ars libertatis

Prävention, die auf Freiwilligkeit beruht, ist zu unterscheiden von Prävention, die der Staat mit Zwangsmassnahmen durchsetzt, selbst wenn es in beiden Fällen um die Verhinderung diverser Übel, wie etwa Krankheiten, Unfälle oder sogar den Tod, geht. Im politischen Diskurs wird staatliche Prävention oft allgemein als Prävention bezeichnet, was es schwieriger macht, ihr zu widersprechen, da kaum jemand Prävention an und für sich ablehnt. Doch ob sich individuelle und kollektive Akteure freiwillig darauf einigen, gemeinsame Ziele, etwa Gesundheitsziele, zu verfolgen, oder ob der Staat den Suizid, den Nahrungsmittel- und Genussmittelsektor, oder den Freizeitsport reguliert, macht einen grossen Unterschied. Im ersten Fall sind sich die Akteure über Ziele und Mittel einig und koordinieren ihre Tätigkeiten, um beidseitige Verbesserungen zu erzielen. Im zweiten Fall bestimmt der Staat Ziele und Mittel und zwingt die Bürger dazu, sich diesen anzupassen. Dies ist zwar auch bei nicht-präventiven Staatseingriffen der Fall, aber bei diesen ist meist klarer, dass es dabei zu legitimen Zielkonflikten kommt. Bei der Prävention wird hingegen angenommen, dass zwar über die Mittel, nicht aber über die Ziele, Uneinigkeit besteht. Denn wer ist schon gegen den Schutz von Gesundheit und Leben?

Die offenbarten Präferenzen vieler Menschen zeigen, dass Gesundheit und Leben nicht immer höchste Priorität geniessen. Denn die Risikobereitschaft unterscheidet sich von Person zu Person. Und während sich vielleicht die meisten Menschen im optimalen Fall unbeschränkt viel mehr Gesundheit und Leben wünschen, so sind Gesundheit und Leben in der Praxis nicht ohne (monetäre und nicht-monetäre) Kosten. Denn um länger und gesünder zu leben muss man gewisse Opfer auf sich nehmen, die nicht alle Menschen akzeptieren wollen. Gesundheit und Langlebigkeit sind schliesslich nicht die einzigen Ziele, die Menschen haben, sondern nur zwei von vielen verschiedenen, die nicht alle gleichzeitig erreichbar sind und die sich bisweilen widersprechen.

Genau genommen handelt es sich bei jeder Handlung um eine Risikoentscheidung, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu guten Ergebnissen, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu schlechten Ergebnissen, und oft zu einer Mischung aus guten und schlechten Ergebnissen führt. Jeder Handlung haftet ein gewisses Verletzungs- oder Todesrisiko (und eine Vielzahl anderer Risiken) an. Dieses liegt kaum je bei 0% oder 100%, sondern meist, auch bei alltäglichen Handlungen und solchen, die die Lebenserwartung erhöhen, wie beispielsweise bei notwendigen medizinischen Eingriffen oder gesunder Ernährung, irgendwo dazwischen. Selbst bei überdurchschnittlich gefährlichen oder als tödlich eingestuften Handlungen, wie etwa Extremsport oder Drogenkonsum, liegt das Risiko kaum bei 100% und oft weit darunter. Zwar sind Extremsport und Drogenkonsum deutlich risikoreicher als andere Tätigkeiten, aber es wäre simplistisch zu sagen, dass Leute, die Extremsport betreiben oder Drogen konsumieren den Tod in Kauf nähmen, während andere Leute dies nicht tun würden. Denn auch im kleinen Rahmen, etwa bei Gartenarbeiten, bei der Innendekoration oder beim Kochen, muss man zwischen Handlungen entscheiden, die sich nicht nur hinsichtlich ihrer ästhethischen oder hedonistischen Charakteristika unterscheiden, sondern auch bezüglich ihres Risikos. Und auch hier wählen Menschen nicht stets die Option mit dem geringsten Risiko. Dazu kommt, dass der Mensch nicht nicht handeln kann und es keine Nulloption gibt, bei der man kein Risiko eingeht, sondern man stets zwischen risikobehafteten Tätigkeiten wählen muss. Da diese Risikoentscheidung bei allen menschlichen Tätigkeiten vorhanden ist, gibt es für den Staat unbegrenzt viele Möglichkeiten, Prävention zu betreiben, was ihm ermöglicht, aus Gründen der Prävention in alle Aspekte des menschlichen Daseins einzugreifen.

Bei staatlicher Prävention entscheidet der Staat, dass Gesundheit und Langlebigkeit Vorrang haben, und sich die Bürger diesen Zielen unterordnen müssen. Der Staat schreibt den Leuten somit nicht nur vor, mit welchen Mitteln sie diese Ziele verfolgen sollen, sondern auch, dass sie diese Ziele haben müssen und andere Ziele nicht anstreben dürfen, wenn diese den Zielen der Gesundheit und Langlebigkeit widersprechen. Der Staat definiert somit eine gesamtgesellschaftliche Präferenzordnung, an die sich jeder Mensch halten soll, auch wenn dessen eigene Präferenzen ganz anders aussehen würden. Deshalb stellt staatliche Prävention oft Bevormundung dar; und wer bei anderen Themen ablehnt, dass der Staat Lebensentwürfe vorgibt, dass er den Bürgern detailliert vorschreibt, nach welchen Werten sie ihr Leben ausrichten sollen, sollte dies konsequenterweise auch bei der Prävention tun.