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Sind Schönheitswettbewerbe sexistischer als andere Wettkämpfe?

Seit Jahrzehnten muss sich der “Miss World”-Wettbewerb gegen Kritik zur Wehr setzen, er reduziere Frauen auf ihr Äußeres, sei sexistisch.1

Doch sind nicht alle Wettbewerbe reduktiv, da sie zwingend nur einen sehr schmalen Aspekt einer Person messen? Sportwettkämpfe reduzieren Frauen beispielsweise auf ihre Muskulatur oder ihr Reaktionsvermögen, Schachwettkämpfe auf ihre Intelligenz, Scrabblewettkämpfe auf ihren Wortschatz. Spelling Bees reduzieren sogar schon kleine Kinder auf ihre Rechtschreibefähigkeiten. Mit zunehmender wirtschaftlicher Spezialisierung werden auch Berufe immer reduktiver, da eine Spezialisierung eben stets eine Reduktion auf ein enges Tätigkeitsfeld ist. Auch Freundschaften und Partnerschaften können reduktiv sein, da sie über Kristallisationspunkte zustande kommen, die die anderen Aspekte der Person in den Hintergrund rücken. Eigentlich müsste man jede Interaktion als reduktiv einstufen, da sie eben unter Ausschluss hunderter anderer Interaktionsarten geschieht. Geschlechtsverkehr und intellektuelle Diskussionen sind somit gleichsam reduktiv. (Und selbst wenn diese beiden Interaktionen mal gleichzeitig stattfinden, gibt es immer noch sehr viele andere Interaktionen, die dadurch in dieser Zeitspanne unrealisiert bleiben.)

Schönheitswettbewerbe können also kaum deshalb sexistisch sein, weil sie reduktiv sind, da sonst jeder Wettbewerb sexistisch sein müsste. Somit könnten sie noch deshalb sexistisch sein, weil bei ihnen die physische Schönheit im Vordergrund steht. Doch a priori ist Schönheit bloss ein Wert (oder ein Personenaspekt) unter vielen und nicht grundsätzlich anders als andere Werte wie Intelligenz, Höflichkeit oder Empathie. Es bleiben also historische Gründe übrig, wieso Schönheitswettbewerbe als sexistisch gelten, andere Wettkämpfe aber nicht, etwa die traditionell stärkere kulturelle Betonung der Schönheit bei Frauen als bei Männern. Doch ist die Kritik an Schönheitswettbewerben nützlich und sinnvoll? Kreiert sie nicht neue Reduktionen? Ersetzt sie die alten Verhaltensnormen für Frauen nicht einfach durch neue, statt diese abzuschaffen, wie sie es zu tun vorgibt? Würde eine Abschaffung von Model-Wettkämpfen die Wahlmöglichkeiten der Frauen nicht verkleinern, statt sie zu vergrössern? Sollten in einer post-Gender-Gesellschaft Model-Wettbewerbe und Schachwettkämpfe nicht gleichbehandelt werden? Und kann dieses Ziel erreicht werden, indem die eine Art von Wettbewerb verunglimpft und zersetzt wird?

(Ich will mich hier nicht alles Befürworter einer Gender-Erosion positionieren, sondern lediglich die Inkongruenzen aufzeigen, die mir bei feministischer Kritik an Schönheitswettbewerben aufgefallen sind.)


  1. relevant – “Miss World” wird 60 – Die Kritik wird lauter []

Die Abtreibungsinitiative: Das Für und Wider

Am 9. Februar findet in der Schweiz die Volksabstimmung zur Eidgenössischen Volksinitiative ‘Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache – Entlastung der Krankenversicherung durch Streichung der Kosten des Schwangerschaftsabbruchs aus der obligatorischen Grundversicherung‘ statt. Da die öffentliche Diskussion dieser Initiative zwar ziemlich laut, qualitativ dafür aber umso lauer war, werde ich nun hier mit mir selber streiten.

Ungewollte Geburten

Für Antinatalisten ist dies eine viel grössere Sorge als für gewöhnliche Feministen und Familienpolitiker. Allerdings beziehen erstere den Begriff der Ungewolltheit auch auf die Perspektive des Kindes und nicht nur die der Mutter (und die des Vaters).

Je weniger Kosten Verhütung und Abtreibung bei den Frauen und ihren männlichen Fortpflanzungspartnern verursachen, umso leichter ist es, ungewollte Schwangerschaften und Geburten zu verhindern. Werden Abtreibungen aus dem Katalog der Grundversicherung genommen, könnte es somit zu mehr ungewollten Geburten kommen.

