ars libertatis

Die Ästhetik ist heutzutage in Bedrängnis: Durch die Verherrlichung des Hässlichen, durch das Negieren der Wichtigkeit und des philosophischen Ranges der Schönheit, durch unvereinbare und widersprüchliche Schönheitskonzeptionen. Oft wird die Ästhetik jedoch nicht offen angegriffen, sondern subtil unterminiert. Ein paar der Methoden, mit der die Schönheit aufgeweicht, ausgehöhlt und zersetzt wird, werden im Folgenden aufgezählt und kurz umschrieben und teilweise kritisiert.

Körper-Geist-Dualismus: Zwischen Körper und Geist wird stark getrennt, sie werden als separate Sphären angesehen, die sich kaum berühren. Doch gerade in einem materialistischen Weltbild, in dem der Geist gleichbedeutend mit dem Hirn ist, lässt sich diese strenge Teilung nur schwer rechtfertigen, da das Gehirn so körperlich ist wie das Herz, die Lippen oder die Bauchmuskulatur. Das Hirn, und somit der Geist, ist eng mit dem restlichen Körper und insbesondere den Sinnesorganen verbunden. Dies bedeutet, dass sich Körper und Geist gegenseitig beeinflussen und sich positiv oder negativ verstärken können.

Geistesprimat: Dem Geist, dem Intellekt, dem Verstand, dem abstrakten Denken wird die massgebliche Wichtigkeit zugeschrieben, der den Körper so stark dominiert, dass letzter als weitgehend belanglos bewertet wird. Sich mit Belanglosem wie dem Körper zu beschäftigen wird in der Folge als oberflächlich und irrational kritisiert.

Schönheitssubjektivismus: Schönheit wird als subjektiv angesehen, als reine Geschmackssache, über die sich nicht argumentieren lässt. Doch die Ästhetik ist so sehr ein rationales Gebiet der Philosophie wie die Ethik und die Metaphysik und so wenig reine Geschmackssache wie diese. Schönheit lässt sich philosophisch und empirisch analysieren, Geschmack lässt sich bewerten, entwickeln und verbessern.

Schönheitsrelativismus: Wie beim generellen philosophischen Relativismus, der absolute Wahrheiten und eine universalistische Ethik verneint, geht der Schönheitsrelativismus davon aus, dass Schönheit lediglich für einzelne Individuen oder Kulturen Gültigkeit hat.

Aussehensunveränderlichkeit: Das menschliche Aussehen wird als angeboren und unveränderlich klassifiziert. Um dies als Argument gegen Schönheit und Schönheitsideale, aber nicht gegen Intellekt und Geistesideale, muss implizit angenommen werden, dass im Gegensatz zum Körper der Geist viel weniger angeboren und unveränderlich ist. Doch das Erbgut beeinflusst sowohl den Körper wie auch den Geist stark, was sich beispielsweise an der Heritabilität von Intelligenz, von Charaktereigenschaften und von psychischen Krankheiten und Behinderungen zeigt. Körper und Geist lassen sich daher beide nicht nach Belieben verändern. Der Körper ist zudem nicht unveränderlich, da man beispielsweise die Haare schneiden oder färben kann; mit Sport Muskeln aufbauen und Fett abbauen; oder die äussere Erscheinung verschiedener Aspekte des Körpers mit Kosmetika verändern kann. Zudem wird das Aussehen stark durch die Kleidung beeinflusst und gerade im Winter in den gemässigten Zonen sind bei vielen Menschen nur Hände und Kopf unverhüllt.

Kleidungsvernachlässigung: Bei Diskussionen über Schönheit und das menschliche Aussehen wird das Aussehen bisweilen mit dem menschlichen Körper gleichgesetzt, obwohl Menschen zumeist bekleidet sind und die Kleidung damit einen wesentlichen Anteil an der ästhetischen Gesamterscheinung eines Menschen hat. Gleichzeitig wird das Nichtbeachten der Kleidung anderer und Nachlässigkeit bei der Wahl der eigenen Kleidung als tugendhaft angesehen, da es als oberflächlich, irrational und ungebildet gilt, sich mit der Kleidungsästhetik auseinander zu setzen und schöner Kleidung einen hohen Wert zuzumessen.

Schönheitsisolation: Die Ästhetik solle ins Private zurückgedrängt werden, da Schönheit im Allgemeinen, Aussehen im Spezifischen keine Bedeutung für die Öffentlichkeit hätten und die Öffentlichkeit vornehmlich der Platz für Politik und Geistesaustausch sei. Doch die Öffentlichkeit dient allen sozialen Aktivitäten: Sinnlichen und körperlichen ebenso wie geistigen. Da der Mensch aus Körper und Geist besteht, und er in beiden Bereichen ein soziales Wesen ist, kann es entfremdend, isolierend, und atomisierend wirken, wenn ein wesentlicher Aspekt des Menschseins aus der Öffentlichkeit verdrängt werden soll.

Schönheitsegalitarismus: Aus der normativen Position, dass alle Menschen ethisch gleichwertig sind, wird abgeleitet, dass alle Menschen auch deskriptiv ästhetisch gleichwertig sind und alle Menschen schön sind. Individuelle Schönheitsunterschiede zur Kenntnis zu nehmen, zu beachten und beim Handeln zu berücksichtigen wird daher als ungerechtfertigte Ungleichbehandlung angesehen und als unmoralische Diskriminierung eingestuft. Wenn alle Menschen bereits schön und sogar gleich schön sind, besteht keine Notwendigkeit und keine Möglichkeit, schöner zu werden, was das generelle Schönheitsniveau auf das heutige Niveau begrenzt. Versuche, schöner zu werden, werden kritisiert, weil ein intrapersonale Schönheitsvergleiche interpersonelle Schönheitsvergleiche implizieren; schönheitsverschlechternde Handlungen können jedoch nicht bemängelt werden, da die Existenz von Schönheitsunterschieden bestritten wird. Diese Asymmetrie macht ästhetische Verschlechterungen akzeptabler als ästhetische Verbesserungen. Negativ denotierte und konnotierte Begriffe wie Lookism werden geprägt und auf immer mehr ästhetische Differenzierungen bezogen, die nicht nur sozial geächtet, sondern teilweise staatlich bekämpft oder verboten werden sollen.

Schönheitsidealwandel: Der historische, intertemporale und interkulturelle Wandel der Schönheitsideale wird als Beleg dafür herangezogen, dass es keine absoluten Schönheitsideale geben würde oder könne und Schönheit relativ sei. Doch ebenso gut könnte man anhand des Wandels ethischer und metaphysischer Ideale zeigen, dass Ethik und Wahrheit relativ seien. Denn dass sich der Glauben im Zeitverlauf verändert, beweist nicht, dass über das Glaubensobjekt keine objektive und absolute Erkenntnis möglich ist. Zudem sind die Schönheitsidealvergleiche oft mangelhaft und greifen einzelne Kunstobjekte heraus, ohne zu zeigen, dass diese repräsentativ für die damals geltenden Schönheitsideale sind. Zudem gibt es dutzende Unterkategorien von Schönheitsidealen, die nur bedingt vergleichbar sind. Religiöse, kultische, sexuelle, romantische, eheliche, philosophische, und künstlerische Schönheitsideale können divergieren und sind nicht immer deckungsgleich.