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Der Gerechtigkeitswahn

Aus einem Interview von Guido Kalberer mit Michael J. Sandel:

[Michael J. Sandel:] Es gibt drei grundsätzlich unterschiedliche Argumente für die Theorie der Gerechtigkeit. Erstens das utilitaristische Denken, Maximierung des Nutzens oder Beförderung der Gesamtmenge an Glück. Das zweite Gedankenkonstrukt ist die kantische Lehre von der Achtung der Würde jedes Menschen. Und die dritte Theorie beruht darauf, dass Gerechtigkeit bedeutet, jedem Menschen das zukommen zu lassen, was ihm zusteht, was er verdient.1

Es gibt weitaus mehr als drei Gerechtigkeitstheorien. Allein zur Würde gibt es etliche verschiedene Theorien und nicht nur die von Kant. Zudem vermischt Sandel hier Ethik, Recht und Gerechtigkeit. Drei Konzepte, die zwar verwandt sind, sich aber doch auch voneinander unterscheiden.

[Guido Kalberer:] 2007 verdiente ein amerikanischer CEO das 344-Fache des Lohnes eines durchschnittlichen Arbeiters. 1980 betrug die Differenz das 42-Fache. Ist es gerechtfertigt, dass jemand so viel mehr Einkommen erhält?

[Michael J. Sandel:] Nein, lautet meine kurze Antwort. Länger und komplizierter wird es, wenn man begründen will, warum es ungerecht ist, dass so riesige Einkommensunterschiede bestehen.1

Um gleich zu Beginn meine Position klar zu machen: Ich halte das Streben nach totaler Gerechtigkeit für so sinnlos wie gefährlich. In der Tat denke ich, dass bei der Gestaltung von Wirtschaftssystemen und Rechtssystemen und diversen Institutionen wie etwa Schulen oder Hilfswerken die Gerechtigkeit zwar berücksichtigt werden sollte, aber andere Aspekte höher gewichtet werden sollten.

Die Theorien der Gerechtigkeit, die ich in meinem Buch darstelle, bieten unterschiedliche Sichtweisen dazu an, welches Mass an Ungleichheit noch vereinbar ist mit einer gerechten Gesellschaft. Die erste Theorie ist die des Marktliberalismus: Die liberalistische Theorie besagt, dass alles, was sich in einem freien Markt, in einer freien Marktwirtschaft an Unterschieden in der Einkommensverteilung ergeben mag, per Definition schon gerecht ist.1

Nein, tut sie nicht. Oder wenigstens nicht grundsätzlicherweise. Ich bin beispielsweise ein Marktliberaler, bin aber trotzdem der Meinung, dass freie Märkte (ob bei Löhnen, bei Mobiltelefonen, bei Hühnereiern, bei Kriminalromanen oder bei Sex) zu Ungerechtigkeiten führen können. (Ich komme nicht umhin, anzumerken, dass die genannten Märkte sehr unterschiedlich liberal sind, weswegen die derzeit existierenden Ungerechtigkeiten viele andere Gründe haben können. Ich halte es sogar für recht schwierig, den freien Markt für Ungerechtigkeiten in Bereichen verantwortlich zu machen, wo er gar nicht existiert.)

Der freie Markt sichert Gerechtigkeit.1

Nein. Ich glaube, dass es in der freien Marktwirtschaft mehr Gerechtigkeit geben würde als in anderen Systemen, aber sichern kann der freie Markt sie nicht.

Ich stelle diese marktliberale Sicht so angemessen dar, wie ich kann, obwohl ich mit der Theorie des reinen Marktes nicht einverstanden bin.

Teilen Sie dagegen die Meinung von John Rawls, dass Einkommensunterschiede nur dann gerechtfertigt sind, wenn sie den am wenigsten Begüterten zugute kommen?

Ich bin mit diesen Teilüberlegungen von John Rawls einverstanden, obwohl ich seiner Gesamttheorie nicht zustimme.1

Um die Position von Rawls zu testen, sollte man anschauen, was geschieht, wenn man sie verallgemeinert und sie also nicht nur auf Geld im Generellen und Einkommen im Spezifischen bezieht.

Verallgemeinert könnte sie dann in etwa so lauten: Unterschiede in der Versorgung mit bestimmten Gütern (wozu u.a. auf kommerziellen Märkten wie auch auf informellen, geldlosen Märkten gehandelte Waren und Dienstleistungen gehören, im Allgemeinen aber alles, was Menschen irgendwie konsumieren können) sind nur dann gerechtfertigt, wenn sie denjenigen zugute kommen, die von diesen bestimmten Gütern am wenigsten haben.

Wendet man dieses Prinzip auf einige konkrete Beispiele an, wird man zum Schluss kommen, dass es unglaublich viel Ungerechtigkeit in unglaublich vielen Schattierungen gibt. Man wird auch die Bemerkung machen, dass über viele Ungerechtigkeiten gar nicht gesprochen wird und dass jene, die so oft und gerne über Ungerechtigkeit sprechen, sich vor allem mit der monetären Ungleichheit beschäftigen und manche andere Ungerechtigkeit gar nicht erwähnen, geschweige denn invasive Staatsinterventionen dagegen vorschlagen.

Ich möchte noch ein Argument anführen, das mit seiner Theorie nicht übereinstimmt. Mein Argument, das ich zusätzlich habe gegen diese extreme Ungleichheit – dass etwa ein Hedgefonds-Manager tausendmal mehr verdient als ein Primarlehrer –, ist das folgende: Bei einem solchen krassen Einkommensunterschied wird der echte Wert des Beitrags zum Gemeinwohl, den die einzelnen Menschen erbringen, überhaupt nicht widergespiegelt.1

Aha. Na gut, wenn der Lohn natürlich den Beitrag zum Gemeinwohl widerspiegeln soll, dann mag man da und dort schon die eine oder andere Ungerechtigkeit feststellen. Wenn dies so sein soll, muss man sich aber wieder fragen, wieso nur der Lohn den Beitrag zum Gemeinwohl widerspiegeln soll. Wieso sollte nicht die gesamte Versorgung an Gütern, die jemand erhält, dies widerspiegeln? Sollte man beispielsweise nicht die Medienaufmerksamkeit von den Halunken und Ganoven zu den Wohltätern und Seelsorgern umverteilen?

Sandels Beispiel ist aber leider ziemlich unpassend. Dass ein Hedgesfonds-Manager tausendmal mehr verdient als ein Primarlehrer, widerspiegelt ihren Beitrag zum Gemeinwohl ziemlich gut. Nicht sehr gut, da manche Lehrer sonst Negativlöhne erhalten müssten, aber generell sorgen die Hedgefonds-Manager dafür, dass wichtige Informationen eingepreist werden, dass Leute Risiken absichern können und dass Geld in profitable Unternehmungen fliesst, während Lehrer generell nichts dergleichen tun und manche von ihnen dem Gemeinwohl aktiv schaden, indem sie das Individualwohl vieler Kinder schädigen.

Der Wert, den ein Hedgefonds-Manager oder ein Schullehrer für das gemeinsame Gut, für das Gemeinwohl erbringen, ist eben so nicht auszudrücken; und ich bin der Meinung, dass die Vergütung eines Menschen für seine Arbeit auch die Bedeutung seiner Arbeit für das Gemeinwohl widerspiegeln sollte. In dieser Hinsicht ist es also ausserordentlich schwer zu begründen, weshalb einem Manager tausendmal mehr zustehen sollte als einem Lehrer. Das ist mein wichtigster Einwand.1

Das ist ein schwacher Einwand. Aber einer, der den Gerechtigkeitswahn widerspiegelt, den ich im Titel angesprochen habe. Denn er zeigt schön auf, dass die Gerechtigkeitskrieger nicht akzeptieren können, dass manche Begebenheiten und manche Institutionen halt ungerecht sind und dass man dagegen nicht viel machen kann, weil man teilweise gar nicht wirklich wissen kann, wie gerechtere Zustände aussehen würden. Denn wie will man schon schätzen, wie viel jemand zum Gemeinwohl beiträgt?

Doch die Gerechtigkeitskrieger setzen sich tapfer über ihr eigenes Unwissen hinweg und kämpfen für zahlreiche Staatsinterventionen, die scheinbar (ich gebe zu, dass dieser Schein manchmal überwältigend wirken kann) für mehr Gerechtigkeit sorgen sollen. Dass diese Interventionen Konsequenzen haben können, die sich negativ auf jene Aspekte auswirken, die wichtiger sind als die Gerechtigkeit, berücksichtigen sie nicht.

Es gibt natürlich Kämpfe für mehr Gerechtigkeit, die zu bestreiten sehr gut und förderlich für viele andere Ziele ist. Aber in einer Welt, die inhärent ungerecht ist (und da sie nicht konstitutiv gerecht ist, kann sie nur ungerecht sein), scheint es ein guter Charakterzug zu sein, wenn man kleinere Ungerechtigkeiten hinnehmen kann. Diese Tugend abzuschaffen, scheint jedoch leider auch ein Ziel der Gerechtigkeitskrieger zu sein.

