ars libertatis



Diskurs zwischen Andersdenkenden

Wagt man sich im Internet oder in anderen Medien aus der persönlichen ideologischen Filterblase heraus und spricht mit Andersdenkenden über politische Themen, kann man sich, wie bei einem physischen Zusammentreffen, sehr unterschiedlich verhalten. Höflicher oder unanständiger, passiver oder aggressiver, leiser oder lauter. Bei öffentlichen Diskussionen scheint der Diskurs zwischen Andersdenkenden dabei weitaus öfter antagonistisch zu sein und auf Abschreckung zu zielen als Verständnis und Versöhnung zu fördern.

Wenn beispielsweise jemand etwas veröffentlicht, das Leute mit anderen politischen Überzeugungen für schlecht halten, und er dies entweder von sich aus oder als Reaktion auf die Kritik wieder löscht, geschieht es oft, dass Kopien (wie beispielsweise Screenshots, Cache- oder Archivversionen) des nun Gelöschten mit kritischen oder beschimpfenden Kommentaren weiterverbreitet werden, teilweise mit Spott über die Löschung. Dies dürfte die kritisierte Person jedoch kaum versöhnlich stimmen oder sie von der Güte der Ideologie oder des politischen Verhaltens der Andersdenkenden überzeugen, da ihr Versuch, ihre schlechte Tat ungeschehen zu machen oder zumindest zu mildern, ihr nicht positiv angerechnet wird und ihr gar die Möglichkeit genommen wird, den Schaden zu begrenzen, da die Inhalte weiterverbreitet werden, obwohl die Urheberin deren Löschung wünscht.

Diese Form des medialen Prangers soll Leute davon abschrecken, unerwünschte Inhalte zu veröffentlichen, kann aber kaum die Weltanschauung der Leute, die solche Inhalte veröffentlichen würden, verändern, denn der Pranger will die Verhaltensveränderung nicht durch Überzeugung oder Argumente erzielen, sondern durch Einschüchterung und Furcht vor dem Pranger oder dessen Konsequenzen. Die politischen Lager werden dadurch weiter auseinander getrieben werden, der Diskurs zwischen Andersdenkenden wird eisiger und feindlicher werden, und die Wahrscheinlichkeit eines vergeltenden Prangereinsatzes wird zunehmen.

Dies heisst nicht, dass der Pranger stets falsch oder schlecht wäre, doch insbesondere ein mediales Kräfteungleichgewicht zwischen Anprangernden und Angeprangerten dürfte die Andersdenkenden antagonisieren und sogar bei neutralen Beobachtern zu Sympathieverlusten führen. Dies heisst, ein Prangereinsatz, den Leute, die bei diesem Konflikt keine Partei vertreten, als unfair oder unverhältnismässig einstufen, kann die eigene Überzeugungskraft beim breiten Publikum schwächen oder verspielen. Denn um zuzulassen, dass die eigene Meinung geändert werden kann, muss man sich auf die Argumente der Andersdenkenden einlassen können, wozu man jedoch kaum bereit ist, wenn sich die Andersdenkenden antagonistisch verhalten und man dadurch Antipathien entwickelt. D.h. aggressives Verhalten schürt defensives Verhalten, was die mentale Aufnahmebereitschaft für Argumente der andern Seite verringert.

Das abwehrende Verhalten verstärkt sich ebenso, wenn die Gegenseite keine Bereitschaft zeigt, ihrerseits ihre Meinung oder Weltanschauung zu ändern; wenn sie die Argumente der Andersdenkenden nicht ernst nimmt; wenn sie die Andersdenkenden infantilisiert, pathologisiert oder dämonisiert; wenn kleine Annäherungen nicht begrüsst, sondern als Scheinheiligkeit oder Widersprüchlichkeit verlacht werden; und wenn zwischen dem eigenen Verhalten und dem von den Andersdenkenden eingeforderten Verhalten grosse Differenzen bestehen und eigene Verfehlungen gegen die allgemein gefassten Verhaltensnormen entschuldigt oder gar gerechtfertigt werden, Verfehlungen der Andersdenkenden jedoch doppelt streng aufgespürt und doppelt scharf bestraft werden.

Kurzum ist die Bereitschaft zum Meinungswandel grösser, wenn man mit Leuten in Diskurs treten kann, mit denen man auf Augenhöhe verkehrt, mit denen man freundschaftlich umgeht und die einem Fehler und Missverständnisse beim Versuch, die Gegenseite zu verstehen, verzeihen; und wenn ein gemeinsamer Wunsch, voneinander zu lernen, vorhanden ist.