Während dies ein berechtigter Einwand gegen die Initiative ist, so mangelt es ihm doch ein wenig an Glaubwürdigkeit. Denn das Problem der ungewollten Geburten (ob für Eltern oder Kind) wird sonst kaum angegangen. Unüberlegte Geburten etwa werden eher gefördert, beispielsweise dadurch, dass die Kosten dafür auch von der Grundversicherung gedeckt werden, aber auch durch Direktzahlungen an Eltern oder Dogmen wie demjenigen, dass die finanzielle Situation nicht darüber entscheiden darf, ob sich jemand Kinder leisten kann, welches zu einer Kultur der unbesonnenen, unselbstkritischen und nur schwerlich hinterfragbaren Fortpflanzung führt. Mit der restriktiven Regulierung der Fortpflanzungsmedizin trägt dies dazu bei, dass die Frage, ob ein Kind gezeugt und geboren werden möchte, ignoriert wird, wenn sie überhaupt gedacht werden darf.

Somit zeigt sich, dass der Einschluss der Abtreibung in die Grundversicherung lediglich ein Tropfen auf den heissen Stein der ungewollten Geburten darstellt.

Unprofessionelle Abtreibungen

Wenn professionelle Abtreibungen teurer sind als unprofessionelle und Abtreiberinnen die Abtreibungen selber bezahlen müssen, besteht ein gewisser Anreiz zu unprofessionellen Abtreibungen, der schwer zu quantifizieren ist, den aber anscheinend auch viele Abtreibungsgegner für schlecht halten.

Allerdings trägt das derzeitige Finanzierungsmodell dazu bei, dass die Abtreibungskosten hoch bleiben und aggraviert somit die potenziellen Probleme, die ein Wechsel des Finanzierungsmodell mit sich bringen könnte. Denn im gegenwärtigen System mangelt es bei den Anbietern, den Nachfragern und auch den Mittelsmännern an Anreizen, die Abtreibungskosten zu senken. Denn für die Nachfrager macht es finanziell nur einen geringen Unterschied aus, ob sie (bei gleichem Professionalitätsniveau) teurere oder günstigere Abtreibungen wählen und die Anbieter haben somit nur wenig Druck, zu versuchen, Abtreibungen kostengünstiger zu gestalten und damit Kunden zu gewinnen.

Wnn die Abtreibungen nicht von der obligatorischen Grundversicherung bezahlt werden, heisst dies natürlich nicht, dass jede Frau die Abtreibung aus eigener Tasche und in einer Summe bezahlen muss. Vorstellbar wäre etwa eine Zusatzversicherung, der auch solidarisierende Männer beitreten könnten oder die Sozialdemokraten könnten ein Solidarnetz Abtreibung kreieren.

Wahlfreiheit & Gewissensfreiheit

Nicht überraschend benutzen Gegner und Befürworter dies als Argument. Die Gegner plädieren für Wahlfreiheit im Sinne, dass die Frauen sich frei von finanziellen Erwägungen für oder gegen Abtreibungen entscheiden können. Die Befürworter plädieren für Wahlfreiheit in dem Sinne, dass Männer und Frauen frei von staatlichem Zwang entscheiden können, ob sie Abtreibungen mitfinanzieren oder nicht, resp. dass sie nicht dazu gezwungen werden sollten, etwas zu finanzieren, dass sie für unmoralisch halten.

Beide Argumente sind für sich allein genommen bedenkenswert, wirken im Kontext aber unglaubwürdig, resp. inkonsequent:

Letzteres Argument kommt von Leuten, die ausser bei Dingen, die sie persönlich ablehnen, keinerlei Bedenken haben, andere Menschen zur Finanzierung von Dingen zu zwingen, die diese für unmoralisch halten. So wollen sie etwa Atheisten zur Zahlung von Kirchensteuern (resp. normalen Steuern, die dann an Kirchen fliessen) zwingen; Pazifisten zur Finanzierung der Armee, der Waffenproduktion und des Waffenexportes; Ökonomen und Entwicklungshelfer zur Finanzierung von Exportsubventionen; und Anarchisten zur Finanzierung des Staates selber.

Ersteres Argument kommt von Leuten, die bei anderen Dingen die Wahlfreiheit staatlich stark einschränken wollen, etwa wenn es ums Rauchen, um die Schulwahl, um gentechnisch veränderte Nahrungsmittel, um die Prostitution, um Offroader oder um bestimmte Meinungsäusserungen geht. Zudem ist ihre Bereitschaft, mit staatlichen Subventionen für finanzielle Gleichstellung zweier Wahloptionen zu sorgen, äusserst selektiv. Bei Abtreibungen, bei der Vereinbarkeit von Arbeit und Familie und bei der Wahl zwischen Lehre oder Staatsschulbesuch sind sie stark für diese Form der Wahlfreiheit. Aber obwohl die Juso in ihrer Plakatkampagne (die quasi-nackte Menschen darstellt, was aber wohl weder sexistisch noch objektifizierend ist, wenn es die Juso tut) die Abtreibungsinitiative als ‘Sexdiktat vom Staat’ (Adjektive und Genitive waren nicht mehr im Angebot) bezeichnet, würde sie das wohl kaum tun, wenn es um Vaterschaftsklagen ginge, obwohl man diese als ähnliche Einschränkung der Wahlfreiheit ansehen könnte.