In Ihrem Buch «Was Geld nicht kaufen kann» unterscheiden Sie die Marktwirtschaft von der Marktgesellschaft. Kann man sagen, dass Letztere ungerechter ist als die Marktwirtschaft, weil sie Marktgesetze auch dort einführt, wo sie nicht hingehören: Freundschaft oder Liebe?

Ich vertrete in der Tat die These, dass wir uns von einer Marktwirtschaft zu einer Marktgesellschaft hin bewegen. Ich bin ein Kritiker dieser Tendenz, und zwar aus zwei Gründen. Der erste hat zu tun mit Gerechtigkeit und Fairness, mit Ungleichheit und der wachsenden Kluft bei der Verteilung des Reichtums.1

Man betrachte wieder die Besessenheit mit Geld. Es gäbe dutzende andere Güter, bei deren Verteilung erstaunliche Klüfte existieren. Wieso diese nicht erwähnt werden, ist ein Rätsel.

Das zweite Argument: Wollen wir wirklich allem einen Preisstempel aufdrücken? Einschliesslich der menschlichen Beziehungen, einschliesslich Themen wie Gesundheit, Erziehung und Bildung oder dem Zugang zu politischen Teilhabemöglichkeiten, um seine Stimme vernehmbar zu machen?1

Märkte kann man nicht abschaffen. Sie und ihre Gesetze existieren, ob man dies will oder nicht. Marktgesetze wirken auch dort, wo keine formalen Märkte existieren. Güter haben nun mal Preise und Opportunitätskosten, auch wenn an ihnen kein Preisetikett klebt oder sie nicht einmal direkt gegen Geld getauscht werden können.

Zudem scheint es mir gerade der Staat zu sein, und eben nicht der flüchtige freie Markt, der den genannten Gütern Preisstempel aufdrückt (d.h. formelle Preisstempel, denn informell wurden sie seit Urzeiten bepriesen). Denn da er bei all diesen Gütern Subventionen sprechen will und sie auf tausendfache Weise regulieren will, kommt er nicht umhin, ihnen Preisstempel aufzudrücken.

Bildung und Gesundheit im Spezifischen sind übrigens seit tausenden von Jahren Güter, die auf formalen Märkten gehandelt wurden. Es ist nichts Neues, dass sie Preisstempel tragen.

Was hätte dies zur Folge?

Wenn all diese Möglichkeiten nur nach ihrem Marktwert beurteilt werden, führt das zu einer Verdrängung von grundlegenden Werten. Wenn wir alles unter dem Preis- oder Marktaspekt sehen, kommt es zu einer Verderbnis und Korrumpierung dieser zentralen Werte.1

Hier wiederum die begriffliche Einengung der Märkte auf den Preisaspekt. Doch Märkte haben hunderte anderer Aspekte und Eigenschaften, die tagtäglich auf formellen und informellen Märkten eine wichtige Rolle spielen. Wenn man Äpfel kauft, schaut man zwar auch aufs Preisschild, aber man berücksichtigt zugleich viele andere Werte, wie etwa den Geschmack, die Herkunft, die Apfelsorte, die Frische, den Geruch, die Saftigkeit, den Verwendungszweck und vieles mehr. Und wenn man auf einem Basar um ein Produkt feilscht, dann stets mit Hinblick auf dutzende anderer Werte, die das Produkt besitzt.

Das zweite Argument hat nichts mit Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit zu tun, sondern mit dem, was ich das Leben in Gemeinschaft nennen möchte. Dies und die damit verbundenen Werte werden Schaden leiden, wenn alles lediglich unter den Gesichtspunkten des Marktes gesehen wird. Was bei diesem Vorgang der inneren Zerstörung solcher Werte vor sich geht, ist die Unterminierung des bürgerschaftlichen Zusammenlebens. Die Bürgertugenden, der Bürgersinn und das Zugehörigkeitsgefühl werden dabei zerstört.1

Doch der Markt verkörpert bereits die Werte des Individuums, der Gesellschaft, der Kultur und der Religion. Das sind die essentiellen Faktoren, die den Markt prägen und gestalten. Was kann man unter den Gesichtspunkten des Marktes also anderes verstehen als die Gesamtheit der Werte?

Vielleicht hätte Sandel das erläutern oder zumindest erwähnen sollen. In diesem ganzen Interview ist er betrüblich vage geblieben. Ich habe alles gelesen, was er darin gesagt hat, weiss aber immer noch nicht, was die Merkmale dieser Marktgesellschaft sein sollen oder was schlecht an Preisstempeln sein soll oder was er überhaupt mit Marktgesetzen meint. Deshalb ist es auch ziemlich schwierig zu sagen, ob er tatsächliche oder nur imaginierte Missstände kritisiert. So pejorativ wie er den Begriff des Marktes verwendet, denke ich allerdings, dass wir die Ursachen und Lösungen ganz anderswo sehen. Trotzdem wäre es möglich, dass wir uns über die Missstände einig wären. Wüsste ich bloss, wo er welche Missstände sieht.


  1. «Es gibt so etwas wie die Gerechtigkeit!» [] [] [] [] [] [] [] [] [] [] []

Ungleichheit macht unglücklich? Welche Art der Ungleichheit?

Balthasar Glättli schreibt:

Die britischen Epidemiologen Richard Wilkinson und Kate Pickett haben in einer wissenschaftlichen Studie das eindrückliche Ergebnis aus unzähligen Statistiken auf den Punkt gebracht: Ungleichheit ist ein gesundheitliches und gesellschaftliches Problem! Ihr Fragestellung war: Warum haben vergleichbar reiche Gesellschaften völlig unterschiedliche Lebensqualität? Die Antwort: nur in armen Ländern führt eine Erhöhung des Bruttosozialprodukts zu mehr Lebensqualität. In reichen Länder ist es ein anderer Faktor, der sich positiv auf die Gesellschaft und die Lebensqualität innerhalb dieser Gesellschaft auswirkt: ökonomische Gleichheit.

Dieses Resultat ist so verblüffend wie eindeutig: in den OECD-Ländern ist nicht das absolute Durchschnittseinkommen entscheidend für die Lebensqualität, sondern die Einkommensschere – je kleiner sie ist, desto besser. Damit zeigt sich nicht nur das Selbstverständliche – dass von einer faireren Einkommensverteilung die unteren Einkommen profitieren – sondern, dass auch die Topverdiener einen klaren Nutzen davon haben. Auf deutsch: auch die Reichsten sind in einer faireren Gesellschaft glücklicher und gesünder. Gleichheit und Fairness ist der Leim, der das soziale Gefüge zusammenhält und dem gesamtgesellschaftlichen Wohlergehen dient.1

Zu diesen Studien gibt es viel, das man sagen könnte. Etwa, dass Glück notorisch schwierig zu messen und zu vergleichen ist. Dass es verschiedene Arten von Glück oder Wohlbefinden gibt und dass die Studien nur die eine Art messen und die anderen vernachlässigen. Dass es andere Werte und Emotionen gibt, die ebenso wichtig sind wie das Glück. Dass der Staat eine gewisse Wertefreiheit wahren und die Bürger selber entscheiden lassen sollte, welche Werte sie verfolgen. Dass der Staat nicht einen Wert mit Gewalt und Zwang fördern sollte und so andere Werte beeinträchtigt. Dass es keine Staatsaufgabe sei, die Menschen glücklich zu machen, sondern bloss, ihre Grundrechte zu schützen und ein paar öffentliche Güter bereitzustellen.

Ein anderer Einwand, der vielleicht etwas unorthodoxer und weniger bekannt ist, interessiert mich hier jedoch mehr: Was genau wird gemessen, wenn man die Einkommensverteilung oder die ökonomische Gleichheit misst? Tatsächlich nur diese beiden Dinge oder auch eine Vielzahl anderer das Glück beeinflussender Faktoren? Ist es vielleicht sogar ein anderer Faktor, der bei grosser ökonomischer Ungleichheit dem Glück schadet und gar nicht die ökonomische Ungleichheit selber? Wäre es möglich, dass die ökonomische Ungleichheit für sich genommen kaum einen Einfluss auf das Wohlbefinden hätte?

Ja, und dabei handelt es sich um eine Möglichkeit, die man nicht ignorieren, sondern gut erforschen sollte, bevor man den Staatsapparat in Gang setzt und ihn zur grossflächigen Umverteilung anweist. Wohlstand bedeutet selten nur Wohlstand, sondern steht oft für eine Palette von anderen Dingen, wie z.B. für sozialen Status oder für sexuelle Attraktivität. Wohlstandsungleichheiten könnten deshalb für Unglück sorgen, weil sie (scheinbar oder tatsächlich) Ungleichheiten an sozialem Status implizieren. Es könnte sogar sein, dass die beiden Dinge proportional aneinander geknüpft sind. Dies wäre besonders tragisch, da Leute mit geringerem Einkommen nicht nur sehen könnten, dass die Reicheren mehr Status haben, sondern auch, um wie viel höher deren Status ist. Für Arme wäre es folglich viel belastender, wenn sie in einer Gesellschaft mit Milliardären leben müssten als wenn die Reichen bloss Millionäre wären.

