ars libertatis



Abschnitte


Allgemeines

Rote Gentechnologie, Reproduktionsmedizin und Eugenetik sind politisch und philosophisch stark umstrittene Themen. Zudem sind sie durchdrungen von Begriffen, die unscharf definiert sind, widersprüchliche Bedeutungen haben und primär als wertende Schlagwörter dienen. Deshalb will ich zuerst mit ein paar Fragen skizzieren, welche Punkte ich bei diesem Themenkomplex für besonders relevant halte:

Welche Welt ist aus moralischen, utilitaristischen, ästhetischen oder eudämonistischen Gesichtspunkten zu bevorzugen: Jene, in der sich die Menschen höchstens temporär mit physischen oder psychischen Behinderungen abfinden müssen oder jene, in der manche Menschen schon von Geburt an querschnittsgelähmt sind, einen Herzfehler haben, oder an Chorea Huntington leiden? Jene, in der es fast nur Schöne oder Intelligente gibt oder jene, in der die Dummen und Hässlichen in der Mehrheit sind?

Was ist besser für das grösste Glück der grössten Zahl: Wenn eine Mehrheit der Menschen mit physischen und psychischen Behinderungen leben muss oder wenn es nur eine verschwindend geringe Anzahl Behinderte gibt?

Welche Situation ziehen die Betroffenen vor: Wenn von 100’000 Menschen, die in einem Jahr geboren werden, 1’000 oder 10 behindert sind?

Was ist das schlechte an der Eugenik: Dass es dabei zu Abtreibungen kommt? Dass der Staat den Menschen vorschreibt, ob und wie sie sich fortpflanzen dürfen? Dass nicht alleine der Zufall bestimmt, welche Menschen gezeugt und geboren werden? Dass versucht wird, den Anteil positiv bewerteter Erbanlagen zu vergrössern?

Was ist schlimmer: Wenn der Staat den Menschen vorschreibt, wer sich fortpflanzen darf, wie sie sich fortzupflanzen haben und welche medizinischen Technologien sie zur Hilfe nehmen dürfen? Oder wenn er ihnen die völlige Freiheit lässt, wer sich wann mit wem fortpflanzt und ob sie sich dabei der Fortpflanzungsmedizin bedienen?

Was ist tragischer: Der Tod eines ausgewachsenen Elefanten oder der Tod eines Menschenfötus?

Ist Selektion immer schlecht oder nur dann, wenn mit den falschen Mitteln gegen die falschen Merkmale selektiert wird? Also beispielsweise nur dann, wenn mittels Präimplantationsdiagnostik gegen Trisomie 21 selektiert wird, oder auch, wenn mittels Partnerwahl oder Samenspenderkatalog gegen Psychopathie und Soziopathie selektiert wird?



Eugenik & Fortpflanzungsfreiheit

Da bei Debatten über die Fortpflanzungsmedizin rasch der Begriff der Eugenik fällt, könnte man gerade diesen als Ausgangspunkt für die Beurteilung der Fortpflanzungsmedizin nehmen: Was macht die Eugenik moralisch derart umstritten?

Theisten argumentieren bisweilen, dass der Mensch mit der Reproduktionsmedizin im weiteren oder mit der Eugenik im engeren Sinne Gott spiele und die Eugenik deswegen schlecht oder böse sei. Da dieses Argument auch gegen Gentechnologie, Abtreibungen, Suizid und Sterbehilfe vorgebracht wird, mag es ein wenig strapaziert sein, aber es ist trotzdem eines, über das man nachdenken sollte, wenn man an Gott glaubt. Doch diese Diskussion will ich den Theologen überlassen.

Es gibt jedoch einige säkulare Gründe, wieso Eugenik als unmoralisch angesehen werden kann. Diese sind ziemlich divers und hängen stark von der jeweiligen Begriffsdefinition ab. Für manche Leute ist Eugenik beispielsweise eher etwas, das Eltern und Ärzte tun, und für andere eher etwas, das Staaten tun.

