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Geschlechtsunterschiede: Egalitarismus oder Individualismus?

Sind Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern, ob diese nun biologisch-evolutionäre oder sozial-kulturelle Ursachen haben, auch dann ein Problem, wenn das Individuum ungewöhnliche, aber friedfertig-produktive Entscheidungen treffen kann, ohne dabei nennenswert grössere soziale Kosten bezahlen zu müssen als eine Person, die gewöhnlichere Entscheidungen trifft?

Wenn sie dies nicht sind, sollte dann der Fokus nicht auf Quoten und Ungleichheitsstatistiken liegen, sondern auf individualistischem Laissez-Faire, also einer gewissen Gleichgültigkeit (was nicht mit Desinteresse zu verwechseln ist) gegenüber den Hobbies, Berufen und Präferenzen der Mitmenschen, so lange diese einen Mindeststandard der Friedfertigkeit, Freundlichkeit, Höflichkeit und Ästhetik erfüllen?

Gleichstellung und Crossdressing

Es scheint für Frauen akzeptabler zu sein, Männerkleidung zu tragen als umgekehrt.1

Was kann man daraus schliessen?

Es gibt zwei gegenläufige Erklärungsansätze.

Der erste ist eher klassisch feministisch und sieht die Ursache in Misogynie und einer patriarchalen Kultur. Demnach hat das Weibliche immer noch einen niedrigeren Status als das Männliche, d.h. es wird weniger respektiert und weniger wertgeschätzt. Wenn Frauen sich wie Männer kleiden, überschreiten sie zwar damit die Geschlechterrollen, gewinnen aber an Status, weil männliche Kleidung als Ausdruck oder Verkörperung des Männlichen höher bewertet wird. Wenn Männer Frauenkleider anziehen, dann verletzten sie nicht nur die Geschlechternormen, sondern verlieren an Status. Weil das Weibliche also weniger Wert hat als das Männliche, hat Crossdressing bei Frauen eine positive und eine negative Wirkung, während es bei Männern nur negativ wirkt.

Den zweiten Ansatz könnte man maskulistisch nennen, wenn man das Wort noch eine sinnvolle Bedeutung hätte und sieht die Ursache in der Frauenbefreiung. Diese hat sich vorwiegend um die Frauen und die Frauenrechte gekümmert und für die Frauen grosse Freiheiten errungen. Darunter die Möglichkeit, sich beliebig zu kleiden, also auch Kleider anzuziehen, die traditionell zum andern Geschlecht gehörten. Die Männer hatten jedoch so gut wie keine Männerbewegung, obwohl auch sie unter vielen Geschlechternormen litten. Deshalb haben sie auch heute die Freiheit nicht, Frauenkleider anzuziehen.

Betrachtet man diese Erklärungen, sieht man auch, dass der Crossdressing-Doppelstandard im ersten Fall als negativ für die Frauen und im zweiten Fall als positiv für die Frauen charakterisiert wird. Dies könnten aber auch bloss die zwei Seiten derselben Medaille sein, was für eine kombinierte Erklärung sprechen würde. Schlussendlich wird man wohl jene Erklärung wählen, die am besten in jenen Narrativ passt, mit dem man die Welt sonst erklärt.

Es sind jedoch noch viele andere Erklärungen vorstellbar und in den Kommentaren darf gerne spekuliert werden.


  1. Ein Artikel zu Männer-Dessous: «Ich will einen Mann, keine Freundin!» []

Die gesellschaftliche Reaktion auf Vergewaltigungen

In unserer gegenwärtigen Gesellschaft wird Vergewaltigung als etwas äusserst Schlimmes betrachtet, als etwas, das schlimmer ist als die meisten anderen Gewaltverbrechen. Grob gesagt gibt es zwei Ansätze, wie man diese gesellschaftliche und individuelle Reaktion erklären kann: Erstens mit der Natur und zweitens mit der Kultur. (Oder natürlich mit einer Mischung aus beidem.) Beide Ansätze scheinen in der heutigen Gesellschaft (und für grosse Teile des heutigen Feminismus und Progressivismus) jedoch ziemlich unschmackhaft zu sein.