Würde man hingegen Reichtum und sozialen Status entkoppeln (so weit dies möglich ist, wir sind schlussendlich auch nur Affen), so würde man vielleicht entdecken, dass ceteris paribus Ungleichheiten bei letzterem die Lebensqualität viel stärker beeinträchtigen als bei ersterem.

Doch in einer solchen Gesellschaft leben wir nicht. Ökonomischer Reichtum, sozialer Staus und sexuelle Attraktivität sind stark aneinander gebunden. Das liegt teilweise an unserer animalischen Natur, teilweise am protestantisch-calvinistischen Erbe, das diese Gesellschaft immer noch hegt und pflegt. Aber auch die Sozialisten bewirtschaften mit ihrer Obsession mit Geld und Reichtum unbeabsichtigt die vorhin genannte Koppelung.

Ein anderer, das Problem verstärkender Faktor könnte die vermeintlich oder auch real existierende Meritokratie sein. Über einen tiefen sozialen Status zu verfügen, fühlt sich schlimmer an, wenn man glaubt, man sei selber für seinen Status verantwortlich. Denn dies impliziert, dass man versagt hat und es verdient hat, arm und machtlos zu sein. Ist man dagegen der Überzeugung, dass die soziale Position von äusseren Gegebenheiten bestimmt wird, auf die man keinen Einfluss hat, so hat man diese Sorgen nicht. Eine Klassengesellschaft hat in diesem Sinn durchaus (psychologische) Vorteile. (Was nicht heisst, dass es eine Klassengesellschaft braucht, damit die Leute zur Einsicht gelangen, dass ihr Leben und ihre Position in der Gesellschaft von vielen Faktoren abhängig sind, die sie selber nicht beeinflussen können.)

Zu guter Letzt stellt sich die Frage, wieso sich die Glücksforschung auf die ökonomische Ungleichheit zu fokussieren scheint. Dabei ist es gut möglich, dass es andere Ungleichheiten gibt, die einen stärkeren Einfluss auf die Lebensqualität haben oder die man einfacher (oder mit weniger unangenehmen Nebenwirkungen) verringern kann. Ist dies der Fall, sollte man vielleicht bei diesen Ungleichheiten beginnen und nicht bei der ungleichen Einkommensverteilung.


  1. Balthasar Glättli – Es gibt ein Medikament für höhere Lebensqualität []

Die Würde der Sexarbeiter und ihre persönliche Autonomie

Birgit Schmid schreibt im Magazin des TagesAnzeigers:

Schweden hat 1999 als erstes Land der Welt ein Gesetz eingeführt, das den Kauf sexueller Dienstleistungen verbietet. Die Freier werden bestraft, nicht aber die sich Prostituierenden.
[...]
[Auf dem] Tisch [der Justizkanzlerin Anna Skarhed] liegt ein 270-seitiger Bericht der Evaluation, die sie im Auftrag des Justizministeriums über die Wirksamkeit des Antiprostitutionsgesetzes machen liess. Der Untersuchungsbericht wurde 2010 veröffentlicht, die wichtigsten Erkenntnisse daraus sind:

– Die Strassenprostitution hat sich halbiert.

– Die Anzahl Freier hat abgenommen.

– Alles deutet darauf hin, dass Schweden für den Menschenhandel heute weniger attraktiv ist.

– Eine Mehrheit der Schweden findet, dass es nicht richtig ist, jemanden für Sex zu bezahlen.1

Wie gut und wie evidenzbasiert diese Evaluation ist, ist umstritten und mangels Übersetzung kann sich der Nichtschwedischkundige leider kein eigenes Bild darüber machen, aber auch der Laie erkennt, dass dies nicht sehr starke Aussagen sind. Einzig beim ersten Punkt ist die Grössenordnung bekannt, bei Punkt zwei und drei weiss man leider nicht (dies mag an der Evaluation selber liegen oder an der Berichterstattung), wie gross die Veränderungen sein sollen. Ob die Änderungen also den einstelligen Promillebereich oder den zweistelligen Prozentbereich betreffen. Ebenso wenig erfährt man, ob die Prostitution tatsächlich abgenommen hat, ob es weniger Prostituierte gibt und wie sich deren Lebenssituation verändert hat. Denn wenn das Gesetz den Sexarbeitern helfen soll, dann ist die Situation der Prostituierten wichtiger als die Zahl der Freier.2 3

Ein weiterer Kritikpunkt lautet, dass hier möglicherweise eine Korrelation besteht, diese aber keineswegs eine Kausalbeziehung bedeuten muss. Möglich wäre auch, dass das Gesetz durch indirekte Prozesse, z.B. durch eine staatlich angestossene Ideologie- und damit Verhaltensänderung, zu einer Abnahme der Freier geführt hat.

In der eng verknüpften, reisefreudigen EU müsste man darüber hinaus transnationale Effekte berücksichtigen. So wäre beispielsweise eine Substitution von schwedischen mit norwegischen, finnischen, dänischen oder polnischen Sexarbeitern vorstellbar. Für die Gesamtheit der Prostituierten wäre dies aber nicht unbedingt eine gute Entwicklung.

Was den letzten Punkt anbelangt, so scheint mir das keine neue Mehrheitsmeinung zu sein. Prostitution hat schon sehr lange einen ziemlich schlechten Ruf und während es im Mittelalter unchristlich war, Prostitution nicht abzulehnen, so gilt dies heute als politisch unkorrekt. Selbst unter denjenigen, die es als Grundrecht der Menschen halten, entgeltliche sexuelle Dienstleistungen anzubieten, gibt es viele, die Prostitution trotzdem nicht wirklich mögen, weil sie beispielsweise glauben, dass Sex idealerweise ein Geschenk darstellen sollte und kein Mittel zum Ressourcentransfer.

Beim schwedischen Entscheid ging es stattdessen in erster Linie: um die Würde der Frau.

„In den Neunzigerjahren wurden verschiedene Massnahmen diskutiert, wie man die Gewalt gegen Frauen bekämpfen und die Gleichheit zwischen Frauen und Männern stärken kann”, sagt Anna Skarhed. „Ein Aspekt davon war der Kauf sexueller Dienste: Männer, die vor allem von Frauen Sex kaufen. Um das Problem der Prostitution anzugehen, musste man die Käufer in die Verantwortung nehmen, das war für uns klar. Wenn es keine Nachfrage gibt, gibt es auch keine Prostitution.”1

Wenn Gleichheit nicht Gleichberechtigung bedeutet, sondern die faktische Gleichheit von Männern und Frauen, auch was die Berufswahl und die Freizeitgestaltung anbelangt, dann ist Prostitution natürlich ein Problem, da die Kundschaft vorwiegend männlich ist. Zu einem gewissen Teil ist dies wohl kulturell und gesellschaftlich bedingt (Passivität und Keuschheit sind gesellschaftlich bei Frauen immer noch sehr erwünschte Eigenschaften und ein Besuch in einem Strip-Club oder in einem Bordell kann einen Beweis der eigenen Männlichkeit darstellen. Die Geschlechtsschere in Bezug auf den Sextrieb wird somit kulturell aufgerissen.), aber dass Männer einen stärkeren Sexualtrieb besitzen, kann durchaus biologisch bedingt sein.

Ein Teil der Ungleichheit, was Prostitution anbelangt, rührt also womöglich von biologischen Geschlechtsunterschieden her und nicht von gesellschaftlich kreierten Geschlechterrollen. Von einem streng egalitaristischen Gesichtspunkt gesehen, ist dies tragisch. Wie kann man dann trotzdem für Gleichheit sorgen? Also bewirken, dass Männer wie Frauen gleich oft als Prostituierte arbeiten oder für Sex bezahlen?

Man kann dafür sorgen, dass keine Nachfrage nach entgeltlichen sexuellen Dienstleistungen mehr besteht. Da man gegen die unegalitäre Natur arbeiten muss, gibt es hier zwei Ansätze. Bei beiden geht es darum, Nachfrage und Angebot anzugleichen, so dass es keine Lücke mehr gibt zwischen männlicher Nachfrage nach Sex und weiblichem Angebot von Sex, die durch kommerziellen Handel mit sexuellen Dienstleistungen geschlossen werden kann.

Einerseits könnte man die Männer dazu bringen, ihre sexuellen Bedürfnisse teilweise zu unterdrücken, so dass sich diese vom Ausmass her denen der Frauen annähern. Stigmatisierung und Kriminalisierung scheinen jedoch nicht allzu gut zu wirken. Das zeigt ein Ländervergleich wie auch ein Blick in die teilweise stark sexualfeindliche Geschichte. Letztere zeigt auch, dass man mit Ideologie nur schwer gegen den Sexualtrieb ankommen kann. Denn selbst wo Prostitution eine schwere Sünde war, florierte das Geschäft. Vielleicht können Feminismus und Humanismus mehr bewirken als Katholizismus und Protestantismus, aber das bleibt zu beweisen. Erfolgsversprechender wären schon medizinische (chemische oder chirurgische) Eingriffe, doch ist das eine gute Lösung des Problems oder eine, die man der Mehrheit der Menschen (oder Männer) schmackhaft machen kann?