Eugenik kann bedeuten, dass bewusster, gezielter und direkter über das genetische Kapital der kommenden Generationen entschieden wird als bisher. Eugenikgegner würden die Fortpflanzungsmedizin folglich ablehnen, weil Präfertilisationsdiagnostik (PFD), Präimplantationsdiagnostik (PID), Pränataldiagnostik (PND), Polkörperdiagnostik (PKD), In-vitro-Fertilisation und andere Verfahren der Fortpflanzung durch herkömmlichen Geschlechtsverkehr ethisch (oder auch anderweitig) unterlegen seien. Doch es ist unklar, wieso die heutige (oder gestrige) Art der Fortpflanzung optimal sein sollte. Die historische Nichtnutzung der Fortpflanzungsmedizin lässt sich vorwiegend auf deren historische Nichtexistenz zurückführen und weniger auf akkumuliertes multigenerationelles Wissen, das zu einer kulturellen Ächtung der Fortpflanzungsmedizin geführt hat. Darüber hinaus lässt sich dieses Argument mit dem sonst so oft gelobten Rationalismus nur schwerlich vereinbaren, der besagt, dass reflektierte und informierte Entscheidungen generell besser seien als impulsiv und unbewusst gefällte. Es ist natürlich möglich, dass die Fortpflanzung eine Ausnahme darstellt, bei der es besser ist, wenn die Kontrolle über die Fortpflanzung und die Genweitergabe dem Unterbewusstsein oder mikrobiologischen Mechanismen obliegt. Doch dies müsste gut begründet werden können, bevor diese Ausnahme gesetzlich verankert wird.

Eugenik kann bedeuten, dass versucht wird, die Gene der Kinder und Kindeskinder zu verbessern. Die Fortpflanzungsmedizin deswegen abzulehnen, ist jedoch inkonsistent mit den sonst in der Gesellschaft vorherrschenden Meinungen und philosophischen Positionen. Denn fast alle anderen Aspekte der Kinder oder des Umfeldes, in dem sich die Kinder befinden und von dem sie geprägt werden, werden zu verbessern versucht. Umweltschutz und Klimaschutz etwa werden oft mit dem Hinweis auf das Wohl der nachkommenden Generationen begründet. Die Bildung ist ein besonders markantes Beispiel, für die kaum ein Aufwand gescheut und kaum ein Mittel verworfen wird. Man müsste deshalb also argumentieren, dass Eugenik oft Kosten mit sich bringt, die höher zu gewichten sind als der zu erwartende Nutzen. Etwa das sich Eugenik besonders leicht missbrauchen lässt. Doch das Missbrauchspotential scheint theoretisch und historisch nicht höher zu sein als dasjenige der Bildung und Schulung. Das Argument, dass alle Gene gleichwertig sind, greift auch nicht, denn die bekundeten Präferenzen zeigen deutlich, dass die Effekte mancher Gene sehr viel weniger geschätzt werden als die anderer Gene. Kurzsichtigkeit, Herzfehler und noch schlimmere vererbte Gesundheitseinschränkungen werden meist zu heilen oder zu lindern versucht.

Eugenik kann bedeuten, dass der Staat über die Fortpflanzung der Menschen entscheidet. Die Ablehnung dieser Art der Eugenik kann man mit theoretischen ethischen oder praktischen ökonomischen Argumenten begründen. Ein ökonomisches Argument läuft auf die klassische Kritik an der Planwirtschaft hinaus, dass dem Staat also das Wissen fehlt, die genetische Zukunft der Bürger rational planen zu können und dass es utilitaristisch besser ist, wenn jedes Individuum die Fortpflanzungsentscheidungen selber trifft. Ein ethisches Argument besagt, dass es grundsätzlich unmoralisch ist, wenn der Staat in die Fortpflanzung der Bürger eingreift, unabhängig von den spezifischen Konsequenzen dieses Eingriffs.

Während man mit den ersten zwei Argumenten gesetzliche Beschränkungen der Fortpflanzungsmedizin rechtfertigen kann, ist beim dritten Argument das Gegenteil der Fall. Dieses wendet sich nicht dagegen, dass die Eltern mittels Fortpflanzungsmedizin über die Gene ihrer Kinder entscheiden, sondern dagegen, dass der Staat entscheidet, wer sich fortpflanzen darf, wer dafür welche Mittel benutzen darf und nach welchen Kriterien und mit wie viel Wissen Frauen sich für eine Abtreibung, gegen die Implantation eines Embryos oder für die Kombination welcher (wie veränderten) Eizellen mit welchen (wie veränderten) Samenzellen entscheiden dürfen. Je nachdem, wie weit oder eng man das dritte Argument auslegt, wendet sich dieses nicht nur gegen ein Verbot der Fortpflanzungsmedizin, sondern auch dagegen, dass der Staat sich indirekt in die Fortpflanzung der Bürger einmischt und beispielsweise (absichtlich oder unabsichtlich) das gesellschaftliche Anreizgefüge so verändert, dass es für die eine Menschengruppe attraktiver wird, Kinder zu kriegen, und für die andere weniger attraktiv.