Eine kulturelle Reaktion würde bedeuten, dass man sie ändern kann und dass eine Kultur, in der Vergewaltigungen nicht als schlimmer angesehen werden als ähnlich gewaltreiche Verbrechen, vielleicht erstrebenswert wäre. Es würde auch implizieren, dass es kontraproduktiv sein könnte, in den Medien Vergewaltigungen als etwas äusserst Grässliches darzustellen. Einerseits, weil uns dies der angestrebten Kultur nicht näher bringen würde. Andererseits, weil dies die Traumata von Vergewaltigungsopfern verstärken könnte. Folglich wäre es auch kontraproduktiv, den Begriff der Vergewaltigung sehr weit und lose zu verwenden und gesetzlich immer mehr Taten als Vergewaltigung zu bezeichnen.

Eine natürliche Reaktion würde bedeuten, dass die Natur unser Sexualverhalten stark prägt und einige Verhaltensmuster und Denkmuster und Gefühlsreaktionen stark genetisch beeinflusst sind. Es wäre auch ein Hinweis darauf, dass sich die Geschlechtsunterschiede womöglich nicht auf die primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen beschränken, sondern auch das Verhalten und die Emotionen betreffen. Dies wiederum hätte weitreichende Auswirkungen auf Politik, Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft und Ethik.

Man sieht also, dass man unbedingt davon absehen sollte, die gesellschaftliche Reaktion auf Vergewaltigungen zu thematisieren.

Der #aufschrei als Symptom

Der #aufschrei ist nicht nur ein Zeichen dafür, dass es in unserer Gesellschaft viel Sexismus und viel sexuelle Belästigung gibt und etliche Leute, die Belästigung für ihr gutes Recht halten, sondern auch ein Symptom, dass in der Gesellschaft das Sexuelle trotz sexueller Revolution und vermeintlichem Bruch mit dem Puritanismus unserer Vergangenheit immer noch eine Sonderstellung hat. Dies wird deutlich daran, dass beim #aufschrei lediglich die sexuelle Belästigung beklagt wird und auch in den Presseartikeln und in den Blogartikeln dazu andere Formen der Belästigung (meines Wissens nach) nicht einmal erwähnt werden. Das Rechtssystem tut dasselbe: Es kennt Regeln und Strafen für die sexuelle Belästigung, aber nicht für nicht-sexuelle Belästigung. (Ausser höchstens wenn die nicht-sexuelle Belästigung zum Mobbing wird.)

Aber vielleicht sollte dem so sein? Vielleicht ist das Sexuelle unvergleichlich und sollte (im positiven wie im negativen Sinne) eine Sonderstellung innehaben? Ich bezweifle es. Aus biologisch-evolutionärer Sicht ist Sex zwar überaus wichtig, aber nicht wichtiger als Nahrung oder Schlaf. Diese Themen werden im Vergleich aber viel lockerer und sachlicher behandelt. Deshalb scheint es mir ziemlich sicher zu sein, dass die Sonderbehandlung des Sexuellen kulturell bedingt ist.

Kann man denn diese Sonderstellung kulturell (bspw. philosophisch) rechtfertigen? Auch das geht meines Erachtens nicht. Zwar hat das Sexuelle Abgründe und kann das Individuum stark beeinflussen, aber das gilt ebenso für viele andere Dinge. Mir scheint, dass es für diese Sonderstellung nicht nur keine guten Argumente gibt, sondern dass es wünschenswert wäre, wenn das Sexuelle gleich behandelt werden würde wie andere Aspekte des menschlichen Daseins.

Dies alles bedeutet jedoch nicht, dass die Menschen das Sexuelle tendenziell (und eben kulturell bedingt) nicht als anders empfinden als andere Dinge. Im Gegenteil: Wäre dies nicht der Fall, gäbe es keine Sondergesetze für sexuelle Belästigung, sondern bloss ein Gesetz für Belästigung im Allgemeinen.

Da es bei der Kritik an der sexuellen Belästigung gerade darum geht, das Empfinden der andern Menschen zu berücksichtigen, sollte man in seinem Verhalten eben auch darauf Rücksicht nehmen, dass das Sexuelle eine Sonderstellung hat und sexuelle konnotierte Handlungen für viele Menschen schwerer wiegen oder schlimmer sind als nicht-sexuelle Handlungen. Gleichzeitig muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass nicht-sexuelle Belästigung objektiv nicht besser oder moralischer ist als sexuelle und dass sie subjektiv sogar schlimmer sein kann. Und selbstverständlich sollte auf eine Gesellschaft hingearbeitet werden, in der das Sexuelle nicht sonderbehandelt wird und in der es dafür keine Sondergesetze und Sonderkommissionen gibt.