Diese Beispiele zeigen, dass es den beiden Parteien nicht generell und allgemein um Wahlfreiheit geht, sondern nur dann, wenn es um Dinge geht, die sie persönlich für besonders gut oder schlecht halten. Die Gegner etwa wollen dort keine Wahlfreiheit, wo der Bürger eine aus ihrer Sicht schlechte Wahl treffen und sich etwa rassistisch äussern oder einen SUV fahren könnte. Die Befürworter wollen dort keine Wahlfreiheit, wo der Bürger sich entscheiden könnte, aus ihrer Sicht gute Dinge, wie etwa Waffenexporte oder Kirchen, nicht mitzufinanzieren.

Fairness

Gegenwärtig bezahlt die Grundversicherung sehr vieles. Darunter Therapien und Heilmittel, deren Wirksamkeit wissenschaftlich nicht belegt oder gar widerlegt ist. Sowie die Behandlungskosten für Unfälle und Krankheiten, deren Risiko durch die Wahl der Freizeitbeschäftigung und des Lebensstils bewusst und absichtlich erhöht wurde. Und auch Kosten für andere medizinische Behandlungen und Betreuungen, die stark unter der Kontrolle der Patienten stehen, wie etwa Geburten. Während man es nun für unfair halten mag, wenn man für die Risiken anderer Menschen mitbezahlen muss, die diese freiwillig eingegangen sind, auf die man selber aber verzichtet hat; und während man es für ökonomisch widersinnig halten kann, wenn Kosten sozialisiert werden, deren Entstehung der Kostenverursacher selber stark steuern kann; und während man folglich jede Reduzierung des Leistungskataloges für einen Beitrag zu mehr Fairness halten könnte; so könnte man dann doch einwenden, dass es unfair ist, einen einzigen Kostengrund zu streichen, was niemandem nennenswerte finanzielle Ersparnisse bringt, aber bei einer Minderheit, die sozial deutlich weniger akzeptiert ist als etwa Sportler, zusätzliche Umstände und grosse Kosten verursachen könnte.

Solidarität

Die Initiative wird oft als versuchte Aufkündigung der Solidarität oder als Angriff auf den Solidargedanken bezeichnet, aber es wird kaum je berücksichtigt, dass es sich dabei um Zwangssolidarität handelt und dass der Unterschied zwischen erzwungener und freiwilliger Solidarität nicht irrelevant ist. Die Initiative würde zwar die Zwangssolidarität einschränken, aber damit würde sie mehr Spielraum für freiwillige Solidarität bieten. Zudem ist die Solidarität im Allgemeinen und auch spezifisch bei den Krankenkassen heute schon beschränkt. Wegen der Knappheit aller Ressourcen ist unbeschränkte Solidarität sowieso nicht möglich. In den Bereichen der Zahnmedizin und der Augenmedizin ist gut und konkret sichtbar, dass diese Solidarität per Krankenkasse heute schon in bedeutendem Masse eingeschränkt ist. Interessanterweise wird dies aber viel weniger beklagt als die versuchte Streichung der Abtreibung aus der Grundversicherung. Konsistenterweise müssten die Initiativgegner erklären können, wieso die Solidarität mit Abtreiberinnen wichtiger ist als die Solidarität mit Karieskranken oder anderweitig disprivilegierten Menschen.

Subventionierte Geburten

Gegenwärtig bezahlt die Grundversicherung nicht nur Abtreibungen, sondern auch Geburten. Somit besteht ein gewisses Gleichgewicht zwischen den beiden Optionen für Schwangere und auch zwischen den beiden Staatseingriffen. Die Aufhebung der obligatorischen Finanzierung des einen, aber nicht des anderen, würde dieses Gleichgewicht stören und die Anreize vergrössern, sich für die subventionierte Option zu entscheiden. Damit würde der Staat die Anreize stärker verzerren als dies mit der heutigen Doppelsubventionierung der Fall ist. Dies bedeutet, dass ein doppelter Staatseingriff manchmal weniger Marktverzerrungen verursacht als ein einzelner; und dass im Fall der Abtreibungsinitiative ein Trade-Off zwischen Anreizverzerrung und Finanzierungszwang besteht. Aus Sicht des Liberalismus sind beides Übel, doch am 9. Februar hat man nur die Wahl, nichts zu verändern oder das eine Übel zu vergrössern und das andere zu verkleinern.