Andererseits wäre die Nachfrage nach bezahltem Sex geringer, wäre das Angebot von unbezahltem Sex grösser. Da die sexuellen Bedürfnisse der Frauen immer noch gesellschaftlich gedämpft und unterdrückt werden (und die Bedürfnisse der Männer überhöht werden), liesse sich durch kulturelle Veränderungen durchaus etwas bewirken. Gänzlich schliessen liesse sich die Lücke damit aber vielleicht trotzdem nicht. Und die Frauen dazu ermuntern, auch dann Sex zu haben, wenn sie kaum Lust dazu haben, ist offensichtlich auch keine gute Lösung.

Falls es aber nicht die absolute Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs ist, die Leute dazu motiviert, Prostituierte aufzusuchen, sondern die Varianz (sei es in Bezug auf verschiedene Sexpartner oder in Bezug auf verschiedene Sexarten), könnte die Förderung polyamorer Beziehungen die Nachfrage nach entgeltlichem Sex reduzieren. Das würde sich zwar mit der gesellschaftlich etablierten und natürlicherweise existierenden sexuellen Eifersucht reiben, aber es wäre eine Möglichkeit, die ohne staatlich verordnete Prohibition auskommt.

Ein dem entgegengesetzter Lösungsansätze würde darin bestehen, die Monogamie und Monoamorie stark zu fördern (was auch bedeuten würde, die serielle Monogamie (resp. die temporale Polygamie) einzuschränken), damit nicht manche Leute mehrere Sexualpartner und andere keine haben.

Was die Würde anbelangt, so handelt es sich um eine höchst subjektive Sache: Was für den einen sehr würdevoll ist, ist für den andern absolut würdelos. Staatliche Gesetze zur Würde ignorieren jedoch diese individuellen Differenzen und zwingen allen Leute dieselbe Vorstellung von Würde auf. Besser wäre es, wenn jeder sein Leben so gestalten könnte, wie es ihm beliebt und so dass er selbst es für würdevoll hält.

In ihren Augen wäre es falsch gewesen, auch die Prostituierten zu kriminalisieren. Denn, wie sie aus eigenen Begegnungen mit Betroffenen und von sozialen Einrichtungen weiss: Die Frauen kämpfen oft genug ums tägliche Überleben, sie gehen unfreiwillig auf den Strich, sind kriminellen Zuhältern ausgeliefert. Sie sind Opfer.1

Dies klingt durchaus nach einem guten Ansatz, aber wenn bei einem Handelsgeschäft oder einem Dienstleistungsvertrag eine Seite kriminalisiert wird, hat dies Auswirkungen auf die Anbieter wie auch auf die Nachfrager. Dieses schwedische Gesetz trifft folglich auch die Prostituierten.

Es sind verschiedene, für die Sexarbeiter negative, Effekte vorstellbar:

Sexarbeiter könnten gehemmt sein, gewalttätige Freier der Polizei zu melden und staatlichen Schutz anzufordern, da die Sexarbeiter dadurch der Polizei bekannt werden, es tendenziell zu mehr Kontrollen kommt und somit das Risiko auch für die friedlichen Freier steigt. Die Sorge um ihr eigenes Geschäft, resp. Einkommen, könnte sie also zu mehr Verschwiegenheit treiben.

Die Zuhälter könnten profitieren, da es für Freier und Prostituierte schwieriger wird, direkte Geschäftskontakte zu knüpfen. Da die Zuhälterei jedoch auch kriminalisiert wird, zieht diese Branche überdurchschnittliche viele skrupellose Leute an. Sexarbeiter geraten also eher an gewalttätige Zuhälter.

Das gestiegene Risiko könnte die Zahlungsbereitschaft der Nachfrager senken. Die Prostituierten müssten folglich entweder mehr arbeiten oder hätten ein geringeres Einkommen.

Und wenn das Gesetz tatsächlich Erfolg hat und die Zahl der Freier sinkt, dann wäre dies nicht einfach eine Befreiung der Frauen, sondern würde Einkommensverlust, Jobverlust und dann entweder Arbeitslosigkeit (was psychisch auch nicht gerade gesund ist) oder Stellenwechsel bedeuten. (Noch grössere) Armut könnte die Folge sein. Aufgrund der Stigmatisierung der Prostitution sind die Karrierechancen leider nicht sehr gut. Manche ehemalige Prostituierten könnten sich also in Berufen wiederfinden, die ihnen nur wenig besser oder gar schlechter gefallen. Denn viele Berufe sind mit Beeinträchtigungen für die körperliche oder die geistig-seelische Gesundheit verbunden. Prostitution bildet hier keine Ausnahme.

Auf dieser Grundlage wurde das Gesetz zum Verbot von käuflichem Sex, auf Schwedisch „Sexköpslagen”, angenommen. 181 Abgeordnete stimmten im Reichstag dafür, 92 dagegen. Prostitution wurde fortan als Männergewalt gegen Frauen und Kinder definiert.1

Das klingt doch ziemlich sexistisch und zu pauschalisierend. Denn obwohl bei der Prostitution ein grosses geschlechtliches Ungleichgewicht besteht, so gibt es doch auch männliche Prostituierte und weibliche Freier.

Der Gesetzestext enthielt die Zeile: „A person who (…) obtains a casual sexual relation in exchange for payment shall be sentenced for the purchase of a sexual service to a fine or imprisonment for at most six months.”1

Im moralischen Eifer, Prostitution zu verbieten oder zumindest öffentlichkeitswirksam zu verachten, geht die Frage oft vergessen, ob ein Prostitutionsverbot denn keine Rechte (Grundrechte, Menschenrechte oder andere) oder Freiheiten verletzt. Gewerbefreiheit und Berufsfreiheit werden dadurch klar in Mitleidenschaft gezogen. Auch die Vertragsfreiheit trifft es. Schwerer wiegt aber, dass die persönliche Autonomie des Einzelnen eingeschränkt wird. Jeder Mensch soll schliesslich frei entscheiden dürfen, was er mit seinem Körper tut. Wo das nicht der Fall ist, masst sich eine Drittpartei die Kontrolle über die Körper fremder Personen an (und setzt diese Anmassung mit Zwang und Gewalt durch). Diese Autonomieverletzung geschieht bei Zwangsarbeit, wie eben bei der Zwangsprostitution, weswegen sie mit aller Härte verfolgt und eingeschränkt werden sollte, bei Vergewaltigungen, aber eben auch bei staatlichen Prostitutionsverboten.

Denn zur persönlichen Autonomie gehört nicht nur, selber zu entscheiden, mit wem man welche Arten von Sex hat, sondern auch, aus welchen Gründen und unter welchen Bedingungen man dies tut. Wenn eine Person entscheidet, dass die Bedingung eine direkte Zahlung eines fixen Geldbetrages ist, ist dieser Entscheid ebenso zu respektieren, wie wenn diese Person ein bezahltes Nachtessen zur Bedingung macht. (Natürlich muss man nicht alle Motive mögen oder für gleich gut halten. Mit Zwang gegen solche persönlichen Entscheidungen vorzugehen, ist aber ziemlich fragwürdig. Was nicht bedeutet, dass man Personen, die anscheinend schlechte Entscheidungen fällen, nicht helfen sollte. Aber man sollte es nicht gegen ihren Willen tun.)

Dies, d.h. der letzte meinige Satz vor der Klammer, ist auch der Grund, wieso dieser Gesetzestext so interessant ist. Das Gesetz verbietet nicht etwa, die Dienste einer Prostituierten in Anspruch zu nehmen, d.h. einen Vertrag mit einer Person zu schliessen, die gewerblich sexuelle Dienstleistungen verkauft, sondern den Tausch von Sex gegen eine (nicht näher bestimmte, aber werthaltige) Ressource. Damit ist jedoch nicht jeder Sex gemeint, sondern bloss Gelegenheitssex (auch wenn dass keine sehr gute Übersetzung des Begriffes ‘casual sexual relation’ ist).

Der Interpretationsspielraum ist somit ziemlich gross. Darf man laut Gesetz eine Person für Sex bezahlen, mit der man eine längere oder bedeutendere Beziehung hat? Darf ein Ehemann der Ehefrau Geld anbieten, um sich einen Blowjob auszuhandeln, den er sehr mag, sie aber eher weniger? Wie sieht es generell mit Ehen aus, in denen eine substanzielle Umverteilung stattfindet und mit dem Recht auf Sex in einer Ehe? Können Prostituierte je etwas anderes anbieten als Gelegenheitssex? Wie steht es um die Stammkunden? Was ist mit Leuten, die eigentlich unentgeltlichen Sex haben, aber für gewisse Umstände monetär kompensiert werden? Sieht das Gesetz eine Ausnahme vor für das traditionelle Balzverhalten der menschlichen Spezies? Bei der Anbahnung von manchen Beziehungen kommt es ja zu grösseren Ressourcentransfers, beispielsweise wenn der Mann der Angebeteten einen teuren Ring kauft. Wie ist es, wenn Männer fremden (oder auch bekannteren) Frauen in Bars und Clubs und Discos Drinks spendieren und auf Sex hoffen? Oder wenn man einen Sexarbeiter mit einem teuren Kleid bezahlt?

