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Sind Schönheitswettbewerbe sexistischer als andere Wettkämpfe?

Seit Jahrzehnten muss sich der “Miss World”-Wettbewerb gegen Kritik zur Wehr setzen, er reduziere Frauen auf ihr Äußeres, sei sexistisch.1

Doch sind nicht alle Wettbewerbe reduktiv, da sie zwingend nur einen sehr schmalen Aspekt einer Person messen? Sportwettkämpfe reduzieren Frauen beispielsweise auf ihre Muskulatur oder ihr Reaktionsvermögen, Schachwettkämpfe auf ihre Intelligenz, Scrabblewettkämpfe auf ihren Wortschatz. Spelling Bees reduzieren sogar schon kleine Kinder auf ihre Rechtschreibefähigkeiten. Mit zunehmender wirtschaftlicher Spezialisierung werden auch Berufe immer reduktiver, da eine Spezialisierung eben stets eine Reduktion auf ein enges Tätigkeitsfeld ist. Auch Freundschaften und Partnerschaften können reduktiv sein, da sie über Kristallisationspunkte zustande kommen, die die anderen Aspekte der Person in den Hintergrund rücken. Eigentlich müsste man jede Interaktion als reduktiv einstufen, da sie eben unter Ausschluss hunderter anderer Interaktionsarten geschieht. Geschlechtsverkehr und intellektuelle Diskussionen sind somit gleichsam reduktiv. (Und selbst wenn diese beiden Interaktionen mal gleichzeitig stattfinden, gibt es immer noch sehr viele andere Interaktionen, die dadurch in dieser Zeitspanne unrealisiert bleiben.)

Schönheitswettbewerbe können also kaum deshalb sexistisch sein, weil sie reduktiv sind, da sonst jeder Wettbewerb sexistisch sein müsste. Somit könnten sie noch deshalb sexistisch sein, weil bei ihnen die physische Schönheit im Vordergrund steht. Doch a priori ist Schönheit bloss ein Wert (oder ein Personenaspekt) unter vielen und nicht grundsätzlich anders als andere Werte wie Intelligenz, Höflichkeit oder Empathie. Es bleiben also historische Gründe übrig, wieso Schönheitswettbewerbe als sexistisch gelten, andere Wettkämpfe aber nicht, etwa die traditionell stärkere kulturelle Betonung der Schönheit bei Frauen als bei Männern. Doch ist die Kritik an Schönheitswettbewerben nützlich und sinnvoll? Kreiert sie nicht neue Reduktionen? Ersetzt sie die alten Verhaltensnormen für Frauen nicht einfach durch neue, statt diese abzuschaffen, wie sie es zu tun vorgibt? Würde eine Abschaffung von Model-Wettkämpfen die Wahlmöglichkeiten der Frauen nicht verkleinern, statt sie zu vergrössern? Sollten in einer post-Gender-Gesellschaft Model-Wettbewerbe und Schachwettkämpfe nicht gleichbehandelt werden? Und kann dieses Ziel erreicht werden, indem die eine Art von Wettbewerb verunglimpft und zersetzt wird?

(Ich will mich hier nicht alles Befürworter einer Gender-Erosion positionieren, sondern lediglich die Inkongruenzen aufzeigen, die mir bei feministischer Kritik an Schönheitswettbewerben aufgefallen sind.)


  1. relevant – “Miss World” wird 60 – Die Kritik wird lauter []

Zur Studie der Europäischen Agentur für Grundrechte über Gewalt gegen Frauen

In diesen Tagen wird in der Presse über eine Studie der EU-Grundrechte-Agentur (FRA) berichtet, die zeigen soll, dass jede dritte Frau in Europa unter Gewalt leidet, resp. dass 62 Millionen Frauen in der EU seit ihrem 15. Lebensjahr mindestens einmal Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt geworden sind. Wie gut die Umfrageergebnisse die Gewaltrealität abbilden, ist sehr schwer zu sagen. Deshalb will ich auch nicht weiter darüber sprechen. Hingegen will ich zeigen, was die FRA unter Gewalt versteht und wieso die Berichterstattung über die aggregierten Gewaltzahlen eher irreführend ist und letztere als Handlungsgrundlage für die Gewaltprävention und die Diskussion darüber nicht dienlich sind.

Die Berichterstattung ist insofern präzise, als dass die aggregierten Zahlen tatsächlich den Befragungsergebnissen entsprechen:

Gewalt gegen Frauen: eine EU-weite Erhebung - Ergebnisse auf einen Blick

Aber die Aggregation verschleiert halt, wie verschiedenartig die Gewaltformen sind, die hier zusammengefasst werden:

Box 1: Wonach die Erhebung fragte – körperliche und sexuelle Gewalt

Körperliche Gewalt

Wie oft haben Sie es seit Ihrem 15. Lebensjahr erlebt, dass Ihnen jemand eines der folgenden Dinge angetan hat?

• Sie geschubst oder gestoßen?
• Sie mit der flachen Hand geschlagen?
• mit einem harten Gegenstand nach Ihnen geworfen?
• Sie gepackt oder an den Haaren gezogen?
• Sie mit der Faust oder einem harten Gegenstand geschlagen oder Sie getreten?
• Ihnen Verbrennungen zugefügt?
• versucht, Sie zu ersticken oder zu strangulieren?
• Sie mit einem Messer verletzt oder auf Sie eingestochen, oder auf Sie geschossen?
• Ihren Kopf gegen etwas geschlagen?

Das Spektrum reicht somit von potentiell lebensbedrohlichen Taten hin zu Handlungen, die unter Umständen weder schmerzen noch bleibende oder überhaupt irgendwelche körperlichen Spuren hinterlassen. Zudem ist der Kontext der Taten unbekannt. D.h. wir wissen nicht, ob die genannten Taten stets als Gewalttaten gelten und als solche registriert wurden, oder ob sie dafür zusätzliche Kriterien erfüllen mussten, wie etwa in böser Absicht und gegen den Willen des Opfers geschehen sein. Denn man kann auch im Spiel geschubst oder auf Verlangen geschlagen werden. Gelten diese Dinge nicht als Gewalttaten, dann müsste dies im zitierten Bericht präzisiert werden und dann müsste man wissen, ob die befragtem Frauen vollständig darüber informiert wurden, dass manche Arten des Schubsens, des Schlagens, des Packens und des Haareziehens nicht als Gewalt zählen, oder ob sie selber erraten mussten, was genau mit den Fragen gemeint war. Gelten die aufgezählten Handlungen jedoch in jedem Fall als Gewalttaten, dann wäre es wichtig zu erwähnen, dass Gewalt auch positiv, da für alle beteiligten Parteien erfüllend oder befriedigend, sein kann. Zudem gäbe es dann ein riesiges Graugebiet von Gewalttaten, welche die Opfer zwar nicht wirklich wünschen, die sie aber auch nicht wirklich stören, wie vielleicht ein gut gemeinter Klaps auf den Rücken.

