ars libertatis

Die Kleidungsfreiheit wird nur selten in Grundfreiheitslisten enumeriert, doch sie ist dennoch ziemlich grundsätzlich, da sie sich aus vielen anderen Freiheiten ableiten lässt und ihre Einschränkung meist auch Grundfreiheiten einschränkt. Bei religiöser Kleidung ist klar, dass deren staatliche Regulation und Prohibition die Religionsfreiheit verletzt, zumal Kleidungsgeboten in manchen Religionen einen hohen Rang zukommt. Das Befolgen eines staatlichen Kleidungsstückverbots kann damit eine Verletzung eines fundamentalen religiösen Gebotes darstellen. Solche Gesetze dürften folglich schwerer durchzusetzen sein als andere und bei den betroffenen Menschen zu grösserem Unmut sorgen, was utilitaristisch kritisch zu betrachten ist, und sicherheitspolitisch fragwürdig ist, wenn die Kleidungsgesetze eingeführt werden sollen, um die Sicherheit zu erhöhen.

Aber auch nicht-religiöse Kleidung betrifft Grundfreiheiten: Etwa die Meinungsfreiheit, die Kunstfreiheit, die Eigentumsfreiheit, oder die persönlich-körperliche Selbstbestimmung. In Subkulturen dient die Kleidung oft als Bekenntnis zu einer gewissen Wertehaltung oder Weltanschauung. Haute Couture gilt als Kunstform und zur Kunstfreiheit gehört es, die Kunstwerke, die in diesem Fall Kleidungsstücke sind, frei herstellen und frei öffentlich präsentieren zu können. Das Tragen von Haute Couture gesetzlich auf die Laufstege zu beschränken, wäre eine ebenso starke Einschränkung der Kunstfreiheit wie das Zeigen von Gemälden auf Galerien zu beschränken. Kleidungsstücke sind auch Eigentumsstücke und der freien Eigentumsausübung gemäss ist es den Eigentümern zu überlassen, was sie mit der Kleidung tun, oder ob sie auf ihrem Eigentum Kleidungsvorschriften aufstellen oder nicht. Kleidung als Erweiterung, Grenzgebiet und Schutz des Körpers betrifft auch die individuelle Selbstbestimmung über den eigenen Körper, da sie diesen unmittelbar berührt (und der Staat beispielsweise mit einer Wollkleidungtragepflicht indirekt in die körperliche Unantastbarkeit eingreifen würde) und sie den Körper von der Aussenwelt, wozu die Natur samt Witterung und die Mitmenschen gehören. Staatliche Kleidernormen wiegen daher schwerer, wirken entwürdigender und tangieren die individuelle Identität stärker als etwa staatliche Gartenzaunnormen.

Das Gegenstück zur Kleidungsfreiheit ist die Nacktheitsfreiheit, für die ähnliche Argumente wie bei der Kleidungsfreiheit vorgebracht werden können, insbesondere was die Religionsfreiheit und die körperliche Selbstbestimmung anbelangt. Sie ist jedoch generell eingeschränkt und geniesst einen deutlich geringeren medialen und sozialen Sukkurs als etwa die Verhüllungsfreiheit, die insbesondere in der Form der Burkafreiheit stark debattiert wird. Die Gründe dafür sind bei einer geschlechtlich reproduzierenden und hygienebewussten Spezies einleuchtend, ob sie aber schwer genug wiegen ist eine andere Frage.

Wie bei Meinungsäusserungsfreiheit ist bei der Kleidungsfreiheit zwischen dem Abwehrrecht gegen den Staat und Gewalttäter wie Terroristen, Mafiosi oder Schlägern, und dem sittlichen Ideal zu unterscheiden. Letzteres kann auch durch einen Dresscode an einer Hochzeit oder berufliche Kleidungsvorschriften eingeschränkt werden. Dieses sittliche Ideal kann für manche Leute sehr wichtig sein, ist jedoch weniger elementar als das sittliche Redefreiheitsideal, da es weniger konstitutiv für eine diskursive Gesellschaft ist, und überwiegt Abwehrrechte gegen den Staat, wie etwa die Eigentumsfreiheit, die Versammlungsfreiheit oder die Wirtschaftsfreiheit nicht, weswegen es illiberal wäre, wenn der Staat die private Kleidungsnormenfreiheit einschränken würde, da dies ein Eingriff in die Eigentumsrechte und die Wirtschaftsfreiheit wäre. Doch solche Regulierungen scheinen wieder im Wachstum begriffen zu sein, beispielsweise wenn der Staat Kopftuchverbote am Arbeitsplatz untersagt oder ein Verbot geschlechtsspezifischer Kleidungsregeln in Erwägung zieht.

Das Bedürfnis, frei wählen zu können, welche Kleidung man trägt, ist gross, das Bedürfnis, nicht das ganze Spektrum der Kleidung zu sehen, jedoch auch. Diese Bedürfnisse sind bisweilen gegenläufig und inkompatibel. Wenn der Staat auf nationaler Ebene versucht, diese Bedürfnisse gegeneinander abzuwägen und einen Kompromiss zu finden, so wird er beide Bedürfnisse einer Vielzahl von Menschen verletzen, da in einer diversen Gesellschaft die Präferenzen ziemlich stark divergieren können. Die Harmonisierung beider Bedürfnisse würde daher ein geografisch-lokales Clustering von Leuten mit ähnlichen Kleidungspräferenzen bedingen.