Wie explizit und direkt muss der Tausch von Sex gegen eine Bezahlung sein, damit das Gesetz wirksam wird? (Schwarz-Weiss-Malerei ist hier nicht angebracht. Es gibt nicht nur zwei Arten von Sex. Zwischen der Strassenprostitution, wo eine bestimmte Sexart einen fixen Preis hat und der kommerzielle Charakter der Beziehung den beteiligten Parteien klar ist, auf der einen Seite und dem enthusiastischen Sex auf der andern Seite, bei dem die beteiligten Parteien Sex haben, weil sie sich in diesem Moment gegenseitig sexuell angezogen und erregt fühlen und sich gegenseitig befriedigen und befriedigen lassen möchten, gibt es ein breites Spektrum von Sex, bei dem es zu mehr oder minder grossen (erwarteten oder bereits realisierten) Ressourcentransfers kommt und bei dem die Beteiligten mehr oder minder enthusiastisch sind.)

Wie abschreckend das Gesetz in Tat und Wahrheit ist, dazu gibt es keine letztgültige Antwort, „es ist das Problem der harten Fakten”, sagt Anna Skarhed, während sich vor dem Fenster die Dämmerung über das Archipel legt.1

Das spricht nicht gerade für die Evaluation, die zu Beginn des Textes von Schmid so gelobt wurde.

Etwas anderes sei viel wichtiger, meint die Justizkanzlerin. Entscheidend sei die symbolische Bedeutung des Gesetzes. Sex gegen Geld einzutauschen sei be­schämend und inakzeptabel in einer Gesellschaft, in der Gleichheit und die Freiheit des Einzelnen hoch bewertet werden.1

Erstens hat der Tausch von Sex gegen Geld nicht grundlegend etwas mit Gleichheit zu tun. Dies ist hier nur der Fall, weil es kulturelle Geschlechtsrollen gibt und biologisch Männer und Frauen nicht völlig identisch sind, sondern etwas unterschiedliche Bedürfnisse haben. (Diese Ungleichheit ist aber nicht prinzipiell schlecht und sollte nicht unbedingt überwunden werden. Gewisse Ungleichheiten, wie etwa dass Frauen mehr Tampons nachfragen, sind harmlos. Sofern ein biologischer Unterschied besteht, scheint der Umgang mit der Geschlechtsungleichheit wichtiger zu sein als sein Bestehen.)

Zweitens läuft es nicht zwingend der Freiheit zuwider, wenn Geld gegen Sex getauscht wird. Diesen Tausch zu verbieten, ist jedoch klarerweise ein Verstoss gegen diverse Freiheiten, wie ich oben erläutert habe.

Wird ihr oft vorgeworfen, sie argumentiere moralisch und politisch überkorrekt? „Natürlich. Darauf antworte ich: Was ist schlecht daran, eine Moral zu haben? Andererseits geht es hier nicht um Moral. Es ist vielmehr eine Frage der Menschenrechte. Prostitution sollte es nicht geben.”1

Es gibt viele Arten der Moral, die schlecht sind und zu viel Leid führen. Es geht also nicht darum, ob sie moralisch argumentiert, sondern mit welcher Moral sie argumentiert. Und es geht ganz grundlegend um die Frage, welche Aufgaben dem Staat zukommen. Ist es eine Staatsaufgabe, den (manchmal moralisch begründeten) Wunsch, dass es keine Prostitution geben sollte, durchzusetzen? Sollten dafür Steuergelder aufgewendet und Verbote erlassen werden? Ist es moralisch, mit der Staatsgewalt gegen Freier oder Sexarbeiter vorzugehen?

Wer an der Front arbeitet, braucht keine Studie über die psychische Gesundheit von Prostituierten, wie sie vor zwei Jahren die Universität Zürich gemacht hat. Sondern weiss, dass jede Zweite dieser Frauen an Depressionen und Angststörungen leidet, viele sind traumatisiert. Sie trinken, nehmen Drogen während der Arbeit. Man muss kein Psychologiestudium haben, um die Gründe zu kennen: Herkunft aus armen Verhältnissen, Erfahrung von Gewalt im Milieu und ausserhalb.1

Das sind jedoch Gründe, die nicht direkt mit dem Tausch von Sex gegen Geld verbunden sind, sondern Gründe, die mit der Stigmatisierung und der Kriminalisierung der Prostitution zu tun haben.

Die Stigmatisierung führt dazu, dass manche Sexarbeiter sich selber schmutzig fühlen und glauben, sich sündhaft zu verhalten, was auf ihr Selbstwertgefühl drückt und den Respekt für sich selber negativ beeinflusst. Die Arbeit in einer stigmatisierten Branche bringt einen tiefen sozialen Status mit sich, was unglücklich macht. Der Beruf muss oft verheimlicht werden, in der eigenen Familie oder auch wenn man einen Jobwechsel anstrebt. Wird Prostitution nicht als respektabler Beruf gesehen, so bringen die Freier den Sexarbeitern auch weniger Respekt entgegen als anderen Dienstleistern. Die Gewalthemmung sinkt in Folge dessen und es kommt eher zu Übergriffen, Vertragsbrüchen und anderen Unannehmlichkeiten. Zudem arbeiten in dieser Branche mehr Personen, die vorher bereits Probleme hatten, als in anderen Branchen, da die Anforderungen und Eintrittsbarrieren im Sexgewerbe doch niedriger sind als anderswo. D.h. es wird weniger stark gegen Leute selektiert, die drogensüchtig sind oder psychische Probleme haben. Es mag auch sein, dass Leute mit niedrigerem Selbstwertgefühl eher Berufe wählen, die einen schlechteren Ruf haben. Arme und schlecht Gebildete dürften auch überdurchschnittlich stark vertreten sein.

Deswegen könnte man Prostitution teilweise auch als Folge des Staatsversagens betrachten, welches zu Armut, Arbeitslosigkeit, Markteintrittsbarrieren und Bildungsmangel geführt hat. Ohne dieses wären die Auswahlmöglichkeiten grösser und die Arbeitssuchenden könnten eher einen Job finden, der ihren Neigungen entspricht.

Die Kriminalisierung der Prostitution hat noch mehr Gewalt zur Folge, da die Sexarbeiter keinen Schutz vor gewalttätigen Kunden geniessen und ihre Vertragsansprüche nicht rechtlich durchsetzen können. Werden nicht nur Freier, sondern auch Prostituierte bestraft, müssen sie sich zudem vor Übergriffen durch die Polizei und den staatlichen Strafen fürchten.

Es wäre ja schön, wenn eine Prostituierte diese Tätigkeit selbstbewusst und freiwillig wählen würde, wie der Autor einer Schweizer Wochenzeitschrift kürzlich geträumt hat; wenn sie diese Arbeit machen würde, weil sie Freude an Sex hat. Miki sagt: „Ich kenne keine glückliche Hure.” Wie oft hört sie von Frauen: Mir fehlt beim Akt jegliche Lust. Meine eigene Lust gibt es nicht mehr.1

Das ist eine unnötige und unschöne Generalisierung. Es gibt durchaus Prostituierte, die ihren Job gerne tun. Sofern man natürlich ihren eigenen Aussagen in Film, Fernsehen und Presse trauen kann. Aber dies nicht zu tun, wäre auch nicht gerade respektvoll.

Zudem gilt es beachten, dass es in allen Berufen Leute gibt, die nicht glücklich sind und die keine Lust haben. Im Übrigen habe ich die wesentlichen Gründe für die Unglücklichkeit und das Leid oben genannt.

„Wir Schweden haben durchaus Sex ausserhalb der Ehe”, sagt Kajsa Wahlberg, Kriminalinspektorin mit Spezialbezeichnung „National Rapporteur on Human Trafficking” in ihrem kleinen Büro im Hauptsitz der nationalen Polizeibehörde in Stockholm. „Wir haben sogar viel Sex. Aber hier geht es um Prostitution. Prostitution zieht das Verbrechen an und ist heute eng mit dem Menschenhandel verknüpft. Diesen kann man nur be­kämp­fen, indem man die Nachfrage nach käuflichem Sex bekämpft.”1

Nein, ich sehe hier die klassischen Probleme des Schwarzmarktes, mit Prostitution selber hat das eigentlich nichts zu tun. Prostitution zieht deshalb das Verbrechen an, weil es oft ein illegaler Beruf und fast immer eine Branche am Rande der Gesellschaft ist. Wäre der Markt weiss, das Gewerbe reguliert und anerkannt, dann würde sich das organisierte Verbrechen zurückziehen. Ähnlich wie das Ende der Alkoholprohibition der Mafia den Alkoholhandel entrissen und zu einem normalen Geschäft und fast schon zu einer biederen Branche gemacht hat. Die Mafia ist deshalb in die Prostitution verwickelt, weil seriöse, anständige Unternehmen nur selten in schwarzen und grauen Märkten tätig sind. Das Geschäft bleibt daher skrupellosen Organisationen überlassen, die zu Gewalt neigen, weil sie keinerlei Rechtsschutz geniessen und sich gegen den Staat wehren müssen. Mit der Legalisierung und Entstigmatisierung der Branche ziehen sich diese Gruppierungen jedoch rasch zurück, da sie viel zu ineffizient arbeiten, um in einem fairen Markt bestehen zu können. Die Mafia wird auch deshalb von schwarzen Märkten angezogen, weil die staatlichen Verbote die Risikoprämien in die Höhe treiben (da die Nachfrage nach Drogen und Sex schwer zu bändigen ist, sind die Kunden bereit, sehr viel Geld dafür auszugeben) und extrem grosse Gewinne locken.

