Führende Religionsvertreter in den USA haben sich gemeinsam gegen eine Ausweitung des Ehebegriffs auf homosexuelle Verbindungen gewandt. Ein solcher Schritt könne die Religionsfreiheit einschränken, heißt es in einem [...] Offenen Brief von Repräsentanten christlicher und jüdischer Organisationen.
[...]
Durch eine zivilrechtliche Gleichstellung homosexueller Partnerschaften könnten Gläubige und religiöse Einrichtungen genötigt werden, gleichgeschlechtliche Beziehungen als moralisch gleichwertig mit traditionellen Ehen zu behandeln. Daraus ergäben sich Konflikte zwischen Religionsgemeinschaften und dem Staat, warnen die Unterzeichner.
Erstens: Aus dem einen folgt nicht zwingend das andere. Es ist ein Land vorstellbar, in dem alle konsensualen Ehen möglich sind, Bürger und Organisationen aber frei sind, gegen Leute, die ihnen nicht genehme Ehen geschlossen haben oder schliessen wollen, zu diskriminieren. Ein Land also, in dem ein paar Lesben, Schwule und Transsexuelle eine Gruppenehe eingehen können, in dem die katholische Kirche aber frei ist, nur Paare zu ehelichen, die aus einem Mann und einer Frau bestehen, die nie zuvor verheiratet gewesen sind.
Zweitens: Da der Staat heute schon bestimmte Ehen anerkannt und Individuen und Korporationen dazu zwingt, diese auch anzuerkennen und mit Steuergeldern zu subventionieren, ist die Religionsfreiheit heute schon eingeschränkt.
Drittens: Zur Religionsfreiheit gehört es auch, heiraten zu dürfen wen man will, wie man will und wo man will. Während katholische und jüdische Ehen legal sind, so bleiben eine Vielzahl von anderen religiösen und säkularen Ehen verboten.
Viertens: Es ist also alles andere als klar, dass die staatliche Anerkennung und Förderung von monogamen homosexuellen Ehen zu einer Abnahme der Religionsfreiheit führen würde.
“Eine Änderung der zivilen Definition von Ehe verändert nicht nur ein Gesetz, sondern Hunderte und Tausende auf einmal”, heißt es in dem Schreiben. Betroffen seien alle Rechte, die vom Ehestatus abhingen, etwa Chancengerechtigkeit bei Anstellungen, Zusatzvergütungen, Adoptionsrecht, Bildung, Gesundheitsvorsorge oder Steuerrecht. Dies betreffe auch Gläubige und religiöse Institutionen, die in diesen Bereichen tätig seien.
Das geschieht eben, wenn man einen Staat hat, der seine Finger in alles steckt und sich dafür interessiert, was die Menschen in ihren Schlafzimmer so tun und der zwischen Verheirateten und Unverheirateten diskriminiert. Ein Nachtwächterstaat, der bloss für Vertragsfreiheit und Vertragssicherheit sorgen würde, hätte diese Probleme nicht. Denn in einem solchen Staat wäre die Ehe Privatsache und nicht Staatssache. Folglich würden auch keine staatlichen Rechte und Privilegien vom Zivilstand abhängen.
So hätten die Methodisten in New Jersey die Steuerbefreiung für ein Gebäude verloren, weil sie sich geweigert hätten, dort eine Trauung zwischen Homosexuellen stattfinden zu lassen. Die Stadt San Francisco habe einen Vertrag im Umfang von 3,5 Millionen Dollar (2,75 Mio. Euro) über Sozialleistungen mit der Heilsarmee gekündigt, nachdem sich diese gegen die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften bei ihren Vergütungsregelungen gewehrt habe. Ähnliche Beispiele gebe es aus der katholischen Kirche.
Es gibt kein Recht auf Subventionen, folglich verletzt es die Religionsfreiheit nicht, wenn der Staat hier gegen Organisationen diskriminiert, die Homosexuelle diskriminieren.
Andererseits mischt sich der Staat eindeutig in den persönlichen Glauben der Bürger ein, wenn er nur solche Organisationen unterstützt, die eine bestimmte Ideologie vertreten. Doch das ist das Urproblem des Staates. Selbst wenn er nur eine Kopfsteuer erhebt, um die Sicherheits- und Justizorgane zu bestellen, diskriminiert er gegen die Anarchisten und die Pazifisten. Umso komplizierter das Steuersystem, umso mehr Ausnahmen und Abzüge und Steuerbefreiungen es gibt, umso mehr er reguliert und subventioniert, umso stärker greift er zwangsläufig in die Glaubensfreiheit, Religionsfreiheit und persönliche Freiheit der Bürger ein.
Die Religionsvertreter appellieren besonders an Politiker und Gesetzgeber, “die weitreichenden Konsequenzen für die Religionsfreiheit aller Amerikaner zu bedenken, wenn die Ehe neu definiert wird”. Das Schreiben trägt unter anderen die Unterschrift von hohen Repräsentanten der Anglikaner, Baptisten, Lutheraner, der Heilsarmee sowie Pfingstkirchen, Evangelikalen und Mormonen. Auch jüdische Organisationen beteiligten sich an der Initiative.
Die Ehe ist alt, uralt sogar. Es ist eine Institution, die ihre Vorläufer im informellen Paarungsverhalten unserer tierischen Vorfahren hat. Im Laufe der Zeit wurde das Konzept formalisiert und institutionalisiert, und immer wieder wurde neu definiert, was eine Ehe eigentlich ist. Manchmal war die Ehe monogam, manchmal polygam; manchmal war sie seriell, manchmal ewig; manchmal wurde sie erzwungen, manchmal wurde sie arrangiert, manchmal wurde sie vermittelt, manchmal auch nicht; manchmal war sie nur innerhalb des eigenen Standes der eigenen Rasse legal und sozial akzeptiert, manchmal nicht. Die Ehe aus reiner Liebe beispielsweise ist keine zweitausendjährige biblische Institution, die ununterbrochen bestanden hat. Au contraire. Sie ist ein Kunstwerk, in dem sich viele verschiedene Einflussfaktoren vermischen. So wurde sie u.a. geprägt von den Romantikern des 18. und 19. Jahrhunderts und dem Hollywood des 20. Jahrhunderts.
Schlussendlich hat aber jede staatliche Definition der Ehe weitreichende Konsequenzen. Nicht nur auf die Religionsfreiheit, sondern vor allem auch auf die persönliche Freiheit, sein Leben so zu gestalten, wie es einem beliebt, und die Freiheit, Verträge nach eigenem Ermessen und Gutdünken zu gestalten und einzugehen. Denn wie auch immer der Staat die Ehe definiert, er kann es nicht tun, ohne bestimmte Bürger davon auszuschliessen und andere Bürger dazu zu zwingen, etwas anzuerkennen, was sie nicht unterstützen.
Um wirkliche Freiheit zu ermöglichen, müsste sich der Staat also vollkommen aus dem Heirats- und Hochzeitsgeschäft zurückziehen und die Ehe privatisieren. Dann stünde es jedem Bürger frei, die Ehe so zu definieren, wie er es für richtig hält und jede Kirche könnte selber entscheiden, welchen Ehen sie ihren Segen gibt. Und alle Menschen würden die gleichen Rechte und Privilegien geniessen, egal welchen Glauben, welche Sexualität, welche Ehevorstellungen sie auch immer haben, und unabhängig davon, ob sie verheiratet, verwitwet, alleinstehend oder etwas ganz anderes sind.