Tag Archives: Homosexualität

Ein Recht auf Vater und Mutter?

Heinz Zangerle schreibt:

Der Europäische Menschengerichtshof hat die Stiefkinderadoption durch homosexuelle Paare für zulässig erklärt: Aber ist der Richterspruch auch im Sinne der Kinder?
[...]
Aber wer ist denn hier tatsächlich diskriminiert? – Sind es wirklich die Homo-Paare in ihren Zugriffsrechten auf die Kinder oder nicht doch die Kinder selbst? Ist es denn nicht diskriminierend, wenn Kindern ihr legitimer Anspruch auf ein natürliches Aufwachsen mit Vater und Mutter grundsätzlich verwehrt wird? Interessiert niemanden, dass für die gedeihliche Entwicklung eines Kindes eine Elternbeziehung “Männlichkeit wie Fraulichkeit” maßgeblich ist?1

Wenn ein Kind ein Recht darauf hat, mit Vater und Mutter aufzuwachsen, wird dieses Recht dann nicht auch durch Alleinerziehende verletzt? Wenn es gerechtfertigt ist, den Homosexuellen deshalb zu verbieten, Kinder zu adoptieren (oder mit fortpflanzungsmedizinischen Methoden zu zeugen), müsste man dann nicht auch Alleinstehenden verbieten, Kinder zu adoptieren und Leuten, die nicht in einer festen und voraussichtlich langfristig stabilen Partnerschaft leben, verbieten, Kinder zu zeugen? Müsste man Unverheirateten nicht generell untersagen, sich fortzupflanzen und verheirateten Eltern untersagen, sich scheiden zu lassen?

Somit stellt sich wieder einmal die Frage, wieso Konservative die Homosexuellenehe und die Homosexuellen-Adoption stärker bekämpfen als die Scheidung und die Einelternfamilien.

(Zangerles Argument kann man interessanterweise auch als Argument gegen die traditionelle Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau auffassen, bei der der Mann für die auswärtige Erwerbsarbeit und die Frau für die häuslichen Belange zuständig war. Denn wenn es für Kinder so wichtig ist, Männlichkeit und Fraulichkeit zu erleben, mag es ungünstig sein, wenn das Kind den Vater nur kurz an den Abenden sieht, zumal es schon in der Krippe, der Kindertagesstätte, der Spielgruppe, dem Kindergarten und der Schule vorwiegend von Frauen umgeben ist. Plädiert Zangerle also auch dafür, dass Frauen und Männer die Hausarbeit und die Erwerbsarbeit paritätisch teilen und dass mehr Männer erwerbsberuflich zu (Hebammen und) Kinderbetreuern und Lehrern werden?

Oder müssen Männlichkeit und Fraulichkeit im kindlichen Alltag nicht zu gleichen Teilen vorkommen? Was dann natürlich die Frage aufwerfen würde, wieso es nicht reicht, wenn die Kinder bei lesbischen Eltern die Männlichkeit und bei schwulen Eltern die Fraulichkeit von den Grosseltern, den Onkeln und Tanten, den Freunden und allen ausserfamiliären Betreuern mitbekommen?)


  1. Heinz Zangerle, Psychologe und Psychotherapeut – Homo-Ehe: Diskriminierung der Kinder? []

Die JUSO und die Redefreiheit

Diese Newsmeldung ist zwar alt, aber deswegen nicht weniger aktuell:

Oberabzocker Daniel Vasella gewinnt in erster Instanz vor dem Badener Bezirksgericht gegen die JUSO. Dies nachdem er wegen dem Flyer “Abzocker zieht euch warm an” wegen Persönlichkeitsrechtsverletzung klagte.
[...]
Das heute veröffentlichte Urteil ist eine absolute Sauerei. David Roth, Präsident JUSO Schweiz: “In der Schweiz darf man anscheinend aus reiner Habgier 2000 Leute entlassen, gleichzeitig Millionen abgarnieren und wenn wer das kritisiert, wird juristisch verfolgt.” Die Abzocker werden in diesem Land offensichtlich von der Justiz geschützt. Dies ist eine klare Einschränkung der politischen Meinungsfreiheit.1

Wer jetzt glaubt, dass sich die Juso konsequent dafür einsetzt, dass man auch Meinungen äussern darf, die andere höchst beleidigend und verletzend finden, der irrt jedoch:

Die Thurgauer Zeitung druckte am 22.7.09 einen Leserbrief, in dem Homosexuelle als unerträgliche Last („Wie lange noch müssen wir euch Homosexuellen ertragen?“) und die Lebensweise von Lesben und Schwulen als „verdorben“ bezeichnet werden. Der Autor behauptet, dass eine Mehrheit der Homosexuellen „Opfer von pädophilen Übergriffen waren und sind“.
[...]
Laut gängigen Gesetzen ist ein solcher Leserbrief kein Rechtsverstoss. Das kann nicht sein! Darum reichte Nationalrat Daniel Jositsch im April auch eine Motion ein, welche die Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung unter das Anti-Rassismusgesetz stellen wollte. Das Parlament lehnte dies aber ab.2

Nach der Minarett-Abstimmung war er auf allen Kanälen: Roger Köppel verteidigte im In- und Ausland in triumphierenden Ton das Ja zur Initiative. Jetzt hat er deswegen eine Klage am Hals.
[...]
Köppel habe in mehreren Artikeln und einer Fernsehsendung rassistische Aussagen gemacht, lautet der Vorwurf der Jungsozialisten (Juso) im Kanton Zürich.
[...]
Der Chefredaktor und Verleger der Weltwoche habe dabei Angehörige der islamischen Religion systematisch herabgesetzt und verleumdet, heisst es weiter. Damit habe Köppel die Grenze zum Rassismus überschritten.3

Ein Nebenaspekt war die Klage der Juso Bern, die sich verunglimpft fühlte. Sie seien von Pnos- Mitgliedern auf deren Homepage als Strassenschläger, die Gewalt unterstützten und tolerierten, bezeichnet worden. Der Anwalt der Juso fordert eine Genugtuung.4

Mit Erstaunen lesen wir den Kurier der SVP Kanton Luzern (Ausgabe März, Seite 12) mit dem Artikel von Emil Grabherr, Präsident SVP Luzern Land: “Bei der Gruppe der Schwulen gibt es drei verschiedene Arten. Dazu gehören nebst den in ordentlicher Partnerschaft lebenden auch die männlichen Huren und die unter keinem Titel akzeptierbaren Bubenschänder.”
[...]
Wir fordern die SVP Luzern und Emil Grabherr dazu auf, sich für diesen Text zu entschuldigen. Wir würden gerne juristische Schritte einleiten, doch leider ist die Rechtslage in der Schweiz so miserabel, dass solche Personen weiterhin übelste Beschimpfungen austeilen können, ohne dass sie unser demokratischer Staat zur Rechenschaft zieht.5

Die JUSO Schweiz hofft, dass die progressiven und demokratischen Kräfte sich von diesem traurigen Schauspiel nicht ermüden lassen. Die Integration muss endlich wieder zu einem Hauptthema für die Parteien werden. Man muss auf kantonaler Ebene versuchen, die erleichterte Einbürgerung voranzutreiben. Um Hasskampagnen in Zukunft zu verhindern, muss das Antirassismusgesetz strenger angewendet und für weitere Vergehen geöffnet werden.6

Es darf keine Toleranz gegenüber Rechtsextremismus geben, denn Faschismus ist keine Meinung wie jede andere, sondern ein Verbrechen . Nicht nur die Häftlinge der Konzentrationslager, die in Auschwitz, Soribor, Treblinka, Buchenwald, Dachau u.s.w. umgebracht wurden, sondern auch alle anderen Toten des 2.Weltkriegs sind eine Konsequenz des Faschismus. Deshalb müssen Behörden und Zivilgesellschaft sofort und hart gegen die Verantwortlichen vorgehen, wenn Neonazis heute ihre Hetzparolen gegen Ausländer, Juden und Linke schriftlich oder mündlich verbreiten, oder wenn sie die Verbrechen von Hitlerdeutschland und seinen Verbündeten verharmlosen oder gar glorifizieren.7


  1. David Roth – Vasella will JUSO mundtot machen []
  2. JUSO Medienmitteilungen – Homophobie ist keine Meinung! []
  3. blick – Jungsozialisten: Rassismus-Klage gegen «Weltwoche»-Boss Köppel []
  4. Franziska Laur – Bezirksgericht gibt Urteil gegen Pnos-Mitglieder heute bekannt []
  5. Florian Vock – schwul = pädosexuell? []
  6. Pressemitteilung der JUSO Schweiz – Stop den Faschismus! Demo jetzt! []
  7. Pressemitteilung der JUSO Aargau – Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen! []

Die Grünliberalen: Grenzwertig liberal

Worin ich eine Medienmitteilung kritisiere, der ich eigentlich zustimme:

Als gesellschaftsliberale Partei stehen die Grünliberalen für die vollständige Gleichstellung von hetero- und homosexuellen Partnerschaften ein, dazu gehört auch die Möglichkeit Kinder adoptieren zu können.

