ars libertatis

Über die Ingroup wird oft ziemlich anders gesprochen als über die Outgroup. Gänzlich verhindern lässt sich dies nicht, aber der Wahrheitsfindung, der Diskursqualität und der Höflichkeit zuliebe sollte es trotzdem angestrebt werden. Denn trotz beachtlichen ideologischen und philosophischen Unterschieden gibt es oft auch grosse strukturelle Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten zwischen der Outgroup und der Ingroup, beispielsweise was ihr Verhalten gegenüber den jeweiligen Ingroups und Outgroups anbelangt.


Abschnitte


Empörung

Wenn ein Ingroup-Mitglied etwas sagt, das bei vielen Leuten Empörung auslöst, so wird dies entweder als Zeichen dafür interpretiert, dass es die Wahrheit gesagt hat, d.h. die Heftigkeit der Reaktion wird als Indiz für die Richtigkeit der Aussage betrachtet, wie Redensarten wie ‘getroffene Hunde bellen’, ‘den Spiegel vorhalten’, oder ‘den Finger auf die offene Wunde legen’ dies implizieren, und die Empörung wird als unberechtigt, als heuchlerisch oder gar als Einschüchterungsversuch eingestuft. Oder aber die Äusserung wird als unrepräsentativ für die Ingroup erachtet und somit als irrelevant. Ist es hingegen die Äusserung eines Outgroup-Mitglieds, die die Empörung verursacht hat, wird die Empörung als berechtigt angesehen und demjenigen, der die Aussage gemacht hat, Provokation oder Unsachlichkeit vorgeworfen. Die Äusserungen werden zudem als repräsentativ für die Outgroup und somit als Beleg für die Schlechtigkeit der ganzen Outgroup eingestuft.

Es ist klar, dass man die eigenen ideologischen Anliegen für besser hält als diejenigen der anderen und diese in der Ingroup-Empörung eher widerhallen als in der Outgroup-Empörung, aber schlussendlich sollten die Argumente verglichen werden und die Empörung sollte nicht als Beleg für die Richtigkeit der eigenen und die Falschheit der anderen Argumente herhalten.



Finanzielle Interessen

Andersdenkenden, resp. Angehörigen einer Outgroup, wird oft vorgeworfen, sie würden finanzielle Interessen vertreten, sie wären geldgierig oder gekauft. Dies ist nicht gänzlich falsch, da es tatsächlich Leute gibt, die bestimmte politische Positionen vertreten, weil dies ihr Einkommen oder den Umsatz ihres Unternehmens erhöht; es gibt Leute, die stärker an Geld und dem Geldverdienen interessiert sind als an anderen Dingen; und es gibt Leute, die direkt dafür bezahlt werden, medial eine bestimmte politische Position zu vertreten, wobei dies manche offen zugeben, andere hingegen verheimlichen. Dies ist jedoch nicht grundsätzlich falsch oder unmoralisch, da auch finanzielle Interessen ihre Berechtigung und ihren Nutzen haben.

Inkonsequent ist der genannte Vorwurf aber nicht deswegen, weil es inkonsequent wäre, finanzielle Interessen pauschal zu verurteilen, oder weil finanzielle Interessen immer gut wären, sondern weil diese finanziellen Interessen auf allen Seiten in einer Debatte vorhanden sind. Einerseits weil nicht davon ausgegangen werden kann, dass Ingroup und Outgroup fundamental andere Motive hätten, andererseits weil sich auf allen Seiten Geld machen lässt. Denn die vorhandenen Ressourcen werden irgendwie verteilt werden und unter gewissen Verhältnissen erhalten die einen ökonomischen Akteure (seien diese privatwirtschaftlich oder staatlich, profitorientiert oder ideologieorientiert, Korporationen oder Individuen) mehr Ressourcen, und unter anderen Bedingungen erhalten andere mehr. D.h. manche Körperschaften oder Einzelpersonen profitieren von der Erhöhung von Subventionen, andere von ihrer Senkung; manche von einer Mehrregulierung, andere von einer Deregulierung; manche von einer Monopolisierung, andere von einer Demonopolisierung; manche von einer Prohibitionierung, andere von eine Liberalisierung; etc. etc.

Ist man also den Argumenten der Outgroup gegenüber misstrauisch, weil manche Leute darunter finanzielle Interessen verfolgen, sollte man auch den Argumenten der Ingroup misstrauisch begegnen, da es solche Leute auch in der Ingroup gibt.



