ars libertatis

29. März 1895 – 17. Februar 1998

Der Waldgang soll nicht verstanden werden als eine gegen die Maschinenwelt gerichtete Form des Anarchismus, obwohl die Versuchung dazu nahe liegt, besonders wenn das Bestreben zugleich auf eine Verknüpfung mit dem Mythos gerichtet ist. Mythisches wird ohne Zweifel kommen und ist bereits im Anzüge. Es ist ja immer vorhanden und steigt zur guten Stunde wie ein Schatz zur Oberfläche empor. Doch wird es gerade der höchsten, gesteigerten Bewegung entspringen als anderes Prinzip. Bewegung in diesem Sinne ist nur der Mechanismus, der Schrei der Geburt. Zum Mythischen kehrt man nicht zurück, man begegnet ihm wieder, wenn die Zeit in ihrem Gefüge wankt, und im Bannkreis der höchsten Gefahr.

Der Waldgang (1951), 17

Freilich ist kein Zufall, daß alles, was uns mit zeitlicher Sorge bindet, sich so gewaltig zu lösen anfängt, wenn sich der Blick auf Blumen und Bäume wendet und von ihrem Bann ergriffen wird. Nach dieser Richtung sollte die Botanik sich erhöhen. Da ist der Garten Eden, da sind die Weinberge, die Lilien, das Weizenkorn der christlichen Gleichnisse. Da ist der Märchenwald mit den menschenfressenden Wölfen, Hexen und Riesen, aber auch dem guten Jäger darin, die Rosenhecke Dornröschens, in deren Schatten die Zeit stille steht. Da sind die germanischen und keltischen Wälder, wie der Hain Glasur, in dem die Helden den Tod bezwingen, und wiederum Gethsemane mit den Ölbäumen.

Der Waldgang (1951), 20

Der Wald ist heimlich. Das Wort gehört zu jenen unserer Sprache, in denen sich zugleich ihr Gegensatz verbirgt. Das Heimliche ist das Trauliche, das wohlgeborgene Zuhause, der Hort der Sicherheit. Es ist nicht minder das Verborgen-Heimliche und rückt in diesem Sinne an das Unheimliche heran.

Der Waldgang (1951), 21

Zu den Kennzeichen der Befragung gehört die Einsamkeit. Sie ist besonders merkwürdig in Zeiten, in denen der Kultus der Gemeinschaft blüht. Daß aber gerade das Kollektiv als das Unmenschliche auftritt, gehört zu den Erfahrungen, die wenigen erspart bleiben. Es ist ein ähnliches Paradoxon wie jenes: daß im gleichen Verhältnis zu den ungeheuren Raumeroberungen sich die Freiheit des Einzelnen mehr und mehr beschränkt.

Der Waldgang (1951), 23

Man könnte sagen, daß immer ein bestimmtes Maß an Gläubigkeit besteht, das durch die Kirchen legitim gestillt wurde. Nun, frei geworden, heftet sich die Kraft an all- und jedes an. Daher die Leichtgläubigkeit des modernen Menschen, bei gleichzeitigem Unglauben. Er glaubt, was in der Zeitung, doch nicht, was in den Sternen geschrieben steht.

Der Waldgang (1951), 24

Die Sprache lebt nicht aus eigenen Gesetzen, denn sonst beherrschten Grammatiker die Welt. Im Urgrund ist das Wort nicht Form, nicht Schlüssel mehr. Es wird identisch mit dem Sein. Es wird zur Schöpfungsmacht. Und dort liegt seine ungeheure, nie ausmünzbare Kraft. Hier finden nur Annäherungen statt. Die Sprache webt um die Stille, wie die Oase sich um eine Quelle legt. Und das Gedicht bestätigt, daß der Eintritt in die zeitlosen Gärten gelungen ist. Davon lebt dann die Zeit.

Der Waldgang (1951), 34

Aber das Gedicht gehört zum Wesen des Menschen, nicht zum Gepäck. Es bleibt sein Ausweis, sein Kennzeichen, sein Losungswort.

An der Zeitmauer (1959), Fremde Vögel, 3

Verglichen mit der unseren war die Steinzeit wahrscheinlich ein Goldenes Zeitalter. Vermutlich konnte man sich unendlich glücklicher fühlen, auch sicherer. Es gab weder Polis noch Politik.

An der Zeitmauer (1959), An der Zeitmauer, Humane Einteilungen, 60

Auch die Ansicht, daß dieses Leben mühsamer gewesen sei, sogar mühsamer als das unsere, ist ein Vorurteil. Die Jagd auf den großen Gründen war das freie Vergnügen, wie es später der Adel und die Fürsten sich reserviert haben, und der Lebenswunsch lag darin, wie Orion, der Liebling der Eos, ewig Jäger zu sein. Nur der Jäger will auch nach dem Tode weitertreiben, was sein Leben ausmachte: in den Ewigen Jagdgründen. Das gibt es in keiner anderen Zeit.

An der Zeitmauer (1959), An der Zeitmauer, Humane Einteilungen, 82