Trügerischer Titel

Obwohl es bei der Initiative ihrem Titel nach um die finanzielle Entlastung der Krankenversicherungen gehen soll, hätte die Streichung des Schwangerschaftsabbruchs aus der obligatorischen Grundversicherung nur einen minimalen finanziellen Effekt, der für die Krankenkassen und die Prämienzahler kaum spürbar wäre. Dies bedeutet jedoch auch, dass es ziemlich einfach wäre, die Abtreibungen per Zusatzversicherung oder mittels Spenden zu finanzieren.

Etatismus

Eine Volksinitiative zu lancieren, die netto zu einer Mehrbelastung des Staatsbürgers führen könnte, um die Krankenkassen minim zu entlasten und ein bisschen mehr Gewissensfreiheit zu schaffen, ist von zweifelhafter Liberalität. Etatismus ist folglich auf beiden Seiten der Initiative zu finden. An den Gegnern der Initiative ist besonders ärgerlich, dass sie keinerlei Interesse, Motivation oder Kreativität zeigen, sich ohne Staat für eine aus ihrer Sicht gute Sache einzusetzen. Keine Feministin hat gesagt, dass sie die Finanzierung über die obligatorische Grundversicherung zwar stark befürwortet, dass sie bei einer Annahme der Initiative aber mit allen Kräften versuchen würde, alternative Finanzierungsformen zu kreieren. Dies mag natürlich abstimmungstaktische Gründe haben, um den Eindruck zu erwecken, dass es ohne Staat nicht gehen würde, aber es wirft gleichzeitig auch ein schiefes Licht auf die Aufrichtigkeit und Gutherzigkeit der Initiativgegner.

Fazit

Schlussendlich scheint mir sowohl die Annahme wie auch die Ablehnung der Initiative eine falsche Antwort auf ein von der Politik missverstandenes Problem zu sein. Deshalb kann ich den Stimmberechtigten nur den Protest gegen das dualistische Stimmmodell, das keine dritte Stimmoption umfasst, empfehlen.

Junge Mütter und Subventionsmaximierung

Charlotte Jacquemart schreibt in der NZZ, dass Mütter ihre Kinder möglichst früh kriegen sollten. Ein Argument, dass sie dabei bringt, ist das folgende:

Wer sich zuerst viel (überflüssigen) materiellen Luxus anschafft und danach die Kinder hineinstellt, wird Mühe haben, zurückzubuchstabieren, weil die Prioritäten ändern. Wer wenig verdient, zahlt weniger für die Betreuung in Krippen, profitiert von Krankenkassenbeiträgen, kommt schneller in den Genuss von subventioniertem staatlichem Wohnraum. Wer jung Kinder hat, kann eher auf rüstige Eltern abstellen, die einem die Brut ab und zu abnimmt oder gar regelmässig den Hütedienst sicherstellt. Das ist in einem Land, das die Kinderbetreuung steinzeitmässig organisiert, ein wesentlicher Faktor.1

Frauen sollen also dann Kinder kriegen, wenn sie eher finanzschwach sind und dadurch möglichst viele Kosten, die die Kinder verursachen, externalisieren, also vom Steuerzahler bezahlen lassen können. Opportunistisch gesehen mag dies ein guter Ratschlag sein. Schliesslich kann die Mutter dadurch ihre Ausgaben (für das Kind) senken. Aus liberaler Sicht ist es eher verantwortungslos. Denn Jacquemart sagt, dass die Mütter nicht die finanzielle Verantwortung für ihre Handlungen tragen sollen, sondern ihr Leben so planen sollen, dass sie möglichst viele Kosten auf ihre Mitmenschen abschieben können, von denen viele keineswegs zugestimmt haben, diese Kosten mitzutragen, sondern vom Staat dazu gezwungen werden. (Einwenden könnte man natürlich, dass der Staat das Grossziehen der Kinder stark verteuert hat und dass es deshalb nur rechtens sei, wenn er einen Teil dieser Verteuerung selber trägt. Wenn man dies einsieht, wäre es allerdings besser, diese kostensteigernden Staatseingriffe zu eliminieren, statt sie bloss dem Steuerzahler aufzulasten.)

Dieser Rat ist auch sehr stark auf die Mutter (resp. die Eltern) fokussiert und vernachlässigt dadurch implizit die Kinder. Denn deren Bedürfnisse haben wohl eher wenig mit der Maximierung der Subventionsbezüge durch die Eltern zu tun und können womöglich besser befriedigt werden, wenn die Eltern weniger subventioniert werden, aber dafür ein höheres eigenes Einkommen haben.

