind an und für sich wertlos. Kein Gott, der uns einen Wert und eine Würde schenkt. Kein Sinn.

3. Das ist keine Aufforderung zur Ausbeutung von whatever, aber die humanistische Ethik dürfte ja bekannt sein. Auch bekannt müsste sein, wieso sich ein Rationalist eben gerade gegen Ausbeutung wendet.

4. Es bedeutet bloss, dass wir nicht besser, oder höher oder was auch immer sind. Komplexer als ein Schneeleopard dürften wir auch nicht sein. Nicht einmal komplexer als ein Tintenfisch. Desweiteren ist Komplexität nicht gut, auch nicht schlecht. Sondern eine Folge von Anpassung an die Umwelt. Einfachheit bringt manchmal auch essentielle Überlebensvorteile.

[Verflucht, Evolution ist zwar gerade noch beliebter als das Schöpfungsmärchen, aber niemand scheint sich der Bedeutung der Evolution klar zu sein.]

5. Unmoralisch ist es, unnötiges Leid zu verursachen. Deshalb der Tierschutz. Nichts wegen Würde oder göttlichem Segen oder Seelenexistenzen.

6. Und das ist der Unterschied zwischen Säugetieren, Pilzen, Bakterien und Pflanzen. Einzig erstere verspüren echtes Leid. Bei den anderen fehlt ein Nervensystem. Die können zwar auf Umweltbedingungen reagieren, doch bezüglich Leiden ist Fehlanzeige.

So what? Lassen wir einfach den Humanismus greifen und kümmern uns um die wichtigen Angelegenheiten.

Oder wir debattieren darüber, ob ein Virus oder eine Ansammlung Aminosäuren auch ein Lebewesen ist. Und somit eigentlich eine Würde besitzen würde. Denn die Übergänge zwischen Leben und lebloser Materie, die sind fliessend. Wie jeder weiss, der ein bisschen Ahnung von Naturwissenschaft hat.
Ja, vielleicht unterrichten wir in den Schulen ein wenig mehr Biologie und Biochemie und vermitteln die einzige wissenschaftliche Weltanschauung: Den Naturalismus. Dann entledigen sich solche Diskussionen von Petersilienwürde von selbst.

  1. tagesanzeiger – Pflanzen zu schädigen ist unmoralisch []