Cédric Wermuth schreibt:
Die politische Elite Europas führt seit einigen Jahren ein neues Schlachtross gegen Staat und Demokratie zu Felde: Die Angst vor Staatsschulden.
Ist die politische Elite Europas nicht der Staat? Führt also der Staat einen Feldzug gegen den Staat? Ist er derart masochistisch?
Schulden seien das Schlimmste, was einem Staat passieren könne, man müsse nur nach Griechenland schauen, um das zu sehen. Und tatsächlich: Die griechische Schuldenlast wird dieses Jahr die beeindruckende Höhe von über 160% des Bruttoinlandproduktes BIP erreichen (Verschwiegen wird natürlich, dass diese Schulden erst mit der Bankenrettung explodiert sind. In den Jahren 2000 – 2008 blieb das griechische Defizit stabil). Griechenland ist nicht der einzige Staat in Finanznöten. 13 weitere Staaten Europas wiesen 2011 Schuldenquoten von mehr als 60% des BIP auf. Einig scheinen sich daher alle: Die Schulden müssen endlich runter!
Das impliziert, dass die Schulden wegen der Bankenrettung explodiert sind, doch ist dem tatsächlich so? Gleichzeitig mit der Bankenrettung fand ja eine starke Wirtschaftskrise statt, die genauso gut für den starken Anstieg der Staatsschulden verantwortlich sein könnte. Zudem lagen die griechischen Schulden bereits zuvor während etlichen Jahren bei ungefähr 100%. Verantwortlich für die hohen Schulden scheint unter anderem Andreas Papandreou zu sein, der die Panellinio Sosialistiko Kinima (PASOK / Panhellenische Sozialistische Bewegung) gegründet und geführt hat und von 1981 bis 1989 und von 1993 bis 1996 griechischer Ministerpräsident war. Interessanterweise war auch schon dessen Vater, Georgios Papandreou, Ministerpräsident. Und Andreas Sohn, Giorgos Andrea Papandreou, war von 2009 bis 2011 Ministerpräsident und ist heute Präsident der Sozialistischen Internationalen. Vor dieser sozialistischen Dynastie lag die Schuldenquote etwas niedriger, bei 20% bis 25%. Die hohe griechische Verschuldung ist also kein neues Phänomen, sondern etliche Jahrzehnte alt.
Warum aber steigen die Schulden in praktisch allen Ländern Europas und Nordamerikas trotzdem andauernd weiter, wenn sich doch alle einig sind? Tatsächlich: Der Internationale Währungsfond, die Weltbank, die EU und alle bürgerlichen Parteien – auch bei uns – werden nicht müde, das Mantra der Schuldenreduktion herunterzubeten.
Die Demokratie ist nicht ganz unschuldig an der Verschuldung. Keine Special Interest Group will schliesslich auf ihren Teil an den Staatsausgaben verzichten. Die Lobbyisten links wie rechts sind fleissig daran, noch mehr Geld anderer Leute zu erbetteln oder mit schattigen Deals zu ergattern. Für die meisten Politiker gehört es zu den ganz normalen Wahlversprechen, (immer mehr) Subventionen zuzusichern. Die Wähler finden nichts anstössiges daran, jene Politiker zu wählen, die ihrer Gruppe am meisten Steuergelder (oder spezifische Steuersenkungen) versprechen. Und die Stimmbürger sind auch nicht gerade zögerlich darin, sich selber an der Urne neue Subventionen zu verschaffen (wenn sie denn mal darüber abstimmen können, was ja doch eher selten ist).
Gewiss, wäre der Grossteil der Bevölkerung streng liberal, sähe dies wohl anders aus. Dann würden viele Wähler und Politiker aus Prinzip gegen Subventionen stimmen, auch wenn sie persönlich (kurzfristig bis mittelfristig) davon profitieren könnten. Aber in den heutigen und hiesigen etatistisch-sozialdemokratischen Gefilden sind die Hemmungen, sich am Eigentum anderer Menschen zu bedienen und künftige Generationen dazu zu verpflichten, atemberaubend hohe Schulden abzuzahlen, eher gering.