Damit besteht ein zweifach doppelter Mangel an Verantwortung: Der Ratschlag von Jacquemart, Subventionsmaximierung zu betreiben und das System, das diese Subventionen ausschüttet und dadurch teilweise sehr fragwürdige Anreize schafft auf der einen Seite. Und auf der andern Seite die Verantwortungslosigkeit gegenüber der Gesellschaft, resp. der Mitbürgerin, der ungefragt Kosten aufgedrängt werden, und gegenüber dem Kind, das ungefragt zu jenem Zeitpunkt auf die Welt gestellt wird, zu dem die Eltern die meisten Subventionen ergattern können und nicht dann, wenn die Umstände für das Kind am besten erscheinen.

Wer sich als junge Frau früh einen Mann sucht, der einen geeigneten Vater abgibt, verschwendet nicht die besten Jahre an Männer, die es im Grunde genommen nicht wert sind.1

Männer sind es also nur wert, wenn sie geeignete Väter abgeben? Ist das die Umkehrung der sexistischen Ansicht, dass eine richtige Frau auch eine gute Mutter sein muss? Wie wäre das als Ratschlag für junge Männer? Dass sie sich Frauen suchen sollen, die gute Mütter abgeben würden? Also Frauen, die gut kochen und putzen können, die generell gute Hausfrauen abgeben und die gut mit Kindern umgehen können?

Wenn man diese Klischees auf beide Geschlechter egalitär anwendet, mag man zwar den Sexismus loswerden, aber damit behält man das Dogma bei, dass man das Leben auf die Fortpflanzung ausrichten sollte und dass Beziehungen mit Leuten, die keine guten Eltern machen würden, wertlos seien. Rollenbilder sind aber nicht weniger problematisch, wenn sie geschlechtsneutral sind. Denn sie sorgen auch ohne Sexismus für die soziale Stigmatisierung von Personen, die diesen Rollenbildern nicht gerecht werden, etwa weil sie keine Familie gründen wollen.


  1. Erst Kinder, dann Karriere [] []

Lohndifferenzen sind kein Beleg für Sexismus

[Raphaela Birrer:] Ein Drittel der Lohndifferenz in der Schweiz ist nicht mit der Qualifikation oder dem Dienstalter erklärbar. Wie soll nachgewiesen werden, ob eine Lohndifferenz aufgrund einer Diskriminierung zustande kam?
[Corinne Schärer:] Mit dem Computerprogramm Logib können die Löhne in einem Unternehmen anonymisiert verglichen werden. Es stünde den Betrieben bereits heute zur Verfügung, wird jedoch noch viel zu selten genutzt. In einer einfachen Excel-Tabelle werden Alter, Ausbildung, Hierarchiestufe und Dauer des Anstellungsverhältnisses eingetragen und herausgerechnet. Was bei diesem Vergleich als Differenz übrigbleibt, ist die Lohndiskriminierung – der Betrag, den eine Frau weniger erhält, weil sie eine Frau ist. Eigentlich wären die Messinstrumente also bereits vorhanden, doch was fehlt, ist der Wille der Arbeitgeber. Darum braucht es nach so vielen Jahrzehnten der Freiwilligkeit und der Appelle den staatlichen Zwang.1

Alter, Ausbildung, Hierarchiestufe und Dauer des Anstellungsverhältnisses sind also die einzigen relevanten Faktoren für die Lohnhöhe? Intelligenz, Fleiss, Allgemeinbildung, Sprachkenntnisse, Durchsetzungsvermögen, Effizienz, berufliche Erfahrung und ähnliche Faktoren können oder sollen die Lohnhöhe nicht beeinflussen? Glaubt Schärer tatsächlich, dass die Lohndifferenzen, die noch bestehen, nachdem die vier von ihr genannten Faktoren herausgerechnet wurden, zwingend das Resultat von sexistischer Diskriminierung sein müssen? Wie kann jemand verneinen, dass es andere (bekannte oder unbekannte) Faktoren geben kann, die die unterschiedlichen Lohnhöhen erklären können und die nicht sexistischer Natur sind?

Ob die Co-Präsidentin der Frauenkommission des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) vom dem gänzlich überzeugt ist, was sie sagt; ob sie sich bloss fürchterlich schlecht ausdrückt; oder ob sie ihre Worte mit Sorgfalt, aber ohne Überzeugung gewählt hat: Auf den SGB wirft dies kein gutes Licht.


  1. «Es braucht jetzt staatlichen Zwang» []

Geschlechtsunterschiede: Egalitarismus oder Individualismus?