Zwei, drei Gedanken möchte ich noch anbringen: Erstens: Die (mentale) menschliche Vielfalt ist gross: Was der eine liebt, hasst der andere. Von sich auf andere zu schliessen, ist deshalb problematisch. Wenn man etwas mag oder nicht mag, heisst das nicht, dass für diese oder jene andere Person es sich gleich oder auch nur ähnlich verhält. Generell unterschätzt man wohl, wie unähnlich einem andere Menschen sind. Das macht zwischenmenschliche Interaktionen so risikoreich und tückenhaft. Und das macht es auch schwierig, Verhaltensregeln aufzustellen, die über die Maxime hinausgehen, keine Verbrechen zu begehen. Wenn man beispielsweise sehr lockere Regeln aufstellt, dann wird man den Menschen nicht gerecht, die eine empfindlichere Konstitution haben und wenn man sehr restriktive Regeln aufstellt, gibt es grosse spieltheoretische Anreize, sich nicht daran zu halten.

Zweitens: Man sollte verschiedene Kategorien von Handlungen nicht vermischen: Blicke sind etwas anderes als Worte sind etwas anderes als Berührungen sind etwas anderes als Tätlichkeiten sind etwas anderes als Körperverletzungen. So verschiedenartige Taten unter einem Begriff wie ‘sexuelle Belästigung’ zu subsumieren, ist fragwürdig und bisweilen kontraproduktiv.

Drittens: Auch was den Minderheitenschutz anbelangt, ist die Sonderstellung des Sexuellen problematisch: Denn diese mag zwar dem Empfinden der Mehrheit entsprechen, aber wessen Empfinden anders ist und für wen beispielsweise nicht-sexuelle Belästigung und sexuelle Belästigung gleich schlimm ist oder für wen eine bestimmte Form der nicht-sexuellen Belästigung schlimmer ist als sexuelle, der wird sich in einer benachteiligten Situation vorfinden. Denn wenn schon sexuelle Belästigung zu wenig ernst genommen wird, wie wird es erst um eine Form der Belästigung stehen, deren Namen nicht wöchentlich in den Medien wiederholt wird und die nicht mit einem Thema verbunden ist, das in unserer Kultur so schwer wiegt wie Sex?

Haare aus psychologischer Sicht

Ein Mann fragt:

Nach einigen Sommern an verschiedenen Naturistenstränden im In- und Ausland frage ich mich, weshalb in der Schweiz so viele Frauen wie kleine Mädchen aussehen wollen.1

Was könnte er damit meinen? In welcher Hinsicht sehen Frauen wie kleine Mädchen aus? Und ist das überhaupt ihre Absicht?

Lesen wir also weiter:

Dass Männer ihre Schamhaare abrasieren, kann ich begreifen: Der Penis sieht dann etwas länger aus. Aber eine Frau ohne Schamhaare ist ja wohl nur für einen Pädophilen ein erfreulicher Anblick. Oder muss hier, wie bei der Beschneidung, die Hygiene herhalten?1

Das ist ein non sequitur. Das eine folgt schlicht nicht aus dem andern. D.h. bloss weil ein Merkmal auch bei Kindern auftritt (oder vorwiegend bei Kindern zu sehen ist), heisst das nicht, dass der Anblick dieses Merkmals nur für Pädophile erfreulich ist. Zudem irritiert der Sexismus: Wenn eine Frau ohne Schamhaare nur für Pädophile ein erfreulicher Anblick ist, dann sollte das bei einem Mann nicht anders sein (auch wenn diese das Rasieren als visuelle Trickserei rechtfertigen können).


Bettina Weber antwortet:

Ich wusste nicht, dass sich auch Naturistinnen derart um ihre Körperbehaarung kümmern; ich dachte, die seien mehr so eins mit der Natur und würden es demnach wild wuchern lassen, aber so kann man sich täuschen.1

Die eigenen Vorurteile in der Presse auszubreiten, mag ja ehrlich sein, ist aber doch etwas stillos und macht bisweilen den Eindruck, dass man eben doch nichts gelernt hat.