Das klingt positiv. Es würde sogar noch positiver klingen, wenn sie auch andere Beziehungsmodelle miteinschliessen würden und für eine generelle Gleichstellung aller (friedlichen) Lebensstile plädieren würden.

Es gibt keine rationalen Gründe gegen diese Gleichstellung, vielmehr sind die Grünliberalen überzeugt, dass ein Kind in einer solchen Familie genauso glücklich aufwächst wie mit heterosexuellen Eltern.

Dem schliesse ich mich an. Die bedauernswerte Formulierung impliziert aber leider, dass Kinder generell glücklich aufwachsen würden.

Die Grünliberalen sind erleichtert, dass eine Mehrheit des Nationalrats die Stiefkindadoption für Regenbogenfamilien zulassen möchte, gleichzeitig bedauern es die Grünliberalen aber ausserordentlich, dass ein generelles Adoptionsrecht für Regenbogenfamilien nicht mehrheitsfähig war, weil sich bei der Frage grosse Teile der FDP mit den gesellschaftspolitisch konservativen Fraktionen verbündeten.

Das wirft kein gutes Licht auf die FDP. Zugleich frage ich mich, ob der Begriff “Regenbogenfamilie” noch zeitgemäss ist. Wäre ein neutraleres Wort nicht angebrachter und zudem aussagekräftiger?

Für die Grünliberalen ist es nicht die Aufgabe des Staates, verschiedene Familienmodelle zu werten und unterschiedlich zu behandeln.

Zustimmung. Ich frage mich jedoch, wieso die Grünliberalen, die sich im Eingangssatz als gesellschaftsliberal rühmen, so vorsichtig und zurückhaltend formulieren. Sie sagen, der Staat solle verschiedene Familienmodelle gleich behandeln, hätten aber (fast) genauso gut sagen können, er solle alle Beziehungsmodelle oder alle Personen (oder Personengruppen) gleich behandeln, unabhängig von deren (offiziellen) Beziehungsstatus. Damit hätten sie sich auch für die Gleichbehandlung von verheirateten und unverheirateten Paaren, von Monogamie und Polygamie, von Singles und Paaren und polyamourösen Gruppen ausgesprochen.

Zwei Gründe sind möglich für die Formulierung: Erstens könnten sie taktisch vorgehen und nur über homosexuelle und heterosexuelle Paare, die Familien gründen wollen, sprechen, um die Unterstützung jener Leute zu sichern, die nur für deren Gleichstellung, aber nicht für die Gleichstellung anderer Lebensstile sind. Zweitens könnten sie aus Überzeugung handeln und tatsächlich nur heterosexuelle und homosexuelle Paare gleichstellen wollen, aber nicht Monogamie und Polygamie oder nicht Singles und Familien.

Die Grünliberalen stehen deshalb klar für die vollständige Gleichstellung von hetero- und homosexuellen Partnerschaften ein, dazu gehört auch die Möglichkeit Kinder adoptieren zu können.

Die Fortpflanzungsmedizin wird nicht erwähnt? Oder die Schaffung eines vernünftigen rechtlichen Rahmens für Samenspenden (und Eizellspenden)?

Es gibt keine rationalen Gründe gegen diese Gleichstellung, schon gar nicht aus der Optik des Kindswohls. Die Grünliberalen sind vielmehr überzeugt, dass ein Kind in einer solchen Familie genauso glücklich aufwächst wie mit heterosexuellen Eltern. Einem Kind schadet es erwiesenermassen nicht, wenn es mit zwei Müttern oder mit zwei Vätern aufwächst, viel eher ist es für ein Kind schädlich, wenn es mit Vorurteilen gegenüber anderen Lebenskonzepten aufwächst.

