ars libertatis

Freiheiten gibt es tausende und Freiheiten werden auf hunderte verschiedene Arten und Weisen gebündelt, verteidigt, angepriesen und durchgesetzt. Doch unabhängig davon, welches Freiheitsbündel man persönlich befürwortet, stellt sich die Frage, ob diese Freiheiten ähnliche Charakteristika haben, ob sie sich strukturell ähnlich verhalten und ob sie denselben Gesetzmässigkeiten unterliegen. Dies herauszufinden, ist einerseits wichtig, um ein klareres Bild der Freiheiten zu bekommen und diese freiheitsgetreuer umsetzen zu können, andererseits ist es ein guter Test, um festzustellen, ob man unterschiedliche Freiheiten unbegründetermassen und ungerechtfertigterweise unterschiedlich behandelt und beispielsweise unterschiedlich weit oder eng auslegt. Wenn man feststellt, dass man zwei Freiheiten unterschiedlich behandelt, man aber nicht genau begründen kann, wieso man dies tut, ist man entweder unbewusst auf ein tiefer liegendes, fundamentaleres Gesetz gestossen, oder aber man hat eine eigene Voreingenommenheit gefunden. Letzteres dürfte häufiger geschehen als ersteres, was es nötig macht, das präferierte Freiheitsbündel periodisch neu durchzudenken, um den eigenen Liberalismus konsequenter und kohärenter gestalten zu können.

Eine gute Gelegenheit, um die eigenen Ideale und damit die eigene Ideologie zu überdenken, bieten oft gehörte und oft rezitierte Leitsprüche über die Freiheit, wie etwa jener, dass Meinungsäusserungsfreiheit nicht bedeutet, frei von Konsequenzen zu sein, oder jener, dass Religionsfreiheit auch bedeutet, frei von Religion zu sein. Einerseits kann man die beiden Sprüche gegeneinander abwägen und auf Unvereinbarkeiten und Gemeinsamkeiten überprüfen, andererseits kann man untersuchen, ob man diese Leitsätze auch auf andere Freiheiten anwenden würde, und wenn nicht, ob es dafür genügend gute Gründe gibt, und wenn sich herausstellt, dass die Ungleichbehandlung nicht gerechtfertigt ist, ob man die Leitsätze aufgeben oder erweitern sollte.

Geht man iterativ-invertierend vor, muss man sich fragen: Wenn Meinungsäusserungsfreiheit bedeutet, nicht frei von Konsequenzen zu sein, bedeuten dann die Kunstfreiheit, die Versammlungsfreiheit, die sexuelle Freiheit, die (bspw. um gleichgeschlechtliche Ehen erweiterte) Ehefreiheit, die Gewerkschaftsfreiheit, die Eigentumsfreiheit, die Bewegungsfreiheit, die Religionsfreiheit, die Wissenschaftsfreiheit, etc., auch, nicht frei von Konsequenzen sein?

Wenn die Religionsfreiheit durch Subventionen an religiöse Gemeinschaften, durch religiöse Symbole an staatliche Einrichtungen, oder durch Religionsunterricht an den staatlichen Schulen verletzt wird, wird dann die Kunstfreiheit durch Kunstsubventionen, durch staatliche Kunstaustellungen, oder durch staatlichen Kunstunterricht, die Medienfreiheit durch Mediensubventionen und Mediensteuern, die sexuelle Freiheit durch staatliche Sexualkunde, die Ehefreiheit durch unterschiedliche Steuersätze für unterschiedliche Zivilstände, die Pressefreiheit durch Pressesubventionen, die Bildungsfreiheit durch Schulsubventionen und staatlichen Schulunterricht, die Bewegungsfreiheit durch Strassen- und Schienensubventionen, etc., verletzt?

Wie konsequent man diese Fragen beantwortet, wird davon abhängen, ob man davon ausgeht, dass die Freiheiten durch grundlegende Gemeinsamkeiten verbunden sind und sich unter Umständen gar auf eine Freiheit reduzieren lassen, oder ob man sie für einzigartig und vollkommen verschieden hält.