Abhängig von der Eugenikdefinition, die man benutzt, kann man mit der Ablehnung der Eugenik staatliche Eingriffe in die Fortpflanzungsfreiheit der Bürger und Bürgerinnen entweder gutheissen oder missbilligen. Dem liberalen Grundsatz der Staatsskepsis folgend würde man sich auch hier gegen staatliche Einschränkungen der Reproduktionsfreiheit wenden. (Auf die Frage, ob die Abtreibungsfreiheit oder ein Abtreibungsverbot liberaler sei, muss ich hier nicht eingehen, da die Zerstörung oder Tötung von Zygoten, Embryos oder Föten nicht zwingender Bestandteil der Fortpflanzungsmedizin, der Keimbahntherapie oder der Humangentechnologie ist.) Insbesondere weil es sich bei den historischen Gräueln (Zwangssterilisationen, Eheverbote, etc.), die mit dem Begriff Eugenik oft assoziiert werden, um Staatsinterventionen in die Fortpflanzungsfreiheit der Menschen gehandelt hat, und nicht um die individuelle und freiwillige Anwendung der Reproduktionsmedizin.



CRISPR/Cas9

Bei der Debatte um Gentherapie und Genome Editing mit CRISPR/Cas9 (Clustered regularly-interspaced short palindromic repeats / CRISPR associated protein 9) wird die Mehrdeutigkeit des Begriffes Eugenik gut sichtbar. Manche Leute lehnen CRISPR-Genome Editing beim Menschen ab, weil man damit direkter in das menschliche Erbgut eingreifen kann, und auch weil sie fürchten, dass dies aufgrund der Komplexität des Genoms und der involvierten Technologie schlechte, aber heute noch nicht absehbare, Auswirkungen auf das menschliche Erbgut haben könnte, die dann auf sämtliche Nachkommen vererbt würden. Obwohl diese Argumente oft in sehr antieugenische Worte gekleidet werden, wird nur eine Form der Eugenik abgelehnt, eine andere Form hingegen befürwortet und als Argument gegen Genome Editing eingesetzt. Damit besteht jedoch ein Zielkonflikt. Denn wenn man es für wichtig hält, den Nachkommen keine schlechten Gene zu vererben, stellt die Humangentechnologie etliche Mittel bereit, mit denen dies verhindert werden könnte. Man muss sich daher überlegen, ob einem im Konfliktfall das Nichteingreifen in das menschliche Genom oder das Nichtvererben ungünstiger Gene wichtiger ist.



Eugenik & Dysgenik

Viele staatliche und gesellschaftliche Handlungen und Normen beeinflussen die menschliche Fortpflanzung. Nicht nur jene, bei denen Fortpflanzung und Fortpflanzungsmedizin direkt angesprochen werden (wie bei Gesetzen zur Krankenkassenpflicht bestimmter Verhütungsmittel oder zur Zulässigkeit der Pränataldiagnostik), sondern auch jene, bei denen andere Themengebiete im Vordergrund stehen (wie bei der Ausgestaltung des Bildungswesens oder der Akzeptanz bestimmter Lebensstile und Freizeitbeschäftigungen). Denn die Entscheidung, Kinder zu bekommen, wird von vielen Faktoren beeinflusst, die nichts mit Sex zu tun haben. Verändert der Staat die Fortpflanzungsanreize, so verändert er damit früher oder später die Häufigkeit bestimmter Gene in der Gesellschaft. Einerseits weil beispielsweise höheres Alter bei der Empfängnis oder höherer Drogenkonsum die Gene des Nachwuchses beeinflussen. Andererseits weil unterschiedliche Teilgruppen der Gesellschaft über unterschiedliche Genhäufigkeitsverteilungen verfügen und die Veränderung der Fortpflanzungsanreize sich oft ungleich auf verschiedene Teilgruppen auswirkt, wodurch sich die relative Grösse der Teilgruppen verändert und somit die Genverteilung in der Gesamtgesellschaft. Da Genvarianten entweder einen neutralen, einen negativen oder einen positiven Effekt auf die betroffenen Individuen haben können, wird sich mit veränderter Fortpflanzung der Anteil der neutral, positiv oder negativ betroffenen Individuen an der Gesellschaft verändern. Versteht man unter Eugenik die Zunahme der positiv bewerteten Genvarianten in einer Gesellschaft und unter Dysgenik die Zunahme der negativ bewerteten Genvarianten, so werden die Fortpflanzungsveränderungen stets einen eugenischen oder einen dysgenischen Effekt haben, resp. sowohl einen eugenischen als auch einen dysgenischen Effekt, wobei der eine Effekt in den meisten Fällen dominiert, da es unwahrscheinlich erscheint, dass sich die beiden Effekte genau ausbalancieren. Da Staat und Gesellschaft nicht nur direkt, sondern auch indirekt beeinflussen, wer sich mit wem, wie, wann und wie oft fortpflanzt, haben somit viele staatliche und gesellschaftliche Entscheide entweder eugenische oder dysgenische Folgen. In diesem Sinne kann der Staat nicht einfach beschliessen, keine Eugenik zu betreiben, sondern wird fast immer einen eugenischen oder dysgenischen Einfluss auf die Menschen ausüben und kann diesen Einfluss nur reduzieren, indem er sich selber und sein Aufgabenspektrum reduziert.



