Jennifer Zimmermann hat kein Mitleid mit Drygalla:
Die junge, blonde Frau weint in die Kamera. Mit so einem Wirbel hätte Ruderin Nadja Drygalla nicht gerechnet, sagt sie. Ganz mag man ihr die Verwunderung nicht abkaufen.
Ja, denn niemand tut etwas ohne Hintergedanken, also muss hinter ihrem Verhalten eiskalte Berechnung stecken.
Scherz beiseite. Woher kommt die Unsitte, einfach mal ohne Belege anzunehmen, dass die betreffende Person lügt und üble Motive hat? Ist das die gesittete Art, wie man mit Leuten umgeht, die nicht voll und ganz die eigene Parteilinie vertreten? Können diese Leute nicht ihre tierischen Instinkte im Zaum halten und darauf verzichten, tribalistisch rumzubrüllen und hinter ihren Opponenten die Inkarnation des Bösen zu vermuten?
Nach ihren eigenen Aussagen verließ ihr Freund, zwei Monate vor ihrem Olympia-Auftritt, die NPD nur auf ihren Druck hin. Ein äußerst passender Zeitpunkt. Mit Problemen hatte Drygalla also doch schon vorher gerechnet.
Es darf wohl nicht sein, dass es einfach lange dauerte, bis sie ihren Freund dazu bewegen konnte, aus der NPD auszutreten?
Es gibt viele mögliche Gründe, wieso sie so gehandelt hat, wie sie es nunmal tat. Sich auf einen spezifischen festzulegen, noch dazu einen, der ihr Kalkulation und niedere Beweggründe unterstellt, ist reine Spekulation und reichlich frech. Man könnte es auch (journalistisches) Lästern nennen.
Die überschwänglichen Mitleidsbekundungen aus Politik und Medienlandschaft verwundern, denn allen voran hat Drygalla das Olympische Dorf freiwillig verlassen. So lautet ihre Aussage und die der Sportfunktionäre. Wer sich Spekulationen zu Drygallas politischer Gesinnung verbittet, sollte die gleiche Fairness auch für den DOSB gelten lassen.
Spekulation über die Gesinnung des DOSB ist auch nicht nötig, um zu mutmassen, wieso sie freiwillig gehen musste: Weil sie mit Personen mit der falschen Ideologie verkehrte. Wenn die Zeitungen nicht einfach zwei Geschehnisse (ihr Rückzug von den olympischen spielen und die politische Gesinnung ihres Freundes) vermischten, die in keinem Zusammenhang standen, dann scheint es doch ziemlich klar zu sein, was vorgefallen ist.
Möglich wäre immerhin auch, dass sich das Gewissen der jungen Sportlerin erst im Rampenlicht der Öffentlichkeit regte. Dass ihr ihr Freund und sein braunes Gedankengut letztendlich eben doch peinlich waren.
Gut möglich, dass es ihr peinlich war. Man wird ja nicht gerne in der Öffentlichkeit mit einem Paria zusammen gesehen. Es ist aber auch gut möglich, dass sie ernsthaft unzufrieden mit seiner Gesinnung war, weil sie den Neonazismus ablehnt.
Ähnlich lief es auch bei ihrem Ausscheiden aus dem Polizeidienst. Erst nach einem Gespräch mit ihren Vorgesetzten schien Drygalla ihre zwiespältige Lage bewusst zu werden. Das muss nichts über ihre eigene Gesinnung aussagen – es sagt allerdings sehr viel über ihr Verhältnis zu Verantwortung aus.
Was hat das eine mit dem andern zu tun? Kann man dem Privates und Berufliches nicht trennen? Wenn sie ihren Job gut macht, sollte ihr Glaube oder der Glaube ihres Freundes doch keine Rolle spielen. Schliesslich gibt es ja Religionsfreiheit und ein Diskriminierungsverbot.
Nun ist von Gesinnungsschnüffelei die Rede. Aber: Nationalsozialismus ist keine Meinung, keine Gesinnung. Er ist ein Verbrechen. Nach ihm wird nicht geschnüffelt, sondern gefahndet.