Und wie steht es mit drei Müttern oder drei Vätern? Sind zwei Mütter nicht schädlich, drei Mütter aber plötzlich schon? Ist es für ein Kind nicht auch schädlich, wenn es mit Vorurteilen gegenüber Polyamorie und Polygamie aufwächst? Haben die Grünliberalen vor, auch diese Vorurteile zu bekämpfen?

Weil sich grosse Teile der FDP zusammen mit den gesellschaftspolitisch konservativen Fraktionen gegen eine vollständige Gleichstellung von Regenbogenfamilien aussprach, musste der Antrag für ein vollständiges Adoptionsrecht für Regenbogenfamilien leider zurückgezogen werden.

Denkt die FDP je über das F in ihrem Namen nach? Was meinen die FDPler, wofür Freisinnig steht? Für einen Staat, der den Leuten diktiert, wie sie ihr Leben gestalten müssen, welche Art von Familien sie gründen dürfen und wie viele Personen welchen Geschlechts sie heiraten dürfen?

Die Grünliberalen bleiben am Thema dran und sehen die Stiefkindadoption nur als Zwischenschritt auf dem Weg zur vollständigen Gleichstellung aller Familienmodelle in unserer Gesellschaft.

Ich hoffe, mit ‘alle’ meinen sie tatsächlich alle und nicht nur ein paar ausgewählte Familienmodelle.

Wenn sich zwei Katholikinnen küssen…

© Gérard Julien (@ggjulien) – AFP
© Gérard Julien (@ggjulien) – AFP

Dieses Bild zeigt im Vordergrund zwei Frauen, die sich küssen und laut eigener Angabe heterosexuell sind und im Hintergrund Frauen, die in Marseille gegen ein Gesetz protestieren, dass die Ehe zwischen jeweils zwei Frauen oder zwei Männern erlauben würde. (Organisiert wurde die Demonstration von der Alliance VITA.)

Ich verstehe ja, dass und wie man gegen bestimmte Eheformen sein kann, egal ob es nun um die Ehe zwischen Homosexuellen geht oder um Ehen zwischen mehr als zwei Personen. Aber ich verstehe nicht, wie man geschockt oder empört sein kann, wenn man sieht, wie sich zwei Menschen küssen. Man kann es in manchen Situationen als unangebracht finden, gewiss, aber die Gesichtsausdrücke der Frauen im Hintergrund zeigen mehr als nur dies.

Woher kommt die Ablehnung gegen diesen Kuss zweier Frauen? Was kann falsch sein an dieser öffentlichen Darstellung von Zuneigung?

Verbinden die Empörten diesen Kuss automatisch mit Sex, mit einer erotischen Beziehung zwischen zwei Personen des gleichen Geschlechts? Wenn ja, wieso tun sie das? Können sich Menschen nicht aus anderen Gründen küssen? Oder sollen sie das zumindest nicht?

Was ist die theologische Rechtfertigung für diese Empörung?


Le baiser de Marseille

Le baiser de Marseille

Die Privatisierung der Ehe und das Ende der homogenisierten Eheverträge

Eheverträge sind derzeit landesweit standardisiert und homogenisiert. Der Staat legt die Pflichten und Rechte der jeweiligen Vertragspartner fest. Die Privatisierung der Ehe würde bedeuten, dass Eheverträge aus Sicht des Staates ganz normale Verträge sind, für die kein Spezialrecht gilt. Dies hätte zur Folge, dass die Vielfalt an Eheverträgen stark zunehmen könnte. Manche Verträge wären dabei legerer als die heutigen, andere strenger. Dies würde Progressive und Konservative gleichermassen erfreuen und verärgern. Konservative müssten sich damit abfinden, dass Schwule und Lesben heiraten dürfen und dass Ehen in der gleichen Stunde aufgelöst werden können, in der sie geschlossen worden sind. Dafür könnten sie sich darüber freuen, dass jede Kirche selber Eheverträge entwerfen kann, die beispielsweise die Scheidung erschweren oder Ehemann und Ehefrau unterschiedliche Rechte und Pflichten zukommen lassen. Für die Progressivisten wäre Freude und Ärger natürlich genau umgekehrt.