Eugenik & Eumemik

So wie man Parallelen zwischen Genen und Memen ziehen kann, kann man Parallelen zwischen Eugenik und Eumemik (resp. zwischen Eugenetik und Eumemetik) ziehen. Versteht man unter Eugenik die staatliche Einschränkung der Fortpflanzungsfreiheit, würde Eumemik die staatliche Einschränkung der Informationsfreiheit bedeuten. Zensur wäre somit ein eumemisches Mittel, aber auch staatlicher Schulunterricht könnte als eumemisch angesehen werden, da der Staat dabei die Weitergabe von Memen beeinflusst und teilweise semimonopolistisch planwirtschaftlich kontrolliert. Definiert man Eugenik als Verbesserung der Gene, resp. als Erhöhung des Anteils der positiv bewerteten Gene in der Gesellschaft, so wäre die Eumemik die Verbesserung der Meme, resp. die Erhöhung des Anteils der positiv bewerteten Meme in der Gesellschaft. So wie die Verschlechterung der Gene Dysgenik genannt wird, würde die Verschlechterung der Meme als Dysmemik bezeichnet werden.

Gene und Meme tragen beide auf fundamentale Art und Weise dazu bei, Individuen und Gesellschaften zu formen. Die Zukunft eines jedes Individuums und einer jeden Gesellschaft hängt somit von den Genen und von den Memen ab, die ihm oder ihr zugrunde liegen. Diese Erkenntnis kann wie so viele andere zu guten und zu schlechten Zwecken verwendet werden. Wer etwa nach Top-Down-Kontrolle strebt, kann die Staatsmacht dazu benutzen, Gene und Meme der Staatsbürger in seinem Sinne zu gestalten. Im zwanzigsten Jahrhundert haben verschiedene Staaten mit äusserster Brutalität versucht, Gen- und Mem-Pools zu kreieren, die ihren bösartigen und boshaften Idealen entsprechen.

Bei Diskussionen über Biotechnologien gibt es nicht wenige Diskutanten, die den individuellen Einsatz der Keimbahngentechnologie in die Nähe massenmörderischer Staatseugenik rücken. Trotz einer gewissen Parallelität von Eugenik und Eumemik, bringt kaum jemand bei Diskussionen über Bildung und Erziehung den individuellen Einsatz von Memtechnologie mit massenmörderischer Staatseumemik in Verbindung. Dies sollte man auch nicht, denn die genannten Handlungen gehören sehr unterschiedlichen Domänen an, aber es wäre konsequent, wenn man Keimbahneingriffe pauschal und pejorativ als Eugenik bezeichnet und damit im Zuhörer die Schreckensbilder bestimmter Regimes des zwanzigsten Jahrhunderts hervorrufen will.