„Zéromacho” heisst ein internationales Netzwerk von Prostitutionsgegnern, in ihrem Manifest halten die Männer fest: „Für uns ist Sexualität vor allem eine menschliche Beziehung, die mit Gleichheit und Respekt des anderen, seiner Freiheit und seinem Verlangen einhergeht.”1

Das klingt sehr schön und scheint durchaus unterstützenswert zu sein, ist aber unrealistisch. Die Natur ist inhärent inegalitär und als Teil der Natur wird auch das menschliche Dasein von grossen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten durchzogen. Manche davon sind gesellschaftlich bedingt oder lassen sich gesellschaftlich mitigieren, aber die inegalitäre Natur lässt sich nicht vollständig überwinden. So kommt es, dass der Bereich des Sexuellen von Ungleichheiten durchzogen ist und dies auch bleiben wird. Diese Ungleichheiten beschränken sich jedoch nicht nur auf Prostitution und Polygamie, sondern betreffen unzählige andere Formen der Machtungleichgewichte sowie das ganze Spektrum zwischen Chancengleichheit und Ergebnisgleichheit.


  1. Birgit Schmid – Eine Frage der Würde [] [] [] [] [] [] [] [] [] [] [] []
  2. Initial responses to report []
  3. Feminist Ire – Swedish police stats show more, not less, prostitution and trafficking []

Marktwirtschaft, Marktglaube und die real existierende Welt

Es gibt viele verschiedene Gründe, wieso man für die Buchpreisbindung sein kann. Hier ein eher ungewöhnlicher:

Meiner Meinung nach gibt es keine guten Argumente für die Buchpreisbindung.
[...]
Dennoch werde ich dafür stimmen, dass die Buchpreise gebunden werden.
[...]
[E]ine Annahme des Gesetzes wäre ein Signal gegen den Glauben, der Markt vermöge die Bedürfnisse der Menschen effizient zu befriedigen.1

Symbolpolitik ist mir verhasst. Was mitunter ein Grund ist, wieso ich gegen das Minarettverbot und die Kopftuchverbote bin und der Hauptgrund, wieso ich gegen spezielle Verbote von Genitalverstümmelung und Zwangsehen bin (insofern diese bereits durch Gesetze gegen körperliche Gewalt und Nötigung u.ä. verboten sind).

Das Credo lautet, dass finanzielle Abwicklungen und mit ihnen Wettbewerb und Konkurrenz in der Lage sind, ohne Verschwendung die Transaktionen von Gütern optimal zu regeln.1

Es mag ein paar verwirrte Geister geben, die dies behaupten, aber selbst Anarchokapitalisten halten den freien Markt nicht für ein Schlaraffenland, in dem einem die Brathähnchen fixfertig in den Mund fliegen. Liberale glauben bloss, dass die Marktwirtschaft effizienter ist als die Staatswirtschaft und die Bedürfnisse der Menschen besser befriedigt, nicht, dass sie absolut effizient und optimal ist.

Gibt es ein Bedürfnis nach etwas, gibt es eine Nachfrage; und für jede Nachfrage gibt es auch ein Angebot – so die verkürzte Theorie.1

Nein, es gibt unzählige Bedürfnisse, die nicht befriedigt werden. Aber das liegt nicht am Kapitalismus oder am Etatismus, sondern schlicht an der Endlichkeit der Ressourcen und der Endlichkeit der Zeit und der überwältigenden Anzahl an Wünschen, die ein einzelner Mensch hat.

Heute verstehen wir weder den Wert von Geld, weil das einfach an einem Computer generiert wird1

Das Geld- und Finanzsystem ist jedoch nicht eine marktwirtschaftliche Institution, sondern ein staatliches Geschöpf. Den freien Markt für die finanzwirtschaftlichen Wirren verantwortlich zu machen, ist etwas unfair.

noch funktioniert die Befriedigung von Bedürfnissen. Der Markt verhindert, dass Menschen Nahrung und Wasser bekommen, und sorgt im Gegensatz dafür, dass andernorts Ressourcen verschwendet werden.1

Die Beobachtung ist, dass manche Menschen viel Essen wegwerfen, während andere Menschen anderswo verhungern. Die Schlussfolgerung ist, dass dies die Schuld des Marktes sei. Wäre die Welt eine einzige freie Marktwirtschaft, läge dieser Schluss tatsächlich nahe. Doch dies ist nicht der Fall, trotz gegenteiliger Behauptungen mancher Sozialisten, die an die Weltherrschaft des Kapitals und die neoliberale Weltverschwörung glauben. Vielmehr gibt es in praktisch jedem Land eine Mischung aus Kapitalismus und Sozialismus.

Es braucht folglich ein gutes Mass Theorie und Empirie, um Markt und Staat voneinander zu trennen und herauszufinden, wer für was verantwortlich ist.

Meines Erachtens ist die Unterentwicklung Afrikas ein Staatsversagen. Eines, für das die afrikanischen wie auch die westliche Staaten verantwortlich sind, deren Einmischung zwar wohlwollend sein mag, aber teils trotzdem desaströse Konsequenzen hat.

Zurück zu den Büchern: Ich nehme es den Marktapologeten nicht ab, dass ein nicht-regulierter Buchmarkt die Bücher zum besten Preis anbietet, welche die Menschen haben möchten.1

Natürlich tut er das nicht, denn dann müssten ja alle Bücher gratis zu haben sein. Doch bei physischen Büchern läge dieser Preis deutlich unter den Grenzkosten.

Es liegt nicht im Interesse der Marktteilnehmer, Preise zu senken. Ihr Interesse sind das Erzeugen von Kartellen, hohe Margen und hohe Absätze.1

Unternehmen sind nicht die besten Freunde des freien Marktes und gerade das Firmenestablishment lobbyiert stark für Markteintrittshürden, Subventionen und Importbeschränkungen. Deshalb wäre es ja so wichtig, den privaten vom öffentlichen Sektor zu trennen. Damit die Firmen nicht per Staat den Wettbewerb ausschalten können und sie einen Anreiz haben, die Preise tief zu halten, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Nehmen wir zwei Beispiele, mit denen man zeigen kann, dass der Markt keine optimalen Ergebnisse liefert: Heute ist ein Buch nur ein Ausdruck einer digitalen Datei, die man automatisch in ein brauchbares Format verwandeln könnte. Diese digitale Datei könnte man im Internet verkaufen. Dafür gibt es eine Nachfrage. Tatsächlich kann man die wenigsten Bücher im Internet kaufen, und wenn, dann in unbrauchbaren, uneinheitlichen Formaten und zu völlig überrissenen Preisen, wenn man sie die Vertriebswege mit denen gedruckter Bücher vergleicht.1

Das ist die Nirvana Fallacy. Natürlich liefert der Markt keine optimalen Ergebnisse. Dies zu erwarten wäre lächerlich. Wenn man darüber diskutieren will, ob Markt oder Staat bessere Resultate erbringen, muss man realistische Alternativen vergleichen. Bloss weil der Markt schlechtere Ergebnisse liefert als ein paradiesisches Utopia, heisst dies nicht, dass der Staat dem Markt zu bevorzugen ist.

Was die Buchbranche angeht, könnte man bspw. die jetzige Lage ohne Buchpreisbindung mit einer Welt vergleichen, die deutlich etatistischer ist und in der es z.B. nur einen einzigen staatlichen Verlag gibt. (Analog etwa zur Einheitskrankenkasse.) Gäbe es dort mehr Bücher in digitaler Form oder weniger? Und wie wären die sonstigen Auswirkungen auf den Buchsektor?

Kommen wir zum real existierenden Buchmarkt zurück: Es gibt ein paar Befürworter der freien Marktwirtschaft, die Geistiges Eigentum als Staatsprivileg ablehnen. Für diese Leute wäre ein wirklich freier Markt ein Markt ohne Copyright und ohne Patente. Aus dieser Sicht ist die heutige Buchbranche zwar sehr unfrei, aber dank den Filesharern werden die staatlichen Privilegien erodiert und viele Bücher werden aus privater Initiative heraus, von Konsumenten und Liebhabern in ebooks konvertiert. Trotz den widrigen Bedingungen funktioniert der Markt also relativ gut.