Es dürfte offensichtlich sein, dass, egal ob man Gewalt nun auf erstere oder auf zweitere Art definiert, die erfragten Taten derart unterschiedlich sind, dass ihre Aggregation zu keinem Erkenntnisgewinn führt. Da die Gewalttaten zudem so unterschiedlich motiviert sind und so unterschiedlich aufgefasst werden können, ist es zudem zweifelhaft, dass generelle Gewaltbekämpfungsmassnahmen existieren, mit denen sich alle Taten reduzieren lassen. Die Zeitungsleser dürften von der Berichterstattung eher verwirrt werden, da viele Leute eine Tendenz haben dürften, beim Begriff Gewalt an mittlere oder schwere Körperverletzung zu denken. Wenn sie also lesen, dass jede dritte Frau unter Gewalt leidet, dann werden sie nicht unmittelbar daran denken, dass manche davon lediglich geschubst worden sind und dass es bei manchen vielleicht lediglich zu einem Vorfall in Jahrzehnten gekommen ist. Es ist deshalb zu befürchten, dass die Öffentlichkeit durch die mediale Berichterstattung kein sonderlich akkurates Bild über die Gewaltrealität vermittelt bekommt, selbst wenn die Studie diese präzis abbildet, was wie gesagt unsicher ist.

Sexuelle Gewalt

Wie oft haben Sie es seit Ihrem 15. Lebensjahr erlebt, dass Ihnen jemand eines der folgenden Dinge antut?

• Sie durch Festhalten oder durch Zufügen von Schmerzen zum Geschlechtsverkehr gezwungen [FALLS NÖTIG, HINZUFÜGEN: Mit Geschlechtsverkehr meinen wir hier erzwungenen Oralverkehr, erzwungene anale oder vaginale Penetration]
• Unabhängig von der vorherigen Antwort versucht, Sie durch Festhalten oder durch Zufügen von Schmerzen zum Geschlechtsverkehr zu zwingen? [FALLS NÖTIG, HINZUFÜGEN: Mit Geschlechtsverkehr meinen wir hier erzwungenen Oralverkehr, erzwungene anale oder vaginale Penetration]
• Sie unabhängig davon gezwungen, an irgendeiner Form von sexueller Aktivität teilzunehmen, als Sie nicht wollten oder nicht in der Lage waren, dies abzulehnen
• Oder haben Sie sexuellen Handlungen zugestimmt, weil Sie Angst hatten vor dem, was geschehen könnte, wenn Sie sich weigern?

Hier wird auf den ersten Blick ein deutlich engeres Gewaltspektrum abgefragt. Der Begriff Zwang ist allerdings nicht eindeutig und bei der letzten Frage ist höchst unklar, ob sie tatsächlich so offen ist, wie sie scheint. Ob also die Zustimmung zu Sex aus Angst vor völlig gewaltlosen Folgen bei einer Weigerung auch unter den Begriff der sexuellen Gewalt fällt oder nicht.

Box 2: Wonach die Erhebung fragte – psychische Gewalt

Wie oft Ihr derzeitiger/Ex-Partner Ihrer Meinung nach…

• Versucht hat, Sie davon abzuhalten, Freunde zu treffen?
• Versucht hat, Ihren Kontakt mit Ihrer Familie oder Verwandten zu beschränken?
• Darauf besteht, zu wissen, wo Sie sich aufhalten, und zwar so, dass dies über ein allgemeines Interesse hinausgeht?
• Wütend wird, wenn Sie mit einem anderen Mann/einer anderen Frau sprechen? [Entsprechend dem Geschlecht des Partners]
• Sie der Untreue verdächtigt?
• Sie davon abhält, Entscheidungen zu finanziellen Belangen der Familie zu treffen und selbstständig einkaufen zu gehen?
• Ihnen verbietet, außerhalb des Hauses/der Wohnung zu arbeiten?
• Ihnen verbietet, das Haus zu verlassen, nimmt Ihnen die Autoschlüssel ab oder schließt Sie ein?

Wie oft Ihr derzeitiger/Ex-Partner Ihrer Meinung nach…

• Sie vor anderen Leuten herabgesetzt oder gedemütigt hat?
• Sie unter vier Augen herabgesetzt oder gedemütigt hat?
• Dinge getan hat, um Sie absichtlich zu verängstigen oder einzuschüchtern, zum Beispiel durch Schreien oder Kaputtmachen von Gegenständen?
• Sie gezwungen hat, gegen Ihren Willen pornografisches Material anzusehen?
• Damit gedroht hat, Ihnen die Kinder wegzunehmen?
• Damit gedroht hat, Ihre Kinder zu verletzen?
• Ihre Kinder verletzt hat?
• Damit gedroht hat, jemand anderen, der Ihnen wichtig ist, zu verletzen oder zu töten?

Bitte sagen Sie mir [...], wie oft dies vorgekommen ist. Ihr derzeitiger/Ex-Partner hat…

• Damit gedroht, Sie körperlich zu verletzen?

Auch hier wird wieder ein sehr breites Gewaltspektrum abgefragt, was nicht per se schlecht ist, aber eine erkenntnisreiche Datenaggregation schwierig macht. Denn Freiheitsentzug, Morddrohungen, Verdächtigungen und Herabsetzungen sind Taten von höchst unterschiedlichem Charakter, nicht nur, was ihre Schwere anbelangt. Den Partner der Untreue zu verdächtigen kann unter Umständen sogar gerechtfertigt sein. Und bei der Eifersucht kommt es vor allem drauf an, wie sie sich äussert, da ein gewisses Mass unumgänglich und bisweilen sogar wünschenswert ist. Diese Handlungen zu Taten wie der Androhung von Körperverletzung zu addieren, scheint mir ein ziemlich zweifelhaftes Unterfangen zu sein.