Mir gefällt der Trend mit dieser Komplettrasiererei auch nicht. Ich bin zwar vehement gegen all jene Haare, die sich nicht auf dem Kopf befinden, ich befürworte das Stutzen der Schamhaare sogar unbedingt, weil so ein krauses Gestrüpp ja auch irgendwie unappetitlich wirkt, aber das mit dieser Radikalvariante leuchtet mir nicht ein. Weil: Dergestalt zurechtgemacht sieht eine erwachsene Frau aus wie ein Mädchen. Und das ist schlecht, ganz schlecht.1

Mich dünkt das fürchterlich inkonsequent (Und wieso wird wieder nur über die Frauen gesprochen? Gelten für die Schamhaare der Männer andere Regeln?). Wenn Haarlosigkeit an der einen Stelle bedeutet, dass eine Person wie ein Kind aussieht, wieso ist das dann nicht der Fall, wenn eine andere Körperregion haarlos ist? D.h. wieso sieht eine Frau ohne Schamhaare aus wie ein Mädchen, aber ohne Beinhaare, ohne Armhaare, ohne Oberkörperhaare oder ohne Achselhaare nicht? Und wie steht es um die Haupthaare? Sind Glatzen schlecht, ganz schlecht, da die Kopfhaarlosen wie Kinder aussehen? Darf man eine Person, die sich den Kopf rasiert hat, sexy finden? Darf man gar den glatten Schädel selber erfreulich finden?

Sehen Männer, die sich die Barthaare rasieren, nicht wie Buben aus? Sollten sie vielleicht den Bart wachsen lassen?

Doch lassen wir die Haare für einen Moment stehen und wenden uns anderen Merkmalen zu. Den grossen Augen beispielsweise, die zum Kindchenschema gehören? Bei Frauen ist es üblich, dass sie ihre Augen visuell vergrössern, ist das nicht kritikwürdig?

Wie sieht es mit Brust und Hinterteil aus? Was ist mit Frauen, die kleine Brüste und kleine Hintern haben? Ist das schlecht, ganz schlecht? Dürfen diese Frauen begehrt werden? Darf man sie sexuell attraktiv finden? Oder müssen sie sich zu Keuschheit verpflichten?

Es irritiert mich so sehr, weil mich die Herkunft dieser neuen Ästhetik fragwürdig dünkt: Zu verantworten hat diesen Trend ganz eindeutig die Pornoindustrie. Und aussehen zu wollen wie eine Pornodarstellerin, finde ich jetzt nicht so gut. Weder aus stilistischer noch aus feministischer Sicht.1

Das zeugt von einer historischen und kulturellen Engstirnigkeit. Schamhaarentfernung ist nicht neu und nicht begrenzt auf die vom Porno-Chic beeinflusste westliche Gesellschaft.

So oder so sollte sich die Ästhetik an ewigen Werten orientieren und nicht einen bestimmten Stil verwerfen, bloss weil er temporär mit etwas Unliebsamen assoziiert war. L’art pour l’art halt und keine politisierte Ästhetik.

Ob es aus feministischer Sicht noch irgendeine akzeptable Art der Körpergestaltung geben kann, ist eine andere Frage. Beispielsweise scheint der derzeitige Feminismus züchtige wie auch freizügige Bekleidung abzulehnen.

Ich meine: Was soll das für eine Frau sein, die obenrum pneumatisch ist, untenrum aber wie eine Fünfjährige daherkommt? Das ist in höchstem Masse bizarr.1

Wenn ein Mann untenrum behaart ist, aber obenrum wie ein Einjähriger daherkommt, ist das nicht schlecht, ganz schlecht und weniger bizarr?

Und deshalb plädiere ich dafür, dass sich Frauen diesem Trend verweigern. Es reicht ja, einfach ein wenig für eine Frisur zu sorgen da in der Schamgegend, also durchaus energisch zu stutzen, aber eben nicht total. Lemmy Kilmister von Motörhead jedenfalls erklärte unlängst in einem Interview, er bevorzuge Frauen mit einem sogenannten Landing Strip, also einem schmalen Streifen Haar. Und wenn der das sagt, dann will das doch was heissen.1

Ja, sich nach dem Geschmack eines weissen, reichen, heterosexuellen Mannes mit sehr hohem Status zu richten (oder dessen Präferenzen zumindest für sehr bedeutungsvoll zu halten), klingt sehr feministisch. Ebenso feministisch wie den Frauen vorschreiben zu wollen, wie sie ihren Körper gestalten zu haben.