Damit habe ich auch schon die Gründe aufgezählt, wieso Rechte und Linke in absehbarer Zeit die Privatisierung der Ehe nicht befürworten werden. Rechte können nicht zulassen, dass Schwule und Lesben heiraten könnten und Linke können nicht zulassen, dass Frauen Verträge eingehen könnten, die sie stark an ihren Ehemann binden und diesem mehr Rechte und weniger Pflichten zugestehen könnte als ihnen.1 2

Aus individualistischer Sicht wäre die Privatisierung der Ehe natürlich erfreulich. Denn so könnte jedes Paar (oder jede Gruppe) den Ehevertrag auf seine persönlichen Bedürfnisse zuschneiden.


  1. Ein Mittelweg könnte hier sein, dass Eheverträge zwingend symmetrisch sein müssen. Das wäre sozusagen eine privatisierte Ehe mit eingeschränkter Vertragsfreiheit. []
  2. Ja ich weiss. Mein Porträt der Kontrahenten ist ziemlich klischeehaft. Selbstverständlich gibt es Ausnahmen von der Regel wie etwa homophobe Linke oder schwule Rechte, die die Homo-Ehe in der Verfassung verankern wollen. []

Schlechte Gründe gegen das Adoptionsrecht für Homosexuelle

CVP-Parteipräsident Christophe Darbellay erklärt im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet, weshalb der Bundesrat einen Fehler begehe, wenn er homosexuellen Paaren die Stiefkindadoption erlaube.
[...]
[Hubert Mooser:] Warum sind Sie dagegen, dass gleichgeschlechtliche Paare ein Kind adoptieren können?
[Christophe Darbellay:] Um ein Kind zu zeugen, sind ein Mann und eine Frau nötig.1

Das ist ein naturalistischer Fehlschluss. Bloss weil es Mann und Frau braucht, um ein Kind zu zeugen, heisst dies nicht, dass Homosexuelle keine Kinder adoptieren sollen.

Darüber hinaus stimmt die Prämisse nicht ganz. Verschiedene Tierarten kennen die Parthenogenese, also eine Jungfernzeugung, die ohne Spermien auskommt. Mithilfe der modernen Biotechnologie könnte dies prinzipiell auch dem Menschen ermöglicht werden. Und dies könnte bloss ein erster Schritt sein, auf den viele weitere, noch drastischere Schritte folgen.

Zur Orientierung braucht ein Kind einen Vater und eine Mutter.1

Diese Aussage kann man auf zwei verschiedene Arten begründen:

empirisch: Dann müsste man zeigen, dass es ceteris paribus im Durchschnitt den Kindern in homosexuellen Haushalten schlechter ergeht als solchen in heterosexuellen Haushalten. Da sich aller Erwartung nach jedoch herausstellen wird, dass sich die zwei Glockenkurven mindestens teilweise überlappen und es somit eine gewisse Anzahl Homosexuelle gibt, die bessere Eltern sind als manche Heterosexuelle, bräuchte es dann immer noch ein stark kollektivistisches Urteil, um den Homosexuellen das Adoptionsrecht zu verweigern. Doch wenn man bereit ist, dieses Urteil zu fällen, muss man sich überlegen, ob es nicht nötig wäre, auch andere Gruppen zu diskriminieren. Wenn beispielsweise Leute mit geringerer Schulbildung durchschnittlich ‘schlechtere’ Eltern sind als gut gebildete heterosexuelle und homosexuelle Eltern, müsste man ihnen ebenfalls verbieten, Kinder zu adoptieren.2

philosophisch-theologisch: Es gibt zahlreiche Argumente solcher Natur, die sich gegen die Kindesadoption für Homosexuelle einsetzen lassen, aber die meisten ziehen empirisch messbare Konsequenzen nach sich. Was jene anbelangt, bei denen das nicht der Fall ist: Wieso sollte sich der Staat von ihnen leiten lassen?

Im Übrigen erlaubt keines unserer Nachbarländer die Adoption von Kindern durch homosexuelle Paare. Und daran wird sich auch in den kommenden Jahren nichts ändern.1

Das ist völlig irrelevant. Bloss weil die Nachbarstaaten etwas tun oder nicht tun, heisst das nicht, dass dies auch gut ist.

Meine Empfehlung hier ist: Selber denken statt anderen nachzulaufen.

Bei heterosexuellen Paaren ist es doch auch nicht so, dass nach einer Scheidung die Kinder vom neuen Partner adoptiert werden. Warum braucht es hier Sonderregeln für gleichgeschlechtliche Paare?1

Weil es bereits Sonderregelungen für heterosexuelle Paare gibt. Das Familienrecht und das Eherecht und das Adoptionsrecht besteht wohl vorwiegend aus Sonderregeln und eben nicht aus nicht-diskriminierenden, allgemeingültigen Regeln.