Box 3: Wonach die Erhebung fragte – Stalking

Sie waren vielleicht schon einmal in einer Situation, in der sich die gleiche Person Ihnen gegenüber wiederholt beleidigend verhalten oder Sie bedroht hat. Bitte denken Sie bei der Beantwortung der nächsten Fragen sowohl an Ihren derzeitigen und mögliche frühere Partner als auch an andere Menschen. Haben Sie es seit Ihrem 15. Lebensjahr/in den letzten 12 Monaten schon einmal erlebt, dass die gleiche Person Ihnen wiederholt eines oder mehrere der folgenden Dinge angetan hat:

• Ihnen E-Mails, Kurznachrichten (SMS) oder Sofortnachrichten geschickt, die beleidigend waren oder Drohungen enthielten?
• Ihnen Briefe oder Karten geschickt, die beleidigend waren oder Drohungen enthielten?
• Sie angerufen und Sie dabei beleidigt oder bedroht oder geschwiegen
• Beleidigende Kommentare zu Ihrer Person im Internet veröffentlicht?
• Intime Fotos oder Videos von Ihnen im Internet oder per Handy weiterverbreitet?
• Vor ihrem Haus, Ihrer Arbeitsstätte oder Schule herumgelungert oder auf Sie gewartet, ohne berechtigten Grund?
• Sie absichtlich verfolgt?
• Ihr Eigentum absichtlich sabotiert oder zerstört?

Das ist eine merkwürdige und überaus breite Definition von Stalking. Wenn zwei Leute über moderne oder auch ältere Kommunikationsmittel streiten und dabei beleidigend werden, dann würde dies, streng genommen, als gegenseitiges Stalking gelten. Stalking fände damit sowohl dann statt, wenn ein Liebespaar den Real-Life-Streit per SMS fortsetzt, wenn die beiden zur Arbeit fahren, wie auch dann, wenn zwei wildfremde Twitterer sich immer wieder mal in die Haare geraten. Stalking impliziert für mich jedoch eine gewisse Einseitigkeit und eine Hartnäckigkeit, die über eine blosse Wiederholung der Tat hinausgeht. Darüber hinaus ist unklar, was mit Drohung gemeint ist. Ob darunter also auch das Androhen von gewaltlosen Konsequenzen fällt oder nicht.

Box 4: Wonach die Erhebung fragte – sexuelle Belästigung

Nun folgen einige Fragen zu Erfahrungen, die eine Frau machen könnte. Vielleicht haben Sie es schon erlebt, dass Menschen sich Ihnen gegenüber in einer Weise verhalten haben, die Sie als unerwünscht und beleidigend empfanden. Wie oft haben Sie in den letzten 12 Monaten Folgendes erlebt:

• Unerwünschte Berührungen, Umarmungen oder Küsse?*
• Zweideutige/sexuell anzügliche Kommentare oder Witze, durch die Sie sich angegriffen/ beleidigt fühlten?*
• Unangemessene Einladungen zu einem Rendezvous?
• Aufdringliche Fragen zu Ihrem Privatleben, durch die Sie sich angegriffen/beleidigt fühlten?
• Aufdringliche Kommentare zu Ihrem Aussehen, durch die Sie sich angegriffen/beleidigt fühlten?
• Unangemessenes Starren oder anzügliche Blicke, durch die Sie sich eingeschüchtert fühlten?
• Jemand schickte oder zeigte Ihnen sexuell eindeutige Bilder, Fotos oder Geschenke, durch die Sie sich angegriffen/beleidigt fühlten?*
• Jemand hat sich unsittlich vor Ihnen entblößt?*
• Jemand hat Sie gegen Ihren Willen genötigt, pornografisches Material anzusehen?*
• Unerwünschte, sexuell eindeutige E-Mails oder SMS, die Sie angegriffen/beleidigt haben?*
• Unangemessene Annäherungsversuche auf den Internetseiten sozialer Netzwerke wie Facebook oder in Internet-Chatrooms, die Sie angegriffen/beleidigt haben?

Das Sternchen (‚*‘) kennzeichnet die sechs Punkte, die als am schwerwiegendsten eingeschätzt werden konnten (aus der Gesamtliste der 11 ange­sprochenen Punkte). Die Ergebnisse für diese sechs Punkte wurden getrennt analysiert, um beurteilen zu können, welche Auswirkungen die ausgewählten Punkte auf das Ausmaß der sexuellen Belästigung haben, wie sie in der Erhebung gemessen wurde.

Verhaltensweisen, die man als unerwünscht oder beleidigend empfindet, kann man natürlich sehr gut nach exakt diesen Kriterien klassifizieren und aggregieren, aber es stellt sich auch hier die Frage, wieso man das tun sollte. Welche Erkenntnisse lassen sich daraus gewinnen, wenn man Handlungen zusammenfasst, von denen manche in bösartiger Absicht geschehen, manche gutmütig gemeint sind und wiederum andere das Resultat beschränkten Wissens über die Präferenzen der Mitmenschen sind? Doch der Charakter der Taten unterscheidet sich nicht nur in Bezug auf die Motivation, sondern auch hinblicklich der Intensität der Tat und der Art der Belästigung. Zwar kommt es wohl bei allen Taten zu einer gewissen Interaktion und Kommunikation, aber ob man berührt, angesehen oder angesprochen wird, ob man Witze mithört oder ob man Zeuge einer exhibitionistischer Tat wird, macht einen erheblichen Unterschied aus.

