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Sind Schönheitswettbewerbe sexistischer als andere Wettkämpfe?

Seit Jahrzehnten muss sich der “Miss World”-Wettbewerb gegen Kritik zur Wehr setzen, er reduziere Frauen auf ihr Äußeres, sei sexistisch.1

Doch sind nicht alle Wettbewerbe reduktiv, da sie zwingend nur einen sehr schmalen Aspekt einer Person messen? Sportwettkämpfe reduzieren Frauen beispielsweise auf ihre Muskulatur oder ihr Reaktionsvermögen, Schachwettkämpfe auf ihre Intelligenz, Scrabblewettkämpfe auf ihren Wortschatz. Spelling Bees reduzieren sogar schon kleine Kinder auf ihre Rechtschreibefähigkeiten. Mit zunehmender wirtschaftlicher Spezialisierung werden auch Berufe immer reduktiver, da eine Spezialisierung eben stets eine Reduktion auf ein enges Tätigkeitsfeld ist. Auch Freundschaften und Partnerschaften können reduktiv sein, da sie über Kristallisationspunkte zustande kommen, die die anderen Aspekte der Person in den Hintergrund rücken. Eigentlich müsste man jede Interaktion als reduktiv einstufen, da sie eben unter Ausschluss hunderter anderer Interaktionsarten geschieht. Geschlechtsverkehr und intellektuelle Diskussionen sind somit gleichsam reduktiv. (Und selbst wenn diese beiden Interaktionen mal gleichzeitig stattfinden, gibt es immer noch sehr viele andere Interaktionen, die dadurch in dieser Zeitspanne unrealisiert bleiben.)

Schönheitswettbewerbe können also kaum deshalb sexistisch sein, weil sie reduktiv sind, da sonst jeder Wettbewerb sexistisch sein müsste. Somit könnten sie noch deshalb sexistisch sein, weil bei ihnen die physische Schönheit im Vordergrund steht. Doch a priori ist Schönheit bloss ein Wert (oder ein Personenaspekt) unter vielen und nicht grundsätzlich anders als andere Werte wie Intelligenz, Höflichkeit oder Empathie. Es bleiben also historische Gründe übrig, wieso Schönheitswettbewerbe als sexistisch gelten, andere Wettkämpfe aber nicht, etwa die traditionell stärkere kulturelle Betonung der Schönheit bei Frauen als bei Männern. Doch ist die Kritik an Schönheitswettbewerben nützlich und sinnvoll? Kreiert sie nicht neue Reduktionen? Ersetzt sie die alten Verhaltensnormen für Frauen nicht einfach durch neue, statt diese abzuschaffen, wie sie es zu tun vorgibt? Würde eine Abschaffung von Model-Wettkämpfen die Wahlmöglichkeiten der Frauen nicht verkleinern, statt sie zu vergrössern? Sollten in einer post-Gender-Gesellschaft Model-Wettbewerbe und Schachwettkämpfe nicht gleichbehandelt werden? Und kann dieses Ziel erreicht werden, indem die eine Art von Wettbewerb verunglimpft und zersetzt wird?

(Ich will mich hier nicht alles Befürworter einer Gender-Erosion positionieren, sondern lediglich die Inkongruenzen aufzeigen, die mir bei feministischer Kritik an Schönheitswettbewerben aufgefallen sind.)


  1. relevant – “Miss World” wird 60 – Die Kritik wird lauter []

Natur oder Kultur: Schönheitsideale

Die Miss-Korea-Kandidatinnen:

Miss Korea

Miss Korea

Und nun?

Nun kann man dies entweder als Beleg heranziehen, dass Schönheitsnormen zu genormten Schönheiten führen oder es als Beleg dafür sehen, dass Schönheit nicht subjektiv ist und dass Schönheitsideale naturgegeben sind.

Ich sehe nicht, wieso man das eine oder das andere annehmen sollte. Die oben abgebildete Konvergenz kann man sowohl mit einem Modell erklären, dass Schönheitsideale hauptsächlich als natürlich geprägt sieht, wie auch mit einem Modell, dass sie hauptsächlich als kulturell geprägt ansieht.

Ganz generell sehe ich nicht, wie man ohne gute Belege in die eine oder andere Richtung sich für das eine oder andere Modell (oder für eine 50/50-Theorie) entscheiden sollte. Das heisst auch, dass man nicht einfach so an das Kulturmodell glauben sollte, bloss weil man keine Belege für das Naturmodell gefunden hat. Das umgekehrte gilt natürlich auch, aber diesen Fehler machen wenige.

