ars libertatis

Unter politischen Nihilisten gibt es Leute, die Institutionen in allen Formen und Ausprägungen ablehnen, ansonsten halten fast alle Leute bestimmte Institutionen für notwendig, auch wenn sie sich nicht einig sind, welche dies sind. Langfristige Institutionen sind deutlich umstrittener und ihr Nutzen und ihre Güte werden von vielen Leuten, insbesondere von Atheisten und Progressivisten, angezweifelt. Doch etliche Gründe sprechen dafür, dass manche Institutionen über Jahrhunderte und Jahrtausende existieren und nicht einer steten und raschen Veränderung, oder Zerstörung und Neuerschaffung unterliegen sollten.

Ein wichtiger Grund ist, dass es langwierige Projekte gibt, die sich besser realisieren lassen, wenn sie nicht alle paar Jahrzehnte von einer Organisation an eine andere übergeben werden. Dies ist etwa der Fall bei Bucharchiven, archäologischen Artefakten oder Pflanzensamen. Denn mit jedem institutionellen Umbruch steigt die Gefahr, dass der Zweck der Institution geändert wird. Dieses Risiko besteht ohnehin schon und sollte nicht durch innere oder äussere Revolutionen erhöht werden, die den archivarischen Zweck beseitigen könnten, wie dies bei manchen Klosterbibliotheken geschehen ist. Institutionswechsel bedeuten zudem auch, dass Archivgegenstände verloren gehen können und essentielles Wissen über die Archivinhalte oder deren Pflege nicht weitergegeben wird.

Ein andere Zweck von Äonen überdauernden Institutionen besteht in der Lebendigerhaltung alter (und somit für die Gegenwart unerhört neuer) Werteordnungen, Traditionen, Rituale und institutioneller Arrangements. Es ist offensichtlich, dass dies nicht uneingeschränkt positiv ist, aber in den Fällen, wo sich in den alten Institutionen Lehrreiches und Wertvolles findet, ist es besser, wenn diese Tradition in kleinem Rahmen weitergelebt wird, als wenn sie aufgegeben und bloss aufgezeichnet wird. Denn es ist unwahrscheinlich, dass die Zeithistoriker alle relevanten Eigenschaften einer Institution erfassen und niederschreiben können. Dies bedeutet, dass mit dem Tod einer Institution nicht nur schlechte, sondern auch gute Ideen verloren gehen.

Langfristig stabile Institutionen können somit als Reservat guter Ideen dienen, die sie immer wieder in die sie umgebende Gesellschaft einbringen können, was etwa nach gewalterfüllten Gesellschaftsumbrüchen nötig ist. Von solchen Institutionen lassen sich auch Erkenntnisse gewinnen, wie man stabile Gesellschaften kreiert, was selber ein erstrebenswertes Ziel ist. Wenn Bürger mit weniger Unsicherheiten zu kämpfen haben, erhöht dies die Zeithorizonte und senkt die Zeitpräferenzen, was wiederum langfristige Investitionen wahrscheinlicher macht.

Die verschiedenen Aspekte der Langfristigkeit und Nachhaltigkeit sind eng verflochten. Es fällt den Leuten leichter, langfristig zu denken, zu investieren und anderweitig nachhaltig zu handeln, wenn die Gesellschaft stabil ist und von dauerhaften Institutionen gestärkt wird.

Archive sind nicht die einzigen langfristigen Projekte, die eine moderne Gesellschaft anpackt. Auch die Jahrhunderte bis Jahrtausende dauernde sichere Aufbewahrung radioaktive Abfälle gehört dazu. Ob dies mittels rückholbarer Tiefenlagerung oder mittels Endlagerung getan wird, es ist besser, wenn eine Institution das Wissen um die Lager und um den Umgang mit radioaktiven Substanzen bewahrt. Und wenn es in vergangenen Zeiten möglich war, dass grosse Teile des gesellschaftlichen Wissens vergessen gingen, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass dies wieder passieren kann.

