ars libertatis

Die Ausgestaltung des Erbrechts ist seit langer Zeit umstritten. Marx und Engels forderten beispielsweise im Kommunistischen Manifest die Abschaffung des Erbrechts. Diese Forderung hört man in ihrer einfachen Prägnanz heutzutage selten, doch moderne Linke sind grosse Befürworter von Pflichtteilen, die den Angehörigen des Erblassers eine Mindestbeteiligung am Nachlass zusichern, und für eine (Wieder-)Einführung oder eine Erhöhung der Erbschaftssteuer. Sie wollen die Testierfreiheit somit doppelt einschränken. Insbesondere das Erben von grossen Vermögen wird als anti-meritokratisch angesehen, da es sich dabei um ein Geschenk handelt und nicht um ein selber erarbeitetes Einkommen. Auch einige Liberale halten die Erbschaftssteuer für die gerechteste Steuer oder für diejenige Steuer, die mit den geringsten negativen Anreizverzerrungen verbunden ist. Für manche Leute ist die Vererbung zudem philosophisch rätselhaft, da die Eigentumsrechte einer Person über deren Tod hinaus Bestand haben sollen. Welche Gründe gibt es, die dafür sprechen, dass der Erblasser alleine entscheiden dürfen soll, was mit seinem Erbe geschieht?

Einzig die Testierfreiheit ist kompatibel mit der Eigentumsfreiheit. Sowohl Pflichtteile, wie auch Erbschaftssteuern oder obligatorische Organspenden schränken die Eigentumsrechte des Erblassers ein. In allen drei Fällen besitzen andere Personen als der Erblasser die Entscheidungsmacht über den Nachlass und können ohne sein Einverständnis und gegen seinen (letzten) Willen über sein Eigentum verfügen.

Eine staatliche Verteilung des Nachlasses würde zu politischen Verteilungskämpfen führen. Beim Pflichtteil wäre dies vielleicht weniger der Fall, da es oft nur wenige Angehörige gibt und wenige Möglichkeiten, das Erbe auf diese aufzuteilen. Zudem sind Witwen, Witwer, sowie andere hinterbliebene Angehörige politisch relativ schwach organisiert. Bei einer Erbschaftssteuer würden die üblichen Interessengruppierungen Anspruch auf die Steuergelder erheben und versuchen, für sich einen möglichst grossen Anteil zu erlangen. Ein Teil der Erlöse aus der Erbschaftssteuer würde folglich zur Bestreitung des Verteilkampfes und der Finanzierung der Interessensvertreter und Lobbyisten verwendet werden.

Existiert die Testierfreiheit, kann es zu grossen Einzelerbschaften kommen. Die betroffenen Erben sind diesbezüglich stark privilegiert. Doch gerade die Testierfreiheit macht diese Erbschaften meritokratischer, da die Familienangehörigen nicht durch die Pflichtteile rechtliche Ansprüche auf Teile des Millionenvermögens haben, sondern die Erben ihre Erbschaften aus Sicht des Erblassers verdienen müssen.

Erbschaftssteuern könnten die Vermögensungleichheit reduzieren, sofern der Staat das Geld gleichmässiger verteilen würde, würden aber zu einer Zentralisierung der Erbschaftsentscheidungen führen. Der Staat hätte privilegierten Zugriff auf den Nachlass aller Menschen. Eine kleinere Gruppe von Menschen würde darüber entscheiden, wie die vererbten Vermögen verwendet werden sollen. Fehlentscheide hätten grössere Auswirkungen, da sie grössere Geldbeträge und mehr Menschen betreffen würden.

Die Testierfreiheit fördert das psychische Wohlergehen der Erblasser. Ob gerechtfertigterweise oder nicht, den meisten Menschen ist nicht egal, was nach ihrem Tod mit ihrem Hab und Gut geschieht. Sie wünschen sich, dass es für aus ihrer Sicht gute Zwecke verwendet wird. Sind staatliche Ziele und individuelle Ziele kongruent, spielt es keine Rolle, ob der Staat oder der Erblasser den Nachlass verteilt, da beide es auf dieselbe Art und Weise tun würden. Doch diese Kongruenz dürfte eher selten anzutreffen sein. Gerade bei politisch disprivilegierten Leuten, deren Ideologie sich vielleicht stark von derjenigen des Staates unterscheidet oder die keinen grossen Interessensgruppen angehören, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass der Staat ihren Nachlass nicht in ihrem Sinne verteilen würde. Da die künftigen Erblasser dies antizipieren können, beeinflussen Ereignisse, die erst nach ihrem Tod stattfinden, die Glückseligkeit der noch Lebenden.

Die Leute, die erwarten, dass nach ihrem Tod ihr Eigentum an Leute gehen wird, die sie nicht mögen oder für Zwecke verwendet werden wird, die ihnen nicht gefallen, wären zu ihrer Lebzeit unglücklicher, als diejenigen, die erwarten, dass ihr Nachlass in ihrem Sinne verteilt werden wird. Sie würden ihr Eigentum womöglich weniger pflegen und eher verschwenderisch als sparsam leben oder eher konsumieren als investieren, was negative volkswirtschaftliche Konsequenzen haben kann. Das Erbrecht entfaltet Anreizwirkungen und beeinflusst, wie die Lebenden ihre Vermögen verwenden.

Noch wichtiger für das Glück der Lebenden ist, dass sie selber über ihre Bestattung bestimmen können. Etliche Leute glauben an ein Leben nach dem Tod und sind überzeugt, dass ihr Wohlergehen im Jenseits dadurch beeinflusst wird, was nach ihrem Tod mit ihrem Körper geschieht. Müssten diese Leute erwarten, dass mit ihrem Körper anders als auf die gewünschte Art umgegangen werden wird, wären sie während ihrem irdischen Leben deutlich weniger glücklich.