  1. Weshalb wollen Frauen aussehen wie kleine Mädchen? [] [] [] [] [] [] []

In einem religiösen Staat wären bestimmte Formen der Ehe verboten

[Vincenzo Capodici:] Mit Ihrem parlamentarischen Vorstoss zur Knabenbeschneidung verärgern Sie Juden und Moslems. Wo bleibt der Respekt vor religiösen Minderheiten?
[Jacqueline Fehr:] Mein Interesse gilt den Kindern. Und meine Wertgrundlagen sind die Menschenrechtskonvention und die Kinderrechtskonvention der UNO. Würden wir diese den religiösen Traditionen unterordnen, wäre bei uns nach wie vor die Polygamie erlaubt und die homosexuelle Lebensgemeinschaft verboten.1

Wüde der Gesetzgeber die religiösen Traditionen befolgen, wäre die eine Eheform, bzw. Beziehungsforum, legal und die andere illegal. Wohingegen im aufgeklärt-humanistischen Westen von heute die eine Ehe- oder Beziehungsform legal und die andere illegal ist. Ein grosser Unterschied.

Jacqueline Fehr scheint es nicht prinzipiell für problematisch zu halten, wenn der Staat den Bürgern vorschreibt, in was für Lebensgemeinschaften sie leben dürfen und für welche konsensual-freiwilligen Ehen sie bestraft werden. Sie hält es bloss für ein Problem, wenn der Staat die falschen Lebensgemeinschaften und Ehen verbietet. Wenn der Staat hingegen jene Beziehungsformen verbietet, die nicht ihrem Geschmack entsprechen, stört es sie nicht nur nicht, sondern hält das Verbot sogar für eine ethische Pflicht.

Ironischerweise ist das Polygamieverbot so ideologisch wie das abrahamitische Verbot der Homosexualität und der homosexuellen Ehe. Denn beide entstammen einer auf Glaubenssätzen beruhenden Wertung, dass eine spezifische Form der Ehe unmoralisch ist. Und obwohl das Verbot der Polygamie heute oft feministisch-humanistisch begründet, bzw. rationalisiert, wird, hat die Ablehnung der Polygamie doch einen religiösen Hintergrund. Das Monogamiegebot gibt es im Westen nämlich schon lange. Es wurde nicht erst im letzten Jahrhundert von Feministen entwickelt, sondern wurde, wie viele andere Ideen auch, unhinterfragt von der christlichen Lehre übernommen. Zwar wurde das Polygamieverbot von verschiedenen Gruppierungen und Religionen entwickelt und mehrmals wieder gelockert, aber das Monogamiegebot in seiner derzeitigen Form stammt aus einer Zeit, in der Europa durchgehend vom Christentum dominiert war und wird bis heute höchstens von Randgruppen und Aussenseitern angezweifelt.

Somit gehört es zu jenen christlichen Traditionen, die die Säkularisierung (resp. den Aufstieg des Progressivismus) beinahe unbeschadet überstanden haben. Der christliche (insbes. der katholische und orthodoxe) Theismus hingegen wurde vom Progressivismus unvergleichlich viel stärker getroffen. Offenbar ist es so, dass es Atheisten, Antitheisten und Antichristen viel leichter fällt, offensichtlich religiöse Gebote, Traditionen und Ansichten abzulehnen und abzuschütteln als Ideologiebruchstücke, deren religiöser Hintergrund schwerer zu entdecken ist.