Natürlich ist der Nationalsozialismus keine Meinung, er ist eine Ideologie (Übrigens sind Nationalsozialismus und Neonationalsozialismus nicht dasselbe.). Wie eine Ideologie ein Verbrechen sein kann, ist mir schleierhaft. Das Haben, das Verbreiten oder das Äussern dieser Ideologie kann selbstverständlich ein Verbrechen sein, denn in diesem Falle gibt es Leute, die man strafverfolgen kann. Im ersteren Falle müsste man dann aber von Gesinnungsverbrechen sprechen.
Allerdings dachte ich, dass Meinungsfreiheit und Gedankenfreiheit Errungenschaften der Aufklärung seien. Wieso also ignorieren deren modernen selbsternannten Vertreter sowohl Voltaire wie auch Rosa Luxemburg?
Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. Nicht wegen des Fanatismus der »Gerechtigkeit«, sondern weil all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die »Freiheit« zum Privilegium wird.
- Rosa Luxemburg
Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen.
- Evelyn Beatrice Hall
Weiter im Text:
Er greift den Kern unserer demokratischen Werte an. Er richtet sich gegen alle sozial Schwachen. Seien es Migranten, Behinderte oder Obdachlose.
Interessanterweise ist der Nationalsozialismus nicht elitär-aristokratisch, sondern völkisch-populistisch. Trotz seinem Führer-Kult und dem Autoritarismus kann er deshalb demokratisch sein. Das ist kein Lob, sondern eine Warnung, davor, dass er dadurch heimtückischer und gefährlicher ist als die guten Sozialdemokraten oft meinen.
Und: Er ist in aller Regel aggressiv und gewaltbereit.
Kein Wunder, bedenkt man das Milieu, aus dem die Leute stammen, die ihm anheim gefallen sind. Armut und ein Mangel an sozialen und wirtschaftlichen Perspektiven können eben nicht nur zu unpolitischer Gewalt, sondern auch zu blutrünstigen Ideologien führen.
Zudem, was schwerer wiegt, ist der Nationalsozialismus so fanatisch idealistisch und so besessen von einer kruden Eschatologie, wie es nur wenige andere Ideologien sind. Dieser Irrglaube, zu wissen, wie man das vermeintliche Paradies auf Erden herbeiführen könne (was höchstens für die Nazis ein Paradies wäre, für den Rest der Menschheit aber eher die Hölle darstellen würde), erhöht die Bereitschaft, für seine ideologischen Überzeugungen die halbe Welt einzuäschern, enorm.
Alle bemühten Vergleiche zur Linkspartei sind deshalb denkbar unangebracht. Erstens ist die NPD in Deutschland keine legitime Partei. Ihr Verbotsverfahren wurde lediglich ausgesetzt.
Da sie nicht verboten wurde, ist sie nicht illegal, sondern legal und somit rechtlich gesehen legitim.
Das bedeutet, dass es zu ihrer Existenzberechtigung nie eine Entscheidung gab – und selbst das nur, weil der Verfassungsschutz mit seinen V-Männern mal wieder eine „Glanzleistung“ vollbracht hatte.
Zu der Existenzberechtigung der übrigen Parteien gab es auch fast nie eine Entscheidung. Sind sie deshalb nicht legitim?
Richtig ist, dass beide, Linkspartei und NPD, vom Verfassungsschutz überwacht werden. Wer allerdings Politiker wie Gysi mit Kriminellen wie Voigt in einen Topf wirft, verharmlost ganz gezielt.
Oder er hält die Linkspartei ganz ehrlich für ähnlich schlimm wie die NPD, weil beide Systeme und Ideologien unterstützen, die in der Vergangenheit zu grässlichen Verbrechen geführt haben.
Von Lafontaine mag man halten, was man will – die Vorstellung, dass er am Wochenende mit Golfschlägern auf „Konservativen-Jagd“ geht, ist eher amüsant. Bei der NPD ist die gewalttätige Hatz Realität und sie mündete letztendlich in dem Mordtrio der NSU.
Doch auch unter Linken gibt es Gewalttäter und Terroristen.
Beziehungen sollen Privatsache sein. Wer allerdings Neonazis in seinem Umfeld, Freundeskreis oder seiner Familie akzeptiert, unterstützt die rechte Szene mit seinem Wegsehen. Ob die betroffene Person das nun will oder nicht.
