ars libertatis

Meines Erachtens gibt es zwei Hauptargumente für die Abschaffung der Kirchensteuern für Unternehmen:

Das erste ist ein klassisch liberales Argument. Die Religionsfreiheit wird verletzt, wenn Personen gezwungen werden, Religionsgruppierungen finanziell zu unterstützen. Die Glaubens- und Gewissensfreiheit wird von Schweizerinnen und Schweizern generell als wichtig eingestuft und ist deshalb auch in der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft verankert. Doch mit der Unternehmenskirchensteuer müssen Leute, die anderen oder keinen Religionen angehören, Glaubensorganisationen finanzieren, denen sie nicht angehören und die sie teilweise nicht unterstützen. Bisweilen müssen also Bürger Kultusorganisationen und Kultushandlungen unterstützen, die sie mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren können. Zugleich beeinträchtigt die Steuer die Eigentumsrechte und Eigentumsfreiheit von Unternehmern.

Das zweite ist eher ein metapolitisches Argument. Institutionelle Vielfalt ist nicht grundsätzlich, aber tendenziell positiv. Mit der Meinungsvielfalt zusammen bildet sie ein Ideenreservat, aus dem man schöpfen kann, um eine bessere Gesellschaft zu gestalten (da unser Wissen beschränkt ist, sollte man zögern, Institutionen und Ideologien als vollständig falsch zu betrachten, da neue Erkenntnisse sie stets in anderem Licht erscheinen lassen können) und auf unvorhergesehene Ereignisse zu reagieren, die womöglich andere als gegenwärtige Organisationsformen nötig machen. Zugleich dient die institutionelle Vielfalt der menschlichen (bspw. emotionalen, ideellen, neurologischen) Vielfalt. Denn unterschiedliche Menschen benötigen oder bevorzugen unterschiedliche Institutionen, um ein erfülltes Leben führen zu können. Zwangs-Kirchensteuern verletzen jedoch die institutionelle Trennung zwischen Kirche und Staat, da erstere von letzterem finanziert wird. Dies beeinträchtigt die Unabhängigkeit der Kirchen, da einerseits der Geldgeber Druck aufbauen kann, um bestimmtes Verhalten der Geldempfänger zu bewirken, und andererseits die Geldempfänger sich präventiv beim Geldgeber gut stellen wollen, und somit ihre Tätigkeiten dergestalt ändern, dass sie eher den Vorlieben der Financiers entsprechen. Dies mindert die Unterschiede zwischen den beiden Institutionen und verringert somit die institutionelle Vielfalt.

Daraus folgen zwei Unterargumente. Das eine ist ein reaktionäres oder erzreligiöses, das verhindern möchte, dass ein zu progressivistischer und zu modernistischer Staat die institutionelle Form und den ideologischen Inhalt der Kirchen beeinflusst, was er tun kann, indem er die Subventionierung an Bedingungen knüpft oder bei der Ausbildung der Kirchenleute mitwirkt. So wird heute beispielsweise kritisiert, dass kirchliche Institutionen staatliche Gelder erhielten, obwohl diese Männer und Frauen, oder Menschen verschiedener Religionszugehörigkeit, unterschiedlich behandeln würden.

Das andere ist ein atheistisch-progressives oder säkulares, das verhindern möchte, dass die Kirche die weltlichen Gesetze und die Gestaltung staatlicher Organisationen (wie Schulen) beeinflusst. Denn die (durch die gemeinsame Finanzierung geförderte) institutionelle Nähe von Staat und Kirche erleichtert es den Kirchenleuten, das Staatsgeschehen stark zu beeinflussen. Zudem können die Subventionen indirekt die politischen Tätigkeiten der Kirchen fördern. Darüber hinaus kommen zu den Kirchensubventionen oft Sondermitbestimmungsrechte in politischen Gremien.

Dies sind Gründe, wieso nicht nur Liberale und Libertäre die Abschaffung der Firmenkirchensteuer befürworten können, sondern auch progressive Säkularisten, laizistische Atheisten, erzreligiöse Katholiken (sowie erzreligiöse Angehörige anderer oder keiner Religionen), Reaktionäre, Sezessionisten, sowie Leute, denen viel an institutioneller und ideeller Diversität liegt.