Ein institutioneller (stärkere Schuldenbremsen; grössere Hürden, neue Subventionen auszusprechen; Sunset-Legislation) oder kultureller Wandel (hin zu mehr Liberalismus) ist in der näheren Zukunft jedoch nicht absehbar. Die hohen Schuldenquoten und die politische Freigiebigkeit mit Steuergeldern werden uns also noch eine Weile begleiten.
Die am stärksten überschuldeten Staaten Südeuropas müssen ein drastisches Kürzungsprogramm nach dem anderen über sich ergehen lassen – mit dramatischen Folgen für die Menschen. Die Wirtschaft bricht ein, die Arbeitslosigkeit explodiert, die Leistungen der Sozialstaaten werden zusammengestrichen – und trotzdem steigen die Schulden weiter an. Was also läuft schief?
Ich bin verblüfft, wie konsistent Sozialisten die Politiker kritisieren, die jetzt ein bisschen sparen und jene Politiker von der Kritik auslassen, die früher diese Schulden angehäuft haben (mit der Ausnahme jener Politiker, die am Banken-Bailout gearbeitet haben).
Was in der Debatte um Staatsschulden generell vergessen geht: Öffentliche Schulden sind nicht nur Schulden, sondern eben auch private Vermögen. Das ist relativ einfach nachvollziehbar: Wenn ein Staat Geld ausgibt, dass er nicht hat, muss er es sich von jemandem leihen. Für den Staat sind das Schulden, für den Gläubiger ist es Vermögen – welches er irgendwann plus einem schönen Zins wieder zurück erhält. Nun, die entscheidende Frage lautet: Wann haben Sie zum letzten Mal Staatsanleihen von Griechenland, Deutschland, Frankreich oder irgend einem anderen Staat gekauft? Wahrscheinlich nie – zumindest nicht privat. So geht es 99% der Weltbevölkerung, aber nicht allen.
Wieso ist die Weltbevölkerung hier relevant? Geht es nicht um Europa und die Schuldenkrisen westlicher Sozialstaaten?
Man beachte zudem den Trick, den Wermuth machen muss, um sagen zu können, dass kaum jemand unter seinen Lesern je Staatsanleihen gekauft hat: Er beschränkt dies auf private, d.h. direkte Käufe von Staatsanleihen. Denn dass viele Leute zwar nicht direkt Staatsanleihen kaufen, aber sie von Institutionen (Banken, Staatsfonds, Zentralbanken, Versicherungen, Pensionskassen) kaufen lassen, ist ihm vermutlich bewusst. Aber würde man die direkten und die indirekten Käufe von Staatsanleihen mitzählen, wäre es schwieriger, die Schuld den Reichen und den Banken zuzuschieben.
Die Schuldenuhr des britischen Wirtschaftsmagazins „The Economist“ schätzt den Schuldenstand aller Staaten weltweit. Für 2010 kommt das Online-Tool auf weltweite Staatsschulden in der Höhe von 42.4 Billionen US-Dollars. Für das gleiche Jahr schätzt die Beratungsfirma Capgemini die weltweiten Vermögen so genannter High Net Worth Individuals (Einzelpersonen mit Privatvermögen von mindestens 1 Million USD) auf – Achtung – 42.7 Billionen Dollar. Eine lupenreine Punktlandung. Das ist kein Zufall.
Doch wie können wir wissen, dass es tatsächlich kein Zufall ist? Schliesslich sind es nicht nur Millionäre, die Staatsanleihen kaufen, sondern viele verschiedene, teilweise staatliche, Institutionen.
Staatsschulden gehören seit Anbeginn des modernen Kapitalismus zu den idiotensicheren „Business-Modellen“ für Banken und steinreiche Leute. Es sind meist sehr sichere Anlagen und wenn dann doch etwas schief geht, kann man die Staaten immer noch zwingen, Leistungen auf Kosten der Bevölkerung abzubauen und rentable Betriebe zu privatisieren.
Doch die Staaten nehmen freiwillig (und geldgierig) Kredite auf. Die Banken und die Reichen zwingen sie nicht dazu, sich zu verschulden und sie zwingen sie auch nicht zum Leistungsabbau. Die Geldgeber stellen bloss ein paar Konditionen auf, unter denen sie bereit sind, weiterhin Geld auszuleihen. Den Staaten steht es frei, diese Konditionen anzunehmen oder abzulehnen. So könnten sie sich zum Beispiel dazu entschliessen, keine Schulden mehr zu machen und künftig nur noch so viel Geld auszugeben, wie sie einnehmen.