In den westlichen Ländern des einundzwanzigsten Jahrhunderts gibt es sowohl staatliche Eugenik als auch staatliche Eumemik. Beschränkungen der Fortpflanzungsfreiheit werden jedoch nicht damit gerechtfertigt, dass der Staat versuchen soll, die Gene der Bürger zu verbessern. Eine Ausnahme ist das Inzestverbot (zwischen Verwandten in gerader Linie), das viele befürworten, um Erbschäden zu verhindern. Einschränkungen der Informationsfreiheit werden hingegen ausdrücklich als Massnahmen zur Verbreitung guter Meme und zur Verhinderung von Dysmemik begrüsst. In vielen Staaten besteht zudem die Tendenz, die Eumemik auszudehnen, etwa durch die Erweiterung des Kataloges verbotener Äusserungen, oder durch den Ausbau der Schulpflicht. Interessanterweise besteht zwischen Eugenik und Eumemik nicht nur in der Theorie eine konzeptionelle Parallelität, sondern in der westlichen Praxis auch eine doppelte inverse Parallelität: Während staatliche Eingriffe in die Informationsfreiheit zunehmen, nehmen staatliche Eingriffe in die Fortpflanzungsfreiheit tendenziell ab. Während Eumemik damit begründet wird, dass der Staat verhindern soll, dass Individuen ihren Mitmenschen schlechte Ideen weitergeben, wird Eugenik damit begründet, dass der Staat verhindern soll, dass Individuen ihren Nachkommen bessere Gene vererben, als sie dies ohne Reproduktionsmedizin tun könnten.



Gesundheit

Gesundheit ist vielen Menschen wichtig, das zeigen steigende Gesundheitsausgaben, Fitnesstrends, sowie die Verankerung des Rechts auf Gesundheit in verschiedenen Gesetzeswerken, wie etwa in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte oder in der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Gesundheit ist auch freiheitsfördernd, da sie das individuelle Handlungsspektrum vergrössert, aber gleichzeitig die Möglichkeit offen lässt, diese Spektrum nicht zu nutzen oder dieses freiwillig und eigenständig zu beschränken.

Wo das Streben nach Gesundheit die Rechte und Freiheiten anderer Menschen nicht einschränkt, ist es illiberal, dieses einzuschränken. Andere Menschen zur Gesundheit zu zwingen ist jedoch ebenso illiberal. Zigarettenverbote oder Fitnesspflichten sind somit illiberal, da sie die körperliche und geistige Selbstbestimmung einschränken, ohne dabei die Selbsteigentumsautonomie anderer zu fördern. Der Zwang, rote Gentechnologie oder Fortpflanzungsmedizin zu nutzen, wäre auch illiberal. Ebenso sind aber Gentechnologieverbote illiberal, wenn nicht gewichtige Gründe vorliegen, wieso es gerechtfertigt ist, die damit verbundene Möglichkeit der Gesundheitsverbesserung einzuschränken.

Es muss folglich klar benannt werden können, welche Freiheit durch die Anwendung medizinischer Gentechnologie eingeschränkt werden würde, um die Einschränkung der Freiheit, als Individuum Gentechnologie zu benutzen, zu rechtfertigen. Vage emotionale Begriffe wie Eugenik, Selektion, Designerbabies, oder Frankenbabies sind dabei unzureichend. Eine Möglichkeit ist, Zygoten und Embryonen ein Lebensrecht zuzugestehen. Abortive fortpflanzungsmedizinische Methoden würden dieses Recht schwerwiegend verletzen und wären daher höchstens dann gerechtfertigt, wenn dadurch ein anderes Leben gerettet werden könnte. Nicht-abortive Methoden wären von diesem Argument jedoch nicht betroffen und wer Abtreibungen, oder zumindest deren Legalität, befürwortet, kann sich konsequenterweise hier kaum auf ein embryonales Lebensrecht berufen, um ein Gentechverbot zu begründen.

Man könnte auch argumentieren, dass Embryos ein Recht auf physische Unversehrtheit haben und dass genetische Modifikationen dieses Recht verletzen würden, da der Embryo diesen nicht zustimmen kann. Allerdings können Babies und Kinder diversen nicht-gentechnologischen Eingriffen, wie etwa Impfungen oder Operationen, auch nicht zustimmen, was aber nicht zwingend zur Unmoralität und Illegitimität solcher Eingriffe führt, denn ihre Anwendung wird als gerechtfertigt angesehen, wenn damit die kindliche Gesundheit gefördert wird. D.h. Eltern als Fürsorgeberechtigte können der heilenden, medizinischen Körperverletzung ihrer Kinder stellvertreterisch zustimmen, um den Kindern Leid und Krankheit zu ersparen. Es gibt sogar die Fetalchirurgie, um Erkrankungen des Fetus in utero zu behandeln.

