ars libertatis

Gesellschaftssysteme tendieren dazu, Mythen zu bilden, um ihre Existenz zu legitimieren und damit dem Widerstand einzelner oder vieler Menschen vorzubeugen. Einst war dies der Mythos des Gottesgnadentums, heute der Mythos des (demokratischen) Konsens. (Wie wahrscheinlich ist es schon, dass gerade wir in einem Zeitalter leben, in dem keine derartigen Gründungsmythen existieren?) Der Konsensmythos kreiert damit tatsächlichen Konsens, da die Bürger das politische System für ethisch gerechtfertigt halten. Wobei unklar ist, wie valide der Konsens ist, da ihm eine Täuschung zugrunde liegt. Die Bewertung der Täuschung hängt davon ab, ob es sich bei ihr um eine Täuschung anderer Menschen oder um eine Täuschung über ein philosophisches Prinzip handelt. Sofern nicht gute, empirisch unterlegte Gründe dagegen sprechen, sollte zudem davon ausgegangen werden, dass es sich beim Gottesgnadentum und beim demokratischen Konsens um gleichartige Täuschungen handelt.

Konsensmanufaktur findet in der Demokratie in einem doppelten Sinne statt. Einerseits kann die Zustimmung vieler Bürger zu bestimmten politischen Entscheidungen (oder anderen Handlungen und Ereignissen) produziert werden, andererseits wird die Fremdbestimmung (durch Politiker, Beamte und andere Mitbürger) als Selbstbestimmung und Mitbestimmung dargestellt.

Dies bedeutet nicht, dass Gründungsmythen grundsätzlich schlecht sind. Vielleicht sind sie unvermeidlich und vielleicht haben sie instrumentellen Wert. Trifft letzteres zu, müsste allerdings gezeigt werden, dass der Konsensmythos beispielsweise für mehr gesellschaftliche Stabilität sorgt und weniger schädliche Nebenwirkungen hat als andere Mythen.