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Geschlechterrollen und die Irrelevanz der Frage nach Natur oder Kultur

Kommen die Themen Feminismus und Gender zur Sprache, wird oft diskutiert, ob Geschlechterunterschiede, insbes. statistische Unterschiede im Verhalten, biologisch bedingt sind oder soziale und kulturelle Ursachen haben. Diese Diskussion könnte durchaus interessant sein (ist sie es aber aus verschiedenen Gründen meist nicht), ist aber reichlich irrelevant für Fragen wie beispielsweise die, ob Genderkonformität erzwungen werden sollte oder ob mehr Verhaltensgleichheit erstrebenswert ist. Denn wenn die Geschlechtsunterschiede vornehmlich biologische Ursachen haben, heisst das nicht, dass es nicht auch Leute gibt, die am Rande der statistischen Verteilung liegen und für die es überaus unangenehm wäre, wenn sie sich wegen staatlichen Diktaten oder sozialem Druck ganz entgegen ihrer Neigungen verhalten müssten. Und wenn die Geschlechtsunterschiede vornehmlich soziokulturelle Rollenbilder sind, dann heisst das nicht, dass die Ungleichheit eine Ungerechtigkeit ist und dass die Rollenbilder samt und sonder abgeschafft werden sollen, denn Verhaltensnormen machen aus verschiedenen Gründen Sinn, weshalb man nicht a priori (aber je nachdem durchaus a posteriori, d.h. nach ausgiebiger Betrachtung der gegenwärtigen Lage) sagen kann, dass geschlechtsspezifische Rollen schlecht oder unmoralisch seien, zumal Normen auch explizit Ausnahmen zulassen können und eher als Richtlinien und Orientierungshilfen dienen können, als allen Individuen ein bestimmtes Verhalten zu diktieren.

Geschlechtsunterschiede: Egalitarismus oder Individualismus?

Sind Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern, ob diese nun biologisch-evolutionäre oder sozial-kulturelle Ursachen haben, auch dann ein Problem, wenn das Individuum ungewöhnliche, aber friedfertig-produktive Entscheidungen treffen kann, ohne dabei nennenswert grössere soziale Kosten bezahlen zu müssen als eine Person, die gewöhnlichere Entscheidungen trifft?

Wenn sie dies nicht sind, sollte dann der Fokus nicht auf Quoten und Ungleichheitsstatistiken liegen, sondern auf individualistischem Laissez-Faire, also einer gewissen Gleichgültigkeit (was nicht mit Desinteresse zu verwechseln ist) gegenüber den Hobbies, Berufen und Präferenzen der Mitmenschen, so lange diese einen Mindeststandard der Friedfertigkeit, Freundlichkeit, Höflichkeit und Ästhetik erfüllen?

Sex mit Nazis und die Politisierung der Liebe

Jennifer Zimmermann hat kein Mitleid mit Drygalla:

Die junge, blonde Frau weint in die Kamera. Mit so einem Wirbel hätte Ruderin Nadja Drygalla nicht gerechnet, sagt sie. Ganz mag man ihr die Verwunderung nicht abkaufen.1

Ja, denn niemand tut etwas ohne Hintergedanken, also muss hinter ihrem Verhalten eiskalte Berechnung stecken.

Scherz beiseite. Woher kommt die Unsitte, einfach mal ohne Belege anzunehmen, dass die betreffende Person lügt und üble Motive hat? Ist das die gesittete Art, wie man mit Leuten umgeht, die nicht voll und ganz die eigene Parteilinie vertreten? Können diese Leute nicht ihre tierischen Instinkte im Zaum halten und darauf verzichten, tribalistisch rumzubrüllen und hinter ihren Opponenten die Inkarnation des Bösen zu vermuten?

Nach ihren eigenen Aussagen verließ ihr Freund, zwei Monate vor ihrem Olympia-Auftritt, die NPD nur auf ihren Druck hin. Ein äußerst passender Zeitpunkt. Mit Problemen hatte Drygalla also doch schon vorher gerechnet.1

Es darf wohl nicht sein, dass es einfach lange dauerte, bis sie ihren Freund dazu bewegen konnte, aus der NPD auszutreten?

Es gibt viele mögliche Gründe, wieso sie so gehandelt hat, wie sie es nunmal tat. Sich auf einen spezifischen festzulegen, noch dazu einen, der ihr Kalkulation und niedere Beweggründe unterstellt, ist reine Spekulation und reichlich frech. Man könnte es auch (journalistisches) Lästern nennen.

Die überschwänglichen Mitleidsbekundungen aus Politik und Medienlandschaft verwundern, denn allen voran hat Drygalla das Olympische Dorf freiwillig verlassen. So lautet ihre Aussage und die der Sportfunktionäre. Wer sich Spekulationen zu Drygallas politischer Gesinnung verbittet, sollte die gleiche Fairness auch für den DOSB gelten lassen.1

Spekulation über die Gesinnung des DOSB ist auch nicht nötig, um zu mutmassen, wieso sie freiwillig gehen musste: Weil sie mit Personen mit der falschen Ideologie verkehrte. Wenn die Zeitungen nicht einfach zwei Geschehnisse (ihr Rückzug von den olympischen spielen und die politische Gesinnung ihres Freundes) vermischten, die in keinem Zusammenhang standen, dann scheint es doch ziemlich klar zu sein, was vorgefallen ist.

Möglich wäre immerhin auch, dass sich das Gewissen der jungen Sportlerin erst im Rampenlicht der Öffentlichkeit regte. Dass ihr ihr Freund und sein braunes Gedankengut letztendlich eben doch peinlich waren.1

Gut möglich, dass es ihr peinlich war. Man wird ja nicht gerne in der Öffentlichkeit mit einem Paria zusammen gesehen. Es ist aber auch gut möglich, dass sie ernsthaft unzufrieden mit seiner Gesinnung war, weil sie den Neonazismus ablehnt.

Ähnlich lief es auch bei ihrem Ausscheiden aus dem Polizeidienst. Erst nach einem Gespräch mit ihren Vorgesetzten schien Drygalla ihre zwiespältige Lage bewusst zu werden. Das muss nichts über ihre eigene Gesinnung aussagen – es sagt allerdings sehr viel über ihr Verhältnis zu Verantwortung aus.1

Was hat das eine mit dem andern zu tun? Kann man dem Privates und Berufliches nicht trennen? Wenn sie ihren Job gut macht, sollte ihr Glaube oder der Glaube ihres Freundes doch keine Rolle spielen. Schliesslich gibt es ja Religionsfreiheit und ein Diskriminierungsverbot.

Nun ist von Gesinnungsschnüffelei die Rede. Aber: Nationalsozialismus ist keine Meinung, keine Gesinnung. Er ist ein Verbrechen. Nach ihm wird nicht geschnüffelt, sondern gefahndet.1

Natürlich ist der Nationalsozialismus keine Meinung, er ist eine Ideologie (Übrigens sind Nationalsozialismus und Neonationalsozialismus nicht dasselbe.). Wie eine Ideologie ein Verbrechen sein kann, ist mir schleierhaft. Das Haben, das Verbreiten oder das Äussern dieser Ideologie kann selbstverständlich ein Verbrechen sein, denn in diesem Falle gibt es Leute, die man strafverfolgen kann. Im ersteren Falle müsste man dann aber von Gesinnungsverbrechen sprechen.

