ars libertatis

Fördert die Europäische Union den (innereuropäischen) Frieden und würde ohne sie die Gefahr für Kriege steigen?

Der jüngste innereuropäische Frieden und die EU überlappen sich zeitlich, aber es ist schwierig, zu zeigen, dass es sich bei dieser Korrelation um einen Kausalzusammenhang handelt, bei dem die EU den Frieden verursacht hat. Denn es gibt andere Erklärungsansätze, die nicht a priori als unwahrscheinlicher eingestuft werden sollten. Beispielsweise ist es möglich, dass der innereuropäische Frieden zur Entstehung der EU geführt hat, dass ein Drittfaktor für beides verantwortlich ist, oder dass nur ein schwacher Zusammenhang zwischen den beiden Ereignissen existiert. So kann man die EU als Projekt eines universalistischen Progressivismus ansehen, der vom konkreten Ausgang des Zweiten Weltkriegs befeuert wurde, sich aber schon seit langer Zeit im Wachstum befunden hatte. Der innereuropäische Frieden wiederum könnte das Resultat einer gewissen Kriegsmüdigkeit sein, die nach dem Zweiten Dreissigjährigen Krieg eingesetzt hat. Aus diesem Blickwinkel wäre die Intensität des Krieges selber die Ursache für den Frieden.

Neigt man zu einer pessimistischeren Sichtweise, wird man sich zudem fragen, ob der innereuropäische Frieden überhaupt existiert, ob ein Outsourcing der Kriege stattgefunden hat, oder ob die innereuropäischen Kriege heute schlicht und einfach mit anderen Mitteln geführt werden.

Ist die Europäische Union gesamthaft gesehen als positiv oder als negativ zu beurteilen?

Das Urteil darüber, ob sich die EU positiv oder negativ auf Wirtschaft, Gesellschaft, Umwelt und Kultur ausgewirkt hat, wenn man alle Effekte zusammenfasst, hängt stark vom eigenen Weltbild ab. Manche Leute halten kleinere Domänen für optimaler, andere grössere. Dies ist nicht nur eine Folge der unklaren Empirie, sondern auch der unterschiedlichen Ziele und Werte, anhand derer die Menschen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft optimieren wollen. Zwischen Universalismus und Pluralismus, zwischen Exit und Voice, zwischen der Niederlassungsfreiheit und der Vereinigungsfreiheit gibt es grosse Konflikte, die sich nicht wissenschaftlich auflösen lassen. Empirische Daten können für die Abwägung zwischen diesen Wertepaaren hilfreich sein, doch die Gewichtung der Werte bleibt eine philosophische und persönliche Angelegenheit. Eine Ablehnung der EU, der Nationalstaaten oder der Sezession von Kommunen kann somit nur beschränkt auf mangelhafte Bildung und Kenntnis der empirischen Fakten zurückgeführt werden. Vielmehr ist es eine Frage der persönlichen Wertehaltung.