  1. «Wir müssen lernen, dass Kinder sich selber gehören» []

Feministische Polygamie

Es steht in der (Online-)Presse geschrieben:

Bevor Tunesien zum Mutterland des arabischen Frühlings wurde, war es bereits ein Musterland für Frauenrechte in der muslimisch-arabischen Welt. Polygamie ist bereits seit 1956 verboten. Tunesiens Frauen dürfen sich scheiden lassen und können nicht zwangsverheiratet werden.1

Ist es feministisch, Frauen zu bevormunden und ihnen vorzuschreiben, wen und wie viele (mündige Menschen) sie heiraten dürfen? Ich glaube nicht…

Es ist feministisch, vor allem vernünftig und moralisch, Zwangsehen zu verbieten und generell Zwang in Liebe, Sex und Beziehungen nicht zuzulassen. Aber wer eben diesen Zwang ablehnt, der kann nicht gleichermassen für einen Zwang zur Monogamie, resp. für die Verfolgung der in gegenseitigem Einverständnis geschlossenen Vielehen sein.

Wer für Frauenrechte ist, kann nicht den Frauen das Recht absprechen, selber zu entscheiden, was für Beziehungen sie eingehen wollen. Wenn eine Frau also einen Mann heiraten will, der schon eine Ehefrau hat und wenn alle drei damit einverstanden sind, dann muss sie dies natürlich tun dürfen. Doch die Polygamie besteht nicht nur aus der Polygynie, also der Vielweiberei, sondern auch aus der Polyandrie, also der Vielmännerei: Wenn eine Frau mehrere Männer ehelichen will, dann wäre es nicht gerade sehr feministisch oder frauenrechtlerisch, ihr dies zu verbieten. Die homosexuelle Polygamie gilt es nicht zu vergessen: Wenn drei Frauen einander heiraten wollen, dann sollen sie dies tun dürfen. Ebenso wenn vier Männer den Bund der Ehe schliessen wollen. Nicht zu vergessen ist die Polygynandrie, also die Gruppenehe, bei der mehrere Männer und mehrere Frauen verheiratet sind.

Wem das jetzt zu kompliziert geworden ist und wer sich fragt, wie denn bitteschön der Staat all diese Eheformen gesetzlich regeln soll, dem schlage ich vor, die Ehe zu privatisieren. Die Ehe wäre dann einerseits ein ganz gewöhnlicher Vertrag, den die Leute ohne Staat schliessen können und mit dem keine (steuerlichen und andere staatliche) Privilegien verbunden sind. Und andererseits ein kirchlich-religiöser Brauch, den jede Kirche selber definieren und nach eigenem Gusto gestalten darf. Der Staat hätte dann einzig die Aufgabe, Betrug und anderen Zwang zu verhindern. Davon abgesehen würde er jedoch ignorieren, welche Beziehungen die Menschen schliessen und weder das eine noch das andere bevorzugen oder mit speziellen Anreizen versehen.

Ich habe jetzt wohl den Eindruck erweckt, nur der individualistische Feminismus sei der einzig wahre Feminismus. Dem ist natürlich nicht so. Aber es ist wohl die einzige Spielart des Feminismus, die die Frauen nicht bevormunden will, sondern alle ihre nicht unter Zwang gefällten Entscheidungen respektiert.


  1. nachrichten.at – Die Verliererinnen []

Exhibitionismus und die Kriminalisierung sexuell motivierter Nacktheit

Wikipedia über die Rechtslage in Deutschland, was Exhibitionismus anbelangt:1

Tatbestand

Werden die exhibitionistischen Handlungen vor Kindern vollzogen, kann es sich um sexuellen Missbrauch von Kindern nach § 176 Abs. 4 StGB, bei Minderjährigen um sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen nach § 174 StGB handeln. In allen übrigen Fällen kommt eine Strafbarkeit nach § 183 Abs. 1 StGB – exhibitionistische Handlungen – in Betracht. Täter einer Straftat nach § 183 StGB kann nur ein Mann sein; verfassungsrechtliche Bedenken ergeben sich daraus nicht.2

Dabei handelt es sich um eine offensichtliche Rechtsungleichheit zwischen den Geschlechtern, also um eine staatliche Diskriminierung, die die Männer benachteiligt und die Frauen privilegiert. Das bedeutet natürlich nicht, dass es nicht misogynistisch motiviert sein kann. In der Tat gibt es Gesetze, die Männer brutal benachteiligen und einer patriarchalistischen Misogynie entwachsen sind. Die nur für Männer geltende Wehrpflicht etwa.

§ 183 StGB ist möglicherweise ähnlich motiviert. Er geht vielleicht davon aus, dass Frauen so schwach sind, dass sie nicht Täter sein können; dass sie zu sanftmütig sind, um jemanden mit einer exhibitionistischen Handlung stören zu wollen oder zu können; dass ihre Sexualität zu zart und kraftlos ist, um irgendjemanden beunruhigen zu können.