Doch das wollen die Staaten nicht und das wollen auch viele sozialistische Politiker nicht. Unter diesen Bedingungen ist es mir jedoch lieber, wenn die Kreditgeber ihr Geld nicht bedingungslos verleihen, sondern für höhere Risiken höhere Zinsen verlangen und bei zu grossen Risiken zurückhaltender werden mit der Kreditvergabe. Schliesslich besitze ich über diverse Institutionen viele Staatsanleihen. Würden diese Institutionen mein Geld nicht sorgfältig anlegen, könnte ich viel Geld verlieren. Und so geht es den meisten Schweizern.
Ehemalige Staatsbetriebe kann man sich dann für einen Bruchteil ihres Wertes unter den Nagel reissen kann. Die Spekulanten und ihre bürgerlichen Wasserträger profitieren also gleich doppelt.
Auch Staatsanleihen zu kaufen ist aus sozialistischer Sicht Spekulation? Ist es dann nicht der Staat, der diese Spekulation erst ermöglicht? Und wieso sind die Sozialisten, die eifrig Schulden machen und Staatsanleihen herausgeben, die willfährigen Helfer der Spekulanten? Und wieso lassen die Sozialdemokraten zu, dass die Institutionen, die sie beaufsichtigen, spekulieren?
Genau das geschieht jetzt mit der so genannten „Unterstützung“ und den Kürzungsprogrammen für die klammen Staaten Südeuropas. Wir erleben gerade ein gigantisches Programm zur Umverteilung von Reichtum von unten nach oben.
Will Wermuth damit etwa andeuten, dass es der Staat ist, der im Zentrum dieser Umverteilung steht? Vielleicht sollte man in manchen Bereichen aus dem Staat halt doch Gurkensalat machen.
Übrigens geschieht das auch hier: Laut einer Studie der Credit Suisse besitzt in der Schweiz heute das reichste 1% der Bevölkerung mehr Vermögen als alle restlichen 99% zusammen.
Wermuth unterschlägt, dass die Credit Suisse bei dieser Studie die Vermögen, die in Versicherungen und Pensionskassen gebunden sind, nicht mitgezählt hat. Würde man diese miteinberechnen, sähen die Zahlen schon ganz anders aus.
Richtig ist also, dass solche Staatsschulden tatsächlich unsozial sind. Sie müssen abgebaut werden. Falsch ist, dass man Staatsschulden abbauen kann, wenn man einseitig Leistungen kürzt.
Sind Staatsschulden nicht generell unsozial und tendenziell undemokratisch? Schliesslich werden damit künftige Generationen zur Schuldentilgung verpflichtet, die sich zu diesem Entscheid noch nicht äussern können. Oder hält Wermuth “No taxation without representation” für ein schlechtes Credo?
Um die Schulden wirklich los zu werden, muss man eben beide Seiten der Bilanz betrachten. Nicht nur die Schuldenberge müssen runter, sondern eben auch die grossen Vermögen – sonst bringt alles Zusammensparen überhaupt nichts. Dafür braucht es drastische Steuern dort, wo das Geld sprichwörtlich rumliegt: Bei Unternehmens- und Kapitalgewinnen, bei Finanzgeschäften, bei den höchsten Einkommen, Vermögen und Erbschaften.
Wermuth hat nun einen ganzen Artikel zu diesem Thema geschrieben und nirgendwo erklärt, wieso grosse Vermögen zwingend zu Staatsschulden führen müssen. Das ist enttäuschend. Doch selbst wenn man akzeptiert, dass die Schulden und die privaten Vermögen gestutzt werden müssen, so sind SP und Juso kaum glaubwürdige Vertreter dieser Botschaft, da sie zwar demonstriert haben, dass sie gerne Reiche enteignen, aber kaum Bereitschaft gezeigt haben, Schulden zu reduzieren oder zu sparen. Wermuth gehört also auch zu jenen Parteien, die nur eine Seite der Bilanz betrachten.