  1. «Es braucht einen Mann und eine Frau» [] [] [] []
  2. Das alles sind rein hypothetische Beispiele. Es wäre ja auch möglich, dass Kinder lesbischer Eltern durchschnittlich besser dran sind als solche mit heterosexuellen Eltern. []

Homosexualität, Ehe und Religionsfreiheit

Führende Religionsvertreter in den USA haben sich gemeinsam gegen eine Ausweitung des Ehebegriffs auf homosexuelle Verbindungen gewandt. Ein solcher Schritt könne die Religionsfreiheit einschränken, heißt es in einem [...] Offenen Brief von Repräsentanten christlicher und jüdischer Organisationen.
[...]
Durch eine zivilrechtliche Gleichstellung homosexueller Partnerschaften könnten Gläubige und religiöse Einrichtungen genötigt werden, gleichgeschlechtliche Beziehungen als moralisch gleichwertig mit traditionellen Ehen zu behandeln. Daraus ergäben sich Konflikte zwischen Religionsgemeinschaften und dem Staat, warnen die Unterzeichner.1

Erstens: Aus dem einen folgt nicht zwingend das andere. Es ist ein Land vorstellbar, in dem alle konsensualen Ehen möglich sind, Bürger und Organisationen aber frei sind, gegen Leute, die ihnen nicht genehme Ehen geschlossen haben oder schliessen wollen, zu diskriminieren. Ein Land also, in dem ein paar Lesben, Schwule und Transsexuelle eine Gruppenehe eingehen können, in dem die katholische Kirche aber frei ist, nur Paare zu ehelichen, die aus einem Mann und einer Frau bestehen, die nie zuvor verheiratet gewesen sind.

Zweitens: Da der Staat heute schon bestimmte Ehen anerkannt und Individuen und Korporationen dazu zwingt, diese auch anzuerkennen und mit Steuergeldern zu subventionieren, ist die Religionsfreiheit heute schon eingeschränkt.

Drittens: Zur Religionsfreiheit gehört es auch, heiraten zu dürfen wen man will, wie man will und wo man will. Während katholische und jüdische Ehen legal sind, so bleiben eine Vielzahl von anderen religiösen und säkularen Ehen verboten.

Viertens: Es ist also alles andere als klar, dass die staatliche Anerkennung und Förderung von monogamen homosexuellen Ehen zu einer Abnahme der Religionsfreiheit führen würde.

“Eine Änderung der zivilen Definition von Ehe verändert nicht nur ein Gesetz, sondern Hunderte und Tausende auf einmal”, heißt es in dem Schreiben. Betroffen seien alle Rechte, die vom Ehestatus abhingen, etwa Chancengerechtigkeit bei Anstellungen, Zusatzvergütungen, Adoptionsrecht, Bildung, Gesundheitsvorsorge oder Steuerrecht. Dies betreffe auch Gläubige und religiöse Institutionen, die in diesen Bereichen tätig seien.1

Das geschieht eben, wenn man einen Staat hat, der seine Finger in alles steckt und sich dafür interessiert, was die Menschen in ihren Schlafzimmer so tun und der zwischen Verheirateten und Unverheirateten diskriminiert. Ein Nachtwächterstaat, der bloss für Vertragsfreiheit und Vertragssicherheit sorgen würde, hätte diese Probleme nicht. Denn in einem solchen Staat wäre die Ehe Privatsache und nicht Staatssache. Folglich würden auch keine staatlichen Rechte und Privilegien vom Zivilstand abhängen.

So hätten die Methodisten in New Jersey die Steuerbefreiung für ein Gebäude verloren, weil sie sich geweigert hätten, dort eine Trauung zwischen Homosexuellen stattfinden zu lassen. Die Stadt San Francisco habe einen Vertrag im Umfang von 3,5 Millionen Dollar (2,75 Mio. Euro) über Sozialleistungen mit der Heilsarmee gekündigt, nachdem sich diese gegen die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften bei ihren Vergütungsregelungen gewehrt habe. Ähnliche Beispiele gebe es aus der katholischen Kirche.1

Es gibt kein Recht auf Subventionen, folglich verletzt es die Religionsfreiheit nicht, wenn der Staat hier gegen Organisationen diskriminiert, die Homosexuelle diskriminieren.