Hass

Hass im politischen Sinne gilt in diesen Tagen nicht mehr als eine Emotion unter vielen, sondern als säkulare Sünde, als Transgression gegen das Gebot universeller Liebe. Dementsprechend wird Hass vorwiegend bei der Outgroup diagnostiziert und bei der Ingroup abgestritten. Hass wird gerne an die Ideologie der Outgroup gebunden, so dass Äusserungen der Outgroup wegen ihrem ideologischen Inhalt als Hassreden klassifiziert werden und nicht wegen ihrer emotionalen Intensität. Gesetze und andere Normen gegen Hate Speech haben somit ideologische Schlagseite und wenden sich nicht gegen alle hasserfüllten Äusserungen ungeachtet ihres ideologischen Ursprunges.

Hass ist ein urmenschliches, vielleicht vormenschliches, Gefühl, das alle Menschen empfinden: Gegenüber den Handlungen anderer Menschen, wie auch gegenüber anderen Menschen an und für sich. Es gibt gute Gründe, diese Emotion eher negativ zu sehen, etwa weil Abneigung grosser Intensität der eigenen Gelassenheit abträglich ist, doch dem Hass gegen das Böse, gegen die Sünde, oder gegen die Ungerechtigkeit lässt sich eine gewisse Berechtigung schwerlich abstreiten. Da das Böse relativ zur eigenen Ideologie ist, unterscheiden sich die Objekte des Hasses von Ideologie zu Ideologie. Erkennt man, dass man die Hassobjekte der Outgroup nicht teilt, bedeutet das nicht, dass man nicht hasst, sondern lediglich, dass sich der eigene Hass auf andere Objekte bezieht als der Hass der andern. Wenn im politischen Diskurs nur der Hass der andern als solcher bezeichnet wird, wird es schwieriger, dem eigenen Hass auf den Grund zu kommen. Im schlimmsten Fall führt diese Ideologisierung des Hasses dazu, dass man den Hass der Outgroup dämonisiert und gegenüber dem eigenen Hass blind wird oder ihn gar als andere Emotion fehlklassifiziert.



Humor

Der Humor der Outgroup wird strenger bewertet als derjenige der Ingroup. Outgroup-Humor wird oft als disqualifizierend angesehen, Ingroup-Humor als Zeichen für Frohsinn und Heiterkeit. Wohl gibt es Kriterien, die angeführt werden, wieso der Outgroup-Humor generell schlecht, der Ingroup-Humor generell gut sei, doch deren unparteiische Anwendung dürfte schwierig sein. Humor, der sexuelle Anspielungen enthält, wird bei der Outgroup beispielsweise eher als Zeichen für Sexismus ausgelegt als bei der Ingroup. Die eigenen Witze werden eher als punching up angesehen, diejenigen der Outgroup eher als punching down, auch wenn unklar ist, wer unten und wer oben ist. Der Ingroup-Humor wird wohlwollend interpretiert, beim Outgroup-Humor liegen einem hingegen jene Interpretationen näher, die für die Outgroup unvorteilhaft sind.

Die Güte des Humors wird von der ideologischen Korrektheit des Humors abhängig gemacht. Humor ist insbesondere in der Form der Satire oder der Karikatur ein Vehikel für die eigene Ideologie und fliesst damit in engen Bahnen. Es ist klar, dass man nicht über Witze lachen will, die den eigenen Werten widersprechen, doch die Ideologiegebundenheit wird dem Humor nicht gerecht. Guter Humor ist zwar anzustreben und stets nur ein kleiner Teil des möglichen Humors, doch wer selber transgressive Witze machen will, sollte diese andern nicht verwehren, und zum Humor gehört es schlussendlich auch, den Humor der andern mit Humor zu nehmen.



Iteration & Inversion

Eine gute Methode, um die eigenen Meinungen, die eigenen Aussagen und insbesondere die eigenen Slogans auf Widersprüche und Missklänge zu überprüfen, besteht darin, sie zu iterieren und zu invertieren. Stellt sich heraus, dass eine Überzeugung nur in der Originalform, aber in keiner abgewandelten Form gilt, kann das ein Indiz dafür sein, dass diese Überzeugung fehlerbehaftet oder noch unausgereift ist. Wenn sich bei einer partiellen Inversion einer Aussage zeigt, dass diese ebenso gut vom politischen Kontrahenten hätte geäussert werden können, ist sie vielleicht so unscharf, dass sie schon fast bedeutungslos ist.

Äusserungen, die der Outgroup schlechte Motive unterstellen, eignen sich gut zum Invertieren, da sich dabei oft zeigt, dass sie so unspezifisch sind, dass dies jede Person über jede beliebige andere Person sagen könnte, und zudem keinerlei Belege für diese niederen Motive geliefert wurden.