Im Kontrast zur körperlichen, sexuellen und psychischen Gewalt spielt bei der sexuellen Belästigung zudem das eigene subjektive Empfinden einer herausragend grosse Rolle. Während Körperverletzung generell als unerwünscht gilt (und über die Ausnahmen meist explizit verhandelt wird), so sind die Handlungen, die die Klasse der sexuellen Belästigung bilden, nicht per se Grenzüberschreitungen, sondern werden das erst dadurch, dass sich die belästigte Person angegriffen oder beleidigt fühlt. Diese subjektive Komponente macht es schwierig, Vorwürfe der sexuellen Belästigung objektiv zu überprüfen, da eben Aussenstehende nicht beurteilen können, wie belästigt sich die betroffene Person fühlt. Klar ist auch, dass empfindlichere Personen stärker von sexueller Belästigung betroffen sind, da sie sich eher belästigt fühlen. Zugleich kann man bis zu einem bestimmten Punkt selber beeinflussen, wie oft man belästigt wird, indem man eine gewisse Toleranz für bestimmte Fragen, Blicke, Witze und Kommentare entwickelt. Die Subjektivität bedeutet darüber hinaus auch eine grosse Unsicherheit für Leute, die blicken, kommentieren, fragen oder witzeln, da einunddieselbe Tat für die eine Person eine schwere Beleidigung darstellen kann, während eine andere Person sich darüber freut oder amüsiert. Dies macht gesetzliche Interventionen gegen sexuelle Belästigung so heikel, da hier eben das Empfinden des Opfers viel wichtiger ist als bei anderen Straftaten, wie etwa Diebstahl, bei dem wirklich die Tat im Vordergrund steht, die auch der Täter eindeutig als ungesetzlich identifizieren kann, wohingegen er bei der sexuellen Belästigung die Präferenzen der angesprochenen oder angesehenen Person kennen müsste, bevor er die Ungesetzlichkeit, die Unmoral oder die Unangebrachtheit der Tat beurteilen kann.

Zu guter Letzt muss man sich auch fragen, ob sexuelle Belästigung tatsächlich eine Form von Gewalt ist, wie das impliziert wird, wenn sich eine Studie über Gewalt gegen Frauen intensiv damit beschäftigt; ob Gesetze gegen sexuelle Belästigung verhältnismässig sind, da Strafandrohungen (ob nun von Geldbussen oder Freiheitsentzug) doch generell schwerwiegendere Eingriffe sind als sexuelle Belästigungen, die aus Wortäusserungen oder Blicken bestehen; und welche Effekte solche Gesetze auf das von ihnen nicht direkt betroffene gesellschaftliche Zusammenleben haben.

In toto wirft die Umfrage also mehr Fragen auf, als sie beantwortet und zeigt, dass man wohl zuerst darüber sprechen müsste, was Gewalt ist; was spezifisch strafrechtliche und allgemein gesetzliche Verhältnismässigkeit bedeutet; wie das gesellschaftliche Leben grundsätzlich aussehen soll; ob sexuellen Belästigungen im Vergleich zu anderen Belästigungen ein rechtlicher und emotionaler Sonderstatus zukommen soll; wie Frauen und Männer mit ihrer Sexualität umgehen sollen, wenn sie in den verschiedensten Lebensbereichen mit Personen in Kontakt kommen, zu denen eine gewisse erotische Anziehung besteht; ob es leichter ist, Belästigungen zu reduzieren als das Gefühl des Belästigtseins und nach welchen Kriterien man überhaupt beurteilen soll, auf welcher Seite man ansetzen sollte, bevor man erforschen kann, wie stark Frauen von Gewalt betroffen sind und man diesbezüglich gewonnene Daten als Grundlage für staatliches Handeln anpreist.

Die Abtreibungsinitiative: Das Für und Wider

Am 9. Februar findet in der Schweiz die Volksabstimmung zur Eidgenössischen Volksinitiative ‘Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache – Entlastung der Krankenversicherung durch Streichung der Kosten des Schwangerschaftsabbruchs aus der obligatorischen Grundversicherung‘ statt. Da die öffentliche Diskussion dieser Initiative zwar ziemlich laut, qualitativ dafür aber umso lauer war, werde ich nun hier mit mir selber streiten.

Ungewollte Geburten

Für Antinatalisten ist dies eine viel grössere Sorge als für gewöhnliche Feministen und Familienpolitiker. Allerdings beziehen erstere den Begriff der Ungewolltheit auch auf die Perspektive des Kindes und nicht nur die der Mutter (und die des Vaters).

Je weniger Kosten Verhütung und Abtreibung bei den Frauen und ihren männlichen Fortpflanzungspartnern verursachen, umso leichter ist es, ungewollte Schwangerschaften und Geburten zu verhindern. Werden Abtreibungen aus dem Katalog der Grundversicherung genommen, könnte es somit zu mehr ungewollten Geburten kommen.

Während dies ein berechtigter Einwand gegen die Initiative ist, so mangelt es ihm doch ein wenig an Glaubwürdigkeit. Denn das Problem der ungewollten Geburten (ob für Eltern oder Kind) wird sonst kaum angegangen. Unüberlegte Geburten etwa werden eher gefördert, beispielsweise dadurch, dass die Kosten dafür auch von der Grundversicherung gedeckt werden, aber auch durch Direktzahlungen an Eltern oder Dogmen wie demjenigen, dass die finanzielle Situation nicht darüber entscheiden darf, ob sich jemand Kinder leisten kann, welches zu einer Kultur der unbesonnenen, unselbstkritischen und nur schwerlich hinterfragbaren Fortpflanzung führt. Mit der restriktiven Regulierung der Fortpflanzungsmedizin trägt dies dazu bei, dass die Frage, ob ein Kind gezeugt und geboren werden möchte, ignoriert wird, wenn sie überhaupt gedacht werden darf.

Somit zeigt sich, dass der Einschluss der Abtreibung in die Grundversicherung lediglich ein Tropfen auf den heissen Stein der ungewollten Geburten darstellt.

Unprofessionelle Abtreibungen

Wenn professionelle Abtreibungen teurer sind als unprofessionelle und Abtreiberinnen die Abtreibungen selber bezahlen müssen, besteht ein gewisser Anreiz zu unprofessionellen Abtreibungen, der schwer zu quantifizieren ist, den aber anscheinend auch viele Abtreibungsgegner für schlecht halten.

Allerdings trägt das derzeitige Finanzierungsmodell dazu bei, dass die Abtreibungskosten hoch bleiben und aggraviert somit die potenziellen Probleme, die ein Wechsel des Finanzierungsmodell mit sich bringen könnte. Denn im gegenwärtigen System mangelt es bei den Anbietern, den Nachfragern und auch den Mittelsmännern an Anreizen, die Abtreibungskosten zu senken. Denn für die Nachfrager macht es finanziell nur einen geringen Unterschied aus, ob sie (bei gleichem Professionalitätsniveau) teurere oder günstigere Abtreibungen wählen und die Anbieter haben somit nur wenig Druck, zu versuchen, Abtreibungen kostengünstiger zu gestalten und damit Kunden zu gewinnen.