Sind Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern, ob diese nun biologisch-evolutionäre oder sozial-kulturelle Ursachen haben, auch dann ein Problem, wenn das Individuum ungewöhnliche, aber friedfertig-produktive Entscheidungen treffen kann, ohne dabei nennenswert grössere soziale Kosten bezahlen zu müssen als eine Person, die gewöhnlichere Entscheidungen trifft?

Wenn sie dies nicht sind, sollte dann der Fokus nicht auf Quoten und Ungleichheitsstatistiken liegen, sondern auf individualistischem Laissez-Faire, also einer gewissen Gleichgültigkeit (was nicht mit Desinteresse zu verwechseln ist) gegenüber den Hobbies, Berufen und Präferenzen der Mitmenschen, so lange diese einen Mindeststandard der Friedfertigkeit, Freundlichkeit, Höflichkeit und Ästhetik erfüllen?

Gleichstellung und Crossdressing

Es scheint für Frauen akzeptabler zu sein, Männerkleidung zu tragen als umgekehrt.1

Was kann man daraus schliessen?

Es gibt zwei gegenläufige Erklärungsansätze.

Der erste ist eher klassisch feministisch und sieht die Ursache in Misogynie und einer patriarchalen Kultur. Demnach hat das Weibliche immer noch einen niedrigeren Status als das Männliche, d.h. es wird weniger respektiert und weniger wertgeschätzt. Wenn Frauen sich wie Männer kleiden, überschreiten sie zwar damit die Geschlechterrollen, gewinnen aber an Status, weil männliche Kleidung als Ausdruck oder Verkörperung des Männlichen höher bewertet wird. Wenn Männer Frauenkleider anziehen, dann verletzten sie nicht nur die Geschlechternormen, sondern verlieren an Status. Weil das Weibliche also weniger Wert hat als das Männliche, hat Crossdressing bei Frauen eine positive und eine negative Wirkung, während es bei Männern nur negativ wirkt.

Den zweiten Ansatz könnte man maskulistisch nennen, wenn man das Wort noch eine sinnvolle Bedeutung hätte und sieht die Ursache in der Frauenbefreiung. Diese hat sich vorwiegend um die Frauen und die Frauenrechte gekümmert und für die Frauen grosse Freiheiten errungen. Darunter die Möglichkeit, sich beliebig zu kleiden, also auch Kleider anzuziehen, die traditionell zum andern Geschlecht gehörten. Die Männer hatten jedoch so gut wie keine Männerbewegung, obwohl auch sie unter vielen Geschlechternormen litten. Deshalb haben sie auch heute die Freiheit nicht, Frauenkleider anzuziehen.

Betrachtet man diese Erklärungen, sieht man auch, dass der Crossdressing-Doppelstandard im ersten Fall als negativ für die Frauen und im zweiten Fall als positiv für die Frauen charakterisiert wird. Dies könnten aber auch bloss die zwei Seiten derselben Medaille sein, was für eine kombinierte Erklärung sprechen würde. Schlussendlich wird man wohl jene Erklärung wählen, die am besten in jenen Narrativ passt, mit dem man die Welt sonst erklärt.

Es sind jedoch noch viele andere Erklärungen vorstellbar und in den Kommentaren darf gerne spekuliert werden.


  1. Ein Artikel zu Männer-Dessous: «Ich will einen Mann, keine Freundin!» []

Meinungsfreiheit und kognitive Dissonanz

Es ist oft zu erleben, wie bestritten wird, dass manche Wortäusserungen oder Überzeugungen keine Meinungsäusserungen oder Meinungen seien. Bekannt ist beispielsweise der Spruch, dass Faschismus keine Meinung sei. In Anlehnung daran wird oft behauptet, dass Rassismus oder Sexismus (und unzählige andere -ismen) keine Meinungen seien. Aus Sicht mancher Leute ist es beispielsweise auch keine Meinung, sich den Tod anderer Menschen zu wünschen. (Wobei ich allerdings stark vermute, dass dies nur für bestimmte Menschen gilt und nicht universell.) In eine ähnliche Richtung zielt die Position, dass die Meinungsfreiheit inhärent und konstitutiv nicht alle Meinungen, sondern vorwiegend die eigenen, umfasst.