Allerdings dachte ich, dass Meinungsfreiheit und Gedankenfreiheit Errungenschaften der Aufklärung seien. Wieso also ignorieren deren modernen selbsternannten Vertreter sowohl Voltaire wie auch Rosa Luxemburg?

Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. Nicht wegen des Fanatismus der »Gerechtigkeit«, sondern weil all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die »Freiheit« zum Privilegium wird.

- Rosa Luxemburg

Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen.

- Evelyn Beatrice Hall

Weiter im Text:

Er greift den Kern unserer demokratischen Werte an. Er richtet sich gegen alle sozial Schwachen. Seien es Migranten, Behinderte oder Obdachlose.1

Interessanterweise ist der Nationalsozialismus nicht elitär-aristokratisch, sondern völkisch-populistisch. Trotz seinem Führer-Kult und dem Autoritarismus kann er deshalb demokratisch sein. Das ist kein Lob, sondern eine Warnung, davor, dass er dadurch heimtückischer und gefährlicher ist als die guten Sozialdemokraten oft meinen.

Und: Er ist in aller Regel aggressiv und gewaltbereit.1

Kein Wunder, bedenkt man das Milieu, aus dem die Leute stammen, die ihm anheim gefallen sind. Armut und ein Mangel an sozialen und wirtschaftlichen Perspektiven können eben nicht nur zu unpolitischer Gewalt, sondern auch zu blutrünstigen Ideologien führen.

Zudem, was schwerer wiegt, ist der Nationalsozialismus so fanatisch idealistisch und so besessen von einer kruden Eschatologie, wie es nur wenige andere Ideologien sind. Dieser Irrglaube, zu wissen, wie man das vermeintliche Paradies auf Erden herbeiführen könne (was höchstens für die Nazis ein Paradies wäre, für den Rest der Menschheit aber eher die Hölle darstellen würde), erhöht die Bereitschaft, für seine ideologischen Überzeugungen die halbe Welt einzuäschern, enorm.

Alle bemühten Vergleiche zur Linkspartei sind deshalb denkbar unangebracht. Erstens ist die NPD in Deutschland keine legitime Partei. Ihr Verbotsverfahren wurde lediglich ausgesetzt.1

Da sie nicht verboten wurde, ist sie nicht illegal, sondern legal und somit rechtlich gesehen legitim.

Das bedeutet, dass es zu ihrer Existenzberechtigung nie eine Entscheidung gab – und selbst das nur, weil der Verfassungsschutz mit seinen V-Männern mal wieder eine „Glanzleistung“ vollbracht hatte.1

Zu der Existenzberechtigung der übrigen Parteien gab es auch fast nie eine Entscheidung. Sind sie deshalb nicht legitim?

Richtig ist, dass beide, Linkspartei und NPD, vom Verfassungsschutz überwacht werden. Wer allerdings Politiker wie Gysi mit Kriminellen wie Voigt in einen Topf wirft, verharmlost ganz gezielt.1

Oder er hält die Linkspartei ganz ehrlich für ähnlich schlimm wie die NPD, weil beide Systeme und Ideologien unterstützen, die in der Vergangenheit zu grässlichen Verbrechen geführt haben.

Von Lafontaine mag man halten, was man will – die Vorstellung, dass er am Wochenende mit Golfschlägern auf „Konservativen-Jagd“ geht, ist eher amüsant. Bei der NPD ist die gewalttätige Hatz Realität und sie mündete letztendlich in dem Mordtrio der NSU.1

Doch auch unter Linken gibt es Gewalttäter und Terroristen.

Beziehungen sollen Privatsache sein. Wer allerdings Neonazis in seinem Umfeld, Freundeskreis oder seiner Familie akzeptiert, unterstützt die rechte Szene mit seinem Wegsehen. Ob die betroffene Person das nun will oder nicht.1

Der richtige Umgang mit Leuten der falschen Ideologie ist also deren komplette soziale Isolation? Ist das eine gute Problemlösung? Sollte man nicht eher versuchen, sie aufzuklären und zu konvertieren?

Ich halte die Isolation von Neonazis eher für kontraproduktiv, da dies dazu führt, dass sie nur noch unter Gesinnungsgenossen verkehren, sich wegen der Ausgrenzung für Märtyrer halten und die Gefahr besteht, dass sei vollends in irgendwelche Schattenwelten abdriften. Wenn ihre Gesinnungsgenossen zudem ihr einziges Beziehungsfeld sind, dann macht dies den Ausstieg schwerer, da sie damit die einzigen Freunde, die sie noch haben, verlieren würden. Haben sie hingegen noch andere Freunde, ist es mit viel geringeren Kosten verbunden, sich vom organisierten Neonazismus abzuwenden. Etwas ähnliches ist bei theistischen Sekten zu sehen, bei denen die Mitglieder keinen Kontakt zu Andersgläubigen haben. Denen fällt der Ausstieg sehr schwer, da sie mit diesem den Grossteil der sozialen Kontakte verlieren.

Besser wäre es, wenn die Neonazis Freunde haben, die sie aufklären können und denen die Neonazis aufgrund der Freundschaftsbande eher zuhören als anonymen Plakatkampagnen und die sie auffangen können, wenn sie aussteigen.

Nicht umsonst gibt es die Initiative: Kein Sex mit Nazis.1

Sex sollte nicht derart politisiert werden. Wer mit jemandem Sex haben will, der damit einverstanden ist, der soll das doch einfach tun, ohne dass der andere zuerst eine Gewissensprüfung absolvieren muss. Ich glaube, manche Bereiche des Lebens sollten einfach frei von Politik sein. Sex ist so einer. Essen wäre ein anderer.

Sie zielt auf einen konkreten Punkt bei der Bekämpfung von Neonazis ab – deren akuter Frauenmangel. Für junge Männer wird eine politische Einstellung nun mal unattraktiv, wenn sie ihnen den Zugang zum anderen Geschlecht verwehrt. Denn bei aller Kameradschaft – ganz unter sich wollen die Nazis dann doch nicht bleiben.1

Das Problem damit ist, dass dies sehr kontraproduktiv enden kann. Wer Leute wegen deren politischen Ansichten sozial isoliert, der kann manche davon zu einer Änderung ihrer Gesinnung bewegen. Mit Gruppenzwang kann man ja durchaus Konformität bewirken. Andere hingegen reagieren auf die Ausgrenzung mit einer weiteren Radikalisierung und Fanatisierung, was ihre Gewaltbereitschaft stark erhöhen kann.

„Wo die Liebe hinfällt“, zitieren viele nun schmachtend alte Binsenweisheiten. Eine solche kindliche Bevormundung wird einer erwachsenen Sportlerin nicht gerecht.1

Stattdessen soll ihr vorgeschrieben werden, mit wem sie verkehren darf. Was natürlich keine kindliche Bevormundung ist, sondern nötig ist, um die ideologische Reinheit der deutschen olympischen Sportler sicherzustellen.