Wer gegen Gentechnologie, aber für Fetalchirurgie oder Kinderimpfungen ist, müsste also darlegen können, dass ersteres die körperliche Unversehrtheit so viel stärker verletzt als letztere, dass ein Verbot ethisch positiv zu beurteilen ist, obwohl damit eine Möglichkeit, Krankheiten und Behinderungen zu behandeln oder zu verhindern, wegfällt. Insbesondere muss er zeigen können, dass ein einmaliger gentechnologischer Eingriff schlimmer ist als eine Vielzahl chirurgischer und medikamentöser Eingriffe im Kindes- und Erwachsenenalter, die bei manchen Erbkrankheiten nötig sind, um Leid zu verhindern und die Lebenserwartung zu erhöhen, die durch die gentechnologische Heilung der Krankheit jedoch wegfallen würden. Oder er muss andere Gründe finden, wieso Gentechnologie stark eingeschränkt werden sollte. Doch auch bei andern Gründen wird sich die Frage stellen, wieso gentechnologische Gesundheitsverbesserungen verboten werden sollen, obwohl anderswo eine moralische Pflicht postuliert wird, Krankheiten und Behinderungen chirurgisch und medikamentös zu behandeln oder gar durch eine aktive Präventionspolitik, die Konsumverbote umfassen kann, zu verhindern.

Beispielsweise beim Versuch, Behinderungen und Erbkrankheiten als Teil der positiven Vielfalt darzustellen, die geschützt werden muss und die durch die Fortpflanzungsmedizin gefährdet ist. Denn diese Vielfalt ist durch die nicht-gentechnologische Medizin ebenfalls gefährdet und in der jüngeren Vergangenheit effektiv reduziert worden, etwa durch das Bekämpfen von Infektionskrankheiten oder durch die Minderung von Umwelteinflüssen, die das Erbgut schädigen oder die embryonale und fötale Entwicklung anderweitig negativ beeinflussen. Will man gleichzeitig Behinderungen und genetische Krankheiten, die durch Umweltbelastungen entstehen, bekämpfen, sowie das Verhindern von Behinderungen und genetischen Krankheiten, die durch die Vererbung bedingt sind oder die durch spontane Mutationen entstehen, verbieten, müsste man zeigen können, dass erstere Vielfalt gut, letztere hingegen schlecht ist, was jedoch schwierig ist, da die gesundheitlichen Beeinträchtigungen und das damit verbundene Leid in beiden Fällen ähnlich sind.

Zudem wählen viele erwachsene Behinderte und Kranke Linderung und Heilung durch Medizin oder andere Mittel, wohingegen sich nur sehr wenige Gesunde bewusst und direkt für Krankheit und Behinderung entscheiden, was eine starke Präferenz für Gesundheit offenbart und zwar auch bei jenen, die Behinderungen und Krankheiten als positiv vielfältig charakterisieren. Im Übrigen ist der Weg von Gesundheit zu Krankheit kürzer als der umgekehrte, was dafür spricht, dass es besser ist, von einer Position der Gesundheit aus zu starten, da sich hierdurch ein anderer Zustand leichter erreichen lässt, wenn man mit der Ausgangsposition unzufrieden ist.



Informationsfreiheit

DNA ist ein Informationsträger und als Bestandteil des menschlichen Körpers gehört sie demjenigen Menschen, in dem sie sich befindet (oder dem sie entnommen wurde), also dem Selbsteigentümer. Zur Informationsfreiheit gehört, dass man auf Informationen, die sich im rechtmässigen eigenen Besitz befinden, frei zugreifen darf und diese Informationen frei teilen darf. Diagnostische reproduktionsmedizinische Methoden wie PFD, PKD, PID oder PND, sowie individuelle Gentests, die direkt an die Endverbraucher gerichtet sind, wie sie beispielsweise 23andMe anbietet, einzuschränken, würde somit den Zugang der Menschen zu körpereigenen Informationen beschränken. Da dies eine Verminderung der Informationsfreiheit darstellt und eine staatliche Kontrolle genetischer Informationen bedeutet, können Gentestverbote durchaus als (genetische) Zensur kategorisiert werden. Zur Informationsfreiheit gehört jedoch nicht nur das freie Empfangen oder das freie Entdecken von Informationen, sondern auch das freie Teilen und das freie Verändern dieser Informationen. Ein Verbot von Keimbahntherapien und anderen gentechnologischen Methoden würde das Modifizieren körpereigener Informationen und das Weitergeben dieser modifizierten Informationen verhindern und somit die Informationsfreiheit ebenfalls reduzieren. Einschränkungen der Informationsfreiheit sind aus liberaler Sicht nur gerechtfertigt, wenn die Informationsfreiheit andere Personen direkt schädigen würde, doch dies ist bei fortpflanzungsmedizinischen Verfahren, die das Risiko von (Erb-)Krankheiten reduzieren, nicht der Fall.