Ich fand das höchst kurios. Für mich war offensichtlich, dass es sich bei den genannten Dingen um Meinungen handelte und die Wörterbücher bestätigten dies auch:

Bedeutungen

a. persönliche Ansicht, Überzeugung, Einstellung o. Ä., die jemand in Bezug auf jemanden, etwas hat (und die sein Urteil bestimmt)
b. im Bewusstsein der Allgemeinheit [vor]herrschende Auffassungen hinsichtlich bestimmter [politischer] Sachverhalte1

Bedeutungen:

[1] der selbst gebildete Standpunkt eines Menschen
[2] die persönliche Bewertung einer Sache oder Person, auch die Bewertung durch eine Gruppe
[3] selten: die Absicht mit einer Handlung2

Doch nun scheint mir, dass man das Verhalten dieser Leute gut mit kognitiver Dissonanz erklären könnte. D.h. es handelt sich um einen intellektuellen, resp. psychologischen Konflikt zweier sich teilweise widersprechender Dogmen. Denn einerseits hat die Meinungsfreiheit den Charakter des absolut Guten angenommen, weswegen Zensur als etwas betrachtet wird, das nur böse Diktatoren tun. Andererseits gelten Rassismus, Nationalsozialismus, Faschismus und ähnliches als absolut unakzeptabel und haben den Charakter des absolut Bösen.

Aus letzterem folgt, dass bestimmte Aussagen verboten werden müssen, während aus ersterem folgt, dass die Meinungsfreiheit auf keinen Fall eingeschränkt werden darf. Die dadurch entstehende kognitive Dissonanz kann gelindert werden, indem man die im Konflikt stehenden Begriffe so definiert, dass sie sich nicht mehr überlappen. Die Folge ist dann, dass Faschismus keine Meinung ist und Rassismus nicht durch die Meinungsfreiheit geschützt wird.

Denn dies ist offenbar viel leichter und angenehmer, als offen zu sagen, dass man die Meinungsfreiheit einschränken und bestimmte Meinungen und Äusserungen zensieren möchte.


  1. duden – Mei­nung, die []
  2. wiktionary – Meinung []

Die gesellschaftliche Reaktion auf Vergewaltigungen

In unserer gegenwärtigen Gesellschaft wird Vergewaltigung als etwas äusserst Schlimmes betrachtet, als etwas, das schlimmer ist als die meisten anderen Gewaltverbrechen. Grob gesagt gibt es zwei Ansätze, wie man diese gesellschaftliche und individuelle Reaktion erklären kann: Erstens mit der Natur und zweitens mit der Kultur. (Oder natürlich mit einer Mischung aus beidem.) Beide Ansätze scheinen in der heutigen Gesellschaft (und für grosse Teile des heutigen Feminismus und Progressivismus) jedoch ziemlich unschmackhaft zu sein.

Eine kulturelle Reaktion würde bedeuten, dass man sie ändern kann und dass eine Kultur, in der Vergewaltigungen nicht als schlimmer angesehen werden als ähnlich gewaltreiche Verbrechen, vielleicht erstrebenswert wäre. Es würde auch implizieren, dass es kontraproduktiv sein könnte, in den Medien Vergewaltigungen als etwas äusserst Grässliches darzustellen. Einerseits, weil uns dies der angestrebten Kultur nicht näher bringen würde. Andererseits, weil dies die Traumata von Vergewaltigungsopfern verstärken könnte. Folglich wäre es auch kontraproduktiv, den Begriff der Vergewaltigung sehr weit und lose zu verwenden und gesetzlich immer mehr Taten als Vergewaltigung zu bezeichnen.

Eine natürliche Reaktion würde bedeuten, dass die Natur unser Sexualverhalten stark prägt und einige Verhaltensmuster und Denkmuster und Gefühlsreaktionen stark genetisch beeinflusst sind. Es wäre auch ein Hinweis darauf, dass sich die Geschlechtsunterschiede womöglich nicht auf die primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen beschränken, sondern auch das Verhalten und die Emotionen betreffen. Dies wiederum hätte weitreichende Auswirkungen auf Politik, Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft und Ethik.

Man sieht also, dass man unbedingt davon absehen sollte, die gesellschaftliche Reaktion auf Vergewaltigungen zu thematisieren.

Der #aufschrei als Symptom

Der #aufschrei ist nicht nur ein Zeichen dafür, dass es in unserer Gesellschaft viel Sexismus und viel sexuelle Belästigung gibt und etliche Leute, die Belästigung für ihr gutes Recht halten, sondern auch ein Symptom, dass in der Gesellschaft das Sexuelle trotz sexueller Revolution und vermeintlichem Bruch mit dem Puritanismus unserer Vergangenheit immer noch eine Sonderstellung hat. Dies wird deutlich daran, dass beim #aufschrei lediglich die sexuelle Belästigung beklagt wird und auch in den Presseartikeln und in den Blogartikeln dazu andere Formen der Belästigung (meines Wissens nach) nicht einmal erwähnt werden. Das Rechtssystem tut dasselbe: Es kennt Regeln und Strafen für die sexuelle Belästigung, aber nicht für nicht-sexuelle Belästigung. (Ausser höchstens wenn die nicht-sexuelle Belästigung zum Mobbing wird.)

