ars libertatis

Offenheit ist eines der grösseren Ideale der heutigen Zeit. Viele Leute halten sich selber für offen, und fordern von andern Menschen und Organisationen, offen zu sein oder sich zu öffnen. Doch Offenheit ist ein relativer Begriff, der immer ein Objekt bedingt, gegenüber dem man offen sein soll. Was soll also das Objekt der Offenheit sein?

Sollen Menschen für das offen sein, was sie selber als gut, wahr und schön einstufen? Doch sind sie das nicht bereits? Es gibt wohl nur wenige, die sich dem subjektiv Guten verschliessen. So sind Progressivisten offen für die gleichgeschlechtlichen Ehe, Erzkatholiken offen für die traditionalistischen Ehe und beiden fällt diese Offenheit leicht, da sie in Harmonie mit ihren Werten steht. Beide bekennen jedoch Mühe mit der Offenheit für die jeweilig andere Form der Ehe und eine nationale gesetzliche Regelung der Ehe schliesst die Koexistenz der beiden Eheformen aus. So kommt es, dass beide Gruppen ihre präferierte Eheform gesetzlich verankern wollen, da sie diese für besser halten als die andere und beide in einem Land mit guten Gesetzen leben wollen.

Sollen sie für das offen sein, was sie selber als schlecht, falsch und hässlich, andere hingegen als gut, wahr und schön einstufen? Sollen die Erzkatholiken der gleichgeschlechtlichen Ehe offen gegenüber stehen und die Progressivisten der traditionalistischen? Doch wenn es bei jedem Thema zwei Seiten gibt, die einander komplett widersprechen, aber sich selber auf der Seite des Guten wähnen, würde dies im äussersten Falle Offenheit für das Böse oder für die Sünde bedeuten; und Offenheit für Mord, Totschlag und Vergewaltigung zu verlangen, ist in der Theorie und in der Praxis schlecht. Der Glaube an das Gute bedingt sogar eine gewisse Verschlossenheit gegenüber dem Schlechten. Oder geht es um eine Offenheit gegenüber anderen Konzepten des Bösen oder der Sünde? Denn Veganer, Progressivisten, Katholiken und die antiken Spartaner definieren Mord und Vergewaltigung teilweise unterschiedlich.

Sollen sie für das offen sein, was zwischen den Extremen des völlig Guten und des völlig Schlechten steht? Bedeutet Offenheit, dass sie sich mit Urteilen über den Graubereich des menschlichen Daseins zurückhalten? Oder würde das dazu führen, dass sie immer mehr Angelegenheiten den beiden Polen zuordnen würden und der Graubereich dadurch entleert werden würde?

Sollen sie offen für das Neue und das Fremde sein? Dann ist zu berücksichtigen, dass was als neu oder fremd eingestuft wird, ähnlich stark von Gruppe zu Gruppe variiert wie was als gut, wahr oder schön klassifiziert wird.

Sollen sie weltoffen sein? Lässt sich die Weltoffenheit nicht als Offenheit gegenüber einer Welt beschreiben, deren Aspekte von unterschiedlichen Gruppen als unterschiedlich gut, wahr, schön, neu oder fremd eingeteilt werden? Soll man den positiven oder den negativen Aspekten der anderen Kulturen gegenüber aufgeschlossen sein? Soll man sich dabei von der eigenen Bewertung leiten lassen oder von denjenigen der andern Kulturen? Soll man allen Domänen gegenüber gleich stark offen sein, für die Politik anderer Kulturen gleich offen wie für ihre Kulinarik? Soll man nicht nur chinesische Speisen essen, sondern auch chinesische Politik machen, nicht nur russische Restaurants besuchen, sondern auch russische Gesetze ins Parlament einbringen?

Welche Form soll die Offenheit annehmen? Wie manifestiert sie sich im Alltag? Ist sie vornehmlich intellektuell und beschreibt bestimmte Gedanken, Emotionen oder Gesinnungen? Oder zeigt sie sich eher am Umgang mit Menschen, Tieren und Gegenständen? Bedeutet Offenheit, sich ergebnisoffen mit den zur Debatte stehenden Objekten auseinanderzusetzen, über sie nachzudenken, sie auszuloten; oder bedeutet es, zu einem bestimmten Schluss über sie zu kommen, sie zu akzeptieren und zu legitimieren?

Es erweist sich als schwierig, Offenheit als politisches Konzept zu definieren. Damit das Konzept erhellend ist und nicht bloss tribalistischer Abgrenzung dient, muss es abstrakt sein. Dies bedeutet, dass Offenheit nicht dadurch erkundet werden kann, dass man verschiedenen politischen und anderweitig ideologischen Gruppierungen dieselbe Frage stellt und anhand der Korrektheit der Antwort die Offenheit der Gruppierungen bewertet, sondern dass man analoge Fragen stellt und anhand der Positionierung dazu die Offenheit bewertet. Befragt man Gruppe X zu ihrer Outgroup, sollte man Gruppe Y zu ihrer eigenen Outgroup und nicht zur Outgroup von X befragen, wobei die beiden Outgroups im gleichen Verhältnis zur jeweiligen Ingroup stehen sollten.

In der politischen Praxis wird die Offenheit kaum je auf diese Art definiert und eruiert, sondern wird als Offenheit gegenüber spezifischen Themen, Handlungen und Gruppen angesehen. Ist Gruppe A gegenüber Gruppe C offener als Gruppe B, wird das als Zeichen für die Offenheit von A gewertet, ungeachtet dessen, dass C zur Ingroup von A und zur Outgroup von B gehört, und A gegenüber ihrer Outgroup D, die wiederum die Ingroup von B ist, weniger offen ist als B gegenüber C.