Ein gutes Beispiel fürs Iterieren, ist die meiner Erfahrung nach gegenwärtig mit Vorliebe von Linken geäusserte Aussage, dass Meinungsäusserungsfreiheit keine Freiheit vor den Konsequenzen dieser Meinungsäusserung ist, wobei mit Konsequenzen wahlweise mediale Pranger, Shitstorms, Blacklisting und Entlassungen gemeint sind. Wenn diese Nichtfolgenlosigkeit ein zentrales Element der Freiheit ist, dann müsste man die Meinungsäusserungsfreiheit beliebig durch andere Freiheiten wie etwa die Religionsfreiheit, die Demonstrationsfreiheit, die Ehefreiheit, die Versammlungsfreiheit, oder die Gewerkschaftsfreiheit ersetzen können und zum gleichen Schluss kommen. Dass dies nicht getan wird, und die Folgenlosigkeit anderer Freiheiten teilweise explizit gefordert wird und gesetzlich festgehalten werden soll, deutet darauf hin (belegt jedoch nicht endgültig), dass die Aussage eher eine opportunistische Phrase ist als ein aus tiefer Überzeugung verfochtenes politisches Grundprinzip. So stellt sich denn heraus, dass Libertäre Vertragsverweigerungen oder Vertragsbeendigungen als Folge der Ausübung dieser Freiheiten nicht verbieten wollen, Linke hingegen oft schon, wobei es hier durchaus etliche Heterogenitäten und Meinungsverschiedenheiten unter Linken gibt. Aber es gibt nicht wenige Linke, die Entlassungen aufgrund einer Gewerkschaftsmitgliedschaft, aufgrund von sozialistischem politischem Engagement, oder aufgrund des Kopftuchtragens, wie auch das Verweigern der Lebensmittelbelieferung gleichgeschlechtlicher Hochzeiten, verbieten wollen.



Motive

Der Outgroup werden oft niedere und üble Motive unterstellt, während die Motive der Ingroup als hehr und idealistisch dargestellt werden, doch in fast allen Gruppierungen und selbst in den meisten Individuen existieren beide Arten der Motive. Es mag sein, dass es in einer Gruppe etwas mehr von der einen Art der Motive gibt und in einer andern etwas mehr der andern Art, aber es sollte nicht davon ausgegangen werden, dass es die Ingroup ist, die besonders hehre Motive hat. Studien, Statistiken und Umfragen, die die Ehrwürdigkeit der Ingroup bestätigen, sollten so stark hinterfragt werden, wie solche, die die Outgroup als besonders edel beschreiben. Kurzum sollte man also nicht davon ausgehen, dass die Ingroup pauschal idealistisch, gutherzig, mutig, freundlich, mitfühlend, intelligent, human, unbestechlich, altruistisch und sozial ist, die Outgroup hingegen pauschal gierig, geizig, feige, gefühllos, unsozial, inhuman, dumm, korrupt, gekauft, egoistisch, eigennützig, narzisstisch und asozial ist. Denn schlussendlich vereint die zwiespältig motivierte menschliche Natur die Ingroup und die Outgroup.



Prinzipientreue

Prinzipientreue wird oft positiv bewertet, insbesondere wenn sie als Gegensatz zu machtpolitischem Opportunismus angesehen wird. Das Festhalten an gewissen Grundwerten unabhängig von der Situation und den involvierten Personengruppen ist beispielsweise eine Form der Prinzipientreue. Aufgrund dieser positiven Einstufung wollen viele Leute zeigen, dass sie prinzipienfest sind und dass es wichtig ist, wenn das Staatswesen gewisse Prinzipien einhält. Diese Demonstrationsversuche misslingen jedoch oft, da Beispiele gewählt werden, die ebenso gut für Ingrouptreue wie für Prinzipientreue stehen können. Prinzipientreue misst sich nicht daran, dass man für Freiheiten und Rechte der Ingroup oder anderer Gruppen, die einem sympathisch sind, ficht, sondern daran, dass man diese Rechte und Freiheiten auch bei der Outgroup oder anderen unsympathischen Gruppierungen verteidigt. Die Ingroupfreiheiten zu beschützen ist zwar nicht verwerflich, wenn es die richtigen und guten Freiheiten sind, sondern in diesem Fall sogar gut und nötig, aber es ist eben oft auch ziemlich eigennützig, da man dadurch die Freiheiten wahren will, von denen man selber Gebrauch macht. Die eigenen Freiheiten schützen wollen jedoch auch Opportunisten und Leute, die ihre auserwählte Menschengruppe zu Ungunsten anderer Leute fördern wollen. Wenn man bestimmte Prinzipien beschwört, ist es deshalb glaubwürdiger, wenn man sich einer grossen Vielfalt von Beispielen bedient, die verschiedenartigste Gruppen betreffen, und man aufzeigt, wie man die Freiheiten von Ingroups und Outgroups stärken will. Die eigene Prinzipienfestigkeit ist folglich glaubhafter, wenn man darlegt, dass man die Grundsätze auch dann verteidigt, wenn sie der Outgroup dergestalt dienen, dass man persönlich davon negativ betroffen ist.