Wnn die Abtreibungen nicht von der obligatorischen Grundversicherung bezahlt werden, heisst dies natürlich nicht, dass jede Frau die Abtreibung aus eigener Tasche und in einer Summe bezahlen muss. Vorstellbar wäre etwa eine Zusatzversicherung, der auch solidarisierende Männer beitreten könnten oder die Sozialdemokraten könnten ein Solidarnetz Abtreibung kreieren.

Wahlfreiheit & Gewissensfreiheit

Nicht überraschend benutzen Gegner und Befürworter dies als Argument. Die Gegner plädieren für Wahlfreiheit im Sinne, dass die Frauen sich frei von finanziellen Erwägungen für oder gegen Abtreibungen entscheiden können. Die Befürworter plädieren für Wahlfreiheit in dem Sinne, dass Männer und Frauen frei von staatlichem Zwang entscheiden können, ob sie Abtreibungen mitfinanzieren oder nicht, resp. dass sie nicht dazu gezwungen werden sollten, etwas zu finanzieren, dass sie für unmoralisch halten.

Beide Argumente sind für sich allein genommen bedenkenswert, wirken im Kontext aber unglaubwürdig, resp. inkonsequent:

Letzteres Argument kommt von Leuten, die ausser bei Dingen, die sie persönlich ablehnen, keinerlei Bedenken haben, andere Menschen zur Finanzierung von Dingen zu zwingen, die diese für unmoralisch halten. So wollen sie etwa Atheisten zur Zahlung von Kirchensteuern (resp. normalen Steuern, die dann an Kirchen fliessen) zwingen; Pazifisten zur Finanzierung der Armee, der Waffenproduktion und des Waffenexportes; Ökonomen und Entwicklungshelfer zur Finanzierung von Exportsubventionen; und Anarchisten zur Finanzierung des Staates selber.

Ersteres Argument kommt von Leuten, die bei anderen Dingen die Wahlfreiheit staatlich stark einschränken wollen, etwa wenn es ums Rauchen, um die Schulwahl, um gentechnisch veränderte Nahrungsmittel, um die Prostitution, um Offroader oder um bestimmte Meinungsäusserungen geht. Zudem ist ihre Bereitschaft, mit staatlichen Subventionen für finanzielle Gleichstellung zweier Wahloptionen zu sorgen, äusserst selektiv. Bei Abtreibungen, bei der Vereinbarkeit von Arbeit und Familie und bei der Wahl zwischen Lehre oder Staatsschulbesuch sind sie stark für diese Form der Wahlfreiheit. Aber obwohl die Juso in ihrer Plakatkampagne (die quasi-nackte Menschen darstellt, was aber wohl weder sexistisch noch objektifizierend ist, wenn es die Juso tut) die Abtreibungsinitiative als ‘Sexdiktat vom Staat’ (Adjektive und Genitive waren nicht mehr im Angebot) bezeichnet, würde sie das wohl kaum tun, wenn es um Vaterschaftsklagen ginge, obwohl man diese als ähnliche Einschränkung der Wahlfreiheit ansehen könnte.

Diese Beispiele zeigen, dass es den beiden Parteien nicht generell und allgemein um Wahlfreiheit geht, sondern nur dann, wenn es um Dinge geht, die sie persönlich für besonders gut oder schlecht halten. Die Gegner etwa wollen dort keine Wahlfreiheit, wo der Bürger eine aus ihrer Sicht schlechte Wahl treffen und sich etwa rassistisch äussern oder einen SUV fahren könnte. Die Befürworter wollen dort keine Wahlfreiheit, wo der Bürger sich entscheiden könnte, aus ihrer Sicht gute Dinge, wie etwa Waffenexporte oder Kirchen, nicht mitzufinanzieren.

Fairness

Gegenwärtig bezahlt die Grundversicherung sehr vieles. Darunter Therapien und Heilmittel, deren Wirksamkeit wissenschaftlich nicht belegt oder gar widerlegt ist. Sowie die Behandlungskosten für Unfälle und Krankheiten, deren Risiko durch die Wahl der Freizeitbeschäftigung und des Lebensstils bewusst und absichtlich erhöht wurde. Und auch Kosten für andere medizinische Behandlungen und Betreuungen, die stark unter der Kontrolle der Patienten stehen, wie etwa Geburten. Während man es nun für unfair halten mag, wenn man für die Risiken anderer Menschen mitbezahlen muss, die diese freiwillig eingegangen sind, auf die man selber aber verzichtet hat; und während man es für ökonomisch widersinnig halten kann, wenn Kosten sozialisiert werden, deren Entstehung der Kostenverursacher selber stark steuern kann; und während man folglich jede Reduzierung des Leistungskataloges für einen Beitrag zu mehr Fairness halten könnte; so könnte man dann doch einwenden, dass es unfair ist, einen einzigen Kostengrund zu streichen, was niemandem nennenswerte finanzielle Ersparnisse bringt, aber bei einer Minderheit, die sozial deutlich weniger akzeptiert ist als etwa Sportler, zusätzliche Umstände und grosse Kosten verursachen könnte.

Solidarität

Die Initiative wird oft als versuchte Aufkündigung der Solidarität oder als Angriff auf den Solidargedanken bezeichnet, aber es wird kaum je berücksichtigt, dass es sich dabei um Zwangssolidarität handelt und dass der Unterschied zwischen erzwungener und freiwilliger Solidarität nicht irrelevant ist. Die Initiative würde zwar die Zwangssolidarität einschränken, aber damit würde sie mehr Spielraum für freiwillige Solidarität bieten. Zudem ist die Solidarität im Allgemeinen und auch spezifisch bei den Krankenkassen heute schon beschränkt. Wegen der Knappheit aller Ressourcen ist unbeschränkte Solidarität sowieso nicht möglich. In den Bereichen der Zahnmedizin und der Augenmedizin ist gut und konkret sichtbar, dass diese Solidarität per Krankenkasse heute schon in bedeutendem Masse eingeschränkt ist. Interessanterweise wird dies aber viel weniger beklagt als die versuchte Streichung der Abtreibung aus der Grundversicherung. Konsistenterweise müssten die Initiativgegner erklären können, wieso die Solidarität mit Abtreiberinnen wichtiger ist als die Solidarität mit Karieskranken oder anderweitig disprivilegierten Menschen.