Falsch wäre auch, aus ethischen Gründen das eine Modell zu bevorzugen. Denn dies wäre nicht nur schlechte Wissenschaft, sondern würde auch die Ethik von banalen wissenschaftlichen Fragen abhängig machen. Zwar sollte die Ethik wissenschaftliche Fakten berücksichtigen, aber wenn sie ihre Grundsätze mit der Erklärung für Schönheitsideale verbindet, dann stimmt mit ihr etwas nicht, und das auf eine ganz bedenkliche Art und Weise.

Gleichstellung und Sexismus

Philippe Wampfler hat anlässlich des Frauentags eine Liste mit Geboten erstellt, die man seiner Überzeugung nach befolgen sollte, um die Gleichstellung von Mann und Frau zu fördern:

1. Sich ein Bewusstsein bilden: Kritisch sein. Nachrichten, Werbung, Medien kritisch hinterfragen. Geschlechterklischees und -rollen erkennen.1

Einverstanden.

2. Den Fernseher ausschalten, wenn GNTM läuft. Immer. Sich die Miss Schweiz Wahlen auch nicht ironisch anschauen. (Das klingt jetzt arg moralistisch – aber irgendwie schauen alle diese Sendungen mit der nötigen kritischen Distanz und essen am Tag drauf trotzdem nur Salat. Es bleibt etwas hängen.)1

Etliche Feministen lehnen Schönheitswettbewerbe ab. Ich habe nie verstanden wieso.

Dass dies Frauen angeblich auf ihr Äusseres reduziert und dass dies etwas Schlechtes sei, lehne ich (u.a. wegen meinem atheistisch-materialistischen Physikalismus) als Argument ab. Denn dann würden auch Sportler auf ihre Muskulatur und Schachwettkämpfer und Buchstabierwettbewerbler auf ihre Intelligenz reduziert. Man dürfte sich also auch Fussballspiele oder ‘Wer wird Millionär?’ nicht ansehen.

Man könnte argumentieren, dass Miss-Wahlen gefährliche oder schädliche Schönheitsideale vermitteln. Manche Personen lehnen Schönheitsideale sogar grundsätzlich ab. Das ist ein doppelter Irrtum. Ich halte es weder für möglich noch für wünschenswert, keine Schönheitsideale zu haben.

Menschen sind von Natur aus Idealisten. Sie haben gewisse Wunschvorstellungen, wie sich andere Menschen zu verhalten haben, wie Innenräume, Gärten, Kleider, Speisen etc. gestaltet sein sollte. Verhaltensideale sind eine zivilisatorische Grundlage. Ohne diese wäre es uns egal, ob das Gesetz Massenmord oder Frieden vorschreibt. Ohne Architekturideale würden wir uns in einer alten Hütte genauso wohl fühlen wie in einem 5-Sterne-Penthouse. Ohne Essensideale würden wir ebenso gern aus einem Schweinetrog wie aus Porzellantellern essen. Ohne Schönheitsideale würden gleich viel Leute ein Foto von faulem Obst als Bildschirmhintergrund wählen wie ein Foto von Jessica Alba. Wir sehen, dass Ideale zwar sehr unterschiedlich sein können, dass es aber niemanden gibt, der keine Ideale hat. Denn Ideale mögen Kulturprodukte sein, aber in ihrem Kern liegen jeweils evolutionär einprogrammierte Instinkte, die uns helfen, zwischen essbarer und giftiger Nahrung, zwischen sicheren und gefährlichen Schlafquartieren, zwischen fertilen und ungesunden Sexualpartnern zu unterscheiden.

Bleibt die Frage, ob die gegenwärtigen Schönheitsideale schädlich sind und ob es vielleicht besser wäre, wenn sich die Leute weniger um Schönheit kümmern würden. Letzteres glaube ich nicht. Mag sein, dass sich damit etwas ‘Bequemlichkeit’ gewinnen liesse, doch die Strassen sind schon heute voller uniformierter und stilloser und mangelhaft gepflegter Menschen. Man sollte die Leute folglich dazu motivieren, ein stärkeres und individuelleres Stilbewusstsein zu entwickeln und ihnen nicht erzählen, Schönheit sei unwichtig oder nur das Innere zähle.

Was ersteres und letzteres anbelangt, bin ich der Meinung, dass das Problem nicht ein spezifisches Schönheitsideal oder ein hoher gesellschaftlicher Wert der Schönheit ist, sondern ein neurotischer Umgang mit der Schönheit. Ein Mangel an Gelassenheit gibt es jedoch nicht nur bei den Schönheitsidealen, sondern bei nahezu allen Idealen und Aspekten des Menschseins. Das Verhältnis vieler Menschen zu Sex, Arbeit, Pornografie, Geld, Drogen, Kindern, etc. etc. könnte man durchaus als neurotisch bezeichnen.