Sexistisch ist das Gesetz so oder so und die Motivation dahinter enthält unbestreitbar sowohl ein wenig Misandrie wie auch ein wenig Misogynie. Wer also für Gleichberechtigung ist, muss den Artikel geschlechtsneutral formulieren (oder abschaffen) wollen.

Exhibitionismus einer Frau kann aber nach § 183a – Erregung öffentlichen Ärgernisses – strafbar sein. Unterhalb der Strafbarkeitsschwelle kann eine Ordnungswidrigkeit in Gestalt einer Belästigung der Allgemeinheit (§ 118 Ordnungswidrigkeitengesetz) vorliegen.

Elementar für den Straftatbestand ist die Belästigung einer anderen Person durch die exhibitionistische Handlung. Die Belästigung ist nicht gegeben, wenn die Reaktion des oder der Betroffenen Interesse, Verwunderung oder Mitleid ist.2

Dass keine Belästigung vorhanden ist, wenn sich niemand belästigt fühlt, scheint einleuchtend zu sein.

Trotzdem: Dieser letzte zitierte Satz zeigt gut auf, was das Gesetz besagt: Die Freiheit des Exhibitionisten endet dort, wo andere nicht mit Interesse, Verwunderung oder Mitleid reagieren. Selbstverständlich ist dies aber nur bei sexuell motivierten Handlungen der Fall. Nahezu alle anderen Taten, etwa politische oder religiöse Exhibition, dürfen beliebig belästigen, Anstoss oder Ekel erregen, ohne dass sie zu Straftaten werden.

Deutet das nicht darauf hin, dass die Gesellschaft ein schwieriges, fast schon neurotisches Verhältnis zur Sexualität hat?

Die Straftat wird mit Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr bestraft. Sofern es sich um exhibitionistische Handlungen vor Kindern handelt, kann die Tat mit Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren bestraft werden. Die Schuldfähigkeit des Täters muss besonders geprüft werden, da der Exhibitionismus (sofern er dem Muster des Codes F65.2 der ICD-10 entspricht) als „andere schwere seelische Abartigkeit“ im Sinne der §§ 20, 21 StGB eingestuft werden kann.

Nach einem Urteil des BayObLG von Mitte 1998 (2 St RR 86/98) ist der Tatbestand des Exhibitionismus nur dann erfüllt, wenn die Entblößung der sexuellen Befriedigung dient. Ist dies nicht der Fall, kann nicht von Exhibitionismus gesprochen werden. Nacktheit und damit auch Nacktsport in der Öffentlichkeit alleine ist daher in Deutschland (und der Schweiz) nicht strafbar.2

Ein und dieselbe (physische, resp. mechanische) Handlung kann also legal oder illegal sein, abhängig davon, ob der Täter sexuell oder nicht-sexuell motiviert ist? Das scheint mir nicht richtig zu sein. Wenn eine Handlung schädlich ist, dann ist sie das doch unabhängig davon, ob sich der Täter damit sexuell, religiös, politisch oder ästhetisch befriedigen wollte. Der Charakter der Tat bleibt ja derselbe und auch die Konsequenzen sind dieselben. (Ausser das Opfer interessiert sich eher für die Motive des Täters als für die Tat selber, aber das würde mir komisch vorkommen.)3

Reformbewegungen

Kriminalpolitisch wird von mehreren Seiten die Entkriminalisierung des Exhibitionismus mit der Begründung verlangt, durch die fortschreitend sich wandelnde Einstellung der Gesellschaft gegenüber der Sexualpräferenz (Toleranz gegenüber Homosexualität usw.) sei für die Einstufung als Straftat grundsätzlich kein Raum mehr. Demgegenüber wird eingewendet, dass insbesondere der Schutz des Anderen vor ungewollter Konfrontation mit sexuellen Handlungen nicht durch dieses Argument fortgewischt werden könne.2

Die wirkliche Frage ist hier, wieso Menschen strafrechtlich vor ungewollter Konfrontation mit sexuellen Handlungen geschützt werden sollten, aber nicht vor ungewollter Konfrontation mit beliebigen anderen Handlungen. Hat Sex diese Ausnahmestellung verdient oder sollte die Exhibition aller menschlichen Handlungen gleich behandelt werden, egal ob es sich um sexuelle oder beliebige andere handelt?