Subventionierte Geburten

Gegenwärtig bezahlt die Grundversicherung nicht nur Abtreibungen, sondern auch Geburten. Somit besteht ein gewisses Gleichgewicht zwischen den beiden Optionen für Schwangere und auch zwischen den beiden Staatseingriffen. Die Aufhebung der obligatorischen Finanzierung des einen, aber nicht des anderen, würde dieses Gleichgewicht stören und die Anreize vergrössern, sich für die subventionierte Option zu entscheiden. Damit würde der Staat die Anreize stärker verzerren als dies mit der heutigen Doppelsubventionierung der Fall ist. Dies bedeutet, dass ein doppelter Staatseingriff manchmal weniger Marktverzerrungen verursacht als ein einzelner; und dass im Fall der Abtreibungsinitiative ein Trade-Off zwischen Anreizverzerrung und Finanzierungszwang besteht. Aus Sicht des Liberalismus sind beides Übel, doch am 9. Februar hat man nur die Wahl, nichts zu verändern oder das eine Übel zu vergrössern und das andere zu verkleinern.

Trügerischer Titel

Obwohl es bei der Initiative ihrem Titel nach um die finanzielle Entlastung der Krankenversicherungen gehen soll, hätte die Streichung des Schwangerschaftsabbruchs aus der obligatorischen Grundversicherung nur einen minimalen finanziellen Effekt, der für die Krankenkassen und die Prämienzahler kaum spürbar wäre. Dies bedeutet jedoch auch, dass es ziemlich einfach wäre, die Abtreibungen per Zusatzversicherung oder mittels Spenden zu finanzieren.

Etatismus

Eine Volksinitiative zu lancieren, die netto zu einer Mehrbelastung des Staatsbürgers führen könnte, um die Krankenkassen minim zu entlasten und ein bisschen mehr Gewissensfreiheit zu schaffen, ist von zweifelhafter Liberalität. Etatismus ist folglich auf beiden Seiten der Initiative zu finden. An den Gegnern der Initiative ist besonders ärgerlich, dass sie keinerlei Interesse, Motivation oder Kreativität zeigen, sich ohne Staat für eine aus ihrer Sicht gute Sache einzusetzen. Keine Feministin hat gesagt, dass sie die Finanzierung über die obligatorische Grundversicherung zwar stark befürwortet, dass sie bei einer Annahme der Initiative aber mit allen Kräften versuchen würde, alternative Finanzierungsformen zu kreieren. Dies mag natürlich abstimmungstaktische Gründe haben, um den Eindruck zu erwecken, dass es ohne Staat nicht gehen würde, aber es wirft gleichzeitig auch ein schiefes Licht auf die Aufrichtigkeit und Gutherzigkeit der Initiativgegner.

Fazit

Schlussendlich scheint mir sowohl die Annahme wie auch die Ablehnung der Initiative eine falsche Antwort auf ein von der Politik missverstandenes Problem zu sein. Deshalb kann ich den Stimmberechtigten nur den Protest gegen das dualistische Stimmmodell, das keine dritte Stimmoption umfasst, empfehlen.

Junge Mütter und Subventionsmaximierung

Charlotte Jacquemart schreibt in der NZZ, dass Mütter ihre Kinder möglichst früh kriegen sollten. Ein Argument, dass sie dabei bringt, ist das folgende:

Wer sich zuerst viel (überflüssigen) materiellen Luxus anschafft und danach die Kinder hineinstellt, wird Mühe haben, zurückzubuchstabieren, weil die Prioritäten ändern. Wer wenig verdient, zahlt weniger für die Betreuung in Krippen, profitiert von Krankenkassenbeiträgen, kommt schneller in den Genuss von subventioniertem staatlichem Wohnraum. Wer jung Kinder hat, kann eher auf rüstige Eltern abstellen, die einem die Brut ab und zu abnimmt oder gar regelmässig den Hütedienst sicherstellt. Das ist in einem Land, das die Kinderbetreuung steinzeitmässig organisiert, ein wesentlicher Faktor.1

Frauen sollen also dann Kinder kriegen, wenn sie eher finanzschwach sind und dadurch möglichst viele Kosten, die die Kinder verursachen, externalisieren, also vom Steuerzahler bezahlen lassen können. Opportunistisch gesehen mag dies ein guter Ratschlag sein. Schliesslich kann die Mutter dadurch ihre Ausgaben (für das Kind) senken. Aus liberaler Sicht ist es eher verantwortungslos. Denn Jacquemart sagt, dass die Mütter nicht die finanzielle Verantwortung für ihre Handlungen tragen sollen, sondern ihr Leben so planen sollen, dass sie möglichst viele Kosten auf ihre Mitmenschen abschieben können, von denen viele keineswegs zugestimmt haben, diese Kosten mitzutragen, sondern vom Staat dazu gezwungen werden. (Einwenden könnte man natürlich, dass der Staat das Grossziehen der Kinder stark verteuert hat und dass es deshalb nur rechtens sei, wenn er einen Teil dieser Verteuerung selber trägt. Wenn man dies einsieht, wäre es allerdings besser, diese kostensteigernden Staatseingriffe zu eliminieren, statt sie bloss dem Steuerzahler aufzulasten.)

Dieser Rat ist auch sehr stark auf die Mutter (resp. die Eltern) fokussiert und vernachlässigt dadurch implizit die Kinder. Denn deren Bedürfnisse haben wohl eher wenig mit der Maximierung der Subventionsbezüge durch die Eltern zu tun und können womöglich besser befriedigt werden, wenn die Eltern weniger subventioniert werden, aber dafür ein höheres eigenes Einkommen haben.

Damit besteht ein zweifach doppelter Mangel an Verantwortung: Der Ratschlag von Jacquemart, Subventionsmaximierung zu betreiben und das System, das diese Subventionen ausschüttet und dadurch teilweise sehr fragwürdige Anreize schafft auf der einen Seite. Und auf der andern Seite die Verantwortungslosigkeit gegenüber der Gesellschaft, resp. der Mitbürgerin, der ungefragt Kosten aufgedrängt werden, und gegenüber dem Kind, das ungefragt zu jenem Zeitpunkt auf die Welt gestellt wird, zu dem die Eltern die meisten Subventionen ergattern können und nicht dann, wenn die Umstände für das Kind am besten erscheinen.

