ars libertatis

Es wird oft gesagt, dass Perfektion langweilig oder unmöglich sei, bisweilen sogar beides von denselben Personen während einer einzelnen Diskussion. Doch die beiden Behauptungen lassen sich nur dann vereinbaren, wenn sich erstere auf das abstrakte Konzept oder das platonische Ideal der Perfektion gibt. Dann jedoch ist es müssig, menschliche Imperfektion mit der angeblichen Langweiligkeit der Perfektion zu entschuldigen, da wegen der Unmöglichkeit der Perfektion alles Menschliche imperfekt ist und Menschen sich somit nicht davor hüten müssen, durch Perfektion langweilig zu werden. Überdies wird die Behauptung, dass Perfektion langweilig sei, nicht nur dazu verwendet, um ein fernes Endziel als unerwünscht einzustufen, sondern auch, um Verbesserungen jeglicher Art zurückzuweisen oder zu kritisieren. Doch dies ist unhaltbar, da die behauptete Unerwünschtheit der Perfektion nichts über die Erwünschtheit von Verbesserungen, die keine Vollkommenheit erreichen, aussagen kann.

Unmöglicher als Perfektion ist langweilige Perfektion, denn diese würde bedingen, dass Langweiligkeit ein wesentlicher Bestandteil der Perfektion ist, Interessantheit hingegen nicht. Doch Langeweile ist stets ein verbesserungsfähiger und -würdiger Zustand, Vollendung hingegen nicht.

So hört man denn auch kaum jemanden sagen, dass Ennui perfekt sei. Wer von einem langweiligen Tag spricht, der deutet damit auf die Mangelhaftigkeit des Tages hin, und wer einen Tag perfekt nennt, der impliziert nicht, dass der Tag öde war. Dies zeigt, dass die Aussage, dass Perfektion langweilig sei, kaum Allgemeingültigkeit beansprucht, sondern sich lediglich auf spezifische Bereiche, etwa auf die Schönheit, bezieht. Dieser ästhetische Antiperfektionismus soll Schönheitsmängel rechtfertigen und das Streben nach Schönheit diskreditieren, ist aber meist nur eine schwammige Floskel, die im Diskurs geäussert, aber nicht konkretisiert wird. Doch wenn sie wahr wäre, müsste es viele Beispiele geben, anhand derer ausgeführt werden könnte, dass perfekteres Aussehen langweiliger sei als mangelhafteres, und welche Imperfektionen aus welchen Gründen für Interessantheit sorgen.

Meine Vermutung ist allerdings, dass eine objektnahe und detaillierte Betrachtung des Themas demonstrieren würde, dass die Begriffe Schönheit, Perfektion und Langweiligkeit schlecht definiert wurden, und sich beim Herausarbeiten besserer Definitionen herausstellt, dass weder Perfektion noch Schönheit langweilig sind.