Schon gar nicht, wenn sie sich zwar die Verantwortung zutraut ganz Deutschland zu vertreten, sich aber bei der Wahl ihres Partners teenagerhaft schicksalsergeben gibt.1

Wer glaubt denn schon, ein Sportler würde ganz Deutschland vertreten? Wie kann ein Individuum 80 Millionen andere Individuen repräsentieren? Wie arrogant und kollektivistisch ist es, zu glauben, so etwas wäre möglich?

Mir scheint, Nationalismus und Kollektivismus seien nicht wirklich hilfreich im Kampf gegen den Nationalsozialismus. Feuer mit Feuer zu bekämpfen, macht das Feuer bloss grösser. Eine derart nationalistische Veranstaltung wie die olympischen Spiele hilft bei der Bekämpfung des Nationalismus wohl eher nicht. Der Staat unterstützt sie aber trotzdem.

Sollte es an den olympischen Spielen nicht um Sport gehen? Wieso also wird die Veranstaltung derart politisiert? Wieso wird die Gesinnung von Freunden von olympischen Sportlern kontrolliert?

Sie hat ja nichts getan, lautet eines der beliebtesten Argumente ihrer zahlreichen Verteidiger. „Alles, was für den Triumph des Bösen notwendig ist, ist dass gute Menschen nichts tun“. Das Zitat das Edmund Burke zugeschrieben wird, trifft den Kern.1

Das zeugt von einer sehr dualistischen Weltsicht, wo auf der einen Seite die Guten stehen und auf der andern Seite die Bösen. Aber manchmal tun eben auch die Guten Böses oder versuchen, Unrecht mit ungerechten Mitteln zu bekämpfen.

In diesem Sinne sind für den Triumph des Bösen nicht die apolitischen und apathischen Guten schuld, die einfach nichts tun, sondern die Guten, die das Gute mit dem Bösen verwechseln und dieses dann mindestens passiv unterstützen.

Als Michael Fischer Anfang des Jahres auf einer Trauerkundgebung für eines der NSU-Opfer seine Hassparolen grölte. Als er versuchte die trauernden Familienmitglieder einzuschüchtern und von der Kundgebung Videos drehte. Als er von dieser Veranstaltung als einer „Ausländerlobby“ in den Foren der Nazis schrieb – wo war Drygalla da? Saß sie in Ruhe zu Hause, bei Kaffee und Kuchen? Hatte sie wirklich keine Ahnung was der Mann mit dem sie lebt da tat?1

Vielleicht weinte sie Zuhause? Vielleicht stand sie zerrissen zwischen Liebe und Ideologie? Oder vielleicht macht Liebe halt doch einfach blind?

Olympioniken sollen sich zu den demokratischen Werten unseres Landes bekennen.1

Bevor jemand teilnehmen darf, soll also seine Gesinnung und sein Glauben geprüft werden? Religionsfreiheit soll für die Teilnehmer also nur beschränkt gelten, stattdessen soll politische Diskriminierung herrschen? Sind das die Werte, um die sich die olympischen Spiele drehen?

Sie stehen nicht nur für unsere sportliche Leistung, sie sind für die Spiele die Vertreter unserer Kultur, unseres Fleiß, unseres Ehrgeiz.1

Wieder dieser ekelhafte Nationalismus samt alter deutscher Stereotype, die im letzten Jahrhundert intensiv gepriesen wurde, und der Kollektivisierung der 80 Millionen in Deutschland ansässigen Individuen.

Zimmermanns Worte könnten zudem, so leid es mir tut, auch dafür benutzt werden, um den Ausschluss von Muslimen, Atheisten, Liberalen oder Papisten von den olympischen Spielen zu propagieren.

Eine Sportlerin, die es schafft einem Neonazi jahrelang tatenlos bei seinem Treiben zuzusehen, ist schlichtweg ungeeignet und als Repräsentantin untragbar. Denn: Es ist naiv zu glauben, dass ein Szenebekannter wie Michael Fischer seine Meinung einfach Abends an der Garderobe abgibt und Drygalla so gar keinen Kontakt zur Szene gehabt haben soll.1

Wir wissen jedoch nicht, ob sie tatsächlich tatenlos zugesehen hat oder nicht.

Aber wenn auch: Muss bei der Liebe die Politik im Vordergrund stehen? Kann man nicht mit jemandem eine Beziehung führen trotz ideologischen Differenzen? Können sich die Partner nicht entschliessen, in ihrer Beziehung nicht über Politik zu sprechen? So wie vielleicht zwei Menschen, die unterschiedlichen Religionen angehören, beschliessen, nicht darüber zu diskutieren, welche Religion die wahre oder die bessere ist?

Vielleicht sollte man ihr anrechnen, dass sie letztendlich doch noch den Mut zu einer Konfrontation mit ihrem Lebensgefährten gefunden hat. Vielleicht sollte man ihr aber auch nachtragen, dass sie dies erst zu einem Zeitpunkt tat, als sie – berechtigt – negative Auswirkungen für ihre Sportlerkarriere befürchtete.1

Noch mehr Spekulation über Dinge, die wohl nur Drygalla und ihr Freund wissen.

Sollte denn jemand, der Freunde mit einer falschen Ideologie hat, dafür leiden, resp. negative Auswirkungen auf seine Karriere spüren müssen? Klingt das nicht etwas stark nach Sippenhaft und McCarthyismus?


  1. Jennifer Zimmermann – Kein Mitleid mit Drygalla [] [] [] [] [] [] [] [] [] [] [] [] [] [] [] [] [] [] [] [] [] [] []

Gleichstellung und Sexismus

Philippe Wampfler hat anlässlich des Frauentags eine Liste mit Geboten erstellt, die man seiner Überzeugung nach befolgen sollte, um die Gleichstellung von Mann und Frau zu fördern:

1. Sich ein Bewusstsein bilden: Kritisch sein. Nachrichten, Werbung, Medien kritisch hinterfragen. Geschlechterklischees und -rollen erkennen.1

Einverstanden.

2. Den Fernseher ausschalten, wenn GNTM läuft. Immer. Sich die Miss Schweiz Wahlen auch nicht ironisch anschauen. (Das klingt jetzt arg moralistisch – aber irgendwie schauen alle diese Sendungen mit der nötigen kritischen Distanz und essen am Tag drauf trotzdem nur Salat. Es bleibt etwas hängen.)1

Etliche Feministen lehnen Schönheitswettbewerbe ab. Ich habe nie verstanden wieso.

Dass dies Frauen angeblich auf ihr Äusseres reduziert und dass dies etwas Schlechtes sei, lehne ich (u.a. wegen meinem atheistisch-materialistischen Physikalismus) als Argument ab. Denn dann würden auch Sportler auf ihre Muskulatur und Schachwettkämpfer und Buchstabierwettbewerbler auf ihre Intelligenz reduziert. Man dürfte sich also auch Fussballspiele oder ‘Wer wird Millionär?’ nicht ansehen.

