ars libertatis

Unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Schönheitspräferenzen. Einerseits empfinden sie unterschiedliche Dinge als schön oder hässlich. Andererseits wirken Schönheit und Hässlichkeit auf sie unterschiedlich stark. Beispielsweise macht Schönheit manche Menschen glücklicher als andere und Hässlichkeit manche Menschen unglücklicher als andere. (Ordnungsliebe und persönliche Bedeutung der Reinlichkeit mögen hier eine Rolle spielen.) Dazu kommt, dass nicht alle Menschen das gleiche Talent haben, Schönheit zu produzieren.

Samt unterschiedlich ausgeprägten Wünschen, mit der eigenen Kleidung andern Menschen bestimmte Signale (beispielsweise bezüglich des eigenen Einkommens oder der Gruppenzugehörigkeit, was eine Religionsgemeinschaft oder eine Subkultur sein kann) zu vermitteln, führt dies dazu, dass Menschen sehr unterschiedlich mit der Bekleidung umgehen. Manche würden am liebsten gänzlich darauf verzichten, sich mit ihr zu beschäftigen, während dies für andere eine eigene und vollständige Freizeitbeschäftigung darstellt. Manche kümmert es kaum, welche Kleidung sie tragen, andere verbringen Stunden damit, Kleidungsstücke auszuwählen und zusammenzustellen.

Kleidungsnormen wirken sich auf die beiden Gruppen unterschiedlich aus. Letzteren können zu strenge Kleidungsnormen stark schaden, wenn sie ihnen die Freiheit nehmen, sich ungewöhnlich, aber schön zu kleiden. Auf erstere wirken sie sich weniger stark aus. Für sie mögen die Bequemlichkeit und der Preis der Bekleidung von gewisser Bedeutung sein, doch innerhalb dieses Rahmens schöpfen sie aus einem Kleidungsstück nicht viel mehr und nicht viel weniger Nutzen als aus einem anderen. Diesen Menschen würden strengere Kleidungsnormen nur geringe Kosten verursachen. Einen möglichen Nutzen könnten sie daraus ziehen, dass sie klare Vorgaben hätten, was sie anziehen sollen und folglich selber weniger darüber nachdenken müssten.

Teilweise unabhängig, teilweise abhängig vom Interesse an Mode und Bekleidung gibt es Leute, die ein grösseres, und Leute, die ein geringeres Talent haben, sich gut zu kleiden. Für Leute, die sich gut kleiden können und wollen, würde sich mit stärkeren Kleidungsnormen wenig ändern, wenn diese in Kongruenz mit ihren Präferenzen und Talenten stehen würden. Leute, die sich gut kleiden wollen, dies aber nicht können, würden von Kleidungsnormen profitieren, da diese ihren Talentmangel bis zu einem gewissen Punkt beseitigen würden. Eher schaden könnten Kleidungsnormen jenen, die visuelle Schönheit aus ideologischen Gründen geringschätzen und auf denen nun grösserer Druck lasten würde, sich anders zu kleiden. Schaden würden sie zudem jenen, deren Schönheitsempfinden stark von der neuen Kleidungsnorm abweicht. Denn für diese wäre es nicht nur mit grösseren sozialen Kosten verbunden, sich auf die Art und Weise zu kleiden, die ihnen am besten gefällt, sie müssten auch ertragen, dass sich künftig viele Menschen aus ihrer Sicht schlechter kleiden.

Wenn viele Leute schwach ausgeprägte Kleidungspräferenzen oder ein geringes Bekleidungstalent haben, weist dies darauf hin, dass die heutige Bekleidungsordnung nicht als Ausdruck der innersten ästhetischen Wünsche der Individuen zu verstehen ist, sondern das Ergebnis kultureller und ideologischer Einflüsse und Mächte ist. Daraus folgt, dass ein Wechsel hin zu stärkeren Kleidungsnormen, die den intersubjektiven ästhetischen Werten vieler Menschen entsprechen, mit relativ geringen Kosten verbunden wäre und einen grossen Nutzen bringen würde.

In Abhängigkeit davon, wie gross der intersubjektive Konsens bezüglich schöner Kleidung ist, können Kleidungsnormen als Mittel verstanden werden, die negativen Externalitäten schlechter Kleidung zu reduzieren. Man kann sie auch als Hilfeleistung an jene Menschen betrachten, deren ästhetisches Talent schwächer ausgeprägt ist als jenes anderer Menschen.