Subventionen

Viele Leute, die Subventionen für einen bestimmten Wirtschaftssektor oder einen gesellschaftlichen, kulturellen oder politischen Sektor oder Subsektor befürworten, sprechen nicht von Sektorsubventionen, sondern von Investitionen in den Sektorzweck und bei Subventionskürzungen von einem Abbau des Sektorzwecks. Beim präferierten Sektor werden staatliche Mehrausgaben mit einer Verbesserung des Sektorzwecks gleichgesetzt, bei den weniger beliebten Sektoren wird dies stark bezweifelt. Bei den präferierten Sektoren werden zudem oft Sektorzweckbezeichnungen als Sektorbezeichnungen verwendet. Doch damit nimmt die Wortwahl vorweg, was erst zu belegen, resp. wofür im Diskurs erst zu argumentieren wäre: Nämlich dass die Subventionen, die man befürwortet, gut sind, diejenigen, die man ablehnt, hingegen schlecht sind. Nun ist es zwar nicht so schlecht, wenn die Wortwahl die Ideologie des Sprechenden verrät, doch lässt sich angenehmer und effektiver kommunizieren, wenn ein gewisser sprachlicher Mittelgrund besteht, eine Wortpalette, der sich beide Parteien bedienen können. Zumal man dadurch der jeweiligen Outgroup nicht explizit oder implizit das niedere Motiv unterstellt, dass sie nicht nur die Subventionen ablehnen, sondern ganz grundsätzlich gegen das hehre Subventionsziel ist.

Spricht man vom Landwirtschaftssubventionen, Armeesubventionen und Polizeisubventionen sollte man folglich von Schulsubventionen und Spitalsubventionen sprechen. Spricht man hingegen von Bildungsinvestitionen, Forschungsinvestitionen und Innovationsinvestitionen, sollte man auch von Ernährungsinvestitionen und Sicherheitsinvestitionen sprechen. Bedeutet die Forderung nach einer Senkung der Schulsubventionen, Museumssubventionen, Opernsubventionen und Künstlersubventionen, dass diejenigen, die dies fordern, gegen Bildung und Kultur sind, so bedeutet die Forderung nach einer Senkung der Militärsubventionen, Agrarsubventionen und Polizeisubventionen folglich, dass diejenigen, die dies fordern, gegen Sicherheit und Ernährung sind.

Es mag natürlich sein, dass eine Erhöhung oder eine Senkung von Subventionen, zu einer Verschlechterung oder einer Verbesserung des Subventionszwecks führen, resp. desjenigen hehren Ideals, mit dem die Subventionen gerechtfertigt werden, doch sollte man denjenigen, die die Subventionshöhe verändern oder gleichbehalten wollen, nicht unterstellen, dass sie gegen das Ideal sind. Denn möglicherweise glauben sie, dass sich das Subventionsziel mit einer Subventionssenkung oder -erhöhung besser oder zumindest nicht wesentlich schlechter erreichen lässt.



Unglücke

Wenn es bei einem Unglück angebracht ist, darauf hinzuweisen, dass es schlimmere Unglücke gibt, die etwa mehr Leute betreffen oder für die Betroffenen schlimmere Folgen haben, so ist es dies vermutlich auch bei vielen anderen Unglücken angebracht, insbesondere auch bei jenen, die einem persönlich besonders erschüttern. Wenn dieser Hinweis im letzteren Fall pietätlos ist oder eine zu vermeidende Verharmlosung oder Relativierung darstellt, ist er dies vermutlich auch dann, wenn es sich um ein Unglück handelt, bei dem man selber zu solchen Hinweisen neigt. Kritisiert man die Outgroup für solche Hinweise, sollte man folglich auch die Ingroup dafür kritisieren, sowie solche Hinweise selber unterlassen. Dasselbe gilt für politische Forderungen nach Unglücken. Wenn es angemessen ist, zu diesem Zeitpunkt Forderungen zu stellen, wenn es sich um Forderungen handelt, die man persönlich für gut hält, ist es vermutlich auch angemessen, wenn jemand der Outgroup nach einem Unglück Forderungen stellt, die man selber gänzlich ablehnt. Denn wenn es im ersteren Falle kein Missbrauch des Unglücks ist, kein Opportunismus, ist es dies auch im letzteren Falle nicht. Wenn man selber keine Krise ungenutzt lassen möchte, dann kann man dies glaubwürdigerweise schwerlich der Outgroup vorwerfen.