Selektion

Kritiker der Fortpflanzungsmedizin oder zumindest derjenigen fortpflanzungsmedizinischen Methoden, bei denen es zu Eingriffen an Zygoten oder Embryonen kommt, wenden gegen diese Methoden oft ein, dass es dabei zu einer Selektion von lebenswerten und lebensunwerten Embryos kommt und dies beispielsweise die Menschenwürde verletze oder eine ungerechtfertigte Diskriminierung sei, da manchen Embryos die weitere Morphogenese verwehrt werden würde. Doch Embryogenese und Fetogenese werden auch durch Schwangerschaftsabbrüche und abortive Verhütungsmittel gestoppt, was folglich auch als Selektion von lebenswerten und lebensunwerten Embryos klassifiziert werden müsste, da bei jeder Abtreibung der betroffene Embryo nicht weiterleben kann. Man könnte einwenden, dass bei den fortpflanzungsmedizinischen Methoden die Eigenschaften des Embryos stärker im Zentrum stehen, bei gewöhnlichen Abtreibungen hingegen stärker die Umstände der Eltern und insbesondere der Mutter, doch auch wenn dies für die Mehrheit der jeweiligen Fälle zutrifft, so gilt es wohl kaum für alle Fälle. Gilt beispielsweise eine Abtreibung als gerechtfertigt, weil es den Eltern gegenwärtig an den Möglichkeiten fehlt, sich gut um das Kind zu kümmern, könnte auch die Nichtimplantierung eines erbkranken Embryos als gerechtfertigt gelten, weil es den Eltern gegenwärtig an den Möglichkeiten fehlt, sich gut um ein erbkrankes Kind zu kümmern. Darüber hinaus braucht es keine Laboranalysen oder Gentests, um Aussagen über die Gene eines Embryos machen zu können, da man auch aus den Genen der Eltern grobe Schlüsse ziehen kann und gewisse genetische Ausprägungen am Aussehen, am Verhalten oder an der Krankheitsgeschichte der Eltern gut ersichtlich sind. Es kann daher nicht ausgeschlossen werden, dass manche Abtreibungen bewusst oder unbewusst deswegen geschehen, weil Vorbehalte gegen die Gene bestehen, die dem Kind mit grösserer oder geringerer Wahrscheinlichkeit vererbt werden würden.

Selektiv ist bereits der romantische oder zumindest interpersonale Prozess, der der Empfängnis vorausgeht, da Geschlechtsverkehrsentscheidungen von den äusseren und inneren Merkmalen der Geschlechtspartner abhängen, die wiederum von ihren Genen beeinflusst, wenn auch nicht komplett determiniert, werden. Dies bedeutet, auch die Entscheidung, mit jemandem Sex zu haben, jemanden zu heiraten oder sich mit jemandem fortzupflanzen ist eine Entscheidung für oder gegen bestimmte Gene. Bei Zeugungen, die mithilfe von Samenspenden oder Eizellspenden, ist diese Entscheidung noch viel bewusster, da beispielsweise Samenspenderkataloge sich relativ explizit über stark genetisch beeinflusste Eigenschaften der Spender äussern. Die Fortpflanzungsmedizin führt daher nicht eine ohne sie inexistente Genselektion ein, sondern bietet neue Methoden an, die mehr Präzision und mehr Möglichkeiten zulassen und bisweilen bewusstere Entscheidungen verlangen.

Wenn gewisse fortpflanzungsmedizinische Methoden Lebensselektion oder Menschenselektion sind, da über das Schicksal ganzer Embryonen entschieden wird, so sind auch Abtreibungen Lebensselektion oder Menschenselektion, andere fortpflanzungsmedizinische Methoden, bei denen über Samenzellen oder Eizellen entschieden wird oder bei denen gezielt Gene in Samenzellen, Eizellen oder Zygoten verändert wird, hingegen nicht, da bei diesen Methoden die Morphogenese von Embryonen eben nicht gestoppt wird.