ars libertatis

In den westlichen Ländern der Gegenwart sind die meisten Leute der Meinung, dass der Staat das körperliche Heil der Bürger schützen sollte, zumindest gegen Angriffe von anderen Zivilisten und Bürgern. Viele Leute sind der Meinung, dass der Staat das körperliche Wohl auch dann schützen sollte, wenn die Bürger dieses selber wissentlich und willentlich gefährden. Dies zeigt die hohe Zustimmung zu Fettsteuern, Zuckersteuern, Suizidprävention, Drogenprohibition, Helmpflichten, Gurtenpflichten, Fettsteuern, Zuckersteuern und ähnlichem. Die meisten Leute sind sich auch einig, dass der Staat das seelische Heil der Leute nicht schützen sollte. Selbst Leute, die ein Blasphemieverbot befürworten, nennen als Begründung, dass die Blasphemie die religiösen Gefühle anderer Menschen verletze, und nicht, dass sie das Seelenheil der Mitmenschen und der Gotteslästerer selber gefährde. Manche Leute fordern, dass der Staat das körperliche Heil über das seelische Heil stellen solle und bei Konflikten das letztere zu Gunsten des ersteren einschränken solle. Dies hat man bei der Diskussion über die Peniseichelvorhautbeschneidung, wie sie teilweise im Judentum und Islam praktiziert wird, gesehen. Selbst Leute, die sich dafür eingesetzt haben, dass diese Form der Beschneidung legal bleibt, haben vorwiegend mit dem elterlichen Erziehungsrecht, kulturellen Traditionen oder kultureller Identifikation argumentiert und nicht mit dem Seelenheil der Beschnittenen. Dies scheint nicht nur taktischen Überlegungen geschuldet zu sein.

Wenn man die Religion ernst nimmt und ihrer inneren Logik folgt, ist dies ein merkwürdiger Zustand. Sicherlich ist das seelische Heil wichtiger als das körperliche? Wenn Menschen eine Seele haben und diese nach dem Tod entweder in den Himmel oder in die Hölle kommt und für die Ewigkeit dortbleibt, dann sollte es wichtiger sein, dafür zu sorgen, dass eine Seele in den Himmel kommt, als dafür, dass der flüchtige Körper für die kurze Zeit, in der existiert, völlig unversehrt bleibt. Wenn man mit einer Ohrfeige eine Kinderseele retten kann, dann sollte man dieser Logik folgend auch von ihr Gebrauch machen.

Derartige Argumentationen sind jedoch selten und diesbezüglich scheint sich die Moderne stark von anderen Zeitperioden zu unterscheiden. Dies wirft die Frage auf, wieso dem so sei, obwohl die Mehrheit der Leute immer noch religiös ist. Viele verschiedene Ursachen könnten dafür verantwortlich sein. Ein gewichtiger Grund dürfte sein, dass der Höllenglaube abgenommen hat. Wenn alle Leute in den Himmel kommen, da keine Hölle als Alternativdestination existiert, dann kann der Staat keine Seelen retten und sollte sich auf das körperliche Heil konzentrieren. Ein weiterer Grund ist, dass sich ein Religionsrelativismus ausgeweitet hat, demzufolge alle Religionen im Einklang stehen, dasselbe göttliche Prinzip verehren und dieselben Forderungen an die Menschen stellen. Dazu kommt ein Glaube daran, dass es die Taten sind, die über das Schicksal der Seele nach dem Tod des Körpers entscheiden, und nicht die religiöse Zugehörigkeit. Daraus folgt der Glaube, dass der Staat das Seelenheil der Leute nur dadurch fördern kann, indem er sie davon abhält, das körperliche Heil anderer Menschen zu gefährden. Ein dritter möglicher Grund ist, dass die Leute heutzutage mehr zweifeln und sich unsicherer sind, dass ihre Religion die einzig richtige und die einzig heilbringende ist. Dafür dürften die Ausbreitung des Atheismus, Änderungen in den Kirchendoktrinen und der stärkere Kontakt mit Andersgläubigen verantwortlich sein. Wer sich unsicher ist, dass nur die eigene Religion das ewige Seelenheil garantieren kann, wird abgeneigt sein, seine eigene Religion anderen mit staatlicher Gewalt aufzuzwingen. Der vierte Grund ist der Glaube, dass es der eigenen Religion widerspricht, die eigene Religion mit Zwang und Gewalt zu verbreiten. Dazu gehört der Glaube, dass man das eigene Seelenheil gefährdet, wenn man versucht, dass Seelenheil anderer Leute zu forcieren, sowie der Glaube, dass man nur aus eigener, freier Entscheidung zum richtigen Glauben finden kann. Diese Erklärung ist eher unwahrscheinlich, da a priori eine Gleichbehandlung von forciertem Seelenheil und forciertem Körperheil zu erwarten ist, diese jedoch nicht zu beobachten ist. Leute, die aus religiösen Gründen Anarchisten sind, gibt es beispielsweise nur sehr wenige.