ars libertatis

Separatisten: Es gibt sie in Spanien, in Belgien, in der Schweiz, in Irland, in den USA, im Sudan, in China, in Tibet, in Indien, im Iran, im Irak, in Palästina, in Serbien, im Kosovo, in Georgien, in Russland, in der Ukraine, und in vielen anderen Ländern dieser Erde.

Die verschiedenen Gruppierungen werden jedoch sehr unterschiedlich behandelt und bewertet. Während die tibetischen und palästinensischen Separatisten ein hohes Ansehen im Westen geniessen, haben die belgischen und spanischen einen deutlich schlechteren Ruf. Doch woher kommt dieser Unterschied und was wären gute, konsistente Kriterien, um zu bewerten, ob eine Sezession gerechtfertigt ist?

Bewertung der Akteure: Wie sympathisch sind sie? Welcher Partei gehören sie an? Was ist ihre Religion und ihre Ideologie? Sind sie ethnisch-kulturell eher homogen oder eher heterogen zusammengesetzt? Welche (gesellschaftlichen, ökonomischen, politischen, (para)militärischen) Mittel setzen sie ein, um ihre Ziele zu erreichen?

Bewertung der Umstände: Wie ist die geografische und klimatologische Lage? Gibt es Bodenschätze und wie sind sie verteilt? Wie ist die politische Situation? Gibt es Krieg, ideologische Verfolgung, Genozide?

Bewertung der Konsequenzen: Welche Art Staat wollen die Separatisten gründen? Eine Demokratie? Eine Theokratie? Eine Diktatur? Eine Monarchie? Oder wollen sie den Staat abschaffen und zu einer Anarchie übergehen? Würde die Sezession eher zu einer politwirtschaftlichen Verbesserung führen oder würde sich die Lage eher verschlechtern? Wären die Leute im neuen Staat glücklicher, wohlhabender, freier als im alten?

Bewertung des Konsens: Wer ist mit der Sezession einverstanden? Bloss die Sezessionsbewegung? Oder die Mehrheit der Leute, die auf dem Gebiet leben, das politisch abgespalten werden würde? Oder sogar alle Leute in der jeweiligen Region? Wie steht es mit dem Staat, von dem sich die Sezessionisten abspalten wollen? Ist die internationale Gemeinschaft damit einverstanden? Wie ist die Meinung überstaatlicher Organisationen?

Höhere Ideale: Existiert ein prinzipielles (ethisches) Recht auf Sezession oder auf territoriale Unversehrtheit? Wenn ja, wer sind die Rechtsträger? Die heute de facto existierenden Staaten? Die de jure existierenden Staaten? Ethnische Gruppierungen? Verfolgte Minderheiten? Individuen? Welche Rolle spielt das Selbstbestimmungsrecht der Völker und wie ist dieses auszulegen?

Wie kann man nun diese Kriterien gegeneinander abwägen? Welche Kriterien sollten überhaupt berücksichtigt werden? Und welche Kriterien wenden die Intellektuellen und die Journalisten an, um zum Schluss zu kommen, dass aus dem Tibet ein eigener Staat werden sollte, aus dem Baskenland aber nicht?