ars libertatis

Gleichheit in Form der Rechtsgleichheit erwachsener Personen oder in der Form des Glaubens daran, dass Gott alle Menschen liebt und alle Menschen die Chance auf Erlösung haben, mag gutartig oder richtiggehend positiv klingen, aber darin steckt schon der Same des Mammutbaums Egalitarismus. Vielleicht kann mit wohlgeformten Institutionen und einer passenden Kultur der Egalitarismus auf die Rechtsgleichheit und eine gewisse interpersonelle Chancengleichheit beschränkt werden, aber das bleibt zu beweisen. Nach der französischen Revolution zumindest ist der Mammutbaum tüchtig gewachsen und hat die Landschaft auf eine bemerkenswerte Art und Weise gestaltet.

Das markanteste Landschaftsmerkmal, das er geschaffen hat, ist eine merkwürdige Mischung aus Vereinheitlichung und Vielfaltsbegeisterung. Einerseits besteht eine relativ grosse Akzeptanz von Homosexuellen, Transsexuellen, Asexuellen, Singles, Alleinerziehenden, Andersreligiösen, Immigranten, Behinderten und ähnlichen Gruppierungen. Andererseits besteht ein grosser Druck zur Zentralisierung, also zur Nationalisierung, zur Internationalisierung, zur Kontinentalisierung, zur Interkontinentalisierung und zur Globalisierung. Lokale, regionale und nationale institutionelle Eigenheiten sollen angeglichen und durch Zentralinstitutionen geregelt werden. Mit dem einher geht eine Verflachung kultureller Eigenheiten. Multikulturalismus wird gefördert und gefordert, Diskrimination und Lokalismus werden eingeschränkt. Gesamthaft führt dies anfänglich zu einer grösseren interpersonalen Vielfalt in einer bestimmten Region und zu einer grösseren Gleichheit der Regionen. Später nimmt die interpersonale Vielfalt wieder ab, da nicht-egalitaristische kulturelle und ideelle Eigenheiten nicht toleriert werden und Leute, die zusammen leben, dazu tendieren, sich einander anzunähern.

Dies lässt sich auf die gegenwärtig vorherrschende Form des Egalitarismus zurückführen. Denn diese gibt sich nicht mit der Rechtsgleichheit der Einheimischen zufrieden, sondern fordert die rechtliche Gleichheit aller Personen. Da dies nur schwer möglich ist, wenn institutionell autonome Domänen unterschiedliche Verfassungen haben, werden übergeordnete Organisationen errichtet, die die Rechtswesen der Domänen angleichen sollen. Gepaart mit einer Rechteinflation führt dies zu einer Vergrösserung der Kompetenzen dieser Organisationen und somit zu einer institutionellen Annäherung und Angleichung der einst autonomen Domänen. Die Einbindung der Domänen in einen Bund oder eine Union ist da nur konsequent, ebenso wie die weitere Abtretung von Kompetenzen der Domänen an die Organe der Domänenunion.

Der Egalitarismus bezieht sich nicht nur auf eine rechtliche Gleichheit, sondern auch auf eine metaphysische und geistige Gleichheit aller Menschen. Die Annahme ist, dass Menschen auf fundamentale Art gleich sind und Unterschiede vorwiegend auf die Sozialisation zurückzuführen sind. Dies impliziert eine Gleichheit der Bedürfnisse und auch eine Gleichheit der dafür geeigneten Mittel. Dies wiederum macht die Bedürfnisbefriedigung im industriellen und vereinheitlichten Stil möglich. Es kann sie sogar imperativ machen, da lokale Abweichungen eine schlechtere Bedürfnisbefriedigung implizieren, was aus utilitaristischer Sicht ein grosses Übel ist. Eine weitere institutionelle Vereinheitlichung wird folglich nötig.

Das Vielfaltsgebot ist zwar noch vorhanden, wird jedoch auf eine spezifische Art und Weise interpretiert, die manche Vielfalten ein- und andere ausschliesst. Was das Thema Sexualität angeht, so können und sollen die Menschen zwar Sexualpartner verschiedener Geschlechter, Religionen und Nationen haben und verschiedene Sexualstellungen und Sexualpraktiken ausprobieren, aber sollen und können keine anderen institutionellen Formen für ihre Sexualität finden: Das Zölibat ist selbst unter vielen Katholiken verpönt und traditionalistische Ehen lassen sich rechtlich nicht durchsetzen.

Der Egalitarismus ist also dezidiert universalistisch und duldet neben sich keine nicht-egalitaristischen Institutionen und auch keine institutionellen Arrangements, die Ungleichheiten erhöhen können.