ars libertatis

Ich bin kein politischer Nihilist, dafür ein moralischer und existentieller Nihilist und sehr angetan vom metaphysischen, mereologischen und epistemologischen Nihilismus, was aber nicht bedeutet, dass ich gegen jegliche Moral, gegen jegliche Wissenschaft und Philosophie, gegen alle Werte, gegen alle Normen oder gegen alle Institutionen wäre. Da der Nihilismus oft missverstanden wird, folgt ein Versuch, die Begriffe zu erklären und aufzuzeigen, dass dies kein Widerspruch ist.


Abschnitte


Metaphysischer Nihilismus

Mit dem metaphysischen Nihilismus wird die Auffassung bezeichnet, dass es möglich wäre, dass überhaupt keine oder dass zumindest keine konkreten (im Gegensatz zu abstrakten) Objekte existieren. Da ich persönlich nicht sehe, wie man diese Möglichkeit widerlegen könnte, kann ich den metaphysischen Nihilismus nicht verneinen.



Epistemologischer Nihilismus

Dies könnte man als extreme Form des Skeptizismus ansehen, bei dem alles Wissen verneint ist. Ich würde nicht verneinen, dass Wissen möglich ist, bin aber der Meinung, dass wir nicht wissen können, ob Wissen möglich ist. D.h. wir können nicht wissen, ob unser Wissen tatsächlich etwas über die Realität aussagt. Somit bin ich eher ein meta-epistemologischer Nihilist.



Mereologischer Nihilismus / Kompositioneller Nihilismus

Der mereologische Nihilismus besagt, dass keine Objekte mit Teilen existieren, dass also nichts ein Teil von irgendetwas anderem ist. Auch hier nehme ich eine Meta-Position ein, nämlich, dass wir schlussendlich nicht wissen können, ob es tatsächlich Objekte mit Teilen gibt oder ob die kleinsten Partikel stets individuelle und getrennte Objekte bleiben, die sich nie vereinen und ihre Individualität verlieren können.



Existenzieller Nihilismus

Der existenzielle Nihilismus geht davon aus, dass das Leben keinen intrinsischen Wert oder eine objektive Bedeutung hat. Dies entspricht auch meiner Sicht der Dinge. Denn ich glaube nicht an eine platonische Ideenwelt oder dass die Dinge unserer Welt andere ausser materielle Eigenschaften besitzen. Das bedeutet aber nicht, dass ich deswegen allem gegenüber völlig gleichgültig wäre. Denn ich persönlich kann den Dingen dieser Welt ja einen Wert zuschreiben und eine Bedeutung geben. Ich kann es nicht nur, ich tue es oft sogar unbewusst und unabsichtlich.



Moralischer Nihilismus / Ethischer Nihilismus

Der moralische Nihilismus ist die meta-ethische Ansicht, dass es keine objektive Ethik gibt und dass Handlungen keine inhärente moralische Bewertung besitzen. Daraus folgt der Nonkognitivismus, der besagt, dass ethische Aussagen keinen Wahrheitswert haben und somit grundsätzlich weder wahr noch falsch sein können; und der Emotivismus, der besagt, dass ethische Urteile bloss Ausdruck unserer eigenen emotionalen Einstellungen sind, der Emotivismus wird deshalb auch hurrah/boo theory genannt; und der Präskriptivismus, der besagt, dass ethische Äusserungen Aufforderungen an die anderen Leute sind, sich auf bestimmte Art und Weise zu verhalten. Dies heisst natürlich nicht, dass nicht die meisten Menschen ein moralisches Empfinden haben oder dass ethische Normen unerwünscht wären.



Politischer Nihilismus

Der politische Nihilismus verwirft die Notwendigkeit oder teilweise sogar die Zulässigkeit von fundamentalen gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen. Damit verbunden ist etwa der russische Nihilismus, der Staat, Kirche und Familie ablehnt. Persönlich lehne ich sowohl die Mittel wie auch die Ziele des politischen Nihilismus ab.



Mein Nihilismus

Diese Nihilismen führen jedoch nicht dazu, dass mein subjektives moralisches Empfinden schwächer ausgeprägt wäre oder ich über ein geringeres Empathievermögen verfügen würde. Meine Werte sind nicht weniger stark, bloss weil ich nicht glaube, dass sie einer real existierenden Ideenwelt entstammen. Und obwohl ich glaube, dass die Wissenschaft keine letzten Wahrheiten schaffen kann, halte ich sie doch für sehr nützlich. Denn ob die Welt nun eine Simulation ist oder nicht, ob nun die Quantenmechanik die Realität beschreibt oder bloss unsere Vorstellung der Realität, die Wissenschaft hilft uns trotzdem, Krankheiten zu bekämpfen und bessere Maschinen zu bauen. Die Wissenschaft schafft definitiv Wissen, selbst wenn dieses Wissen nur in einem sehr engen Referenzraum gelten würde. Die Welten von Final Fantasy zu erforschen, bringt uns vermutlich der ultimativen Wahrheit nicht näher, aber damit wird trotzdem Wissen geschaffen. Und da ich an meinem eigenen Wohlergehen und an dem meiner Mitmenschen interessiert bin, will ich auch, dass Normen und Institutionen existieren, die unserem Wohlstand und unserer Wohlfahrt förderlich sind. Die Institutionen niederreissen zu wollen, weil sie keinem platonischen Ideal der Gerechtigkeit entsprechen können, wäre somit bloss selbstzerstörerisch.

Insofern ist mein Nihilismus nicht revolutionär, sondern geradezu bürgerlich. Aus ihm folgt kein Befehl zum Handeln, sondern er begnügt sich mit seiner theoretischen Metaebene. (Dass aus ihm kein Befehl zum Handeln hervorgeht, bedeutet aber nicht, dass er keine Folgen für mein Handeln und mein Denken hat. Dies hat er sehr wohl. Interessanterweise fallen diese Effekte als Folge der Ablehnung von fixen Ideen oft mässigend aus.)