3. Frauen wählen. (Aktuelle Quote im NR: 29%, SR: 19%).1

Ich versuche, hier eine Geschlechtsblindheit zu praktizieren und jeweils die liberalsten Kandidaten zu wählen. Dies führt jedoch dazu, dass ich nur wenige Frauen wähle. Einerseits weil weniger Frauen kandidieren, andererseits weil die weiblichen Kandidaten tendenziell weniger liberal sind, resp. unter den liberalsten Kandidaten nur unterdurchschnittlich vertreten sind.

Hat dies sexistische Gründe? Das einzige, was mir an Möglichkeiten einfällt, wäre, dass bei Männern Abweichlertum und Exzentrismus eher toleriert werden als bei Frauen. (Doch ist dies tatsächlich so? Ich habe Zweifel.) Da der Libertarismus eine minoritäre, unbeliebte, oft belächelte und bisweilen verhasste Philosophie ist, könnte dies der Grund sein, wieso er mehr Männer anzieht.

Ich würde mir durchaus wünschen, dass mehr Frauen zu Ultraliberalen werden und die Parteipolitik aufmischen oder bloggen. Aber ich weiss nicht, wie ich dazu beitragen kann, dass dies mehr Frauen tun.

4. Frauen und ihre Leistungen sichtbar machen: Bücher von Frauen lesen. Biographien von Frauen nachschlagen. Sport von Frauen ansehen.1

Auch hier gibt es Probleme mit der Umsetzung. Die Bücher, die ich lesen will, werden vorwiegend von Männer geschrieben. Ich weiss nicht, ob es generell weniger weibliche Autoren gibt, aber jene Genres, die ich bevorzuge, scheinen durchaus einen gewissen Männerüberschuss zu haben.

Wieso ist das so? Vielleicht wegen sexistischen Rollenbildern, die dazu führen, dass Frauen eher die Finger von Science Fiction und Philosophie lassen, während Männer eher dazu ermutigt werden?

Ich weiss es nicht, aber ich übe mich auch hier in der Geschlechtsblindheit und lese jene Bücher, die mir am meisten gefallen, unabhängig von Geschlecht und Nation des Autors.

5. Nicht automatisch Männer für besser qualifiziert halten, weil sie viel von ihren Qualifikationen erzählen.1

Das klingt etwas sexistisch, was paradox ist, da das zugrunde liegende Problem höchstens indirekt sexistisch ist.

Ich würde die Forderung wie folgt formulieren: Nicht automatisch jene Personen für besser qualifiziert halten, die viel von ihren Qualifikationen erzählen.

Denn es gibt auch Frauen, die gerne und viel von ihren Qualifikationen reden. So wie es Männer gibt, die dies ungern und nur selten tun. Dies bedeutet, dass manche Frauen hier besser gestellt sind als manche Männer. Aber wenn Frauen ihre Leistungen tendenziell weniger anpreisen als Männer, dann sind sie als Kollektiv betrachtet natürlich stärker benachteiligt. Und wenn Frauen eher zur Bescheidenheit und Männer eher zur Selbstanpreisung erzogen werden, dann stecken hinter der Ungleichheit durchaus sexistische Ursachen.

6. Teilzeitarbeit möglich und populär machen – gerade für Männer.1

Wenn viele Leute teilzeit arbeiten möchten und das geringere Einkommen akzeptieren, wären mehr Teilzeitstellen durchaus wünschenswert. Teilzeitarbeit und Vollzeitarbeit sollten auch das gleiche Ansehen geniessen. Man kann nicht sagen, dass eine Form der Arbeit besser ist, genauso wie man nicht sagen kann, dass Hochschullehrer ein besserer Beruf sei als Bäcker. Für ein bestimmtes Individuum mag dies durchaus so sein, doch Kollektivurteile sind hier fehl am Platz. Von daher habe ich etwas Bedenken, was das ‘populär Machen’ der Teilzeitarbeit anbelangt.

Der Staat könnte viel dazu beitragen, die Teilzeitarbeit einfacher zu machen. Nicht indem er für die Unternehmen neue Regulierungen kreiert oder Werbekampagnen finanziert, sondern indem er die Menschen finanziell weniger stark belastet. Nicht nur direkt über tiefere Steuersätze, sondern auch indem er das Immobilienwesen und das Gesundheitssystem liberalisiert. Er sollte also aufhören, Geld in den Immobiliensektor zu pumpen und die Immobilienpreise aufzublähen und zugleich das Wohnungsangebot zu beschränken und er sollte einen viel freieren Markt im Gesundheitssektor zulassen, was dazu führen würde, dass der einzelne Bürger einen deutlich geringeren Teil seines Einkommens für Krankenkassen und dergleichen aufwenden müsste.

Die Leute hätten dann geringere Fixkosten (wegen tieferen Steuern, Wohnkosten, Gesundheitskosten) und könnten mit geringerem Arbeitsaufwand (d.h. geringerer Wochenstundenanzahl oder mehr Ferien) das gleiche effektive Einkommen erreichen wie heute.