Man könnte argumentieren, dass Miss-Wahlen gefährliche oder schädliche Schönheitsideale vermitteln. Manche Personen lehnen Schönheitsideale sogar grundsätzlich ab. Das ist ein doppelter Irrtum. Ich halte es weder für möglich noch für wünschenswert, keine Schönheitsideale zu haben.

Menschen sind von Natur aus Idealisten. Sie haben gewisse Wunschvorstellungen, wie sich andere Menschen zu verhalten haben, wie Innenräume, Gärten, Kleider, Speisen etc. gestaltet sein sollte. Verhaltensideale sind eine zivilisatorische Grundlage. Ohne diese wäre es uns egal, ob das Gesetz Massenmord oder Frieden vorschreibt. Ohne Architekturideale würden wir uns in einer alten Hütte genauso wohl fühlen wie in einem 5-Sterne-Penthouse. Ohne Essensideale würden wir ebenso gern aus einem Schweinetrog wie aus Porzellantellern essen. Ohne Schönheitsideale würden gleich viel Leute ein Foto von faulem Obst als Bildschirmhintergrund wählen wie ein Foto von Jessica Alba. Wir sehen, dass Ideale zwar sehr unterschiedlich sein können, dass es aber niemanden gibt, der keine Ideale hat. Denn Ideale mögen Kulturprodukte sein, aber in ihrem Kern liegen jeweils evolutionär einprogrammierte Instinkte, die uns helfen, zwischen essbarer und giftiger Nahrung, zwischen sicheren und gefährlichen Schlafquartieren, zwischen fertilen und ungesunden Sexualpartnern zu unterscheiden.

Bleibt die Frage, ob die gegenwärtigen Schönheitsideale schädlich sind und ob es vielleicht besser wäre, wenn sich die Leute weniger um Schönheit kümmern würden. Letzteres glaube ich nicht. Mag sein, dass sich damit etwas ‘Bequemlichkeit’ gewinnen liesse, doch die Strassen sind schon heute voller uniformierter und stilloser und mangelhaft gepflegter Menschen. Man sollte die Leute folglich dazu motivieren, ein stärkeres und individuelleres Stilbewusstsein zu entwickeln und ihnen nicht erzählen, Schönheit sei unwichtig oder nur das Innere zähle.

Was ersteres und letzteres anbelangt, bin ich der Meinung, dass das Problem nicht ein spezifisches Schönheitsideal oder ein hoher gesellschaftlicher Wert der Schönheit ist, sondern ein neurotischer Umgang mit der Schönheit. Ein Mangel an Gelassenheit gibt es jedoch nicht nur bei den Schönheitsidealen, sondern bei nahezu allen Idealen und Aspekten des Menschseins. Das Verhältnis vieler Menschen zu Sex, Arbeit, Pornografie, Geld, Drogen, Kindern, etc. etc. könnte man durchaus als neurotisch bezeichnen.

3. Frauen wählen. (Aktuelle Quote im NR: 29%, SR: 19%).1

Ich versuche, hier eine Geschlechtsblindheit zu praktizieren und jeweils die liberalsten Kandidaten zu wählen. Dies führt jedoch dazu, dass ich nur wenige Frauen wähle. Einerseits weil weniger Frauen kandidieren, andererseits weil die weiblichen Kandidaten tendenziell weniger liberal sind, resp. unter den liberalsten Kandidaten nur unterdurchschnittlich vertreten sind.

Hat dies sexistische Gründe? Das einzige, was mir an Möglichkeiten einfällt, wäre, dass bei Männern Abweichlertum und Exzentrismus eher toleriert werden als bei Frauen. (Doch ist dies tatsächlich so? Ich habe Zweifel.) Da der Libertarismus eine minoritäre, unbeliebte, oft belächelte und bisweilen verhasste Philosophie ist, könnte dies der Grund sein, wieso er mehr Männer anzieht.

Ich würde mir durchaus wünschen, dass mehr Frauen zu Ultraliberalen werden und die Parteipolitik aufmischen oder bloggen. Aber ich weiss nicht, wie ich dazu beitragen kann, dass dies mehr Frauen tun.

4. Frauen und ihre Leistungen sichtbar machen: Bücher von Frauen lesen. Biographien von Frauen nachschlagen. Sport von Frauen ansehen.1

Auch hier gibt es Probleme mit der Umsetzung. Die Bücher, die ich lesen will, werden vorwiegend von Männer geschrieben. Ich weiss nicht, ob es generell weniger weibliche Autoren gibt, aber jene Genres, die ich bevorzuge, scheinen durchaus einen gewissen Männerüberschuss zu haben.

Wieso ist das so? Vielleicht wegen sexistischen Rollenbildern, die dazu führen, dass Frauen eher die Finger von Science Fiction und Philosophie lassen, während Männer eher dazu ermutigt werden?

Ich weiss es nicht, aber ich übe mich auch hier in der Geschlechtsblindheit und lese jene Bücher, die mir am meisten gefallen, unabhängig von Geschlecht und Nation des Autors.

5. Nicht automatisch Männer für besser qualifiziert halten, weil sie viel von ihren Qualifikationen erzählen.1

Das klingt etwas sexistisch, was paradox ist, da das zugrunde liegende Problem höchstens indirekt sexistisch ist.

Ich würde die Forderung wie folgt formulieren: Nicht automatisch jene Personen für besser qualifiziert halten, die viel von ihren Qualifikationen erzählen.

Denn es gibt auch Frauen, die gerne und viel von ihren Qualifikationen reden. So wie es Männer gibt, die dies ungern und nur selten tun. Dies bedeutet, dass manche Frauen hier besser gestellt sind als manche Männer. Aber wenn Frauen ihre Leistungen tendenziell weniger anpreisen als Männer, dann sind sie als Kollektiv betrachtet natürlich stärker benachteiligt. Und wenn Frauen eher zur Bescheidenheit und Männer eher zur Selbstanpreisung erzogen werden, dann stecken hinter der Ungleichheit durchaus sexistische Ursachen.

6. Teilzeitarbeit möglich und populär machen – gerade für Männer.1

Wenn viele Leute teilzeit arbeiten möchten und das geringere Einkommen akzeptieren, wären mehr Teilzeitstellen durchaus wünschenswert. Teilzeitarbeit und Vollzeitarbeit sollten auch das gleiche Ansehen geniessen. Man kann nicht sagen, dass eine Form der Arbeit besser ist, genauso wie man nicht sagen kann, dass Hochschullehrer ein besserer Beruf sei als Bäcker. Für ein bestimmtes Individuum mag dies durchaus so sein, doch Kollektivurteile sind hier fehl am Platz. Von daher habe ich etwas Bedenken, was das ‘populär Machen’ der Teilzeitarbeit anbelangt.

