ars libertatis

In einer Ära, in der sowohl die Freiheit wie auch das Denken hochgelobt werden, bezeichnet sich kaum jemand als Unfreier, als Undenker oder als Unfreidenker. Doch während sich viele als Freie und als Denker bezeichnen, so gibt es nur wenige, die sich Freidenker nennen. Ein Grund dafür mag sein, dass ‘Freidenken’ nicht bloss ‘frei denken’ bedeutet, sondern eine spezifische weltanschauliche Wertehaltung bezeichnet. Dies zeigt beispielsweise ein Blick in den Freidenker-Test und die Beitrittserklärung der Freidenker-Vereinigung der Schweiz.


Abschnitte


Zum Freidenker-Test der Freidenker-Vereinigung der Schweiz

Dieser Test besteht aus zehn Aussagen, deren Bejahung eine Nähe zu den Freidenkern anzeigen soll:

Ich denke, dass das Ideal der Ethik, das Leid in der Welt zu mindern, nicht von einer Gottheit verordnet sondern von Menschen erdacht und erfühlt worden ist.

Es ist ein ethisches Ideal neben vielen anderen. Jede Weltanschauung kennt eigene ethische Ideale, die sich manchmal überschneiden und manchmal widersprechen. Leid zu mindern ist nicht das einzige und nicht das oberste Ideal meiner Ethik. Tendenziell ist es zwar moralisch gut, Leid zu mindern, aber die Ethik kann nicht darauf reduziert werden, sondern ist ein Büschel dutzender bis hunderter grösserer und kleinerer Ideale und Werte. Dies bedeutet, dass manchmal andere Ideale als dieses Vorrang nehmen und dass es unmoralisch sein kann, Leid zu mindern. Zumal es mir unwahrscheinlich scheint, dass Leid immer schlecht ist.

Ich halte Fairness für die grundlegende Verhaltensmaxime im Umgang mit anderen.

Fairness ist ein ziemlich vager Begriff, der sehr unterschiedlich definiert wird. So oder so glaube ich jedoch nicht, dass es nur eine einzelne grundlegende Verhaltensmaxime gibt oder dass es gut wäre, sein Leben an einer einzigen Maxime auszurichten. Besser wäre es, sich an einem Maximenbündel zu orientieren, wobei sich die Maximen durchaus widersprechen können und man sie gegeneinander abwägen muss.

Ich habe keine Angst vor Autoritäten und Traditionen, sondern bediene mich meines Verstandes.

Ich bediene mich meines Verstandes, aber manche Traditionen und manche Autoritäten sind, wenn nicht intellektuell beängstigend, so doch angesichts ihrer Auswirkungen auf das Handeln der Menschen furchteinflössend.

Ich bin offen für Kritik, wende mich gegen Dogmatismus jeglicher Art und trete mit diesem Vorbehalt für meine Überzeugungen ein.

Ich bin nicht dogmatisch gegen Dogmatismus.

Ich geniesse mein Leben, denn mir ist höchstwahrscheinlich nur dieses eine gegeben.

Ich versuche, mein Leben zu geniessen, doch würde dies auch tun, wenn es nicht das einzige wäre, das mir gegeben ist. Es ist möglich, das Leben zu geniessen, auch wenn man an eine ewige Reinkarnation glaubt und es ist möglich, das Leben nicht zu geniessen, auch wenn man glaubt, man habe nur dieses eine. Genuss und Glaube verhalten sich wohl weitgehend orthogonal. Meine Vermutung ist, dass der Lebensgenuss grösstenteils von der emotionalen Konstitution abhängt und dass der Glaube eher davon beeinflusst wird als umgekehrt.

Ich halte die Evolutionstheorie für die einleuchtendste Erklärung unserer Herkunft.

Denke ich freier, wenn ich an die Evolutionstheorie glaube, als wenn ich an die Schöpfungslehre glaube? Ist es das Denkresultat, das das Freidenken ausmacht, oder die Denkweise? Ist es zwingend der Fall, dass ein guter Denkprozess zu einem guten Denkergebnis führt oder ist dies lediglich eine Tendenz? Kann Freidenken nie zum Kreationismus führen und Unfreidenken nie zur Evolutionslehre?

Ich toleriere religiöse Meinungen anderer, solange sie nicht im Widerspruch zu den allgemeinen Menschenrechten stehen.

Ich toleriere religiöse Meinungen sogar dann, wenn sie nicht nur gedacht, sondern geäussert werden und den allgemeinen Menschenrechten widersprechen. Wobei ich nicht weiss, ob mit den Menschenrechten hier ein abstraktes Ideal gemeint ist oder ein niedergeschriebenes Bündel von Rechten wie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen.

