ars libertatis

1. Juli 1742 – 24. Februar 1799

Ich empfehle Träume. Wir leben und empfinden so gut im Traum als im Wachen, und das eine macht so gut als das andere einen Teil unserer Existenz aus. Es gehört unter die Vorzüge des Menschen, daß er träumt und es weiß. Man hat schwerlich noch den rechten Gebrauch davon gemacht. Der Traum ist ein Leben, das, mit unserem übrigen zusammengesetzt, das wird, was wir menschliches Leben nennen. Die Träume verlieren sich in unser Wachen allmählich herein, und man kann nicht sagen, wo das eine anfängt und das andere aufhört.

Essays und Aphorismen, Zur Naturgeschichte der Seele, 33

Was man seine Menschenkenntnis nennt, ist meistens nichts als Reflexion, Zurückstrahlung eigener Schwachheiten von anderen.

Essays und Aphorismen, Beobachtungen über den Menschen, 50

Der Mann hatte so viel Verstand, daß er fast zu nichts mehr in der Welt zu gebrauchen war.

Essays und Aphorismen, Beobachtungen über den Menschen, 52

Bei den meisten Menschen gründet sich der Unglaube in einer Sache auf den blinden Glauben in einer anderen.

Essays und Aphorismen, Beobachtungen über den Menschen, 59

Ich vergesse das meiste, was ich gelesen habe; nichtsdestoweniger aber trägt es zur Erhaltung meines Geistes bei.

Essays und Aphorismen, Vom Lesen, 74

Wenn du in einer gewissen Art von Schriften groß werden willst, so lese mehr als die Schriften dieser Art. Wenn du auch schon deine Äste nicht über ein großes Stück Feld ausbreiten willst, so ist es deiner Fruchtbarkeit immer zuträglich, deine Wurzeln weit ausgebreitet zu haben.

Essays und Aphorismen, Über die Kunst, zu Buch zu bringen, 129

Wie viel in der Welt auf Vortrag ankommt, kann man schon daraus sehen, daß Kaffee, aus Weingläsern getrunken, ein sehr elendes Getränk ist; oder Fleisch bei Tische mit der Schere geschnitten, oder gar, wie ich einmal gesehen habe, Butterbrot mit einem alten, wiewohl sehr reinen Schermesser geschmiert – wem würde das wohl behagen?

Essays und Aphorismen, Über die Kunst, zu Buch zu bringen, 130

Es sind immer gefährliche Zeiten, wo der Mensch sehr lebhaft erkennt, wie wichtig er ist, und was er vermag. Es ist immer gut, wenn er in Rücksicht auf seine politischen Rechte, Kräfte und Anlagen ein bißchen schläft, so wie die Pferde nicht bei jeder Gelegenheit Gebrauch von ihren Kräften machen dürfen.

Essays und Aphorismen, Zur Politik, 162

Wie glücklich würde mancher leben, wenn er sich um anderer Leute Sachen so wenig bekümmerte als um seine eigenen.

Essays und Aphorismen, Lebensmaximen, 197

Es ist ein Fehler in unsern Erziehungen, daß wir gewisse Wissenschaften so früh anfangen, sie verwachsen sozusagen in unsern Verstand, und der Weg zum Neuen wird gehemmt. Es wäre die Frage ob sich die Seelenkräfte nicht stärken ließen ohne sie auf eine Wissenschaft anzuwenden.

Aus den Sudelbüchern, Aus »Sudelbuch« A, 85

Er hatte seine Bibliothek verwachsen, so wie man eine Weste verwächst. Bibliotheken können überhaupt der Seele zu enge und zu weit werden.

Aus den Sudelbüchern, Aus »Sudelbuch« B, 112

Wie hat es Ihnen in dieser Gesellschaft gefallen? Antwort Sehr wohl, beinah so sehr als auf meiner Kammer.

Aus den Sudelbüchern, Aus »Sudelbuch« B, 266

Einer unsrer Voreltern muß in einem verbotenen Buch gelesen haben.

Aus den Sudelbüchern, Aus »Sudelbuch« D, 339

Er war ein solcher aufmerksamer Grübler, ein Sandkorn sah er immer eher als ein Haus.

Aus den Sudelbüchern, Aus »Sudelbuch« D, 475

Daß man seine Gegner mit gedruckten Gründen überzeugen kann, habe ich schon seit dem Jahr 1764 nicht mehr geglaubt. Ich habe auch deswegen die Feder gar nicht angesetzt, sondern bloß um sie zu ärgern, und denen von unserer Seite Mut und Stärke zu geben und den andern zu erkennen zu geben, daß sie uns nicht überzeugt haben.