Der Staat könnte viel dazu beitragen, die Teilzeitarbeit einfacher zu machen. Nicht indem er für die Unternehmen neue Regulierungen kreiert oder Werbekampagnen finanziert, sondern indem er die Menschen finanziell weniger stark belastet. Nicht nur direkt über tiefere Steuersätze, sondern auch indem er das Immobilienwesen und das Gesundheitssystem liberalisiert. Er sollte also aufhören, Geld in den Immobiliensektor zu pumpen und die Immobilienpreise aufzublähen und zugleich das Wohnungsangebot zu beschränken und er sollte einen viel freieren Markt im Gesundheitssektor zulassen, was dazu führen würde, dass der einzelne Bürger einen deutlich geringeren Teil seines Einkommens für Krankenkassen und dergleichen aufwenden müsste.

Die Leute hätten dann geringere Fixkosten (wegen tieferen Steuern, Wohnkosten, Gesundheitskosten) und könnten mit geringerem Arbeitsaufwand (d.h. geringerer Wochenstundenanzahl oder mehr Ferien) das gleiche effektive Einkommen erreichen wie heute.

7. Körper nur dort in den Blick nehmen, wo Körper relevant sind. Coiffeusen müssen Haare schneiden und smalltalken. Verkäuferinnen beraten und tippen.1

In einem gewissen Rahmen mag dies durchaus sinnvoll und empfehlenswert sein. Ob ein Vermögensverwalter einen Anzug oder einen Kimono trägt, sagt ja höchstens indirekt etwas über dessen Fähigkeiten als Vermögensverwalter aus. Und welche BH-Grösse eine Schriftstellerin hat, sagt kaum etwas über deren Bücher aus.

Andererseits ist die Forderung absurd. Wir Menschen sind körperliche Wesen genauso wie wir intellektuelle und emotionale Wesen sind. Wir können nicht einfach einen Teil dieses Ganzen ignorieren. Zu verlangen, den Körper der Coiffeuse zu ignorieren, ist ähnlich abstrus wie zu verlangen, man solle ihren Verstand ignorieren.

Im Unterton dieser Forderung schwimmt zudem eine deutliche Abwertung des Körperlichen mit und damit auch ein puritanistischer Körper-Geist-Dualismus. Dies wird deutlich, wenn man diese siebente Forderung umdreht: ‘Den Intellekt nur dort in den Blick nehmen, wo der Intellekt relevant ist. Models müssen gut aussehen und in Schuhen mit hohen Absätzen laufen können. Nachrichtensprecherinnen hübsch sitzen und wohlklingend sprechen können.’ Diese inverse Aussage würde von vielen als frauenfeindlich, sexistisch und machistisch kritisiert. Wieso ist dies bei der ursprünglichen Aussage nicht der Fall? Wieso kann man Frauen auf ihr Hirn ‘reduzieren’, aber nicht auf ihren Körper?

8. Gesunde Beziehungen leben: Hausarbeit und Betreuung teilen. Erwartungen aussprechen und diskutieren. Möglichkeiten sehen, Freiheiten ermöglichen.1

Gesunde und glückliche Beziehungen sind jedoch auch möglich, wenn die eine Person einer Erwerbsarbeit nachgeht und die andere sich um die Hausarbeit kümmert. Man kann und soll die beiden Formen des Zusammenlebens durchaus als gleichwertig ansehen und die Leute sollen jene Form wählen, die sie am glücklichsten macht.

Es wäre falsch, das Teilen der Hausarbeit, Betreuung und Erwerbsarbeit anzupreisen, indem man das andere Modell verunglimpft. Denn meines Erachtens sollte es um Wahlfreiheit gehen und um die Senkung des sozialen Drucks, nicht darum, die verschiedenen Arten, sein Leben zu gestalten, gegeneinander auszuspielen.

9. Lohntransparenz einfordern: In der Pause Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen fragen, wie viel sie verdienen. Erzählen, wie viel man selbst verdient.1

Durchaus ein sinnvoller Vorschlag, auch wenn viele Schweizer nicht gerne über den Lohn sprechen (was meines Erachtens eher eine Tugend ist als eine Sünde).

10. Mütter, werdende Mütter und Frauen im besten Mutteralter befördern, in die Arbeitswelt einbinden – und ihnen die Verbindung von Arbeit und Beruf ermöglichen.1

Auch hier muss gelten, dass die Wahlmöglichkeiten zunehmen sollen. Es wäre nicht gut, wenn der soziale Druck gleich bleiben würde und sich lediglich die Erwartungen an die Frauen ändern würden. Denn es ist nicht besser, Frauen dazu zu drängen, zu arbeiten und Kinder aufzuziehen als sie dazu zu drängen, daheim zu bleiben und Kinder aufzuziehen.

Zudem stellt sich die Frage nach dem Kindeswohl. Also ob es besser ist, wenn das Kind vorwiegend von einem Elternteil betreut wird als von beiden gleichermassen und ob ein hoher Anteil an Fremdbetreuung besser ist als ein tiefer.

11. Mit Frauen über Fussball, interessante Bücher und Politik sprechen – mit Männern über Feuchtigkeitscrèmene, Epiliermethoden und Mode.1

Absolut.

12. Menschen als Individuen anschauen und nicht als Frauen oder Männer. Kochen, Texte schreiben, Tennis oder Geige spielen kann man nicht deswegen, weil man bestimmte Chromosomen hat – sondern weil man es geübt hat und weil man die dazu nötigen Fähigkeiten hat.1

Ja, man sollte Menschen als Individuen ansehen und nicht als Teil eines Kollektivs.


  1. Philippe Wampfler – Was sich ändern muss [] [] [] [] [] [] [] [] [] [] [] []

Religion für Atheisten

Alain de Botton formuliert in seinem neuen Buch eine gewagte Forderung: Statt Religionen zu verachten, sollten Atheisten sich ihrer bedienen.
[...]
Als Beispiele für religiöse Konzepte, die der säkularisierten Gesellschaft guttun würden, nennt de Botton unter anderen das Gemeinschaftsgefühl: Der moderne Mensch lebt in einer Individualgesellschaft und sieht seinen Nächsten primär als Konkurrenten.1

Gemeinschaftsgefühl ist kein religiöses Konzept, es ist ein animalisches Konzept. Lange bevor die ersten Menschen stolz über die Erde geschritten sind, haben Tiere in eng geknüpften Gemeinschaften gelebt. Familienbande sind alt, älter noch als die Säugetiere, und diese sind das Fundament für alle Formen der tierischen Gruppenbildung. Die Religionen dieser Welt haben nichts anderes getan, als an diesen antiken Gruppen und Clans anzuknüpfen und enge, familiäre Gemeinschaften zu schaffen, deren primäre Gemeinsamkeit der Glaube ist und nicht das Blut.

Diese Art des Zusammenlebens steht im Gegensatz zur eher moderneren, wenngleich auch in längst vergangenen Äonen verwurzelten, Netzwerken, deren Mitglieder ein weniger enges Geflecht bilden und die anonymer und in einem gewissen Sinne austauschbarer sind.