7. Körper nur dort in den Blick nehmen, wo Körper relevant sind. Coiffeusen müssen Haare schneiden und smalltalken. Verkäuferinnen beraten und tippen.1

In einem gewissen Rahmen mag dies durchaus sinnvoll und empfehlenswert sein. Ob ein Vermögensverwalter einen Anzug oder einen Kimono trägt, sagt ja höchstens indirekt etwas über dessen Fähigkeiten als Vermögensverwalter aus. Und welche BH-Grösse eine Schriftstellerin hat, sagt kaum etwas über deren Bücher aus.

Andererseits ist die Forderung absurd. Wir Menschen sind körperliche Wesen genauso wie wir intellektuelle und emotionale Wesen sind. Wir können nicht einfach einen Teil dieses Ganzen ignorieren. Zu verlangen, den Körper der Coiffeuse zu ignorieren, ist ähnlich abstrus wie zu verlangen, man solle ihren Verstand ignorieren.

Im Unterton dieser Forderung schwimmt zudem eine deutliche Abwertung des Körperlichen mit und damit auch ein puritanistischer Körper-Geist-Dualismus. Dies wird deutlich, wenn man diese siebente Forderung umdreht: ‘Den Intellekt nur dort in den Blick nehmen, wo der Intellekt relevant ist. Models müssen gut aussehen und in Schuhen mit hohen Absätzen laufen können. Nachrichtensprecherinnen hübsch sitzen und wohlklingend sprechen können.’ Diese inverse Aussage würde von vielen als frauenfeindlich, sexistisch und machistisch kritisiert. Wieso ist dies bei der ursprünglichen Aussage nicht der Fall? Wieso kann man Frauen auf ihr Hirn ‘reduzieren’, aber nicht auf ihren Körper?

8. Gesunde Beziehungen leben: Hausarbeit und Betreuung teilen. Erwartungen aussprechen und diskutieren. Möglichkeiten sehen, Freiheiten ermöglichen.1

Gesunde und glückliche Beziehungen sind jedoch auch möglich, wenn die eine Person einer Erwerbsarbeit nachgeht und die andere sich um die Hausarbeit kümmert. Man kann und soll die beiden Formen des Zusammenlebens durchaus als gleichwertig ansehen und die Leute sollen jene Form wählen, die sie am glücklichsten macht.

Es wäre falsch, das Teilen der Hausarbeit, Betreuung und Erwerbsarbeit anzupreisen, indem man das andere Modell verunglimpft. Denn meines Erachtens sollte es um Wahlfreiheit gehen und um die Senkung des sozialen Drucks, nicht darum, die verschiedenen Arten, sein Leben zu gestalten, gegeneinander auszuspielen.

9. Lohntransparenz einfordern: In der Pause Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen fragen, wie viel sie verdienen. Erzählen, wie viel man selbst verdient.1

Durchaus ein sinnvoller Vorschlag, auch wenn viele Schweizer nicht gerne über den Lohn sprechen (was meines Erachtens eher eine Tugend ist als eine Sünde).

10. Mütter, werdende Mütter und Frauen im besten Mutteralter befördern, in die Arbeitswelt einbinden – und ihnen die Verbindung von Arbeit und Beruf ermöglichen.1

Auch hier muss gelten, dass die Wahlmöglichkeiten zunehmen sollen. Es wäre nicht gut, wenn der soziale Druck gleich bleiben würde und sich lediglich die Erwartungen an die Frauen ändern würden. Denn es ist nicht besser, Frauen dazu zu drängen, zu arbeiten und Kinder aufzuziehen als sie dazu zu drängen, daheim zu bleiben und Kinder aufzuziehen.

Zudem stellt sich die Frage nach dem Kindeswohl. Also ob es besser ist, wenn das Kind vorwiegend von einem Elternteil betreut wird als von beiden gleichermassen und ob ein hoher Anteil an Fremdbetreuung besser ist als ein tiefer.

11. Mit Frauen über Fussball, interessante Bücher und Politik sprechen – mit Männern über Feuchtigkeitscrèmene, Epiliermethoden und Mode.1

Absolut.

12. Menschen als Individuen anschauen und nicht als Frauen oder Männer. Kochen, Texte schreiben, Tennis oder Geige spielen kann man nicht deswegen, weil man bestimmte Chromosomen hat – sondern weil man es geübt hat und weil man die dazu nötigen Fähigkeiten hat.1

Ja, man sollte Menschen als Individuen ansehen und nicht als Teil eines Kollektivs.


  1. Philippe Wampfler – Was sich ändern muss [] [] [] [] [] [] [] [] [] [] [] []