ars libertatis

Die Moralität von Abtreibungen ist unter Liberalen und Libertären tief umstritten. Manche halten Schwangerschaftsabbrüche für ein weibliches Recht, das sich beispielsweise aus dem Selbsteigentumsrecht ableitet, andere für eine schwere Sünde, die die Lebensrechte der Ungeborenen zerstört. Der Grund für diesen innerliberalen Graben ist, dass der Liberalismus keine allumfassende Philosophie ist, die alle Aspekte des menschlichen Daseins und alle philosophischen Fragen ausleuchtet, sondern sich vornehmlich mit Freiheit und Zwang, und insbesondere mit der Staatsgewalt beschäftigt. D.h. sie kann Lösungen für zwischenmenschliche Konflikte finden, selbst wenn sich nicht nur Eigentumsrechte an beweglichen Sachen, sondern Lebensrechte gegenüber stehen, aber sie kann selber kaum beantworten, wann das Lebensrecht entsteht und ob einer Zygote, einem Embryo, einem Fötus der Personenstatus zukommt. Der Liberale muss folglich auf andere Ideologien, etwa den Katholizismus oder den säkularen Feminismus, zurückgreifen und kann erst im Anschluss daran beurteilen, ob Abtreibungen liberal oder illiberal sind, ob sie Rechte verletzen oder nicht.

Wird ein Embryo als rechtlos eingestuft, so ist relativ klar, dass eine Abtreibung keine Rechte verletzen kann, da er keine besitzt, ein Abtreibungsverbot hingegen das Recht der Schwangeren verletzen würde, selber über ihren Körper zu bestimmen.

Besitzt ein Embryo hingegen Rechte, so ist noch nicht unmittelbar klar, dass eine Abtreibung gänzlich falsch ist, sondern lediglich, dass die Rechte der Schwangeren (auf körperliche Selbstbestimmung) und des Embryos (auf physische Unversehrtheit) kollidieren können. Wessen Rechte bei dieser Kollision Vorrang haben, muss jedoch erst geklärt werden. Klärung schaffen kann der Liberalismus aber auch hier kaum alleine. Denn ihm fehlt eine Theorie, wann und wieso das Lebensrecht beginnt und somit auch die Voraussetzung, entscheiden zu können, ob eine Schwangerschaft ein Rechtetransfer zwischen Schwangerer und Embryo bedeutet, ob die Schwangere damit gewisse Pflichten eingeht, die sie nicht ablegen kann, und wessen Rechte Vorrang haben.

Will der Liberalismus zu diesen Fragen Stellung nehmen, was nicht zwingend gefordert ist, da er zu vielen Themen schweigt, muss er sich auf eine andere Philosophie beziehen. Er kann sich nicht auf die Wissenschaft berufen, da die Wissenschaften, hier Biologie und Medizin im Spezifischen, über die Moralität der Abtreibung nichts aussagen können. Sie können gewisse Informationen über die materiellen Eigenschaften des Abtreibens, der Schwangerschaft und der Embryonalentwicklung liefern, diese auf ihre ethische Relevanz zu bewerten bleibt aber Aufgabe der Philosophie.

Unabhängig von der konkreten ethischen Beurteilung der Abtreibung kann sich der Liberalismus zu diversen Themen äussern, die mit Abtreibungen verbunden sind, wie etwa der Abtreibungsfinanzierung. In der Schweiz übernimmt die obligatorische Krankenpflegeversicherung die Kosten für einen straflosen Schwangerschaftsabbruch. Dies bedeutet, dass alle Krankenversicherten, da die Grundversicherung obligatorisch ist also fast alle Schweizer und Schweizerinnen, die Kosten für Abtreibungen mittragen müssen. Eine Volksinitiative namens «Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache», die jedoch mit 69.8% Nein-Stimmen abgelehnt wurde, forderte denn auch, dass unter Vorbehalt seltener, aber nicht näher spezifizierter Ausnahmen seitens der Mutter, die obligatorische Grundversicherung die Kosten für Schwangerschaftsabbrüche und Mehrlingsreduktionen nicht mehr übernehmen sollte.

Für Liberale, die Abtreibungen aus ethischen Gründen ablehnen, ist die obligatorische Finanzierung stossend, da sie dadurch gezwungen werden, ein grosses Übel oder eine Sünde mitzufinanzieren, und der Zwang etwas Unmoralisches zu finanzieren selber nur unmoralisch sein kann. Aber auch für Liberale, die nicht gegen Abtreibungen sind, aber gegen Zwang gegen Erwachsene, ist diese Art der Finanzierung untragbar. Denn sie verletzt nicht nur die Eigentumsfreiheit und Vertragsfreiheit, sondern auch Religionsfreiheit und Gewissensfreiheit, zwei Freiheiten also, die für viele Leute wichtiger sind als der Schutz ihres Einkommens und ihres Vermögens vor dem Zugriff des Staates.

Es mag sein, dass ein Finanzierungszwang für Handlungen, die die eigene Religion als unmoralisch einstuft, die Religionsfreiheit weniger stark einschränkt, als etwa der Zwang, einer spezifischen Religion angehören zu müssen oder einer bestimmten Religion nicht angehören zu dürfen, oder der Zwang, selber Handlungen durchführen zu müssen, die man für unmoralisch hält, wie etwa militärische, aber dies bedeutet nicht, dass durch eine obligatorische Schwangerschaftsabbruchfinanzierung die Gewissensfreiheit nicht eingeschränkt ist. Gerade säkulare Humanisten und andere Atheisten, die Kirchensteuern für Unternehmen oder andere Kirchensubventionen (etwa für den Kirchenunterhalt oder für Pfarrlöhne) als Einschränkung ihrer Glaubensfreiheit sehen, müssten anerkennen, dass auch Abtreibungssubventionen die Glaubensfreiheit einschränken können. Denn diese stellen zwar nicht direkt Subventionen für andere Religionsgemeinschaften dar, aber sie machen die Abtreibungsgegner aus ihrer Sicht zu Mittätern, da deren Ressourcen bei der Vollziehung von Taten dienlich sind, die sie als schwer sündhaft einstufen.

Liberale, die die obligatorische Grundversicherung ablehnen, die die Krankenversicherung also freiwillig machen wollen, sollten daher alle Bestandteile der obligatorischen Versicherung ablehnen, ob es sich dabei um Schwangerschaftsabbrüche, Alternativmedizin oder um Grippemedikamente handelt, und somit dem individuellen Entfernen eines Bestandteiles der Grundversicherung aus dieser zustimmen. Andernfalls müsste begründet werden, wieso ausgerechnet hier mehr die Beibehaltung einer Staatsintervention besser ist als deren Abschaffung.