Was de Botton verkennt, ist jedoch, dass eine familiengleiche Dorfgemeinschaft nicht nur Vorteile in Form von Nähe, Nachbarschaftshilfe und Geborgenheit hat, sondern ebenjene Anonymität nicht hat, die dem heutigen Individuum die immense Handlungsfreiheit ermöglicht, die es geniesst. Denn diese alten, eng verflochtenen Dörfer hatten einen leicht panoptischen Charakter, der es dem Individuum nicht leicht machte, aus der Reihe zu tanzen und eben seine eigenen Ziele zu verfolgen und nicht diejenigen des Clans.

Von all dem abgesehen sind Gemeinschaftsgefühl und Konkurrenzdenken keine Gegenteile, sondern können durchaus gemeinsam auftreten, wie manch eine Familie bestätigen wird.

Von Religionen, vor allem der katholischen, lernen wir, dass gemeinsame Rituale die Menschen verbinden.1

Auch Rituale sind wohl älter als die Menschheit und keineswegs eine Erfindung der Religionen. Weil Religionen aber extensiv von ihnen Gebrauch gemacht haben, haben manche Atheisten und Skeptiker eine irrationale Aversion gegen Rituale entwickelt. Statt Rituale einfach abzulehnen, sollte man ganz einfach diejenigen geniessen und zelebrieren, die man mag und die anderen halt fallen lassen. Wenn man Rituale wirklich gerne hat, kann man auch nach Belieben neue kreieren. Und schlussendlich kann man auch als Atheist religiöse Rituale geniessen. Wer also gerne lateinische Messen hat, sollte sich diese nicht nehmen lassen, bloss weil manche Atheisten darüber spotten.

Aber man sollte nicht vergessen, dass nicht bloss theistische Religionen, sondern auch zahlreiche andere Ideologien Rituale haben. Der amerikanische und japanische Nationalismus etwa haben Fahnengruss und Nationalhymne schulweit institutionalisiert. Auch der 1. August ist ein derartiges, säkulares Ritual. Aber auch DDR und Drittes Reich haben Rituale eingesetzt, teilweise mit beängstigendem Erfolg.

Auch für die Bildung könne Religion Nachhilfe geben. Schulen und Universitäten sollten nicht nur Spezialistentum und abstraktes Denken fördern, sondern den Menschen auch für die Herausforderungen das Lebens rüsten: Wie gehen wir mit Krankheit um? Was ist unsere Beziehung zur Natur?1

Es gibt schon genügend Ideologie an den Schulen. Die Schüler müssen nicht auch noch angewiesen werden, wie sie ihr Leben zu führen haben. Oder will de Botton aus den Schulen etwa säkulare Kirchen machen?

Auch das Verhältnis zur Kunst («zu zeigen, was wirklich zählt») rechnet de Botton den Religionen hoch an. Weiter nennt er Architektur, Musik sowie die Fähigkeit, keinen Neid aufkommen zu lassen.1

Neid ist eine urmenschliche (tierische!) Eigenschaft und wenn mich nicht alles täuscht, ist die Kirchengeschichte randvoll mit neidischen, missgünstigen Personen.

Und ihm gefällt der christliche Pessimismus, von dem sich unsere Gesellschaft eine Scheibe abschneiden sollte. Denn in Anbetracht unseres technologischen Könnens würden wir uns heute als Herren des Schicksals sehen – doch die Menschheit sei letztlich Spielball des Zufalls. Es sei also, wie schon die Stoiker wussten, immer mit dem Schlimmsten zu rechnen.1

Die griechische Stoa ist älter als das Christentum und sie ist eher eine Philosophie als eine theistische Religion. Von daher könnte man sich direkt an sie wenden statt den Umweg über das Christentum zu gehen.

Und wenn man lieber etwas moderneres hat, dann gibt es genügend nihilstische Philosophen, die dem Menschen nicht nur die Krone vom Kopf schlagen, sondern ihm alle Anmassungen, ihm komme irgendeine Sonderstellung zu, entreissen.

Man kann den Spiess sogar umdrehen: Das Christentum sagte einst, der Mensch solle sich die Erde untertan machen. Es waren säkulare Wissenschaftler, die den Menschen vom Irrglauben befreiten, er sei die Krone der Schöpfung, sondern deutlich machten, dass er bloss irgendein Seitenzweig der Evolution ist, dem aus Sicht der Natur keine grössere Bedeutung zukommt als den Foraminiferen. Dank der Wissenschaft konnten wir auch unseren Planeten aus dem Weltall betrachten und herausfinden, dass er bloss einer von hunderten Milliarden Planeten in der Milchstrasse ist, die wiederum in einem Universum ist, das hunderten Milliarden Galaxien beherbergt.

Kurz, de Botton fordert eine Art säkulare Religion, in der es Rituale und sogar atheistische Tempel geben würde (in welchen zum Beispiel – analog dem mittelalterlichen katholischen Narrenfest – in Orgien unser Bedürfnis nach Ausschweifung gestillt würde).1

Es gibt schon viele säkulare und atheistische Religionen: Man nennt sie Ideologien. Wer bspw. dem Kommunismus betritt, kann an vielen lustigen Ritualen teilnehmen. Aber vielleicht gibt es für de Botton im Kommunismus zu wenig Orgien, dann müsste er wohl eine eigene Religion, den Bottonismus, gründen. Dieser hätte aber nur insofern etwas mit dem Atheismus zu tun, als dass die Bottonisten oder Botton-Jünger Atheisten wären. Er wäre aber genauso wenig repräsentativ für den Atheismus wie der Humanismus oder der Objektivismus oder der Evolutionäre Humanismus. Das kann er auch gar nicht sein, denn der Atheismus ist keine Ideologie, sondern bloss ein Baustein, der in die verschiedensten Ideologien eingefügt werden kann.

De Botton läuft mit seinem Buch Gefahr, den Atheismus für sich zu vereinnahmen und zwischen wahrem und falschen, neuem und alten Atheismus zu unterscheiden. Dabei gibt es nur einen Atheismus. Wer nicht an Gott (oder Götter) glaubt, ist ein Atheist. Punkt. Es gibt keine Zusatzkriterien. Wer in Afrika Brunnen bauen geht, ist kein besserer oder echterer oder wahrerer Atheist als jemand, der in Zürich pokert. Er ist höchstens ein Mensch, der sich ethischer verhält.

Hier hat der französische Philosoph André Comte-Sponville kürzlich bessere Arbeit geleistet. In seinem Buch «Woran glaubt ein Atheist?» legte er sehr persönlich und überzeugend dar, wie Mitgefühl, Liebe und Gemeinschaft religionsunabhängige Werte sind – über die sich Gläubige und Ungläubige treffen können.1

Natürlich sind sie das. Wie kommt jemand überhaupt darauf, dass Empathie und Liebe und Gemeingefühl religiöse und nicht menschliche oder animalische Werte sind?