Aber vielleicht sollte dem so sein? Vielleicht ist das Sexuelle unvergleichlich und sollte (im positiven wie im negativen Sinne) eine Sonderstellung innehaben? Ich bezweifle es. Aus biologisch-evolutionärer Sicht ist Sex zwar überaus wichtig, aber nicht wichtiger als Nahrung oder Schlaf. Diese Themen werden im Vergleich aber viel lockerer und sachlicher behandelt. Deshalb scheint es mir ziemlich sicher zu sein, dass die Sonderbehandlung des Sexuellen kulturell bedingt ist.

Kann man denn diese Sonderstellung kulturell (bspw. philosophisch) rechtfertigen? Auch das geht meines Erachtens nicht. Zwar hat das Sexuelle Abgründe und kann das Individuum stark beeinflussen, aber das gilt ebenso für viele andere Dinge. Mir scheint, dass es für diese Sonderstellung nicht nur keine guten Argumente gibt, sondern dass es wünschenswert wäre, wenn das Sexuelle gleich behandelt werden würde wie andere Aspekte des menschlichen Daseins.

Dies alles bedeutet jedoch nicht, dass die Menschen das Sexuelle tendenziell (und eben kulturell bedingt) nicht als anders empfinden als andere Dinge. Im Gegenteil: Wäre dies nicht der Fall, gäbe es keine Sondergesetze für sexuelle Belästigung, sondern bloss ein Gesetz für Belästigung im Allgemeinen.

Da es bei der Kritik an der sexuellen Belästigung gerade darum geht, das Empfinden der andern Menschen zu berücksichtigen, sollte man in seinem Verhalten eben auch darauf Rücksicht nehmen, dass das Sexuelle eine Sonderstellung hat und sexuelle konnotierte Handlungen für viele Menschen schwerer wiegen oder schlimmer sind als nicht-sexuelle Handlungen. Gleichzeitig muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass nicht-sexuelle Belästigung objektiv nicht besser oder moralischer ist als sexuelle und dass sie subjektiv sogar schlimmer sein kann. Und selbstverständlich sollte auf eine Gesellschaft hingearbeitet werden, in der das Sexuelle nicht sonderbehandelt wird und in der es dafür keine Sondergesetze und Sonderkommissionen gibt.

Zwei, drei Gedanken möchte ich noch anbringen: Erstens: Die (mentale) menschliche Vielfalt ist gross: Was der eine liebt, hasst der andere. Von sich auf andere zu schliessen, ist deshalb problematisch. Wenn man etwas mag oder nicht mag, heisst das nicht, dass für diese oder jene andere Person es sich gleich oder auch nur ähnlich verhält. Generell unterschätzt man wohl, wie unähnlich einem andere Menschen sind. Das macht zwischenmenschliche Interaktionen so risikoreich und tückenhaft. Und das macht es auch schwierig, Verhaltensregeln aufzustellen, die über die Maxime hinausgehen, keine Verbrechen zu begehen. Wenn man beispielsweise sehr lockere Regeln aufstellt, dann wird man den Menschen nicht gerecht, die eine empfindlichere Konstitution haben und wenn man sehr restriktive Regeln aufstellt, gibt es grosse spieltheoretische Anreize, sich nicht daran zu halten.

Zweitens: Man sollte verschiedene Kategorien von Handlungen nicht vermischen: Blicke sind etwas anderes als Worte sind etwas anderes als Berührungen sind etwas anderes als Tätlichkeiten sind etwas anderes als Körperverletzungen. So verschiedenartige Taten unter einem Begriff wie ‘sexuelle Belästigung’ zu subsumieren, ist fragwürdig und bisweilen kontraproduktiv.

Drittens: Auch was den Minderheitenschutz anbelangt, ist die Sonderstellung des Sexuellen problematisch: Denn diese mag zwar dem Empfinden der Mehrheit entsprechen, aber wessen Empfinden anders ist und für wen beispielsweise nicht-sexuelle Belästigung und sexuelle Belästigung gleich schlimm ist oder für wen eine bestimmte Form der nicht-sexuellen Belästigung schlimmer ist als sexuelle, der wird sich in einer benachteiligten Situation vorfinden. Denn wenn schon sexuelle Belästigung zu wenig ernst genommen wird, wie wird es erst um eine Form der Belästigung stehen, deren Namen nicht wöchentlich in den Medien wiederholt wird und die nicht mit einem Thema verbunden ist, das in unserer Kultur so schwer wiegt wie Sex?