Der richtige Umgang mit Leuten der falschen Ideologie ist also deren komplette soziale Isolation? Ist das eine gute Problemlösung? Sollte man nicht eher versuchen, sie aufzuklären und zu konvertieren?
Ich halte die Isolation von Neonazis eher für kontraproduktiv, da dies dazu führt, dass sie nur noch unter Gesinnungsgenossen verkehren, sich wegen der Ausgrenzung für Märtyrer halten und die Gefahr besteht, dass sei vollends in irgendwelche Schattenwelten abdriften. Wenn ihre Gesinnungsgenossen zudem ihr einziges Beziehungsfeld sind, dann macht dies den Ausstieg schwerer, da sie damit die einzigen Freunde, die sie noch haben, verlieren würden. Haben sie hingegen noch andere Freunde, ist es mit viel geringeren Kosten verbunden, sich vom organisierten Neonazismus abzuwenden. Etwas ähnliches ist bei theistischen Sekten zu sehen, bei denen die Mitglieder keinen Kontakt zu Andersgläubigen haben. Denen fällt der Ausstieg sehr schwer, da sie mit diesem den Grossteil der sozialen Kontakte verlieren.
Besser wäre es, wenn die Neonazis Freunde haben, die sie aufklären können und denen die Neonazis aufgrund der Freundschaftsbande eher zuhören als anonymen Plakatkampagnen und die sie auffangen können, wenn sie aussteigen.
Nicht umsonst gibt es die Initiative: Kein Sex mit Nazis.
Sex sollte nicht derart politisiert werden. Wer mit jemandem Sex haben will, der damit einverstanden ist, der soll das doch einfach tun, ohne dass der andere zuerst eine Gewissensprüfung absolvieren muss. Ich glaube, manche Bereiche des Lebens sollten einfach frei von Politik sein. Sex ist so einer. Essen wäre ein anderer.
Sie zielt auf einen konkreten Punkt bei der Bekämpfung von Neonazis ab – deren akuter Frauenmangel. Für junge Männer wird eine politische Einstellung nun mal unattraktiv, wenn sie ihnen den Zugang zum anderen Geschlecht verwehrt. Denn bei aller Kameradschaft – ganz unter sich wollen die Nazis dann doch nicht bleiben.
Das Problem damit ist, dass dies sehr kontraproduktiv enden kann. Wer Leute wegen deren politischen Ansichten sozial isoliert, der kann manche davon zu einer Änderung ihrer Gesinnung bewegen. Mit Gruppenzwang kann man ja durchaus Konformität bewirken. Andere hingegen reagieren auf die Ausgrenzung mit einer weiteren Radikalisierung und Fanatisierung, was ihre Gewaltbereitschaft stark erhöhen kann.
„Wo die Liebe hinfällt“, zitieren viele nun schmachtend alte Binsenweisheiten. Eine solche kindliche Bevormundung wird einer erwachsenen Sportlerin nicht gerecht.
Stattdessen soll ihr vorgeschrieben werden, mit wem sie verkehren darf. Was natürlich keine kindliche Bevormundung ist, sondern nötig ist, um die ideologische Reinheit der deutschen olympischen Sportler sicherzustellen.
Schon gar nicht, wenn sie sich zwar die Verantwortung zutraut ganz Deutschland zu vertreten, sich aber bei der Wahl ihres Partners teenagerhaft schicksalsergeben gibt.
Wer glaubt denn schon, ein Sportler würde ganz Deutschland vertreten? Wie kann ein Individuum 80 Millionen andere Individuen repräsentieren? Wie arrogant und kollektivistisch ist es, zu glauben, so etwas wäre möglich?
Mir scheint, Nationalismus und Kollektivismus seien nicht wirklich hilfreich im Kampf gegen den Nationalsozialismus. Feuer mit Feuer zu bekämpfen, macht das Feuer bloss grösser. Eine derart nationalistische Veranstaltung wie die olympischen Spiele hilft bei der Bekämpfung des Nationalismus wohl eher nicht. Der Staat unterstützt sie aber trotzdem.
Sollte es an den olympischen Spielen nicht um Sport gehen? Wieso also wird die Veranstaltung derart politisiert? Wieso wird die Gesinnung von Freunden von olympischen Sportlern kontrolliert?
