ars libertatis

Ethik gilt gemeinhin als höchster Wert und als ultimative Richtschnur für persönliches und staatliches Handeln. Die Ästhetik kann somit der Ethik nur untergeordnet sein. Dies zeigt sich beispielsweise bei den Ansprüchen an den Staat: Der Staat solle Gerechtigkeit schaffen und unmoralische Taten bestrafen, doch nur selten wird verlangt, er solle Schönheit schaffen oder unästhetische Handlungen besteuern. Selbst bei sanfteren Staatseingriffen wie etwa Nudges gibt es viele Vorschläge, wie der Staat intervenieren könnte, um die Bürger dazu zu animieren, gesündere Entscheidungen zu treffen, aber deutlich weniger Vorschläge, wie er als Entscheidungsarchitekt Anreize zu ästhetischerem Handeln setzen könnte. Es gibt wenige staatliche Tätigkeitsbereiche, bei denen Schönheit eine nennenswerte Rolle spielt. Bei Architektur und Raumplanung tut sie dies vielleicht am ehesten. Doch bei der Architektur scheint sein Sinn für Schönheit langsam zu erodieren, während bei der Raumplanung teilweise andere Ideale, wie etwa Umweltschutz, Vorrang nehmen. Selbst dort, wo es um die Bewahrung des Stadtbildes geht, wird dies oft mit der touristischen Attraktivität der Stadt (was entweder das BIP steigern soll, was als utilitaristisch positiv angesehen wird, oder mehr Steuereinnahmen generieren soll, damit der Staat mehr Gutes tun kann) begründet und nicht vornehmlich mit der Ästhetik. Zudem wird die Raumplanung generell als unwichtig eingestuft, insbesondere im Vergleich zur Aussenpolitik, die die meisten Bürger nur indirekt betrifft, wohingegen der gewöhnliche Bürger (der sich nicht in seinem Château davon abschotten kann) die Konsequenzen der Raumplanung tagtäglich unmittelbar erlebt und entweder ertragen muss oder geniessen darf.

Doch wie lässt sich diese Ungleichbehandlung von Ethik und Ästhetik begründen und wie lässt sich erklären, dass diese Ungleichheit von vielen Leuten vertreten wird, aber meist ohne diese als bewusstes Konzept im Kopf zu tragen und ohne sich bewusst zu sein, dass es Alternativen zu dieser spezifischen Wertehierarchie gibt?

Der Nihilismus behandelt beide Werte gleich. Er sieht Ethik und Ästhetik als menschliche intellektuelle Konzepte ohne externe Existenz. Dies bedeutet, dass der Nihilismus keine objektive Wertehierarchie begründen kann, sondern dass er dem Individuum oder der Gruppe erlaubt, eine beliebige persönliche Wertehierarchie zu kreieren oder auszuleben, die allerdings keinen objektiven Geltungsanspruch haben kann. Die genannte Ungleichbehandlung könnte also damit erklärt werden, dass viele Leute ethische und ästhetische Nihilisten sind und sich eine Wertehierarchie erschaffen haben, bei der die Ethik so weit über der Ästhetik steht, dass letztere kaum politische Relevanz hat, resp. bei allen politischen Erwägungen von anderen Werten übertrumpft wird. Doch die Rhetorik der Werte-Inegalitaristen lässt dies als zweifelhaft erscheinen. Denn oft wird die Subjektivität der Schönheit als Argument gegen staatliche Ästhetik-Vorschriften, gegen gesellschaftliche Schönheitsnormen und teilweise sogar gegen individuelle Schönheitsurteile benutzt. Doch Nihilisten sollten wissen, dass die Subjektivität einer Sache nicht zwingend deren Normativität negiert. Zumindest müssten sie wissen, dass wenn die Subjektivität der Ästhetik zwingend dagegen spricht, diese gesellschaftlich zu normieren, dies bei einer doppelten Nichtobjektivität auch bei der Ethik der Fall sein müsste. Doch meiner Erfahrung nach sind Leute, die mit der Subjektivität der Schönheit gegen Schönheitsideale argumentieren, zumeist für starke ethische Ideale und Normen. Somit ist es eher unwahrscheinlich, dass viele Leute ethische und ästhetische Nihilisten sind. Der Glaube an Nihilismus fällt also als Erklärung für die breite gesellschaftliche Ungleichbehandlung von Ethik und Ästhetik weg.