Bei einem DDoS-Angriff werden Server mit einer Vielzahl von Anfragen überlastet, so dass die dort gehosteten Ressourcen zeitweise nicht mehr verfügbar sind. Dies kann mit verschiedenen technischen Mitteln bewerkstelligt werden. DDoS-Angriffe gelten als Form der IT-Kriminalität – in Deutschland fallen sie unter den Straftatbestand der Computersabotage – und können in vielen Ländern empfindliche Geldstrafen oder gar Haftstrafen nach sich ziehen.1
Bei einem DDoS-Angriff wird fremdes Eigentum auf eine Art und Weise benutzt, die die Eigentümer nicht erlaubt haben, resp. mit der die Eigentümer nicht einverstanden sind. Wieso dies erlaubt sein sollte, erschliesst sich mir nicht. Denn wenn DDoS legal sein sollte, müssten auch andere Arten der Zweckentfremdung fremden Eigentums legal sein. Doch damit verlöre ich teilweise die Kontrolle über mein Eigentum, was einer partiellen (temporären) Enteignung gleichkäme. Dies lehne ich aus deontologischen und utilitaristischen Gründen ab. Zudem halte ich es auch nicht für sonderlich tugendhaft, Dienste zu blockieren, die andere Leute anbieten und nachfragen.
Trotzdem sind Haftstrafen in vielen Fällen wohl unverhältnismässig, kontraproduktiv und ineffizient. Aber dies hängt natürlich auch davon ab, welche Rolle man bei einem DDoS-Angriff eingenommen hat. Ob man beispielsweise bloss seinen Computer zur Verfügung gestellt hat oder ob man die Attacke organisiert und orchestriert hat und welche Ziele betroffen waren.
Gerade was letzteres betrifft, muss ich zugeben, dass es Ausnahmen gibt, bei denen DDoS legal sein sollte. Ähnlich wie beispielsweise nicht-konsensuelle Körperverletzungen unter bestimmten Bedingungen erlaubt sein sollte. Ein DDoS-Angriff auf eine Website von Menschenhändler kann durchaus legitim sein. (Die Website-Betreiber würden vermutlich sowieso nicht rechtlich gegen die DDoSler vorgehen wollen, aber wenn doch, sollte das Gericht zu Gunsten der DDoSler urteilen.)
Anonymous, das oft zu DDoS-Angriffe gegen missliebige Behörden oder Unternehmen aufruft, sieht DDoS-Angriffe jedoch als Protestform an. In einer Petition fordert das Internet-Kollektiv nun, diese Sichtweise offiziell anzuerkennen. Mit dem Fortschritt der Internet-Technologie gingen auch neue Protest-Methoden einher, so die Aktivisten. DDoS-Angriffe seien zudem “keine Form von Hacking”, sondern “das Äquivalent davon, wiederholt den Aktualisieren-Knopf auf einer Website zu drücken”. In gewissem Maße, so Anonymous, seien derartige Angriffe mit den Occupy-Protesten vergleichbar – statt Parks, Plätzen oder Gebäuden würden dabei eben Websites besetzt.1
Ich zweifle daran, dass es legal sein sollte, Parks, Plätze und Gebäude zu besetzen. (So lange es nicht die eigenen sind, doch dann könnte man nicht mehr von einer Besetzung sprechen.) Zwar bin ich auch hier für eine milde Rechtsprechung (zumindest wenn die Besetzer das Besetzte nicht beschädigen und keine direkte physische Gewalt (ich präzisiere, weil die Besetzung selber auch eine Form von Gewalt darstellt) gegen Leute anwenden, die das Besetzte trotzdem benutzen wollen und z.B. in ein Gebäude gelangen oder einen Platz überqueren wollen), aber den Sicherheitskräften sollte zumindest erlaubt sein, die Besetzer physisch zu entfernen. Und damit meine ich, dass sie weggetragen werden sollten und man sie nicht mit Reizstoffen besprühen sollte. Härtere Massnahmen (und damit meine ich eher Handschellen als Knüppelschläge) sollten nur dann eingesetzt werden, wenn die Besetzter sich z.B. mit Schlägen oder Tritten dagegen wehren.
Geldbussen (und damit meine ich eher Restitutionszahlungen) sollten in Abhängigkeit davon ausgesprochen werden, was sie wie und wie lange blockiert haben und wie gross der Schaden ist, den sie damit angerichtet haben. Denn es macht einen Unterschied, ob man Verkehrswege blockiert, Gebäude besetzt oder einen öffentlichen Park, der vorwiegend der Freizeit und Erholung dient. Wer ein nicht direkt benütztes Grasstück auf einem Firmengelände okkupiert oder den Eingang zu einem Spital blockiert, sollte unterschiedlich behandelt werden.