Ich finde, dass die organisierten Religionen mehr Schaden als Nutzen anrichten.

Es ist sehr schwer zu quantifizieren, ob Religionen mehr Schaden oder mehr Nutzen anrichten, wenn man alle ihre Auswirkungen berücksichtigen will. Schon nur, weil es so viele verschiedene Religionen gibt. Ich würde jedoch vermuten, dass die organisierten theistischen Ideologien nicht mehr Schaden anrichten als die organisierten atheistischen oder säkularen Ideologien.

Ich finde, die Trennung von Staat und Kirche sollte in allen Kantonen der Schweiz vollzogen werden.

Dies hängt davon ab, ob andere Organisationen an die Stelle der Kirchen treten werden und wenn ja, welche.

Ich gehöre keiner Kirche oder Glaubensgemeinschaft an.

Dies ist die zehnte und letzte Aussage, zu der sich der dem Freidenken geneigte Mensch positionieren soll. Und wie den meisten der anderen Aussagen kann man ihr nur zustimmen, wenn man bestimmte weltanschauliche Positionen teilt, die nur wenig mit einer bestimmten Art und Weise zu denken zu tun haben, sondern vornehmlich Ideale einer bestimmten Ideologie, nämlich des säkular-progressivistischen Humanismus, sind. In diesem Sinne ist das Freidenken nicht prozessorientiert und ergebnisoffen, sondern an spezifische Denkresultate gebunden. Meiner Ansicht nach sollte das Freidenken jedoch ein Prozess sein und nicht ein fixes Bündel von Glaubensinhalten und Überzeugungen.

Zur Beitrittserklärung der Freidenker-Vereinigung der Schweiz

Die Beitrittserklärung dürfte ernster gemeint sein als der Freidenker-Test, unterscheidet sich von diesem inhaltlich aber nur bedingt:

Der/die Unterzeichnete bekennt sich zu den Zielen der FVS Schweiz:
Die FVS fördert das freie und kritische Denken aufgrund einer humanistischen und wissenschaftsorientierten – an keine Glaubenssätze oder politische Ideologie gebundenen – Weltanschauung und Ethik. Sie ist bestrebt, diese Werte in Staat und Gesellschaft zur Geltung zu bringen.
Die FVS tritt ein für die Freiheit des Glaubens, der Meinung und der Meinungsäusserung. Sie strebt die Gleichberechtigung aller weltanschaulichen Gruppen und deren Unabhängigkeit vom Staat (Trennung von Staat und Kirche) an.

Der erst Punkt ist widersprüchlich. Der Humanismus ist eine Weltanschauung, ist eine Ideologie und fusst als solche auf bestimmten Glaubenssätzen, die ethischer, metaphyischer, ontologischer, epistemologischer und ästhetischer Natur sind. Und wie jede Ideologie und jede Ethik stellt auch der Humanismus politische Forderungen. Somit ist die humanistische Weltanschauung und Ethik an bestimmte Glaubenssätze und an eine bestimmte politische Ideologie gebunden, nämlich an den säkularen Humanismus und dessen Dogmen.

Der zweite Punkt ist ebenfalls widersprüchlich. Denn die Unabhängigkeit aller weltanschaulichen Gruppierungen vom Staat erschöpft sich eben nicht in der Trennung von Staat und Kirche, sondern würde auch die Trennung von Staat und säkularen ideologischen Gruppierungen bedingen. Dies bedeutet, auch Staat und Medien, Staat und Parteien, Staat und Nonprofitorganisationen, sowie Staat und Schulen müssten getrennt werden. Es ist jedoch äusserst unwahrscheinlich, dass dies den Zielen der FVS entsprecht. Somit läuft auch das politische Programm der FVS darauf hinaus, bestimmte weltanschauliche Gruppierungen zu privilegieren. Zumal die FVS offen zu gibt, dass sie bestimmte Werte im Staat zur Geltung bringen will, was eine Privilegierung derjenigen Weltanschauung entspricht, zu der diese Werte gehören. Steht man dem FVS-Humanismus nicht näher als dem Katholizismus, fällt es schwer, einen Nutzen darin zu sehen, die Privilegierung des letzteren und dessen Institutionen durch die Privilegierung des ersteren und dessen Institutionen zu ersetzen.

Schlussendlich scheint die FVS eher eine Vereinigung für eine bestimmte Untergruppe der Humanisten zu sein, als eine Vereinigung, die Freidenker verschiedenster Ideologien, von innerhalb und ausserhalb der Kirchen, versammelt, die stark divergierende Werte vertreten, sich aber über die Grundvoraussetzungen des Freidenkens, wie etwa die Glaubensfreiheit oder die Meinungsäusserungsfreiheit, einig sind.