  1. Philippe Zweifel – Orgien für Ungläubige [] [] [] [] [] [] []

Astrologie & Rassismus

Ja, ich weiß, jetzt werden gleich wieder viele (vor allem die Astrologen) aufschreien: Man kann doch Astrologie nicht mit Rassismus vergleichen! Naja, doch, man kann. [...] Der Geburtszeitpunkt eines Menschen ist eine genauso willkürliche Eigenschaft wie etwa Geburtsort oder Hautfarbe. Genausowenig wie jemand etwas dafür kann, dass in der Türkei geboren ist oder eine schwarze Haut hat; genausowenig kann man etwas für seinen Geburtszeitpunkt. Und genauso wie es nicht zulässig ist jemandem aufgrund der willkürlichen Parameter Nationalität und Hautfarbe bestimmte Eigenschaften zuzuschreiben ist es auch nicht zulässig das beim Geburtszeitpunkt zu tun.

Aussagen wie “Menschen, in deren Horoskop das Zeichen Löwe betont ist, lieben es, im Mittelpunkt zu stehen” unterscheiden sich rein formal nicht wirklich von Aussagen wie “Alle Neger sind faul” oder “Alle Türken sind Sozialschmarotzer”. Ich sage hier explizit nicht dass alle Astrologen Rassisten sind. Aber die Astrologie ist eine System das einen Menschen anhand einer willkürlichen Eigenschaft die er nicht selbst beeinflussen kann (den Geburtszeitpunkt) diverse Charakterereigenschaften zuschreibt. Ein System, das in all den Jahrtausenden seiner Existenz keine Belege für die Wirksamkeit erbringen konnte. Ein System, dass sämtlichen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen widerspricht und bei dem man zeigen und belegen kann, dass es nicht funktioniert.1


  1. Florian Freistetter – Astrologie diskriminiert []

Mit Sexismus für ein Schusswaffenverbot

Echte Männer haben andere Waffen
Ein Werbeplakat der Berner Jungsozialisten für die Initiative «Für den Schutz gegen Waffengewalt»

Die Begriffe Mann / Frau machen bloss als Bezeichnung für ein physiologisches / genetisches Merkmal, resp. für einen biologischen Merkmalskomplex Sinn. Dem biologischen Geschlecht eine soziale Rolle zuzuordnen, die dieses zu erfüllen hat, ist in höchstem Masse kollektivistisch und kann zu einer harschen Ingroup-Outgroup-Dynamik führen. Dies ist für alle Personen, die dem Stereotyp nicht entsprechen (wollen), sehr unangenehm, da nicht-norm-konformes Verhalten oft mit sozialer Ächtung bestraft wird.

Die Juso Bern scheint das nicht zu kümmern, denn sie greift auf exakt diesen Sexismus zurück, indem sie von ‘echten’ Männern spricht, die im Gegensatz zu den ‘unechten’ oder ‘falschen’ Männern stehen.

Wenn also ein Plakat wegen Sexismus verboten oder gerügt werden sollte, wäre es dieses. Und nicht eines der x-beliebigen Werbeplakate, auf denen eine leicht bekleidete Frau mit einem Produkt assoziiert wird, um diesem Produkt mehr Attraktivität zu verleihen. Denn diese Plakate machen keine Aussagen darüber, wie eine ‘echte’ Frau zu sein hat. Genau genommen machen sie überhaupt keine pauschalen Aussagen über Frauen. Genauso wenig wie ein Plakat mit einem muskulösen, halbnackten Mann, der für ein Parfüm wirbt, kollektivistische Aussagen über die Männer trifft. Das Juso-Plakat hingegen tut genau dies.

Für faire Steuern, gegen die SP-Initiative «für faire Steuern»

Mit einem griffigen Slogan haben die Sozialdemokraten die Kampagne zu ihrer Initiative «für faire Steuern» gestartet – und mit Zuversicht in die Zustimmung des Stimmvolks.1

Fairness bedeutet für die SP also, dass den Reichen, den Reicheren und den wohlhabenderen Mittelständigen mehr Geld weggenommen werden soll?

Eine (für mich zumindest) sehr merkwürdige Vorstellung von Fairness.

Was ist gerecht daran, den Reichen überproportional mehr Geld wegzunehmen als dem Mittelstand oder den Armen? Haben die Reichen geringere Eigentumsrechte? Würde die Fairness nicht verlangen, dass man die Armen und die Reichen gleich behandelt?

Noch wichtiger ist aber eine ganz andere Frage: Können Steuern überhaupt gerecht sein?

Haben sich die SPler diese Frage jemals gestellt? Oder haben sie dieses Dogma ohne es zu hinterfragen akzeptiert?

Könnte es sogar sein, dass die SPler, die so gerne die Rächer der Unterdrückten und die Beschützer der Ausgebeuteten spielen, unwissentlich Ausbeutung und Armut fördern? Oder vergrössern sie wissentlich und willentlich die Macht der bereits Mächtigen?

Die Initiative soll dem Geschacher der Kantone um das reichste Prozent der Bevölkerung einen Riegel schieben. Sie dämme den missbräuchlichen und schädlichen Steuerwettstreit unter den Kantonen ein, erklärte SP-Präsident Christian Levrat am Dienstag vor den Medien in Bern.1

Levrat will also ein Steuerkartell errichten und den Wettbewerb beschränken. Kartelle sind für die Konsumenten (hier: die Bürger) jedoch stets schädlich. Egal ob es sich um Privatunternehmen, Staatsunternehmen oder Staaten handelt: Kartelle nützen bloss jenen, die das Kartell bilden. Ein Steuerkartell nützt also den Staaten auf Kosten der Bürger und Steuerzahler.

Ins Visier nimmt das Volksbegehren mit dem Slogan «Abzocker machen unser Land kaputt – Stoppt den Steuermissbrauch», das am 28. November zur Abstimmung gelangen wird, nur das reichste Prozent der Bevölkerung. Laut den Zahlen der Eidgenössischen Steuerverwaltung seien 99 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer nicht betroffen, unterstrich Levrat.1

Das ist wirklich sehr beruhigend. So beruhigend, wie wenn Eric Cartman erzählt, es gehe in Ordnung Rothaarige in Lager zu sperren, da diese ja nur 1% der Bevölkerung ausmachen würden.

Scheinbar braucht jede Partei eine Minderheit, an der sie sich vergreifen kann und die sie in aller Öffentlichkeit zum Sündenbock machen kann.

Genau hierin liegt eine starke Ähnlichkeit zwischen SP und SVP: Die einen bezeichnen Ausländer pauschal als Ratten und Schmarotzer, die andern verunglimpfen alle Wohlhabenden und alle Manager als Abzocker. Kollektivismus ist bei beiden ein essentieller Bestandteil des Parteiprogramms und der Propaganda.

Doch während sich Presse und Politik über die SVP-Plakate empören, scheint sich kaum jemand daran zu stören, wenn die SP gegen bestimmte Menschengruppen hetzt.

Merkwürdig…


  1. tages anzeiger – SP-Initiative gegen «Abzocker» [] [] []

Ausgangssperren: Wenn das Kollektiv für die Untaten Einzelner bestraft wird

[Martin Killias:] Da wäre es doch viel einfacher, beispielsweise die Polizeistunde wieder einzuführen.