Sie hat ja nichts getan, lautet eines der beliebtesten Argumente ihrer zahlreichen Verteidiger. „Alles, was für den Triumph des Bösen notwendig ist, ist dass gute Menschen nichts tun“. Das Zitat das Edmund Burke zugeschrieben wird, trifft den Kern.
Das zeugt von einer sehr dualistischen Weltsicht, wo auf der einen Seite die Guten stehen und auf der andern Seite die Bösen. Aber manchmal tun eben auch die Guten Böses oder versuchen, Unrecht mit ungerechten Mitteln zu bekämpfen.
In diesem Sinne sind für den Triumph des Bösen nicht die apolitischen und apathischen Guten schuld, die einfach nichts tun, sondern die Guten, die das Gute mit dem Bösen verwechseln und dieses dann mindestens passiv unterstützen.
Als Michael Fischer Anfang des Jahres auf einer Trauerkundgebung für eines der NSU-Opfer seine Hassparolen grölte. Als er versuchte die trauernden Familienmitglieder einzuschüchtern und von der Kundgebung Videos drehte. Als er von dieser Veranstaltung als einer „Ausländerlobby“ in den Foren der Nazis schrieb – wo war Drygalla da? Saß sie in Ruhe zu Hause, bei Kaffee und Kuchen? Hatte sie wirklich keine Ahnung was der Mann mit dem sie lebt da tat?
Vielleicht weinte sie Zuhause? Vielleicht stand sie zerrissen zwischen Liebe und Ideologie? Oder vielleicht macht Liebe halt doch einfach blind?
Olympioniken sollen sich zu den demokratischen Werten unseres Landes bekennen.
Bevor jemand teilnehmen darf, soll also seine Gesinnung und sein Glauben geprüft werden? Religionsfreiheit soll für die Teilnehmer also nur beschränkt gelten, stattdessen soll politische Diskriminierung herrschen? Sind das die Werte, um die sich die olympischen Spiele drehen?
Sie stehen nicht nur für unsere sportliche Leistung, sie sind für die Spiele die Vertreter unserer Kultur, unseres Fleiß, unseres Ehrgeiz.
Wieder dieser ekelhafte Nationalismus samt alter deutscher Stereotype, die im letzten Jahrhundert intensiv gepriesen wurde, und der Kollektivisierung der 80 Millionen in Deutschland ansässigen Individuen.
Zimmermanns Worte könnten zudem, so leid es mir tut, auch dafür benutzt werden, um den Ausschluss von Muslimen, Atheisten, Liberalen oder Papisten von den olympischen Spielen zu propagieren.
Eine Sportlerin, die es schafft einem Neonazi jahrelang tatenlos bei seinem Treiben zuzusehen, ist schlichtweg ungeeignet und als Repräsentantin untragbar. Denn: Es ist naiv zu glauben, dass ein Szenebekannter wie Michael Fischer seine Meinung einfach Abends an der Garderobe abgibt und Drygalla so gar keinen Kontakt zur Szene gehabt haben soll.
Wir wissen jedoch nicht, ob sie tatsächlich tatenlos zugesehen hat oder nicht.
Aber wenn auch: Muss bei der Liebe die Politik im Vordergrund stehen? Kann man nicht mit jemandem eine Beziehung führen trotz ideologischen Differenzen? Können sich die Partner nicht entschliessen, in ihrer Beziehung nicht über Politik zu sprechen? So wie vielleicht zwei Menschen, die unterschiedlichen Religionen angehören, beschliessen, nicht darüber zu diskutieren, welche Religion die wahre oder die bessere ist?
Vielleicht sollte man ihr anrechnen, dass sie letztendlich doch noch den Mut zu einer Konfrontation mit ihrem Lebensgefährten gefunden hat. Vielleicht sollte man ihr aber auch nachtragen, dass sie dies erst zu einem Zeitpunkt tat, als sie – berechtigt – negative Auswirkungen für ihre Sportlerkarriere befürchtete.
Noch mehr Spekulation über Dinge, die wohl nur Drygalla und ihr Freund wissen.
Sollte denn jemand, der Freunde mit einer falschen Ideologie hat, dafür leiden, resp. negative Auswirkungen auf seine Karriere spüren müssen? Klingt das nicht etwas stark nach Sippenhaft und McCarthyismus?