ars libertatis

Fremdheit bedeutet Unbekanntheit und Unvertrautheit, ob mit bestimmten Ideen, bestimmten Personen(gruppen) oder bestimmten Gegenständen. Individuen leben in unterschiedlichen Umgebungen und machen unterschiedliche Erfahrungen, was dazu führt, dass sie mit unterschiedlichen Bezugsobjekten und Beziehungen vertraut werden. Fremdheit ist somit grundsätzlich subjektiv und individuell, wenngleich sich familienspezifische, schichtspezifische und kulturspezifische Cluster bilden. In multikulturellen und polysubkulturellen Gesellschaften fragmentieren diese Cluster jedoch zunehmend und die Menschen innerhalb einer Nation sehen sich stärker als Fremde, da es weniger landesweit gemeinsame und mehr subkulturspezifische Erfahrungen gibt. Ein bekanntes und relativ altes Beispiel dafür ist etwa die Spaltung der Gesellschaft oder zumindest der Schulen in Jocks und Nerds, deren Interessen, Freizeitbeschäftigungen und Vokabular stark divergieren.

Wenn heutzutage von Fremden die Rede ist, sind damit jedoch oft und überparteilich Ausländer gemeint, etwa wenn Rechte vor Überfremdung warnen oder Linke vor Fremdenfeindlichkeit. Doch es ist irreführend, nur Ausländer als Fremde anzusehen. Denn Fremdheit im Sinne einer generellen Unvertrautheit beschränkt sich nicht nur auf andere Hautfarben, andere Nationalitäten oder andere Sprachen. Fremd können auch andere Weltanschauungen, andere Sitten, andere Bräuche, andere Dialekte, andere Werte, andere Ästhetiken u.ä. sein. Die Fremden müssen also nicht aus dem Ausland kommen müssen, sondern können auch aus dem Inland stammen. D.h. auch Schweizer, deren Ururgrossväter schon in der Schweiz lebten, können fremd im eigenen Land sein. Mitunter weil ihre Weltanschauung eher derjenigen ihrer Ururgrossväter entspricht als derjenigen der kontemporären Mitbürger und diese denen trotz Geschichtsunterricht unvertraut ist. Denn Geschichtsunterricht ist bisweilen lückenhaft und man kommt dem Fremden näher, wenn man es als gelebte Praxis kennen lernt und nicht bloss als Geschichtsbuchinhalt.

Eng verbunden mit dem Begriff der Fremdheit ist der Begriff der Xenophobie. Diese bedeutet wortwörtlich Fremdenfurcht, wird jedoch oft als Fremdenfeindlichkeit übersetzt, was wiederum teilweise als Ablehnung der Andersartigkeit erklärt wird. Somit besteht eine doppelte Ungenauigkeit, einerseits die Gleichsetzung von Angst, Ablehnung und Ausgrenzung, und andererseits die Gleichsetzung von Fremdheit und Andersartigkeit. Zwar bestehen Gemeinsamkeiten zwischen den Konzepten, doch es gibt auch Unterschiede, die sich nur mit grösseren Informationsverlusten ignorieren lassen. So impliziert Fremdheit etwa Andersartigkeit, da man mit der eigenen Eigenartigkeit generell vertraut ist. Andersartigkeit bedeutet jedoch nicht zwingend Fremdheit, auch wenn sie dieses anfänglich stets ist. Man kann das Andere kennen lernen und sich mit ihm vertraut machen, auch wenn man es sich nicht zu eigen macht, was bei manchen Andersartigkeiten sowieso nicht möglich ist. Angst, Ablehnung und Ausgrenzung sind distinkte Konzepte, die gemeinsam auftreten und einander verstärken oder hervorbringen können, doch dies muss nicht zwingend geschehen. Die Begriffsvermischung ist somit mit einem Informationsverlust verbunden und die beobachteten Phänomenen werden weniger präzis beschrieben als grundsätzlich möglich. Unter Umständen kann dies zu Erkenntnisverlusten führen und die Fähigkeit einschränken, die Phänomene gezielt und effektiv zu beeinflussen.

Doch auch bei der engen Begriffsdefinition bleibt offen, auf welche Art der Fremdheit sich die Furcht bezieht. Mit Xenophobie ist meist die Furcht vor fremden Ethnien, fremden Religionen oder fremden Nationalitäten gemeint. Doch da eine Person mit viel mehr unvertraut sein kann, liesse sich der Begrif der Xenophobie auch auf die Furcht vor fremden Weltanschauungen, fremden Staatsformen, fremden Schönheitsidealen oder fremden Ritualen anwenden. Berücksichtigt man nun, dass einem nicht nur das Ausländische, sondern auch das Inländische unbekannt und unvertraut sein kann, insbesondere wenn es aus der Mode gekommen ist oder dem Fortschritt weichen musste, stellt sich die Frage, ob Rechte und Linke sich tatsächlich quantitativ in ihrer Xenophobie unterscheiden oder lediglich qualitativ. In andern Worten: Sind Rechte xenophober als Linke, wie dies gemeinhin angenommen wird, oder trifft ihre Xenophobie nur andere Menschen und menschliche Artefakte als die der Linken?

Beispielsweise stehen Rechte dem orthodoxen Islam und dem islamischen Kopftuch tendenziell eher ablehnend gegenüber und Linke dem orthodoxen Christentum und dem christlichen Kopftuch, wobei es bei Rechten wie auch bei Linken grosse Ausnahmen gibt. Doch ist diese Ablehnung zugleich eine Angst, und gründet sich diese in Unvertrautheit? Letzteres würden wohl beide verneinen. Stattdessen würden sie darauf bestehen, dass ihre Ablehnung auf ihrer guten oder zumindest genügenden Kenntnis des Islams, des Christentums oder des Kopftuchs fusst. Doch ihre ideologischen Kontrahenten werfen ihnen jeweils Ignoranz vor.

Das Konzept der Xenophobie wirft somit eine weitere Schwierigkeit auf: Wo liegt die Grenze zwischen Vertrautheit und Unvertrautheit? Ab welchem Mass an Wissen wandelt sich die Furcht vor dem Fremden in die Furcht vor dem Bekannten? Wie kann man bei anderen Personen und bei sich selber beurteilen, ob sich die Ablehnung aus genügender oder ungenügender Kenntnis des Sachverhalts oder der betroffenen Menschen speist?