Wer sich als junge Frau früh einen Mann sucht, der einen geeigneten Vater abgibt, verschwendet nicht die besten Jahre an Männer, die es im Grunde genommen nicht wert sind.1

Männer sind es also nur wert, wenn sie geeignete Väter abgeben? Ist das die Umkehrung der sexistischen Ansicht, dass eine richtige Frau auch eine gute Mutter sein muss? Wie wäre das als Ratschlag für junge Männer? Dass sie sich Frauen suchen sollen, die gute Mütter abgeben würden? Also Frauen, die gut kochen und putzen können, die generell gute Hausfrauen abgeben und die gut mit Kindern umgehen können?

Wenn man diese Klischees auf beide Geschlechter egalitär anwendet, mag man zwar den Sexismus loswerden, aber damit behält man das Dogma bei, dass man das Leben auf die Fortpflanzung ausrichten sollte und dass Beziehungen mit Leuten, die keine guten Eltern machen würden, wertlos seien. Rollenbilder sind aber nicht weniger problematisch, wenn sie geschlechtsneutral sind. Denn sie sorgen auch ohne Sexismus für die soziale Stigmatisierung von Personen, die diesen Rollenbildern nicht gerecht werden, etwa weil sie keine Familie gründen wollen.


  1. Erst Kinder, dann Karriere [] []

Emotionale Bevormundung

Die wohl heimtückischste Form des Paternalismus ist die emotionale Bevormundung. Dabei werden nicht Handlungen reguliert (besipielsweise durch staatliche Verbote, durch Nudges oder durch kulturelle Stigmatisierung), mit denen sich ein Mensch selber schaden könnte, sondern das emotionale Innenleben des Individuums. Damit meine ich nicht, dass die betroffene Person darauf aufmerksam gemacht wird, dass ihre Emotionen langfristige Konsequenzen haben könnte, die sie vielleicht nicht bedacht hat oder dass es noch andere Aspekte gibt, die zu berücksichtigen sind, sondern die Leugnung der Existenz oder der Gültigkeit bestimmter Gefühle. Damit verbunden ist das Konzept des ‘wahren Glücks’, mit dem Antikapitalisten oft das Shopping diskreditieren oder Konservative die sexuelle Promiskuität. Und dazu gehören auch Aussagen wie diese:

Mag ja sein, dass die Musikindustrie hinter den Kulissen immer noch vornehmlich männlich geprägt ist. Aber ich glaube nicht, dass nur die Männer an der Hypersexualisierung schuld sind. Vielmehr sind viele Frauen so abhängig davon, begehrt zu werden, dass sie das denkbar simpelste Mittel wählen, um sich auch begehrt zu fühlen. Und sich dabei einbilden, sie würden auch geliebt. Hat ihnen denn niemand gesagt, dass wahre Befriedigung nicht daraus entsteht, sich lieben zu lassen, sondern selber zu lieben? Seien das Menschen – oder die eigene Kunst. Sich auszuziehen, ist keine Kunst, Klischees zu vermeiden aber schon. Dafür bleibt diese Aufgabe interessant – bis zuletzt.1 2

Die Gefühle dieser Frauen werden also nicht respektiert oder zumindest (als echt angesehen und) toleriert, sondern als Einbildung abgewertet. Die Frauen können nicht für sich entdecken und entscheiden, was sie befriedigt, sondern es muss ihnen jemand anderes sagen, was wahre und was falsche Befriedigung ist. Tut dies niemand, dann, so dröhnt es laut zwischen den Zeilen hindurch, sind diese Frauen nicht einmal fähig, zwischen Begehrtsein und Geliebtsein zu unterscheiden.

Wir haben hier also nicht nur ein Beispiel für den emotionalen Paternalismus, sondern auch ein Beispiel für eine Bevormundung der Frauen durch die Frauen unter dem warmen Deckmantel des Feminismus. Wobei ich die Möglichkeit nicht ausschliessen will, dass es ein fester Bestandteil mancher Zweige oder Äste des Feminismus ist, dagegen zu kämpfen, dass Frauen Befriedigung darin finden, begehrt zu werden. Es sollte allerdings nicht überraschen, wenn manche der betroffenen Frauen sich anschliessend gegen diese Feminismen wenden.

Die Ursache für emotionale Bevormundung scheint oft zu sein, dass sich die Paternalisten nicht vorstellen können, dass jemand ganz anders fühlt als sie und einfach davon ausgehen, dass die anderen Menschen dieselben Emotionen und Präferenzen haben wie sie selber. Während man die derart motivierte Variante des Paternalismus wenigstens als gut gemeint ansehen könnte, so gibt es aber auch Paternalisten, die um die Diversität der Innenleben der Menschen wissen, diese aber trotzdem egalitarisieren oder einebnen wollen. Generell scheinen letztere ziemlich selten zu sein (wie Hanlons Rasiermesser vermuten lässt), aber es ist durchaus möglich, dass in bestimmten Berufen oder Branchen letztere überdurchschnittlich oft anzutreffen sind.


  1. Michèle Binswanger – Popstars in der Sexfalle []
  2. Hervorhebung nicht im Original. []

Geschlechterrollen und die Irrelevanz der Frage nach Natur oder Kultur

Kommen die Themen Feminismus und Gender zur Sprache, wird oft diskutiert, ob Geschlechterunterschiede, insbes. statistische Unterschiede im Verhalten, biologisch bedingt sind oder soziale und kulturelle Ursachen haben. Diese Diskussion könnte durchaus interessant sein (ist sie es aber aus verschiedenen Gründen meist nicht), ist aber reichlich irrelevant für Fragen wie beispielsweise die, ob Genderkonformität erzwungen werden sollte oder ob mehr Verhaltensgleichheit erstrebenswert ist. Denn wenn die Geschlechtsunterschiede vornehmlich biologische Ursachen haben, heisst das nicht, dass es nicht auch Leute gibt, die am Rande der statistischen Verteilung liegen und für die es überaus unangenehm wäre, wenn sie sich wegen staatlichen Diktaten oder sozialem Druck ganz entgegen ihrer Neigungen verhalten müssten. Und wenn die Geschlechtsunterschiede vornehmlich soziokulturelle Rollenbilder sind, dann heisst das nicht, dass die Ungleichheit eine Ungerechtigkeit ist und dass die Rollenbilder samt und sonder abgeschafft werden sollen, denn Verhaltensnormen machen aus verschiedenen Gründen Sinn, weshalb man nicht a priori (aber je nachdem durchaus a posteriori, d.h. nach ausgiebiger Betrachtung der gegenwärtigen Lage) sagen kann, dass geschlechtsspezifische Rollen schlecht oder unmoralisch seien, zumal Normen auch explizit Ausnahmen zulassen können und eher als Richtlinien und Orientierungshilfen dienen können, als allen Individuen ein bestimmtes Verhalten zu diktieren.