Selbst wenn es in der Zukunft keine grösseren Rückschritte geben sollte, werden Institutionen nötig sein, die langfristige Projekte durchführen können. Das Terraforming des Mars etwa würde äusserst lange dauern. Auch Generationenraumschiffe müssten über Jahrhunderte hinweg eine gesellschaftliche Stabilität beweisen können, die es in der jüngeren Vergangenheit vorwiegend in Kirchen gegeben hat. Denn während es vorstellbar ist, dass das Terraforming von verschiedenen Korporationen und mit Unterbrüchen vollzogen werden kann, so sind gewalttätige wie auch friedliche Revolutionen auf Generationenschiffen für die Passagiere eine existenzielle Bedrohung. Jeder Verlust von Wissen, jede Änderung der Ziele, jeder unvorhergesehene Ressourcenverbrauch gefährdet die Mission. Und in der Vergangenheit hat sich die römisch-katholische Kirche als widerstandsfähiger gegenüber solchen Umbrüchen gezeigt als demokratisch gewählte Regierungen oder progressive Kommunen. Katholischen Weltraumarchen müsste deshalb eine grössere Überlebenswahrscheinlichkeit eingeräumt werden als progressivistischen. So lange zumindest wie die katholische Kirche dem ideologischen und technologischen Revolutionsdruck widerstehen kann.

Gegenwärtig führen die Informationstechnologien in vielen Institutionen zu grossen, teilweise zersprengenden Umwälzungen. Nur wenigen assimilieren die neuen Technologien, ohne selber von ihnen transformiert zu werden. Dies kann dazu veranlassen, neuen Technologien kritisch bis ablehnend gegenüber zu stehen. Informationstechnologien bieten jedoch auch grosse Chancen, die Kreation und Bewahrung langfristig stabiler Institutionen zu erleichtern.

Manche Institutionen benötigen IT, um überhaupt existieren zu können. Bei virtuellen Institutionen, wie etwa virtuellen sozialen Netzwerken, ist dies klar. Andere Konzepte, bei denen IT zumindest hilfreich wäre, sind nicht-territoriale Staaten, Panarchie, Patchwork, Cryptogovernance, ultradirektdemokratische Organisationen, bei denen es zu täglichen bis stündlichen Abstimmungen kommen kann, die nicht an Intermediäre oder an Manager delegiert werden oder Demarchie.

Die Informationstechnologie hilft dabei, bestehende langlebige Institutionen besser zu erforschen und zu untersuchen, was diese so stabil und erfolgreich macht. Ohne IT ist es relativ schwierig, die verschiedenen Faktoren, die Erfolg und Stabilität von Institutionen beeinflussen, voneinander zu trennen und einzeln zu betrachten. Es ist möglich, dass dies dem einen oder anderen Philosophen oder Wissenschaftler bereits gelungen ist und somit bekannt ist, wie man stabile Institutionen kreiert, doch da derzeit kaum Praxistests durchgeführt werden, muss vorerst unbekannt bleiben, ob das Wissen, das nötig ist, um bewusst und absichtlich langfristig stabile Institutionen zu erschaffen, bereits existiert.

Die neuen Technologien verändern nicht nur die Institutionen, sondern auch die Menschen, d.h. ihre Kognition, ihre Motivation, ihren Zeithorizont und ihr Verhalten. Sie erleichtern den Menschen einerseits, Institutionen zu analysieren und sie bewusst zu gestalten, und andererseits, nachhaltiger zu handeln. Das heisst, wenn der menschliche Geist von den neuen Technologien unterstützt und verbessert wird, fällt es ihm leichter, auf kurzfristige Befriedigungen zu verzichten und langfristige Projekte in Angriff zu nehmen. Menschen und Institutionen können sich so noch mehr als früher gegenseitig in ihren positiven Eigenschaften bestärken.

Kurz gesagt, ist es schon seit Langem möglich, langfristig stabile Institutionen zu kreieren, wie dies die erfolgreichen Einzelfälle zeigen, aber die Informationstechnologien sollten diesen Prozess kontrollierbarer und leichter und öfter reproduzierbar machen.