Andererseits mischt sich der Staat eindeutig in den persönlichen Glauben der Bürger ein, wenn er nur solche Organisationen unterstützt, die eine bestimmte Ideologie vertreten. Doch das ist das Urproblem des Staates. Selbst wenn er nur eine Kopfsteuer erhebt, um die Sicherheits- und Justizorgane zu bestellen, diskriminiert er gegen die Anarchisten und die Pazifisten. Umso komplizierter das Steuersystem, umso mehr Ausnahmen und Abzüge und Steuerbefreiungen es gibt, umso mehr er reguliert und subventioniert, umso stärker greift er zwangsläufig in die Glaubensfreiheit, Religionsfreiheit und persönliche Freiheit der Bürger ein.

Die Religionsvertreter appellieren besonders an Politiker und Gesetzgeber, “die weitreichenden Konsequenzen für die Religionsfreiheit aller Amerikaner zu bedenken, wenn die Ehe neu definiert wird”. Das Schreiben trägt unter anderen die Unterschrift von hohen Repräsentanten der Anglikaner, Baptisten, Lutheraner, der Heilsarmee sowie Pfingstkirchen, Evangelikalen und Mormonen. Auch jüdische Organisationen beteiligten sich an der Initiative.1

Die Ehe ist alt, uralt sogar. Es ist eine Institution, die ihre Vorläufer im informellen Paarungsverhalten unserer tierischen Vorfahren hat. Im Laufe der Zeit wurde das Konzept formalisiert und institutionalisiert, und immer wieder wurde neu definiert, was eine Ehe eigentlich ist. Manchmal war die Ehe monogam, manchmal polygam; manchmal war sie seriell, manchmal ewig; manchmal wurde sie erzwungen, manchmal wurde sie arrangiert, manchmal wurde sie vermittelt, manchmal auch nicht; manchmal war sie nur innerhalb des eigenen Standes der eigenen Rasse legal und sozial akzeptiert, manchmal nicht. Die Ehe aus reiner Liebe beispielsweise ist keine zweitausendjährige biblische Institution, die ununterbrochen bestanden hat. Au contraire. Sie ist ein Kunstwerk, in dem sich viele verschiedene Einflussfaktoren vermischen. So wurde sie u.a. geprägt von den Romantikern des 18. und 19. Jahrhunderts und dem Hollywood des 20. Jahrhunderts.

Schlussendlich hat aber jede staatliche Definition der Ehe weitreichende Konsequenzen. Nicht nur auf die Religionsfreiheit, sondern vor allem auch auf die persönliche Freiheit, sein Leben so zu gestalten, wie es einem beliebt, und die Freiheit, Verträge nach eigenem Ermessen und Gutdünken zu gestalten und einzugehen. Denn wie auch immer der Staat die Ehe definiert, er kann es nicht tun, ohne bestimmte Bürger davon auszuschliessen und andere Bürger dazu zu zwingen, etwas anzuerkennen, was sie nicht unterstützen.

Um wirkliche Freiheit zu ermöglichen, müsste sich der Staat also vollkommen aus dem Heirats- und Hochzeitsgeschäft zurückziehen und die Ehe privatisieren. Dann stünde es jedem Bürger frei, die Ehe so zu definieren, wie er es für richtig hält und jede Kirche könnte selber entscheiden, welchen Ehen sie ihren Segen gibt. Und alle Menschen würden die gleichen Rechte und Privilegien geniessen, egal welchen Glauben, welche Sexualität, welche Ehevorstellungen sie auch immer haben, und unabhängig davon, ob sie verheiratet, verwitwet, alleinstehend oder etwas ganz anderes sind.


  1. DiePresse.com – US-Religionsvertreter verbünden sich gegen Homo-Ehe [] [] [] []

Sexismus im Badezimmer (und im Sport)

Könnte man nicht argumentieren, dass die getrennten Toiletten und Duschen für Männer, die der Staat nicht nur in all seinen Gebäulichkeiten aufstellt, sondern oft von Privaten verlangt, segregationistisch, sexistisch, diskriminierend sind und dem Gleichstellungsgebot und Gleichbehandlungsgebot widersprechen? Wären gemischte Toiletten und Nassräume nicht auch besser für Transgender und Crossdresser und ähnliche? Statt Männer und Frauen nackig in eine grosse Gemeinschaftsdusche zu schicken, müsste man wohl Einzelduschzellen kreieren. Aber das wäre wiederum besser für Transgender und würde zudem die Lage der Homosexuellen und die der Heterosexuellen angleichen. Fürderhin wären nicht-geschlechtsspezifische WCs auch besser für die Eltern, die ihre Kinder auf die Toilette begleiten und nicht das gleiche Geschlecht wie das Kind haben und für die Männer, die die Windeln ihres Kindes wechseln wollen, die dafür aber in die Frauentoilette gehen müssen.