Das ist nicht Ihr Ernst.

[Martin Killias:] Ich sage nicht, dass ich das will. Als Forscher zeige ich aber auf, welche Massnahmen sich wie auswirken. Und wir haben starke Indizien dafür, dass die Jugendgewalt massiv zurückgehen würde, wenn die Jugendlichen nicht mehr bis in alle Nacht hinein im Ausgang wären. Wenn der Staat also gewillt ist, die Jugendgewalt abzubauen, wären die Polizeistunde oder Zeitlimiten für Kinder taugliche Massnahmen.
[...]
Diese Ausgeh-Gesellschaft ist nicht in Stein gemeisselt. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass der 24-Stunden-Betrieb der Kernstädte heruntergefahren wird. Oder der Alkoholverkauf ab Mitternacht verboten ist. Es ist am Staat, zu entscheiden, ob er das will oder nicht.1

Weil ein paar Jugendliche Unsinn anstellen und Verbrechen begehen, sollen alle Jugendliche dafür bestraft werden?

Nach dieser Logik müsste man sich auch überlegen, ob nicht für alle Männer Zeitlimiten eingeführt werden sollten. Schliesslich sind es mehr Männer als Frauen, die sich im Ausgang prügeln. Oder man könnte allen Immigranten aus Osteuropa Hausarrest verordnen, weil diese in irgendwelchen Kriminalstatistiken überproportional vertreten sein sollen. Oder man könnte die Sippenhaft einführen, weil Kinder von gewalttätigen Leuten eher dazu tendieren, selber gewalttätig zu werden.

Martin Killias sollte kein Problem mit diesen Vorschlägen haben, denn laut ihm ist es absolut akzeptabel, ganze Bevölkerungsgruppen für die Taten von ein paar Individuen zu bestrafen.

Indem man das nächtliche Draussen-Sein zum Verbrechen erklärt, kann die Gewalt reduziert werden?

Die Gewalt, die durch Leute im Ausgang verursacht worden wäre, kann man so tatsächlich einschränken. An die Stelle tritt jedoch die direkte Gewalt gegen all jene, die trotzdem in den Ausgang wollen oder die unwissend mitten in der Nacht raus gehen; und die Gewaltdrohung gegen die restlichen Bürger, die aus Furcht vor dem Staat ihre Freiheiten nicht mehr ausüben können und daheim bleiben.

Ist der Staat unser Grosser Vater, der uns befehlen darf, wie lange wir (imbezilen Kinder) in den Ausgang dürfen?

Killias findet: Ja. Denn es sei am Staat zu entscheiden, ob er die Bewegungsfreiheit der Bürger verkrüppeln will. Die Bürger haben hierzu nichts zu sagen. Sie sind bloss die Subjekte eines allklugen und allgütigen Staates, der mittels Zentralplanung, die keine unbeabsichtigten Folgen hat, die Gesellschaft effizient und ethisch korrekt gestalten kann.


  1. «Polizeistunde wieder einführen» []

Welche Arten der Diskriminierung sollten erlaubt sein?

Wer ein wenig Sprachkenntnisse hat, der weiss, dass diskriminieren nicht benachteiligen bedeutet, sondern schlicht und einfach unterscheiden oder auch trennen.
Unterscheiden müssen wir Menschen jedoch nicht nur, wenn wir als Arbeitgeber Leute anstellen, sondern auch, wenn wir als Kunden auswählen, in welches Restaurant wir gehen, welche Schuhmarke wir kaufen oder auch, welchem Verein wir Geld spenden möchten.
Man könnte sogar sagen, wir diskriminieren jedes Mal, wenn wir eine Entscheidung treffen.

Nun gibt es viele Arten der Diskriminierung. Bekannt und offiziell verpönt sind die rassistische, klassistische und sexistische Diskriminierung. Etwas weniger verabscheut wird die religiöse Diskriminierung.

Gute Gründe sprechen dafür, Rassismus, Klassismus und Sexismus abzulehnen. So ist es betriebswirtschaftlich gesehen z.B. meist besser, die Arbeitnehmer aufgrund ihrer Fähigkeiten und Erfahrung auszuwählen, als aufgrund der Pigmentierung derer Haut.
Allerdings kann man sich Situationen vorstellen, in denen es durchaus Sinn machen kann, Mitarbeiter aufgrund deren Herkunft auszuwählen. Beispielsweise ein chinesisches Restaurant, das ein “authentischeres” Erlebnis bieten will, indem es Chinesen als Kellner anstellt.1 Oder das koschere Restaurant, das einen jüdisch-orthodoxen Koch möchte.

Aber es gibt viele andere Eigenschaften, anhand derer man diskriminieren kann: Schönheit, Attraktivität, Fähigkeiten, Intelligenz, Körpermuskulatur, Ausbildung, Sprachkenntnisse, musikalisches Talent…

Kann man wirklich objektiv sagen, welche Arten der Diskriminierung besser, rationaler oder ethischer sind als die anderen? Und aufgrund welcher objektiven Kriterien kann man beurteilen, in welcher Situation welche Diskriminierungsform zulässig ist und welche nicht?
Hat es nicht mehr mit persönlichen Präferenzen und subjektiver Moral zu tun, welche Arten der Diskriminierung man für richtig hält und welche man ablehnt oder nicht praktizieren möchte?2

Schlussendlich stellt sich auch die Frage, ob man anderen Menschen vorschreiben möchte, was diese mit ihrem Eigentum tun und wie sie ihr hart erarbeitetes Geld ausgeben dürfen?

So wie es den Leuten frei gestellt ist, wem sie aus welchen Gründen ihr Geld geben, wenn sie ins Restaurant gehen, sollte es ihnen nicht konsequenterweise auch frei gestellt sein, wem sie aus welchem Gründen ihr Geld geben, wenn sie mit jemandem einen Arbeitsvertrag schliessen (z.B. jemanden in einem grossen Unternehmen anstellen.) oder wen sie in ihrer Wohnung leben lassen wollen?

Wie ein grosser Liberaler einst sagte:

Antidiskriminierungsgesetze stellen eine Art Brecheisen dar – sie verletzen die Rechte mancher Individuen, um damit eine vermeintliche Verbesserung zu erzwingen, und schaffen so doch nur neue Probleme3


  1. Ein italienisches Restaurant bekam kürzlich jedoch Probleme, weil es gezielt nach Italienern sucht: “Entlassene Angestellte der Restaurantkette Molino protestieren gegen die Personalpolitik ihres ehemaligen Arbeitgebers. Sie werfen der Molino AG vor, Nicht-Europäer zu diskriminieren und Italiener zu bevorzugen.” []
  2. Man verstehe mich nicht falsch, ich bin so sehr gegen Rassismus wie gegen alle anderen Spielarten des Kollektivismus. Aber gegen Rassismus helfen einzig freie Märkte und Aufklärung. Zensur und staatliche Bevormundung dagegen sind kontraproduktiv und schüren Unmut. []
  3. Christian Hoffmann – Linke und rechte Irrtümer []