Teilweise wird daher eine Herabstufung zu einer Ordnungswidrigkeit vorgeschlagen. Dies kann je nach angestrebtem Bußgeldrahmen für eventuelle Täter finanziell erhebliche Nachteile bedeuten, hätte aber den Vorteil des Wegfalls der Vorstrafe und Eintragung im Zentralregister.2

Man könnte auch darüber diskutieren, ob wir es hier nicht mit der Kriminalisierung bestimmter sexueller Präferenzen zu tun haben, deren Ausübung zwar manche Leute stört oder anekelt, die aber niemanden physisch schädigen und in aller Regel keinerlei Eigentumsrechte verletzen. Insofern könnte man die Kriminalisierung des Exhibitionismus durchaus mit der Kriminalisierung der Homosexualität, des Analsex oder des BDSM vergleichen.


  1. Merke: Mir geht es hier nur um Exhibitionismus unter mündigen Erwachsenen. Exhibitionismus vor Kindern ist eine separate Angelegenheit, die ich hier nicht behandle. []
  2. Wikipedia – Exhibitionismus [] [] [] [] []
  3. Meine Theorie, dass wir in einer puritanistischen Gesellschaft leben, in der Sex als schmutzig und sündig angesehen wird und als so potent, dass die Sündhaftigkeit sogar auf jene Leute abfärbt, die mit der Tat gar nichts zu tun hatten, sondern lediglich Zeuge von ihr wurden, greift hier natürlich: Sexuell motivierte Entblössung kann zu Gefühlen der Unreinheit führen, während dies bei andersartig motivierter Kleiderlosigkeit nicht der Fall ist. Meines Erachtens sollten Gerichte und Gesetzgeber diesem Aberglaube jedoch nicht nachgeben. Zudem bleibt mein Argument von dieser Theorie unberührt: Der Charakter der Tat bleibt ja derselbe und auch die direkten Konsequenzen sind dieselben, auch wenn manche Leute sich durch den Anblick von sexuell motivierter Nacktheit (resp. Genitalien ohne Zensurstreifen) beschmutzt, besudelt und versündigt fühlen. []

Sex ist weder ein heiliger Gral noch eine unheimliche Abscheulichkeit

Eine kleine Parodie, um die Frage aufzuwerfen, ob man zwischen Pornographie und Literatur unterscheiden sollte und ob es gerechtfertigt ist, Sex so fundamental anders zu behandeln als andere menschliche Tätigkeiten, folgt sogleich. Zuerst aber das Original:

[Bettina Weber:] Die britische Soziologin und Anti-Porno-Aktivistin Gail Dines machte bereits vor zwei Jahren in ihrem erschütternden Buch «Pornland» auf die zunehmende Gewalt aufmerksam. Wie erklären Sie sich diese?

[Petra Joy, Historikerin und Filmwissenschaftlerin:] Der ganze Ansatz von Pornografie als Ware ist falsch. Weil er die Menschen in Fickmaschinen verwandelt. Dann hat es auch mit der Branche selbst zu tun, die süchtig ist nach Superlativen. Es genügt nicht mehr eine einfache Penetration, es muss eine dreifache sein, und natürlich stumpft das den Zuschauer ab, natürlich will der dann mehr. Wenn Porno und Sex als Ware verkauft werden, wenn das Gezeigte immer extremer wird, wird der Mensch ein Stück weit verunmenschlicht. Bei feministischen Pornos soll Sex kein Leistungssport sein.1

Der ganze Ansatz von Literatur als Ware ist falsch. Weil er die Menschen in Denkmaschinen verwandelt. Dann hat es auch mit der Branche selbst zu tun, die süchtig ist nach Superlativen. Es genügt nicht mehr eine einfache These, es muss eine dreifache sein, und natürlich stumpft das den Leser ab, natürlich will der dann mehr. Wenn Literatur und Denken als Ware verkauft werden, wenn das Geschriebene immer extremer wird, wird der Mensch ein Stück weit verunmenschlicht. Bei feministischer Literatur soll Denken kein Leistungssport sein.


  1. «Porno ist politisch» []