Und dann wäre da noch die Geschlechtertrennung im Sport, die bereits im Kindergarten beginnt, aber auch den Profisport beinahe komplett durchdringt. Ist das sexistisch oder berechtigt, weil die Körpermuskulatur und die Hormonausschüttung von Männer und Frauen im Durchschnitt nicht genau dieselbe ist? Aber ist diese Segregation nicht nachteilig für die Transgender und Hermaphroditen?

Unabhängig von den persönlichen Präferenzen, die man hat: Was ist von der Politik zu erwarten? Wird sie das Problem in naher bis mittlerer Zukunft angehen? Wird sie vielleicht gar von privaten Unternehmen verlangen, geschlechtsneutrale Unisex-Sanitäranlagen zu installieren und werden an den olympischen spielen bald geschlechtergemischte Wettkämpfe zu sehen sein? Oder wird das Gegenteil geschehen und die Geschlechtertrennung wird zunehmen, beispielsweise durch separate Schulklassen für Buben und Mädchen?

„Freiheitsindex Deutschland“ 2011

Die Ergebnisse einer Umfrage des John Stuart Mill Institut für Freiheitsforschung e.V. an der SRH Hochschule Heidelberg zum Thema Freiheit und Verbote:1

Freiheitsindex Deutschland
Freiheitsindex Deutschland
Freiheitsindex Deutschland
Freiheitsindex Deutschland
Freiheitsindex Deutschland
Freiheitsindex Deutschland


  1. John Stuart Mill Institut für Freiheitsforschung e.V. an der SRH Hochschule Heidelberg – Wie halten es die Deutschen mit der Freiheit? / via Adrian – Deutsche sind zur Freiheit nicht fähig… []

Walliser Kantonsgericht beschneidet die Meinungsäusserungsfreiheit der JSVP nicht

In Zeitungsüberschriften kann ganz schön viel Spin und Propaganda stecken. Dies sieht man gut daran, wie diese Meldung in der NZZ betitelt wurde:

Im Wallis sind Schwule und Lesben vor dem Kantonsgericht der Jungen SVP des Kantons unterlegen. Die Homosexuellen hatten gegen eine Schmähschrift der Jungpolitiker Beschwerde eingereicht, die nun abgewiesen wurde.1 2

Homosexuelle unterliegen Junger SVP steht in fetten schwarzen Lettern darüber. Doch es wären dutzende andere Titel vorstellbar, die ebenso wahr wären, aber der Meldung eine andere Betonung geben würden.

Statt den Zwist zwischen ein paar Homosexuellen und ein paar JSVPlern (und den gerichtlichen “Sieg” der letzteren über erstere) zu betonen, hätte man ebenso gut herausheben können, dass ein paar Schwulen- und Lesbenorganisationen die Meinungsfreiheit beschränken wollen oder eben dass das Walliser Kantonsgericht die JSVPler nicht für das Äussern ihrer Meinung bestrafte.

Zugegeben, dies ist eine einzelne Meldung und man darf wohl davon ausgehen, dass der Titel nicht mit propagandistischen Absichten ausgewählt worden ist.3 Aber die Macht der Worte darf im (intellektuellen) Kampf für Freiheit und gegen Zensur nicht unterschätzt werden.


  1. nzz – Homosexuelle unterliegen Junger SVP []
  2. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich heisse die Äusserungen der JSVP, um die es geht, nicht gut. Aber ich bin der Überzeugung, dass jede Meinung geäussert werden dürfen sollte. Auch jene Meinungen, die man nicht mag oder die man für völlig falsch hält. []
  3. Man könnte aber durchaus behaupten, dass die Ansichten und Meinungen eines Schreiberlings stets unbewusst in dessen Arbeit einfliessen, selbst wenn dieser versucht, objektiv und neutral zu schreiben. []