Bei Privateigentum ist es für mich relativ klar, dass die Besetzung desselben nicht legal sein sollte. Aber wie steht es mit öffentlichem Eigentum? Sollten dort andere, lockerere Regeln gelten?
Unter gewissen Umständen, ja. Denn die Tatsache, dass öffentliche Gebäulichkeiten allen (oder zumindest allen Ansässigen) gehören, legitimiert und illegitimiert Proteste durch Besetzung zugleich. Denn öffentliches Eigentum sollte durch alle benützt werden dürfen. Dies bedeutet zwar, dass man sich mit einem Schild, auf dem eine politische Botschaft steht, frei im öffentlichen Raum bewegen darf und mehrere Personen sich zusammenfinden dürfen, um Plakate durch die Stadt zu tragen. Aber es bedeutet eben auch, dass sie damit anderen Personen nicht verunmöglichen dürfen, das öffentliche Eigentum zu benützen, auf das sie ein ebenso grosses Anrecht haben wie die Protestierenden.
Hier die Balance zu finden, ist natürlich schwierig, aber ein paar Daumenregeln kann man doch aufstellen. Einzelproteste beispielsweise sollten legal sein, so lange damit keine Gebäulichkeiten blockiert werden, die primär einen anderen Zweck haben. Mit einem Schild in der Hand durch die Stadt zu laufen, sollte nicht weniger legal sein, als dies mit einem Aktenkoffer zu tun. Im Park einen Sitzstreik zu veranstalten nicht weniger legal als fürs Sonnenbad ein Stückchen Park zu ‘besetzen’. Sich auf ein Gleis zu legen und damit den Pendlerverkehr zu behindern, sollte hingegen nicht legal sein, da damit eben verhindert wird, dass die anderen Menschen ihren Teil des öffentlichen Eigentums noch geniessen können.
Bei Menschengruppierungen wird die Differenzierung schon schwieriger. Aber generell lässt sich wohl sagen, dass, was dem Einzelnen nicht gestattet ist, der Gruppe nicht erlaubt werden sollte. Demonstrationen, wegen denen Strassen für den Autoverkehr gesperrt werden müssen, sind jedoch ein Sonderfall. Denn Strassen haben historisch gesehen vielen verschiedenen Zwecken gedient, darunter eben auch Demonstrationen. Dass ein einziges Verkehrsmittel die öffentlichen Strassen derart dominiert, ist historisch gesehen eher irregulär und zeugt bisweilen, beispielsweise in Dörfern und Städten, von schlechter Raumplanung und Stadtplanung.
Ein weiterer sinnvoller Grundsatz könnte sein, dass Menschen sich generell versammeln und gemeinsam etwas unternehmen und dabei öffentliches Eigentum benutzen dürfen. Wenn ein paar Muslime also mit Plakaten durch eine Stadt ziehen wollen, um gegen das Minarettverbot zu protestieren, sollte das ohne Voranmeldung legal sein, wenn sie dies auf dem Trottoir tun und dieses dadurch nicht unpassierbar machen. Vergleichbar mit der Gruppe von Geschäftsleuten, die gemeinsam durch die Stadt laufen dürfen, um anderswo ein Restaurant zu besuchen. Die Tageszeit sollte auch kein Kriterium sein, um Menschenversammlungen zu verbieten. Jugendlichen sollte es beispielsweise erlaubt sein, sich in der Nacht mit Freunden zu treffen und auf öffentlichem Gelände etwas zu tun.2
Zusammengefasst könnte man vielleicht sagen, dass bei Occupy der Aufenthalt in der Öffentlichkeit legal sein sollte, der Denial of Service hingegen nicht (da ein DDoS nur aus letzterem besteht, ist klar, was das für DDoS-Angriffe bedeutet). In manchen Fällen, wie bei Gleisblockaden, lässt sich so die Grenze leicht ziehen, in anderen Fällen, wie etwa Parkokkupationen, ist die Legalität der Besetzung hauptsächlich von der Anzahl Leute und der Zeitdauer abhängig. Je mehr Leute einen Park besetzen und je länger sie sich dort aufenthalten, umso eher, resp. umso stärker, verunmöglichen sie es anderen Menschen, den Park ebenfalls zu benützen und umso weniger legal sollte die Besetzung sein.
Anhang: Die Petition im Wortlaut:
we petition the obama administration to:
Make, distributed denial-of-service (DDoS), a legal form of protesting.With the advance in internet techonology, comes new grounds for protesting. Distributed denial-of-service (DDoS), is not any form of hacking in any way. It is the equivalent of repeatedly hitting the refresh button on a webpage. It is, in that way, no different than any “occupy” protest. Instead of a group of people standing outside a building to occupy the area, they are having their computer occupy a website to slow (or deny) service of that particular website for a short time.
As part of this petition, those who have been jailed for DDoS should be immediatly released and have anything regarding a DDoS, that is on their “records”, cleared.3





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