ars libertatis

Definiert man Armut als mangelnde Befriedigung der Grundbedürfnisse, wird klar, dass Armut sich nicht nur in einem Mangel an Nahrung und Obdach manifestieren kann, sondern auf viele verschiedene andere Arten, denn der Mensch ist auch ein soziales, ein sexuelles und ein geschichtenerzählendes Tier. Asexuelle, Einsiedler und Leute, die lieber unter freiem Himmel leben als unter einem Dach, gibt es zwar, aber sie sind seltene Ausnahmen.

Hält man Armut für ungerecht, kann man sich beispielsweise fragen: Ist es gerecht, dass manche Menschen in einem Tag mehr lesen als andere in ihrem ganzen Leben? Befinden sich die Nicht-Leser in einem Zustand der (literarischen) Armut?

Das hängt davon ab, ob Bücher ein Grundbedürfnis befriedigen. Für Leseratten und Bücherwürmer tun sie dies wohl, für andere Leute oder für die Menschheit als Kollektiv eher nicht. Geschichten allerdings scheinen ein menschliches Grundbedürfnis oder mindestens eine menschliche Universalie zu sein. Papierliteratur ist bloss eine Spezialform des Geschichtenerzählens und zeitlich und räumlich eine Rarität. Um Bücher zu produzieren und massenweise zu verteilen, braucht man ein gewisses Mass an Technologie, das es weltgeschichtlich noch nicht lange gibt. Geschichten kreieren und weitergeben können jedoch auch Analphabeten, Blinde, Stumme, Taube, etc. Es gibt wohl keinen indigenen Stamm, in dem keine Geschichten erzählt würden. Komplexere Zivilisationen und Hochkulturen ohne Geschichtentradition erst recht nicht.

Bei Mönchen und Nonnen werden die verschiedenen Formen der Armut gut sichtbar. In modernen westlichen Klöstern sind sie zwar gut mit Nahrung und Obdach versorgt, verzichten aber weitgehend auf andere materielle Güter. Sie sind in eine enge Gemeinschaft eingebettet, in der Geschichten eine wichtige Rolle spielen und oft erzählt werden, verzichten aber auf jegliche romantische oder sexuelle Kontakte. Getrennte Frauen- und Männerklöster beugen der Möglichkeit der Limerenz vor. Mönche und Nonnen sind somit arm und reich zugleich, sowohl absolut gesehen als auch relativ zum Bevölkerungsdurchschnitt.

Das staatliche soziale Sicherheitsnetz bekämpft zwar bestimmte Formen der Armut, wie Hunger oder Obdachlosigkeit, unternimmt aber nur wenig gegen die soziale Armut. Der Staat fördert diese indirekt und unabsichtlich sogar, indem er alternative Sicherheitsnetze verdrängt, die auch die sozialen Grundbedürfnisse des Individuums befriedigen würden.