Geschlechtsunterschiede: Egalitarismus oder Individualismus?

Sind Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern, ob diese nun biologisch-evolutionäre oder sozial-kulturelle Ursachen haben, auch dann ein Problem, wenn das Individuum ungewöhnliche, aber friedfertig-produktive Entscheidungen treffen kann, ohne dabei nennenswert grössere soziale Kosten bezahlen zu müssen als eine Person, die gewöhnlichere Entscheidungen trifft?

Wenn sie dies nicht sind, sollte dann der Fokus nicht auf Quoten und Ungleichheitsstatistiken liegen, sondern auf individualistischem Laissez-Faire, also einer gewissen Gleichgültigkeit (was nicht mit Desinteresse zu verwechseln ist) gegenüber den Hobbies, Berufen und Präferenzen der Mitmenschen, so lange diese einen Mindeststandard der Friedfertigkeit, Freundlichkeit, Höflichkeit und Ästhetik erfüllen?

Gleichstellung und Crossdressing

Es scheint für Frauen akzeptabler zu sein, Männerkleidung zu tragen als umgekehrt.1

Was kann man daraus schliessen?

Es gibt zwei gegenläufige Erklärungsansätze.

Der erste ist eher klassisch feministisch und sieht die Ursache in Misogynie und einer patriarchalen Kultur. Demnach hat das Weibliche immer noch einen niedrigeren Status als das Männliche, d.h. es wird weniger respektiert und weniger wertgeschätzt. Wenn Frauen sich wie Männer kleiden, überschreiten sie zwar damit die Geschlechterrollen, gewinnen aber an Status, weil männliche Kleidung als Ausdruck oder Verkörperung des Männlichen höher bewertet wird. Wenn Männer Frauenkleider anziehen, dann verletzten sie nicht nur die Geschlechternormen, sondern verlieren an Status. Weil das Weibliche also weniger Wert hat als das Männliche, hat Crossdressing bei Frauen eine positive und eine negative Wirkung, während es bei Männern nur negativ wirkt.

Den zweiten Ansatz könnte man maskulistisch nennen, wenn man das Wort noch eine sinnvolle Bedeutung hätte und sieht die Ursache in der Frauenbefreiung. Diese hat sich vorwiegend um die Frauen und die Frauenrechte gekümmert und für die Frauen grosse Freiheiten errungen. Darunter die Möglichkeit, sich beliebig zu kleiden, also auch Kleider anzuziehen, die traditionell zum andern Geschlecht gehörten. Die Männer hatten jedoch so gut wie keine Männerbewegung, obwohl auch sie unter vielen Geschlechternormen litten. Deshalb haben sie auch heute die Freiheit nicht, Frauenkleider anzuziehen.

Betrachtet man diese Erklärungen, sieht man auch, dass der Crossdressing-Doppelstandard im ersten Fall als negativ für die Frauen und im zweiten Fall als positiv für die Frauen charakterisiert wird. Dies könnten aber auch bloss die zwei Seiten derselben Medaille sein, was für eine kombinierte Erklärung sprechen würde. Schlussendlich wird man wohl jene Erklärung wählen, die am besten in jenen Narrativ passt, mit dem man die Welt sonst erklärt.

Es sind jedoch noch viele andere Erklärungen vorstellbar und in den Kommentaren darf gerne spekuliert werden.


  1. Ein Artikel zu Männer-Dessous: «Ich will einen Mann, keine Freundin!» []

Die gesellschaftliche Reaktion auf Vergewaltigungen

In unserer gegenwärtigen Gesellschaft wird Vergewaltigung als etwas äusserst Schlimmes betrachtet, als etwas, das schlimmer ist als die meisten anderen Gewaltverbrechen. Grob gesagt gibt es zwei Ansätze, wie man diese gesellschaftliche und individuelle Reaktion erklären kann: Erstens mit der Natur und zweitens mit der Kultur. (Oder natürlich mit einer Mischung aus beidem.) Beide Ansätze scheinen in der heutigen Gesellschaft (und für grosse Teile des heutigen Feminismus und Progressivismus) jedoch ziemlich unschmackhaft zu sein.

Eine kulturelle Reaktion würde bedeuten, dass man sie ändern kann und dass eine Kultur, in der Vergewaltigungen nicht als schlimmer angesehen werden als ähnlich gewaltreiche Verbrechen, vielleicht erstrebenswert wäre. Es würde auch implizieren, dass es kontraproduktiv sein könnte, in den Medien Vergewaltigungen als etwas äusserst Grässliches darzustellen. Einerseits, weil uns dies der angestrebten Kultur nicht näher bringen würde. Andererseits, weil dies die Traumata von Vergewaltigungsopfern verstärken könnte. Folglich wäre es auch kontraproduktiv, den Begriff der Vergewaltigung sehr weit und lose zu verwenden und gesetzlich immer mehr Taten als Vergewaltigung zu bezeichnen.

Eine natürliche Reaktion würde bedeuten, dass die Natur unser Sexualverhalten stark prägt und einige Verhaltensmuster und Denkmuster und Gefühlsreaktionen stark genetisch beeinflusst sind. Es wäre auch ein Hinweis darauf, dass sich die Geschlechtsunterschiede womöglich nicht auf die primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen beschränken, sondern auch das Verhalten und die Emotionen betreffen. Dies wiederum hätte weitreichende Auswirkungen auf Politik, Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft und Ethik.

Man sieht also, dass man unbedingt davon absehen sollte, die gesellschaftliche Reaktion auf Vergewaltigungen zu thematisieren.