Forschung wird in vielen Ländern durch staatliche Mittel gefördert. Die entstehenden Arbeiten könnten mühelos auf entsprechenden Internetplattformen publiziert werden. Sie wären einfach katalogisierbar und greifbar, Wege würden verkürzt und die Öffentlichkeit könnte die Forschungsergebnisse einsehen. Das passiert kaum. Die meisten wissenschaftlichen Arbeiten werden nur in Buchform verfügbar gemacht, in kleinen Auflagen, die in wenigen Bibliotheken stehen. Die Autorinnen und Autoren zahlen für die Publikationen mit staatlichen Mitteln, Drittmitteln oder eigenem Geld, die Forscherinnen und Forscher, welche sie lesen wollen, ebenfalls.1

Muss ich ernsthaft erklären, wieso dies nicht die Schuld des (freien) Marktes ist?

Es ist Zeit für Lösungen, die sich von einer veralteten Marktvorstellung verabschieden.1

In der Tat. Die sozialdemokratisch-etatistische Sicht des Marktes und der Welt hat sich nicht bewährt.

Der Markt fördert nicht die Innovation, sondern erhält unnötige Strukturen.1

Darüber mag man diskutieren. Aber den Staat als innovativer und weniger strukturkonservativ anzusehen, wäre ein Fehler. Schliesslich ist die kreative Zerstörung ein Marktprozess und es ist der Staat, der die Strukturen im Finanzsektor und im Agrarsektor und im Bildungssektor mit Milliardensubventionen erhält.

Gesetzgebung ist kein eleganter Weg, um Lösungen einzuführen – der Markt aber der gefährlichere.1

Leviathan ist auch nicht gerade ein Biest, neben dem es sich ungefährlich leben lässt. Besonders dann nicht, wenn es ein weltumspannender Hegemon ist.

Es gibt kaum Verbesserungen unserer Lebensqualität, welche durch die Kraft des Marktes entstanden sind:1

Dann sollte es sozialistischen Ländern nicht systematisch schlechter gehen als etatistisch-kapitalistischen. Und doch ist dies so. Welch kurioser Zufall!

Würde man die Kräfte des Marktes nicht bremsen, hätten wir weder Ferien noch eine Altersvorsorge. Frauen hätten keinen Mutterschaftsurlaub, Krankenkassen wären nicht obligatorisch. Inhaltsstoffe unserer Nahrungsmittel würden nicht deklariert, rauchen könnte man überall.1

Nein, in einer freien Marktwirtschaft würde niemand dazu gezwungen, sich gegen Krankheit versichern zu lassen. Insofern wären Krankenkassen nicht obligatorisch. Ob dies jedoch so schlecht ist, ist eine andere Frage. Auf jeden Fall ist es moralisch fragwürdig, unter Androhung von Gewalt andere Menschen zum Kauf eines bestimmten Gutes zu zwingen.

Wieso die geldgierigen Kapitalisten so doof sein sollten, ihren Angestellten keine Ferien zu gewähren und so einen Produktivitätsabfall in Kauf zu nehmen, ist mir schleierhaft. Vielleicht sind Kapitalisten einfach Sadisten.

Dann würden sie gut zu den masochistischen Konsumenten passen, die zu doof sind, Geld fürs Alter auf die Seite zu legen und nicht zwischen Raucherbeizen und rauchfreien Restaurants, zwischen Produkten mit Inhaltsstoffdeklarationen und solchen ohne unterscheiden.

Worauf ich hinaus will, ist folgendes: Die Inhaltsstoffe zu deklarieren, ist ein Wettbewerbsvorteil. Den Arbeitern Ferien zu geben, ist ein Wettbewerbsvorteil. Das Rauchen in den Räumlichkeiten zu verbieten, ist ein Wettbewerbsvorteil. Mutterschaftsurlaub ist ein Wettbewerbsvorteil. Etc. etc.

Die Frage, die beantwortet werden muss, ist also folgende: Wieso würden die profitorientierten Unternehmen auf einen Wettbewerbsvorteil und die Chance auf mehr Profit verzichten?


  1. Philippe Wampfler – Warum ich für die Buchpreisbindung stimmen werde [] [] [] [] [] [] [] [] [] [] [] [] [] []

Spekulation und der Unterschied zwischen privaten Unternehmen und staatlichen Korporationen

Aus einem “Chat-Duell” zwischen Cédric Wermuth (SP) und Lukas Reimann (SVP) zum Thema “Hildebrand: Politische Intrige oder Skandal?”:

Wermuth: Man muss klar die politische Dimension sehen. Genau diejenigen Parteien, die sich immer gegen eine Regulierung der Finanzbranche wehrten, schreien nun nach harten Regeln für die SNB. Das ist absolut scheinheilig.

Eigentlich ist es liberal: Private Organisationen können mehr oder weniger tun und lassen, was sie wollen, so lange sie dabei niemandem einen physischen oder finanziellen Schaden zufügen, resp. die Eigentumsrechte anderer Menschen verletzen. Staatliche und parastaatliche Institutionen hingegen haben nur einen sehr stark begrenzten Spielraum und dürfen oder müssen durch Transparenzgesetze fast komplett gläsern gemacht werden. Da die Zentralbank zu letzteren gehört, ist es nicht abwegig, zu verlangen, dass der Nationalbankpräsident einerseits seine Finanzgeschäfte offen legt und andererseits nur sehr eingeschränkt private Finanzgeschäfte durchführen kann.

Genau eure Politik führte dazu, dass man mit dem Schweizer Franken spekulieren kann. Man muss jetzt also nicht so tun, als wäre plötzlich alles falsch gelaufen.

Mich nähme wunder, was die SP getan hätte, um Spekulationen mit dem Schweizer Franken zu verhindern. Hätte sie vielleicht alle Devisengeschäfte verboten? Oder denkt sie ernsthaft, man könne eine klare Linie zwischen spekulativen und nicht-spekulativen Transaktionen ziehen?

Reimann: Falsch. Das Wegsehen des Bankrates führte dazu, dass mit Devisen spekuliert wird. Wir schauen den Mächtigen auf die Finger. Die Stabilität des Landes muss sichergestellt sein. Darum fordern wir ein härteres Reglement. Solche Machenschaften sind an der Spitze der SNB nicht tolerierbar.

Die Spekulation war ja nicht das Problem. Das Problem war, dass möglicherweise aus Insiderinformationen Profit geschlagen wurde. Und wenn die SNB ihren Angestellten Insiderhandel nicht klar verbietet, dann wäre das ziemlich merkwürdig.

W: Wir sagten immer schon, auch bei der letzten Vorlage, wir wollen die Nationalbank politisch kontrollieren.

Die Unabhängigkeit der SNB soll nun also ganz und definitiv aufgegeben werden? Oder soll die SNB bloss ein wenig stärker zu einem politischen Akteur gemacht werden, als sie es eh schon ist und nominal (um den guten Ruf zu bewahren) unabhängig bleiben?

Ihr wart dagegen. Wir forderten harte Regeln gegen die Devisenspekulation. Ihr wart auch dagegen. Das ist nun ein Produkt eurer Politik. Philipp Hildebrand machte nichts anderes, als was er darf. Nun geht es darum, die Rolle der Nationalbank in der Geldpolitik zu diskutieren. Sie muss endlich auf 1.40 Franken zum Euro. Der Rest ist Pipifax.

Die Frankenkrise war eine Krise, nicht weil man objektiv sagen könnte, dass der Franken unterbewertet war (vielleicht ist er bei EUR/CHF 1.20 immer noch überbewertet) oder weil es einen optimalen Wechselkurs geben würde, sondern weil der Euro rapide an Wert verlor und der Franken rapide aufwertete. Kurzum: Der Anpassungsprozess war das Problem, nicht das Niveau des Wechselkurses an und für sich. Wenn schon, hätte die Nationalbank die Aufwertung des Frankens abfedern sollen, statt ihn nachträglich Stück für Stück abzuwerten.

R: Es ist ja offensichtlich, was ihr wollt. Die SNB soll einfach das SP-Parteiprogramm durchsetzen. Doch so gehts natürlich nicht in diesem Land. Die SNB ist verantwortlich für die Stabilität des Landes und seiner Währung. Da dürfen sich diejenigen, die an der Spitze sind, nicht noch bereichern wollen. Es braucht harte Reglemente, die Devisenkäufe und -verkäufe verbieten.

Ja, die SP fordert ganz offen und ehrlich, dass die SNB nicht nur für Preisstabilität, sondern auch für Vollbeschäftigung sorgen soll. Zwei schwer vereinbare Ziele, da letzteres bekanntlich mit einer Geldmengenausweitung, resp. blatanter Inflation erreicht werden soll.1

W: Einzig richtig wäre, dass grundsätzlich Spekulationen, die der Schweiz schaden, verboten werden. Das muss jedoch für alle Banken gelten. Dann finden wir uns.

