ars libertatis

Viele Katholiken und Nicht-Katholiken, Christen und Nicht-Christen, Theisten und Atheisten erhoffen sich von Papst Franziskus, dass er progressiver und protestantischer sei als sein Vorgänger und die Kirche in ihrem Sinne umgestalten werde. Beispielsweise erwarten sie von ihm, dass er das Zölibat lockert, dass er die Frauenordination zulässt, dass er Scheidungen und Mehrfachehen akzeptiert oder dass er Homosexualität und gleichgeschlechtliche Partnerschaften und Ehen gutheisst.

Diese Ansinnen kommen oft von Leuten, die die Diversität für einen sehr positiven Wert halten und die mit der von ihnen erwünschten Umgestaltung der Kirche die Vielfalt fördern wollen. Es mag sein, dass die Frauenordination zur innerkirchlichen Vielfalt beitragen würde, doch gesamtgesellschaftlich würde sie wie auch die anderen obigen Vorschläge eine Abnahme der Diversität bewirken. Denn in einer progressiv modernistischen Welt tragen traditionalistische Individuen, Familien, Organisationen, Institutionen und Staaten in vielen verschiedenen Bereichen zur Vielfalt bei:

Philosophische Diversität: Der traditionalistische Katholizismus unterscheidet sich stark von Protestantismus, Progressivismus, Humanismus, sowie von anderen traditionalistischen Religionen. Gleicht sich ersterer letzteren an, verschwinden Denkschulen und Denktraditionen und die Weltanschauung vieler Leute wird ähnlicher.

Institutionelle Diversität: Der Staat Vatikanstadt ist eine der letzten verbleibenden absoluten Monarchien auf der Erde. Die katholische Kirche existiert als Institution seit über tausend Jahren. Es existieren kaum andere Organisationen, die über ähnliche Strukturen und einen ähnlichen Erfahrungsschatz verfügen.

Ästhetische Diversität: Auch die Ästhetik der katholischen Kirchen ist einzigartig und nach meinem Geschmack oft schöner als Erzeugnisse der Moderne, Post-Moderne und Post-Post-Moderne. Man denke beispielsweise an die Kleidung der Geistlichen, an die Kirchen, Klöster und Kathedralen, aber auch an den gregorianischen Choral, an die Orgelmusik und an die Messen grosser alter Komponisten, und nicht zuletzt an die rituelle Verwendung des Weihrauchs, auch wenn das keine katholische Eigenheit ist.

Je progressivistischer die Kirche werden wird, umso mehr katholische Eigenheiten werden verschwinden und umso geringer wird die Diversität der menschlichen Zivilisation sein. Diesen Verlust an Vielfalt mag man begrüssen, wenn man die Ästhetik, die Philosophie und die Institution der katholischen Kirche für hässlich, falsch und schädlich hält, aber dies schmälert das eigene Bekenntnis zur Diversität.

Zudem besteht die Gefahr, dass durch substanzielle Reformen der katholischen Kirche wichtige Errungenschaften (insbesondere instutioneller und organisationeller Art, aber auch philosophischer und ästhetischer Art) verloren gehen, deren Wert heute noch unbekannt ist oder falsch eingeschätzt wird. Gerade bei subtileren Errungenschaften der katholischen Kirche kann es gut sein, dass sie unbeabsichtigerweise zerstört werden, da es ihnen an der Offensichtlichkeit mangelt, die beispielsweise ein Abtreibungsverbot oder eine Soutane haben.