Aus den Sudelbüchern, Aus »Sudelbuch« E, 171

Ich habe es sehr deutlich bemerkt: Ich habe oft die Meinung wenn ich liege und eine andere wenn ich stehe. Zumal wenn ich wenig gegessen habe und matt bin.

Aus den Sudelbüchern, Aus »Sudelbuch« F, 557

Alle Unparteilichkeit ist artifiziell. Der Mensch ist immer parteiisch und tut sehr recht daran. Selbst Unparteilichkeit ist parteiisch. Er war von der Partei der Unparteiischen.

Aus den Sudelbüchern, Aus »Sudelbuch« F, 578

Es gibt wirklich sehr viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht denken dürfen.

Aus den Sudelbüchern, Aus »Sudelbuch« G, 81

Daß man so viel wider die Religion und die Bibel schreibt, geschieht mehr aus Haß gegen eine gewisse Klasse von Menschen. Wenn Philologen anfangen sollten zu herrschen, so könnte leicht den alten Klassikern Homer, Virgil, Horaz und andern eine ähnliche Ehre mit größerem Vorteil widerfahren. Wir dürften nur einmal einen philologischen bekommen.

Aus den Sudelbüchern, Aus »Sudelbuch« G, 106

Ein Volk kann in seinen Schriften vernünftiger scheinen, als es ist, denn es kann noch lange die Sprache seiner Väter schreiben, wenn ihm schon ihr Geist zu mangeln anfängt. Die Metaphern in unserer Sprache entstanden alle durch Witz, und jetzt gebraucht sie der Unwitzigste. Die Morgenländer denken bei ihren vielen Bildern nicht mehr als wir. So fassen auch oft Leute das Äußere der Sitten rechtschaffener Leute, ohne daß sie es wissen. Die bilderreichste Sprache muß mit der Zeit das Bildliche verlieren, und bloß zu Zeichen erkalten, die den willkürlichen nahe kommen. So kann Sprachkenntnis sehr nützlich werden.

Aus den Sudelbüchern, Aus »Sudelbuch« G, 127

So wie Linné im Tierreiche könnte man im Reiche der Ideen auch eine Klasse machen die man Chaos nennte. Dahin gehören nicht sowohl die großen Gedanken von allgemeiner Schwere, Fixstern-Staub mit sonnenbepuderten Räumen des unermeßlichen Ganzen, sondern die kleinen Infusions-Ideechen, die sich mit ihren Schwänzchen an alles anhängen, und oft im Samen der Größten leben, und deren jeder Mensch wenn er still sitzt [eine] Million durch seinen Kopf fahren sieht.

Aus den Sudelbüchern, Aus »Sudelbuch« J, 850

Durch die Ermordung Ludwigs XVI. wurden Leute gegen die Grundsätze jener fränkischen Vandalen empfindlich, die es vorher nicht waren. Jene Tat war die Sprache, wodurch sie ihnen verständlich wurden; und sie zu rächen, tut jetzt mancher, was er sonst nicht würde getan haben. So werden die größten Dinge verrichtet, und eben so ist es bei tausend Menschen mit der Liebe gegen den König. Der Untertan tut oft für einen guten König, was er für die eherne Bildsäule des Gesetzes nicht würde getan haben. Ein guter Regent ist die Kraft des Gesetzes, die freilich meistens nur zum Strafen gebraucht wird, aber wenig zum Belohnen. Der Mensch unterläßt viel leichter aus Furcht vor dem Haß des Regenten, als er aus Liebe für ihn tut. Was für eine große Kunst wäre es den Menschen Dinge tun zu machen, ohne daß er es weiß, so wie der die Jagd liebt seinem Körper eine gesunde Bewegung macht, oder der den Hunger stillt für die Nahrung seines Leibes sorgt, oder sein Geschlecht fortpflanzt indem er eigentlich bloß für sein Vergnügen sorgt. Der Himmel hat so wenig auf unsern Verstand ankommen lassen, und wir wollen alles damit treiben. Das Gesetz ist ein gar kalter Körper. Was könnten nicht Regenten ausrichten zumal in kleinen Staaten, wenn sie sich ihren Untertanen öfters zeigten, predigten usw. Sie würden so die Seele des Gesetzes, dessen Körper für sich wenig Reiz hat.

Aus den Sudelbüchern, Aus »Sudelbuch« K, 1

Ich habe mir die Zeitungen vom vorigen Jahre binden lassen, es ist unbeschreiblich, was für eine Lektüre dieses ist: 50 Teile falsche Hoffnung, 47 Teile falsche Prophezeiung und 3 Teile Wahrheit. Diese Lektüre hat bei mir die Zeitungen von diesem Jahre sehr herabgesetzt, denn ich denke: was diese sind, das waren jene auch.

Aus den Sudelbüchern, Aus »Sudelbuch« K, 266