Wäre die Welt bloss so einfach, dann könnte man eine Behörde einrichten, die jede Transaktion darauf überprüft, ob sie erstens spekulativ ist und ob sie zweitens schädlich für die Schweiz ist. Und die zuständigen Beamten würden nicht versuchen, sich selber zu bereichern oder ihre Macht zu vergrössern oder die falschen Transaktionen zu verbieten. Doch die Welt ist komplex und kompliziert und Experimente mit einer Finanzmarktplanwirtschaft sind ziemlich heikel.


Ergänzend zwei Bemerkungen zweier Ökonomen zur Spekulation:

David Friedman:

A successful speculator buys things when they are cheap, sells when they are expensive, and so both makes a profit for himself and smooths out price movements. The latter effect can be a very large benefit to other people. A speculator who sees a food shortage coming well in advance and takes the opportunity to buy up grain early gives other and less well informed people an incentive to use less grain, to plant more of other food crops, and thus to alleviate what might otherwise be a serious famine.

Ludwig von Mises:

The influence of speculation cannot alter the average level of prices over a given period; what it can do is to diminish the gap between the highest and the lowest prices. Price fluctuations are reduced by speculation, not aggravated, as the popular legend has it.2


  1. Ob die Inflationierung tatsächlich diesen Effekt hat, ist aber eine andere Frage. Manche Leute sind ja der Meinung, dass Inflation Blasen verursachen kann. []
  2. The Theory of Money and Credit – p. 286 []

Geld, Kapitalismus und Freiheit in all ihren Spielformen

Macht Geld frei?

1. Freiheit als Abwesenheit von Zwang und Gewalt:
(Die libertäre Definition von Freiheit.)

Diese Art von Freiheit ist nicht abhängig von Geld. Vielmehr sind die Kultur, die ethisch-moralischen Vorstellungen und der Charakter der betreffenden Personen ausschlaggebend.

Doch Geld ist die Voraussetzung für ein marktwirtschaftliches, neuzeitliches Sicherheitswesen. Denn je mehr Wohlstand vorhanden ist, umso ausgeklügelter die Schutzmechanismen, die das Individuum erstehen kann, umso gerechter auch die Justiz, denn der Rechtsfindung stehen nun bessere Mittel zur Verfügung, um über Schuld und Unschuld eines Verdächtigen zu urteilen.

2. Freiheit als Handlungsspielraum:
In dieser heutigen, von Technik und Technologie durchdrungenen Welt existieren eine Myriade Handlungsmöglichkeiten, Tausende mehr als im Mittelalter oder in der Antike. War die Anzahl Freizeitmöglichkeiten vor ein paar hundert Jahren gerade mal auf Beizenbesuch, Bordellbesuch, Ausflug an den nahen See und Daheimbleiben bei Kind und Familie beschränkt, kann man heute zwischen chinesischem Take-Away und französischem Fünfsternerestaurant, Stripshow und Casinobesuch, Ferien in Hawaii und Pazifikkreuzfahrt auswählen (nicht zu vergessen all die Vergnügungen, die in digitalen Maschinchen wie iPhones oder Wiis schlummern).

Dies alles sind Optionen, die sich nur in einer stark arbeitsteiligen Wirtschaft erdenken lassen. Doch Arbeitsteilung erfordert Handel: Hunderte Tauschgeschäfte werden getätigt, bloss um einen simplen Bleistift in die Papeterie deiner Kleinstadt zu liefern. Transaktionen, die Geld als Tauschmittel bedingen. – Der Direkttausch (Ware/Ware) wird durch einen Kauf (Ware/Geld) ersetzt, wodurch beliebige Transaktionen zwischen beliebigen Personen erst möglich werden. Die zeit- und kraftraubende Suche nach einem passenden Tauschpartner (der die gewünschte Ware hat und bereit ist, sie gegen die angebotene Ware einzutauschen) entfällt. Das einzige, das verhandelt werden muss, ist der Preis.

Womit ein anderer Vorteil des Geldes angesprochen wäre: Es ermöglicht den Preismechanismus, ohne den die ‘effiziente Allokation der knappen Ressourcen’ schwer möglich wäre und dessen Abwesenheit einerseits zu grober Ineffzienz, d.h. blatanter Verschwendung führen würde, andererseits das Unternehmertum verkrüppeln würde, da es gerade die Preise sind, die dem Unternehmer erlauben, Angebot und Nachfrage zu kennen und so momentane Entscheide zu fällen und zukünftige Tätigkeiten zu planen.

Die Existenz von Geld ist zwar nicht Bedingung eines freien Marktes, da dieser, d.h. der freiwillige Tausch von Gütern, auch ohne Noten und Münzen möglich ist. Geld verhilft dem Kapitalismus aber erst zu seiner Blüte. Die Genialität des Marktes wäre ohne Geld kaum sichtbar.

Geld ist somit der Schlüssel zum Wohlstand. Die Abschaffung von Geld würde folglich nicht ins sozialistische Paradies führen, sondern die Menschheit um Jahrtausende zurückwerfen und uns nicht zur unsere technologischen Gadgets kosten, sondern vermutlich auch ein gutes Stück Zivilisation.

Wohlstand wiederum kreiert Handlungsoptionen, die einen anderen Aspekt des breiten Konzepts der Freiheit darstellen, da ihr Vorhandensein erst die Selbstverwirklichung des Menschen ermöglicht. Das Individuum ist also umso freier, je mehr Möglichkeiten ihm offen stehen.

Somit darf ich schliessen, dass sich der Mensch einzig im freien Markt, in den ein gesundes Geldwesen integriert wurde (keine planwirtschaftliche Verkrüppelung, wie sie heute existiert), frei und kreativ entfalten kann. Der Humanismus bedingt also genau wie der Individualismus (denn beide fordern die Selbstverwirklichung des Einzelnen) die Existenz von Geld.

3. Geld befreit auch den Geiste, denn erst genügend grosser Wohlstand ermöglicht uns, zu sinnieren. Nachzudenken. Müssigang zu treiben (gedanklich wie fleischlich).

4. Das post-scarcity-Zeitalter lässt sich nur erreichen, wenn der Kapitalismus genauso angenommen wird wie neue Technologien. Das Erreichen dieses Punktes, wo Maschinen sämtliche Produktions- und Fertigungsprozesse übernehmen und auch eine Unzahl Dienstleistungen anbieten können, würde nicht nur den Handlungsspielraum des Individuums extrem vergrössern, sondern ihn auch der ‘Pein der Arbeit’ entbinden, da er sich nun nicht mehr selber ernähren müsste, sondern von Maschinen genährt, gekleidet und technologisch ausgerüstet werden würde.
Der Mensch hätte also seine gesamte Lebenszeit zur Selbstverwirklichung zur Verfügung und müsste sich keine Sorgen mehr um seine Arbeitsstelle oder die Bezahlung der Hypothek machen.

5. Einzig der Kapitalismus kann die Menschen in den Besitz jener Technologien bringen, die ihn nicht nur ferne Galaxien entdecken lassen werden, sondern ihn auch von Krankheit, Zerfall und Tod befreien werden, also den transhumanistischen Traum verwirklichen.

Die Schweizerische Nationalbank hält mehr Währungsreserven als die EZB

Ja, sie tat es wieder: Die Schweizerische Nationalbank (SNB) kaufte im Mai massiv Euro und verkaufte Franken, um die Aufwertung der Schweizer Währung zu bremsen. Alleine im Monat Mai schnellten die Währungsreserven deshalb um 78,8 Mrd. Fr. auf 232,4 Mrd. Fr. empor, wie die Nationalbank bestätigt. Seit Ende März haben sich die Devisenreserven der Nationalbank somit nahezu verdoppelt.

Der grösste Teil des Anstiegs geht auf das Konto des Euro: Die Aufteilung des jüngsten Anstiegs der Devisenreserven ist noch nicht offiziell bekannt, doch die Euro-Position dürfte zwischen 160 und 180 Mrd. Fr. liegen. Die Interventionen der SNB haben geholfen, den Wert des Euro gegenüber dem Franken zu stabilisieren: Ende Mai wurde die Einheitswährung mit 1,42 Fr. wieder auf gleichem Niveau gehandelt wie Ende März. Gestern notierte der Euro mit 1,3924 wieder leicht tiefer.
[...]
Unbeschränkt wird der Euro-Aufkauf jedoch kaum fortgesetzt werden können. Die Schweizer Devisenreserven belaufen sich inzwischen auf eindrückliche 43% der gesamten jährlichen Wirtschaftsleistung des Landes (Bruttoinlandprodukt). Die Währungsreserven der SNB übersteigen jene der Europäischen Zentralbank (38 Mrd. €) sowie des Systems der europäischen Zentralbanken (149 Mrd. €).1


  1. nzz – Nationalbank hält mehr Währungsreserven als EZB []

Geld ermöglicht Zivilisation

Imagine an economy were only direct barter is possible because people are imprisoned for using any type of money other than the worthless government money. Ever try to trade a car repair for a dozen eggs? Imagine trying to build and run a factory on barter, it’s not possible, only caveman style trade is possible. Without reliable money enabling the division of labor, we will all soon be living like peasants or cavemen.1


  1. Joe O’Donnell – Simple explanation of coming disaster, and beating it []